Author Topic: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie  (Read 4139 times)

Offline orzifar

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William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« on: 17. November 2012, 19.22 Uhr »
Hallo!

Habe nun doch die Neuromancer-Trilogie begonnen (den Asimov hoffe ich mir nächste Woche besorgen zu können) - und bin überrascht. Positiv überrascht. Ein Zukunftsszenario, das an Plausibilität und Intelligenz sehr viele utopische Entwürfe übertrifft, das ein wenig an "Brave New World" erinnert, aber technischer und spannender ist. Spannend aber nicht in dem üblichen SF-Sinn, als dass da irrwitzige Tötungsszenarie en masse präsentiert werden (gut, das auch teilweise), sondern in dem Sinn, dass da jemand eine gut ausgedachte Geschichte gut zu erzählen in der Lage ist. Und das alles weitab von den typischen Klischees der phantasielosen Sternenkriege, sondern - wie erwähnt - vielmehr als beängstigende Zukunftsvision einer futuristischen Gesellschaft.

Auch die beiden Protagonisten sind ansprechend gezeichnet: Case, ein "Konsolencowboy" (Hacker oder Nerd würde man heute sagen), Molly, eine japanische Leibwächterin mit allerhand implantierten Silicium, das ihre Fähigkeiten nicht unerheblich von normal menschlichen scheidet, werden von einer KI-Existenz namens Wintermute zu undurchsichtigen Zwecken verwendet; und während sie sich ihrer Aufgaben mit mehr oder weniger Bravour entledigen, suchen sie andererseits nach dem wahren Grund für diese ihre Aufträge. Besonders gelungen in diesem Zusammenhang sind die sozialen und gesellschaftlichen Beschreibungen, eine hochtechnisierte Welt, teilweise durchorganisiert, zum anderen Teil anarchisch. Diese Schilderungen sind beklemmend realistisch, moralische Gleichgültigkeit und Ignoranz, sterile Technologie, irgendwo dazwischen ganz ohne Pathos spezifisch menschliche Züge.

In jedem Fall ein bisher äußerst originelles, witziges, gut erzähltes Stück Zukunft.

lg

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Offline sandhofer

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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #1 on: 17. November 2012, 19.51 Uhr »
Hallo!

Habe nun doch die Neuromancer-Trilogie begonnen [...]

Gut. Da Band 2 im Moment auf Englisch vergriffen zu sein scheint, werde ich mir den Gibson vorläufig sparen. Ich bin aber auf Deine Eindrücke gespannt ...

Grüsse

sandhofer
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Offline Dostoevskij

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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #2 on: 19. November 2012, 20.32 Uhr »
Moin, Moin!

Da du E-Books verweigerst, kann ich dir nicht helfen. Ansonsten gerne sowohl mit Asimov als auch Gibson. Und allen anderen.
-- 
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Offline sandhofer

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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #3 on: 19. November 2012, 21.03 Uhr »
Nö, mit ebook kann ich nicht, aber ...

Sche... habe ganz vergessen meiner Buchhandlung Bescheid zu geben ...  >:(
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Offline sandhofer

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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #4 on: 20. November 2012, 19.21 Uhr »
Ansonsten gerne sowohl mit Asimov als auch Gibson.

Den Asimov habe ich ja auf Papier. Meiner Buchhandlung habe ich auch Bescheid gegeben und die Neuromancer-Trilogie (vorläufig) sistiert. Ich warte mal auf orzifars Berichte ...
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Offline orzifar

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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #5 on: 21. November 2012, 18.55 Uhr »
Hallo!

Habe den ersten Teil nun abgeschlossen: Insgesamt ein originelles Buch, frei von Klischees - sowohl was die Zukunftsszenarien anlangt, als auch in moralisch-ethischer Hinsicht. Hier pflegt der Autor einen distanzierten Nihilismus, eine anarchische Moral, die etwa weit entfernt ist von den sozialromantischen Anklängen bei "Brave New World", keine Weltveränderungsszenarien, sondern ein heterogenes Netz individueller Moralitäten. (So nebenbei fasziniert Gibsons Zukunftsschau: Hat er doch sehr viele spezifisch das Internet betreffend Dinge recht gut vorhergesehen.)

Ich bin auf die zwei weiteren Bände gespannt: Sind sie bloß Aufguss des ersten oder vermögen auch sie originell, "besonders" zu sein? Ich weiß auch nicht, ob die Figuren des ersten Bandes in die folgenden mitgenommen werden (vermute aber: Eher nicht), bzw. ob die KIs weiterhin eine bedeutende Rolle spielen.

Ergo: Den ersten Band habe ich gern gelesen, bin aber etwas skeptisch bezüglich der Fortsetzungen. Mal sehen.

lg

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Offline orzifar

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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #6 on: 26. November 2012, 17.43 Uhr »
Hallo!

Der Beginn des zweiten Teiles ließ bei mir einige Verwirrung aufkommen: Die Welt gleich, die Protagonisten andere, die Handlung eher krimihaft. Erst etwa ab der Hälfte lassen sich Zusammenhänge mit dem ersten Teil feststellen, auch eine der früheren Personen hat einen Auftritt. Nach wie vor empfinde ich den Roman als für dieses Genre gut geschrieben, einfalls- und spannungsreich. Insbesondere die Darstellung der sozialen Verhältnisse in der Zukunft scheinen mir um vieles plausibler denn bei vielen anderen Romanen. Wohl auch, weil Gibson keinen idealen, ausgedachten Entwurf zu zeichnen versucht, sondern vom status quo ausgeht und diesen mit geringfügigen Änderungen in die Zukunft extrapoliert. Dadurch wird diese Welt weder paradiesisch noch der ultimative Horror, sondern ein "realistisches" (wenn denn diese Wort auf eine Utopie Anwendung finden kann) Bild dieser Zukunft. Und natürlich - über allem - sein Cyberspace, dessen Gestaltung auf seherische Fähigkeiten schließen lässt.

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Offline sandhofer

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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #7 on: 27. November 2012, 14.59 Uhr »
Hallo!

Wenn schon bei Dir Verwirrung aufkommt, dann bin ich froh, dass ich nicht damit begonnen habe ... Ich finde schon den ständigen Protagonisten-Wechsel bei Leibniz' Briefen verwirrend ...  :angel:

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #8 on: 27. November 2012, 16.58 Uhr »
Hallo!

War nicht so schlimm mit der Verwirrung (lag vielleicht auch an mir). Habe den zweiten Teil nun auch abgeschlossen und fand ihn recht ansprechend, gut, spannend gemacht. Was letzteres betrifft könnte sich Stephen King eine Scheibe abschneiden. Fazit: Ich bin auch noch nach dem zweiten Teil zufrieden, das ist SF, die sich doch wohltuend von den vielen platten anderen Werken abhebt.

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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #9 on: 02. Dezember 2012, 19.48 Uhr »
Hallo!

So, abgeschlossen. Insgesamt eine sehr angenehme Lektüre, interessanter, spannender als Sagans "Contact" oder die unsäglichen Stories von Stephen King. Keine Hochliteratur, aber gute Unterhaltung, wenn sich auch mit fortgesetztem Lesen das Ganze eher zu einer krimi- bzw. abenteuerartigen Geschichte entwickelt. Aber allein die Konzeption des Cyberspace (die wenige Jahre später Realität werden sollte) verdient Anerkennung. Wie überhaupt die Zukunftsszenarien dieses Buches sehr viel durchdachter sich präsentieren als bei vergleichbaren Werken. Das sind nicht nur die üblichen, utopischen Versatzstücke, sondern intelligente und durchdachte Enwürfe. Hat jedenfalls Spaß gemacht, wenn auch das Ende ein wenig kryptisch-kitschig gezeichnet ist. Eine durchaus empfehlenswerte Abwechslung.

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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #10 on: 02. Dezember 2012, 21.21 Uhr »
Hallo!

Irgendwie ... irgendwie kannst Du mich nicht ganz überzeugen. Liegt wohl am Thema. (Nein, Sagan konnte mich auch nie überzeugen. Oder King.) Na ja - wie mein Lieblings-Alien zu sagen pflegte: "Waiting is."

Grüsse

sandhofer
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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #11 on: 03. Dezember 2012, 06.06 Uhr »
Irgendwie ... irgendwie kannst Du mich nicht ganz überzeugen. Liegt wohl am Thema. (Nein, Sagan konnte mich auch nie überzeugen. Oder King.) Na ja - wie mein Lieblings-Alien zu sagen pflegte: "Waiting is."

Das hinwiederum lag in meiner Absicht nicht. Dich überzeugen oder gar überreden zu wollen.

Habe nun durch den Gibson (bzw. die im Buch abgedruckte Literaturliste) Fahrenheit 451 zur Hand genommen. Sehr lange her - und ich hatte es anders in Erinnerung (vermischt wohl auch mit Teilen des Truffault-Films).

lg

orzifar
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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #12 on: 03. Dezember 2012, 14.09 Uhr »
Moin, Moin!

Da gerade Bradbury erwähnt wurde... Ich las kürzlich eine Dystopie namens Kallocain, von der ich vorher noch nie gehört hatte. Verfaßt 1940 von der Schwedin Karin Boye. Ist nicht lang und las sich prima.
« Last Edit: 03. Dezember 2012, 17.59 Uhr by Dostoevskij »
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Offline sandhofer

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Re: William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
« Reply #13 on: 03. Dezember 2012, 17.10 Uhr »
Kallocain kannte ich nicht; Bradbury finde ich zwar manchmal amüsant, seine Idee ist aber im Grunde genommen die altmodischen ländlichen USA von vor dem Zweiten Weltkrieg - idealisiert natürlich.
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