Robert Musil ist kein ausgewiesener Dramatiker. Seine Stücke stehen selten (bis nie) auf den Spielplänen, während seine Prosa und seine Essays allenthalben Beachtung finden, wenn sie auch nicht zum Leichtesten gehören, was in der deutschsprachigen Literatur vorhanden ist. Ein Grund mehr, mich einmal dem Dramatiker Musil zuzuwenden und zu schauen, was an seinen Stücken dran ist.
Robert Musil hat meines Wissens überhaupt nur zwei Dramen geschrieben. Eines davon ist die "Posse in drei Akten" "Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer". Und, soviel kann ich gleich verraten, es handelt sich hier um einen echten Musil.
Die Handlung ist rasch erzählt. Alpha wurde von ihrem Liebhaber Vinzenz sitzen gelassen. 15 Jahre später taucht er wieder auf und findet sie umschwänzelt von allerlei bedeutenden und mächtigen Männern aus der gehobenen Gesellschaft. Doch Alpha - so nennt sich Vinzenz' Freundin Kathi inzwischen - hat keine Lust irgendeinen dieser Männer zu heiraten. Sie bezeichnet sich selbst als Anarchistin und als eine Frau, die die Unabhängigkeit liebt.
Vinzenz kehrt nun zurück und erweist sich im Laufe des Stücks als Mythomane, der Alphas Männern eigentlich nur das Geld für eine angebliche mathematische Formel aus der Tasche leiern will, mit der er die Ergebnisse von Glücksspielen vorausberechnen kann. Das ist natürlich ein Fake, doch für Alpha ist diese "Überlegenheit" ungemein anziehend. So fällt sie aus allen Wolken, als sie bemerkt, das Vinzenz auch sie belügt und täuscht. Am Ende des Stückes steht Alphas Bruch mit all ihren auftretenden Kavalieren und auch mit Vinzenz.
Spannend ist das alles nicht wirklich. Vinzenz wird nicht während der Handlung auf die Schliche gekommen, sondern in den Pausen zwischen den Akten. Der letzte Akt besteht dann aus einer - echt Musilschen - Reflexion über das Wesen der Wahrheit und den Status der Lüge. Hier geht es eigentlich nicht um echte Dramatik, sondern um verkleidete Prosa. Vinzenz ist dabei ein Mann ohne Identität, jemand, der sich ständig neu entwirft und seinen Platz in der Welt nicht findet, weshalb er seiner eigenen Aussage nach das gewöhnlichste aller Leben führt. Inwieweit das alles stimmt oder inwieweit nicht nur Alpha, sondern auch die Leser dem Mythomanen aufsitzen, ist nicht zu entscheiden.
Interessant an dem Stück ist gerade die Figur der Alpha, der als Frau nichts zugetraut wird, die verzweifelt eigene Entscheidungen fällen möchte, aber von ihren glühenden Verehrern immer wieder väterlich bevormundet wird. Am Ende sieht man sie kapitulieren, doch den ganzen Kavalieren noch ein letztes Mal eins auswischen, indem sie keinen von denen heiratet, die sich auf der Bühne um sie bewerben.
Dennoch: Musil ist kein begnadeter Dramatiker, die Dialoge sind sehr verkopft, wenn einem die philosophisch verbrämten Figuren etwas näher kommen als die sehr distanzierten Prosaentwürfe, etwa im "Mann ohne Eigenschaften". Wenn ich den ab April dann mal endlich ganz lese, werde ich hier sicher noch einiges zu berichten haben.