Author Topic: Charles Robert Maturin: Melmoth der Wanderer  (Read 1811 times)

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Charles Robert Maturin: Melmoth der Wanderer
« on: 20. Oktober 2012, 07.56 Uhr »
Hallo zusammen!

Maturins Melmoth the Wanderer ist das letzte in der Reihe jener klassischen Horror-Stories, das ich mir im Anschluss an mein Lovecraft-Lektüre vorgenommen habe. Nachdem Radcliffe ja ein ziemlicher Reinfall war, hatte ich ein wenig Angst. Immerhin füllt auch Maturin mit seinem Buch locker 700 Seiten. Doch der Anfang - die ersten 50 Seiten - hat mich beruhigt. Maturin geht sofort in medias res. Ein alter, geiziger Onkel stirbt und hinterlässt nicht nur ein beträchtliches Vermögens sondern auch ein merkwürdiges Bild und ein merkwürdiges Manuskript. Schon binnen Kürze steckt der Neffe mitten in der Lektüre: erste (?) Rückblende, die das Ganze im Moment allerdings nur verworrener und seltsamer macht. Dazu eine gehörige Prise Satire, die sich vor allem gegen den Geiz des Onkels richtete.

Ja, so ungefähr stelle ich mir das vor.

Grüsse

sandhofer
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Re: Charles Robert Maturin: Melmoth der Wanderer
« Reply #1 on: 20. Oktober 2012, 20.59 Uhr »
Unterdessen rund 100 Seiten gelesen. Die Charaktere sind schlecht gezeichnet, die Ereignisse völlig unmöglich und auch unlogisch. Aber Maturin hat Tempo drauf. Im Gegensatz zu Radcliffe, der es um Rührung ging, geht es Maturin um Horror. Und das gefällt mir einiges besser.
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Re: Charles Robert Maturin: Melmoth der Wanderer
« Reply #2 on: 21. Oktober 2012, 21.12 Uhr »
5. Kapitel fertig (= ca. S. 160). Offenbar wird die Geschichte als Aufeinanderfolge von mehreren von einander unabhängigen Stories erzählt. Die Erzählung des Spaniers ... Was soll ich dazu sagen. Völlig unmöglich, dass sich ein Mensch nach mehreren Jahren noch so genau an -zig Dialoge erinnert, die er geführt haben will. Inhaltlich völlig unlogisch. Und mit der Geschichte des Bruders des Spaniers als Box-in-the-Box, als Babuschka-Story in der Story - typisch romantisch halt. Handwerklich aber bestenfalls Durchschnitt.

Aber ... Aber: Maturins Schilderung, wie der arme Spanier von den Jesuiten-Obern seines Klosters und Gefängnisses weich geklopft wird, bis er, der anfänglich protestierte und revoltierte, schliesslich freiwillig die Ordensgelübde ablegt ... selbst de Sade konnte das nicht so gut. Eine Studie der Unterwerfung, wie ich sie bisher noch nicht gelesen habe.

Und, bei allen Mängeln (wie z.B., dass im ganzen langen 5. Kapitel Melmoth der Wanderer schlicht und ergreifend keine Rolle spielt): Maturin weiss, wie er das Tempo halten kann, dass der Leser mitfiebert und weiterlesen will.
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Re: Charles Robert Maturin: Melmoth der Wanderer
« Reply #3 on: 22. Oktober 2012, 15.16 Uhr »
Maturin muss vehementer Anti-Papist gewesen sein, so, wie er die Verhältnisse in jenem spanischen Jesuitenkloster schildert. Und er muss entweder selber an ziemlicher Angst vor Dunkelheit, komibiniert mit Klaustrophobie, gelitten haben - oder er ist ein genialer Schilderer dieser Ängste, wenn er seinen Spanier da durch dunkle, enge unterirdische Gänge führt / führen lässt. Da merkt man so richtig, dass "Angst" von "Enge" kommen muss ...

Aber die Klosterschilderungen ziehen sich trotzdem. Und Melmoth ist auch verschollen ...
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Re: Charles Robert Maturin: Melmoth der Wanderer
« Reply #4 on: 23. Oktober 2012, 15.01 Uhr »
Liebesgeschichte kann er nicht. Aber Geschichten ineinander verschachteln ...
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Re: Charles Robert Maturin: Melmoth der Wanderer
« Reply #5 on: 24. Oktober 2012, 07.30 Uhr »
Tatsächlich weist das Buch nun - so ungefähr ab der Mitte - einige Längen auf. Die Geschichte der Inderin gilt m.W. als Filetstück des Romans; aber sie zieht sich wie Kaugummi. Trotz der Tatsache, dass da Melmoth der Wanderer endlich persönlich auftritt. (Oder vielleicht gerade deswegen?)
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Re: Charles Robert Maturin: Melmoth der Wanderer
« Reply #6 on: 25. Oktober 2012, 08.06 Uhr »
Ab S. 200 wird die Erzählung ein bisschen wirr. Irgendwie scheint es nicht möglich zu sein, einen Horror-Roman zu schreiben, der mehr als so seine 200, 250 Seiten hat. The Monk hatte bei Schwächen doch gerade noch Zug, Die Burg von Otranto war auch kurz aber heftig, Dracula kommt auch gerade so über die Runden, Frankenstein hat eigentlich mit Horror wenig zu tun - aber die Radcliffe kommt gar nicht erst in die Gänge und Maturin verliert sich in den unendlichen Weiten seiner Verschachtelungen ...
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