Hallo!
Eine mehr als gelungene Sammlung von Texten und Interviews zum Wiener Kreis, in die auch Brentano, Meinong, Mach und Boltzmann aufgenommen wurden und somit der historischen Entwicklung dieser Philosophie Rechnung getragen wird.
Viele der Beiträge muten heute allzu optimistisch an, allerdings ist der Kern ihrer Aussagen heute so aktuell wie damals. Neuraths Vision von der Einheitswissenschaft (die nur von wenigen geteilt wurde), von einer das gesamte Wissen umfassenden Enzyklopädie - vergleichbar jener Frankreichs im 18. Jahrhundert, konnte aufgrund der divergierenden Interessen der Wissenschaftler nicht Realität werden. Nichtsdestotrotz ist seine Forderung nach einer weitgehenden Klärung und Vereinheitlichung der Wissenschaftssprache ein immer aktuelles Desiderat. Waren es damals der deutsche Idealismus und der beginnende Existenzialismus (allen voran Heidegger), aber auch die Phänomenologie eines Husserls, die solches notwendig erscheinen ließen, so hat diese Pest des Unverständlichen im Poststrukturalismus oder in der Frankfurter Schule Wiederauferstehung gefeiert - und Bücher wie jenes von Sokal, Bricmont (Eleganter Unsinn) könnten jedes Jahr neu geschrieben werden.
Ähnlich die Ausführungen Carnaps in "Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache". Er selbst meinte später, dass manche seiner Ausführungen ein wenig zu radikal ausgefallen seien, aber die Grundtendenz, Wörter und Sätze auf ihre Bedeutung hin zu überprüfen und Klarheit über die verwendete Terminologie zu erreichen, ist mehr als begrüßenswert. So dass Wissenschaftlichkeit von vielen Philosophen gar nicht beansprucht werden kann (ebensowenig wie von Theologen), sondern allenfalls der mehr-weniger gelungene literarische Ausdruck eines Lebensgefühls erzeugt wird. Man sollte die hier ebenfalls abgedruckte Antrittsvorlesung L. Boltzmanns jedem angehenden Philosophen zum Lesen geben: Um zu erkennen, was Bescheidenheit, aber auch Genauigkeit in der philosophischen Forschung bewirken können.
Boltzmann und Mach waren nicht von ungefähr die Ahnväter dieser Philosophie: Physiker, die nicht abseits im Elfenbeinturm an ihren großen metaphysischen Entwürfen arbeiteten, sondern Forscher, denen kraft ihres Themengebietes die Verpflichtung zu empirischer Sorgfalt eine Selbstverständlichkeit war. Schlick (der mit seiner viel zu optimistischen, ein wenig blauäugigen Rede "Die Wende der Philosophie" im Band abgedruckt wurde), Carnap, Hahn in ihrer Nachfolge waren ebenfalls naturwissenschaftlich gebildet - und dies ist aus allen ihren Schriften zu ersehen, es ist wohltuend, Dinge zu lesen, denen man das Bemühen um Klarheit und Verständlichkeit stets anmerkt.
Bemerkenswert auch das Interview mit Heinrich Neider, der - selbst Teilnehmer des Wiener Kreises - einige Innenansichten dieser Forschergemeinschaft vermittelt oder das Vorwort Philipp Franks zu seinem Buch "Modern Science and its Philosophy". Frank beleuchtet den historischen Hintergrund, auf dem eine solche Philosophie des logischen Empirismus gedeihen konnte und in seiner Darstellung wird klar, welche Revolution vor allem im deutschen Sprachraum damit verbunden war. Philosophie galt immer noch als Metaphysik, als kreatives Sammelsurium von Dichtung und Theologie. Dass Philosophie nun mit einem Male wissenschaftlich zu sein versprach bzw. es versuchte, klang für viele verheißungsvoll.
Gut gewählt in diesem Zusammenhang auch Poppers erstes Kapitel zur "Logik der Forschung", ein Paradebeispiel für eine klare, verständliche Ausformulierung eines Problems (und während sich Popper als "Totengräber des logischen Positivismus" sah, haben dies die Protagonisten des Wiener Kreises so nicht empfunden und ihn im Grunde als einen der ihren angesehen).
So bleibt - als einziges Ärgernis des Buches, das Interview mit Rudolf Haller. Was nicht an Haller liegt, sondern an seinem Gegenüber: Franz Kreuzer ist der Inbegriff des sich wichtig und allwissend gerierenden Journalisten. Er würde Einstein die Relativitätstheorie erklären (und Verbesserungen anfügen), wie er eben hier Haller die Absichten Wittgensteins, Poppers und des Wiener Kreises erklärt. Seine Interviews sind Monologe, in denen er sich vom Interviewpartner bestenfalls die eigenen Ansichten bestätigen lässt. Ein Wichtigmacher und Viertelgebildeter, der es in Österreich zum Minister brachte, im Grunde der Inbegriff des Politikers, der zu allem sich zu Wort meldet und von keiner Sache etwas versteht. Warum dieses unsägliche Interview hier abgedruckt ist, lässt sich bestenfalls durch den äußerlichen Zusammenhang begründen, möglicherweise war es ein Zugeständnis an offizielle Stellen für einen Druckzuschuss. Zugegebenermaßen eine Unterstellung, die aber einiges für sich hat ...
lg
orzifar