Hallo!
Die Autobiographie eines der "größten Philosophen des 20. Jahrhunderts" (Stegmüller), der, in zwei große Teile untergliedert, zum einen sein äußeres Leben, zum anderen seinen philosophischen Werdegang darstellt. Für das Verständnis dieses Werdegangs wird aber offenbar eine ganz passable Kenntnis seines Werkes vorausgesetzt; ein mit Carnaps philosophischem Denken nicht Vertrauter wird aus der doch sehr theoretischen Darstellung (die dann für eine Einführung wieder zu kurz ist) kaum Nutzen ziehen. Man hätte vielleicht zwei Bücher aus diesem Manuskript machen sollen: Beide ausführlicher, dadurch aber verständlicher.
Sehr angenehm in Carnaps Darstellung ist seine unprätentiöse Art, seine Bescheidenheit. Während man in ähnlichen Werken (etwa bei Popper) mit einer etwas borniert anmutenden Arroganz zu tun hat, spürt man bei Carnap nichts von alledem. Er stellt dar, referiert, weist auf Unstimmigkeiten zwischen seinen Überzeugungen und denen anderer Philosophen hin, ohne aber für sich ständig ein "Rechthaben" zu beanspruchen. (Womit er selbstredend "Recht" hat: Denn der fortgesetzt erhobene Anspruch kann etwaige Argumente nicht ersetzen.) Allerdings ist dies auch "Programm": Carnap ist kein einsamer, entrückter Philosoph im Elfenbeinturm, der da ein neues, revolutionäres System schafft, sondern begriff sich - schon als Mitglied des Wiener Kreises aber auch später in den USA - als Teil einer philosophischen Gemeinschaft, die voneinander lernt (und auf den Schultern anderer steht, ohne diese Schultern dezent zu verschweigen).
Amüsant ein Detail am Rande: Carnap war ein steter Verächter der Metaphysik (indem er auch die Unsinnigkeit ihrer Begriffe nachzuweisen suchte) und der Ansicht, dass man über Ethik in philosophisch-wissenschaftlicher Weise nicht sinnvoll sprechen könne (Wittgenstein). Das veranlasste Oskar Kraus zu der Aufforderung, dass Menschen vom Schlage Carnaps ihrer verwerflichen moralischen Wirkung wegen ins Gefängnis gehörten. Bis er ihn auf einer Philosophentagung in Prag kennenlernte und von dessen untadeliger Gesinnung sich - zu seiner eigenen Überraschung - überzeugen konnte. Das scheint mir ein typischer Hinweis auf jene weit verbreitete Haltung, dass Moral, Ethik nur innerhalb eines metaphysisch-theologischen Entwurfs gedeihen könnten und dessen bedürften, da die Natur des Menschen solcher Regelungen nicht zu entraten vermöge. Aber bloße Natur ist sehr viel moralischer als sich so manch abgehobener Theoretiker träumen lässt.
lg
orzifar