Hallo!
Als Überblick über die historischen und philosophischen Wurzeln des Wiener Kreises ist dieses Büchlein gut geeignet. Der Autor zeichnet ein anschauliches, verständliches Bild von der Entwicklung der Philosophie in Österreich (die sich stark am Gegensatz zum deutschen Idealismus orientierte, der im Verdacht stand, durch seine Verbindung mit der Aufklärung und Kant antiklerikal zu sein), wodurch ein die metaphysisch-theologischen Ausrichtung noch stärker kritisierender Empirismus entstehen konnte. Aus kirchlicher Sicht wurde so der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.*
Auch wenn in den letzten zwei Kapiteln auf die philosophischen Ziele des Wiener Kreises eingegangen wird: Ihre Darstellung kommt ein wenig zu kurz (auch über den weitergehenden Einfluss erfährt man wenig). Allerdings kann man einem Buch nicht vorwerfen, was es zu sein nicht vorhat: Der Umfang und die bemüht allgemeinverständliche Darstellung lassen eine intensivere Auseinandersetzung nicht zu (der interessierte Leser sei in diesem Zusammenhang auf V. Krafts Buch über den Wiener Kreis verwiesen). Aber als Einführung in die Gedankenwelt des logischen Empirismus sehr gut geeignet.
Warum ich selbst die Art des Philosophierens im Stile des Wiener Kreises so sehr schätze wird durch die "Zeugnisse" im Anhang des Buches klar: Hier kommen kurz Befürworter und Gegner zu Wort - und in der sprachlichen Form der Stellungnahmen wird die unterschiedliche Ausrichtung deutlich. Die (eher kritischen) Beiträge von Bloch, Horkheimer und Adorno musste ich mehrfach lesen, um ihren (vermuteten) Sinn zu verstehen, während die Texte von Ayer, Haller, Kraft oder auch Feyerabend ohne weiteres verständlich sind. Adorno etwa schreibt: "Der Positivismus verinnerlicht die Zwänge zur geistigen Haltung, welche die total vergesellschaftete Gesellschaft auf das Denken ausübt, damit es in ihr funktioniert. Er ist der Puritanismus der Erkenntnis. (...) Der Positivismus ist Geist der Zeit analog zur Mentalität von Jazzfans; ähnlich auch die Attraktion, die er auf junge Menschen ausübt. Hereingespielt die absolute Sicherheit, die er, nach dem Sturz der traditionellen Metaphysik, verspricht. Aber sie ist scheinhaft: Die reine Widerspruchslosigkeit, zu der sie sich zusammenzieht, nichts als Tautologie, der Begriff gewordene Wiederholungszwang ohne Inhalt." Vielleicht fehlt mir das Gen der Frankfurter Schule: Aber im Gegensatz zu den durchaus anspruchsvollen Ausführungen eines Carnap oder Schlick muss ich solche Passagen mehrfach lesen, um auch nur annähernd (und immer nur annähernd) zu erfassen, worum es dem Schreiber geht. Diese Exegese ist mir einfach zuwider - sowohl beim Alten Testament als auch bei Philosophen Adornoschen Zuschnitts.
lg
orzifar
*) Die "Rache" erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Unterstützt durch den erzkatholischen Unterrichtsminister Drimmel wurde versucht, alle Vertreter des logischen Empirismus von den Universitäten fernzuhalten, wodurch die berühmtesten österreichischen Philosophen im Ausland verblieben (deren Exodus bereits im Austrofaschismus und nicht erst unter Hitler begann, so musste etwa Neurath schon 1934 nach Den Haag fliehen) oder aber im Inland nur widerstrebend (Victor Kraft) oder gar nicht (Wolfgang Stegmüller) zu akademischen Ehren kamen. Ein wahrlich trauriges Kapitel österreichischer Geistesgeschichte, das das Land endgültig von der phil. Landkarte eliminierte.