Author Topic: Josef M. Werle: Franz Brentano und die Zukunft der Philosophie  (Read 2872 times)

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Josef M. Werle: Franz Brentano und die Zukunft der Philosophie
« on: 14. September 2012, 01.53 Uhr »
Hallo!

Der gesamte Titel: Josef M. Werle: Franz Brentano und die Zukunft der Philosophie. Studien zur Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftssystematik im 19. Jahrhundert

Dissertationen zu rezensieren ist ein diffiziles Geschäft, ihr Zweck ist nicht der, einem x-beliebigen Leser zu gefallen, sondern bestimmte Qualitätsstandards zu erfüllen. Wenn sie in irgendwelchen Periodika veröffentlicht werden, so ist das zumeist mehr als der Schreiber erhoffen konnte und häufig der erste Schritt zu einer universitären Karriere.

In den "Studien zur Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftssystematik im 19. Jahrhundert" fand also diese Arbeit Aufnahme, einen - mittlerweile - weitgehend unbekannten Philosophen betreffend, wobei, wie in solchen Arbeiten üblich, ein spezieller Aspekt des Schaffens des Betreffenden Behandlung findet. Hier nun sind es die philosophiegeschichtsphilosophisch en (was für ein Wort ;)) Überlegungen, die im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen: Weshalb kam Brentano zu dieser seiner Konzeption der vier Stadien der Philosophie, welcher Wert kann ihr noch heute zugesprochen werden und welche Auswirkungen hatte diese Form des Denkens auf die Schüler Brentanos?

Wie in Dissertationen üblich wird brav zitiert und dokumentiert, nicht aber viel Eigenes eingebracht. Kein Vorwurf, die wenigsten Doktorväter und -mütter schätzen solche Eigenmächtigkeiten - und es darf festgehalten werden: Sie schätzen sie zumeist mit Recht nicht. Denn nicht immer ist das, was dem Schreiber originell und geistreich dünkt, tatsächlich qualitativ wertvoll, außerdem ist es sehr viel leichter, eine philosophiegeschichtliche Datensammlung nebst dezenter Meinungsäußerung zu betreuen, denn allzu viel Eigenes auf Plausibilität zu überprüfen.

So nimmt es nicht wunder, dass eine Einordnung in andere philosophiegeschichtliche Konzeptionen in diesem Fall völlig außen vor bleibt: Weder finden die vier Weltreiche Daniels Erwähnung (obwohl Brentano dieser geschichtstheologische Entwurf mit Sicherheit bekannt war), noch Augustinus' Gottesstaat (der sich natürlich auch z. T. am Buch Daniel orientiert), weder Hegel oder Marx noch Nietzsche oder Spengler werden mit ihren geschichtlichen Entwürfen erwähnt. Natürlich: Brentano geht es ausschließlich um die philosophiegeschichtliche Entwicklung. Aber gerade in seiner Ablehnung einer philosophia perennis weiß er durchaus um die sozialen und historischen Umstände dieser Entwicklungen.

Die genaue Konzeption Brentanos kann im übrigen vernachlässigt werden: Sie ist so falsch, beliebig, trvial und unausgegoren wie alle vergleichbaren nomologischen Geschichtstheorien. Er macht - kurz gesagt - Hochzeiten der Philosophie aus, die sich einer naturwissenschaftlichen Forschungsmethode befleißigen (Aristoteles, Demokrit, Anaxagoras; Thomas von Aquin; Descartes, Locke Leibniz (!! - offenbar wird der Parademetaphysiker von Brentano gänzlich anders bewertet)), Niedergänge, weil sich die Philosophie um allzu praktische Aspekte des Denkens bemüht (Stoiker und Epiker; alle mit dem Realismusstreit im MA Befassten;), eine skeptische Periode (von Zenon bis Cicero; die Nominalisten des Mittelalters; die deutsche und französische Aufklärung nebst Hume) und die Zeit des Verfalls (Neuplatonismus; Lullisten, N. Cusanus; Schelling, Hegel). Allein aus dieser Aufzählung wird schon die grotesk-beliebige Struktur des Enwurfes klar: So überschneiden sich die Perioden (obwohl eigentlich eine die andere ursächlich bewirkt), man blendet Unpassendes aus (müsste ja eigentlich auch Platon zu den naturwissenschaftlichen Philosophen rechnen - und das fällt dann selbst Brentano schwer), übergeht das eine, verschweigt anderes - immer mit dem Ziel, dass die einmal entworfene Struktur bestätigt wird.

Interessant nun, was ein Schreiber (der ganz unzweifelhaft die Philosophie Brentanos schätzt) aus diesem eigentlich unrettbaren Sammelsurium von Ideen macht: Er konstatiert einfach ein "idealtypisches Erklärungsmodell" mit "heuristisch wertvollen Aspekten", die von den Kritikern übersehen werden. Allerdings bleibt Werle eine Darstellung dieser Aspekte schuldig und ebenso bleibt es daher dem Leser verborgen, worin nun das Fruchtbare dieses Ansatzes besteht, was denn - um ein Wort Hans Alberts zu gebrauchen - durch die vorliegende Theorie besser erklärt und klarer würde als wenn man auf sie verzichtet. Aber wahrscheinlich ist eine gewisse Bewunderung für den zu behandelnden Autor Pflicht für jeden Schreiber einer Dissertation (auch im Hinblick auf die meist ebenfalls ihre Vorlieben zur Schau stellenden Bewerter derselben).

Aufbauend auf diesen Thesen von der nomologischen Struktur der Philosophiegeschichte lässt sich das Bemühen Brentanos erklären, die Philosophie wieder ihrer einstigen Größe zuzuführen. Der deutsche Idealismus ist vergessen (und damit die Phase des metaphysischen Verfalls), der Weg führt zu einem Neubeginn. Für Brentano, der den Zustand der philosophischen Forschung Mitte des 19. Jahrhunderts als desaströs ansieht, besteht dieser Neubeginn in einer Aufwertung der empirischen Methode, in dem Versuch, den erfolgreichen Weg der Wissenschaft auch auf dem Gebiet der Philosophie zu beschreiten. Die Psychologie wird ihm dabei zur neuen Grundwissenschaft der Philosophie: Sie muss und soll aufgrund der Erkenntnisse in Physik, Chemie, Physiologie als ein schwieriges, eben erst der Wissenschaft zugängig zu machendes Projekt konzipiert werden und den Grundstein für ein neues wissensschaftlich-philosophisches Forschen legen. Allerdings - und dabei kann man fast Mitleid mit Brentano empfinden - vermag er sich nicht von seinen christlich-katholischen Wurzeln zu lösen: Immer noch versucht er Metaphysik zu betreiben (dort, wo die Naturwissenschaft (noch) keine Aussagen zu tätigen vermag, weil sie sich dem empirischen Zugang entziehen) und er sinniert auch bis zum Lebensende über die Frage der Unsterblichkeit der Seele oder das Substanzproblem (das er im aristotelischen Sinne abhandelt). Allerdings war er nicht verblendet genug, um die unüberbrückbaren Schwierigkeiten dieser Aufgaben zu übersehen: Er wollte - ähnlich wie Kant - eigentlich Metaphysik betreiben, aber ihm fehlt der Mut des Königsbergers, der seine apriorischen Kategorien nebst den damit verbundenen synthetischen Erkenntnissen seinen Lesern als eine unumstößliche Wahrheit präsentierte. So blieb es bei einem einzigen, zu seinen Lebzeiten herausgegebenen, größeren Werk: Der Psychologie vom empirischen Standpunkt. Und auch diese blieb Fragment.

Daher ist es heute eher die Wirkungsgeschichte Brentanos (auf den Wiener Kreis, Husserl und Heidegger), die interessiert und zu Forschungen Anlass gibt als die tatsächlichen philosophischen Leistungen. Seine Kritik an Kant ist teilweise durchaus nachvollziehbar, allerdings mit dem Makel behaftet, dass etwas seine eigene Begrifflichkeit von Wahrheit und Evidenz mindestens ebenso fragwürdig ist wie die Kantschen Kategorien.

lg

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Re: Josef M. Werle: Franz Brentano und die Zukunft der Philosophie
« Reply #1 on: 14. September 2012, 07.39 Uhr »
[...]einen - mittlerweile - weitgehend unbekannten Philosophen betreffend, [...]

Ist Brentano mittlerweile tatsächlich so unbekannt? Ich hatte immer den Eindruck, dass er - im Gegensatz zu Leibniz - zwar selten erwähnt aber doch recht häufig rezipiert wird.
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Offline orzifar

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Re: Josef M. Werle: Franz Brentano und die Zukunft der Philosophie
« Reply #2 on: 14. September 2012, 16.34 Uhr »
[...]einen - mittlerweile - weitgehend unbekannten Philosophen betreffend, [...]

Ist Brentano mittlerweile tatsächlich so unbekannt? Ich hatte immer den Eindruck, dass er - im Gegensatz zu Leibniz - zwar selten erwähnt aber doch recht häufig rezipiert wird.

Möglicherweise kennt man ihn noch, aber die Zahl derer, die auch nur eine Zeile von ihm gelesen haben, geht ziemlich sicher gegen null. Und ich bin mir auch nicht darüber im klaren, ob er tatsächlich eine intensivere Beschäftigung wert ist. Er ist ein Übergangsphilosoph, einer, der das Spekulativ-Überhöhte des deutschen Idealismus erkannte, der sich um eine Verwissenschaftlichung, Neugestaltung einer Philosophie aus der Empirie bemühte, dabei aber selbst noch allzusehr einem antiquierten, aristotelischen Weltbild anhing, um tatsächlich Neues zu schaffen.

Im übrigen ist auch der allüberall propagierte Einfluss auf den Wiener Kreis ein wenig zweifelhaft: Die Schriften eines Schlick, Hahn, Carnap, Neurath erwähnen Brentano kaum (oder - wie bei Schlick - als Beispiel einer fehlerhaften Wahrheitsauffassung). Kampits in seiner kurzgefassten öst. Philosophiegeschichte spricht zwar in dieser Hinsicht von der Bedeutung Brentanos, bleibt aber konkrete Beispiele schuldig. Einzig Stegmüller befasst sich intensiver mit ihm (und wird von Werle sinnentstellend zitiert: "Er würdige Brentano vor allem als Sprachphilosoph", was einfach Unsinn ist. Er erwähnt einzig Brentanos Bemühen um eine klare Sprache bzw. dessen Feststellung der Bedeutung der Sprache in der Philosophie - aber nur unter anderem. Mit Recht, denn es war sicher kein herausragendes Anliegen Brentanos, Sprachphilosophie zu betreiben.)

Wie wenig er für die Gegenwartspilosophie von Interesse ist sieht man darin, dass es weder eine Werkausgabe von ihm gibt, noch sein Nachlass auch nur in Ansätzen editiert wurde. Selbst die fast durchwegs posthum erschienen Schriften Brentanos sind mit großer Vorsicht zu genießen: Wurden sie doch fast alle "im Sinne des späten Brentanos" umgestaltet: Das heißt, dass man mit der vom Herausgeber vermuteten Leseweise konfrontiert wird, mit einer teilweisen Neufassung im Sinne der präsumptiven Intention des späten Brentano. Was nun nicht gerade einer historisch-kritischen Ausgabe bzw. den Kriterien einer wissenschaftlichen Edition entspricht.

lg

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Re: Josef M. Werle: Franz Brentano und die Zukunft der Philosophie
« Reply #3 on: 15. September 2012, 01.58 Uhr »
Wie wenig er für die Gegenwartspilosophie von Interesse ist sieht man darin, dass es weder eine Werkausgabe von ihm gibt, noch sein Nachlass auch nur in Ansätzen editiert wurde. Selbst die fast durchwegs posthum erschienen Schriften Brentanos sind mit großer Vorsicht zu genießen: Wurden sie doch fast alle "im Sinne des späten Brentanos" umgestaltet: Das heißt, dass man mit der vom Herausgeber vermuteten Leseweise konfrontiert wird, mit einer teilweisen Neufassung im Sinne der präsumptiven Intention des späten Brentano. Was nun nicht gerade einer historisch-kritischen Ausgabe bzw. den Kriterien einer wissenschaftlichen Edition entspricht.

Danke L., dass du meine Einträge zu Brentano liest ;). Und mich im Zweifelsfall korrigierst: Brentano - Sämtliche Schriften

Hat sich doch jemand gefunden für diese mehr als umfängliche Arbeit. Ich bewundere derlei, bei aller Liebe zur Philosophie wäre das meine bevorzugte Arbeit nicht. Der Nachlass enthält - nach Werle - über 800 Manuskripte, Diktate und Abschriften mit einem Gesamtumfang von mehr als 16000 Seiten. Da steht ihnen noch einiges an Arbeit bevor.

Und *staun*: Sogar seine schachtheoretischen Schriften werden publiziert. Obwohl auch in den allergrößten Datenbanken nur einmal die Brentano-Variante im Spanier gefunden wird (Spielmann, wenn ich mich nicht täusche - der hat alles ausprobiert). Allerdings ist die Vernachlässigung dieses Brentano-Abspiels m. E. mehr als verständlich, ich hatte mit diesem Zug selbst gegen mediokre Gegner einige Probleme. Und ausnahmsweise lag's nicht an mir :).

Preismäßig leider wie die Husserliana :(

Danke für den Hinweis, liebe Grüße

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Re: Josef M. Werle: Franz Brentano und die Zukunft der Philosophie
« Reply #4 on: 15. September 2012, 08.13 Uhr »
Er spricht in Rätseln ...  :)

Ich meinte, was von Brentano hier zu haben, um Deine Eindrücke zu verifizieren, stelle aber fest, dass dem nicht so ist ...
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Offline orzifar

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Re: Josef M. Werle: Franz Brentano und die Zukunft der Philosophie
« Reply #5 on: 15. September 2012, 18.38 Uhr »
Rätsel? Der Hinweis war von einem(r) stillen Mitleser(in) mit Brentanovorliebe. Ich wusste nichts (oder hatte es vergessen) von diesem Unternehmen einer nun in Angriff genommenen Schriftenedition.

Oder bezog sich das Rätsel auf das Brentano-Abspiel im Spanier?  (Im dritten Zug g5, und gespielt von Carl Schlechter gegen Teichmann (und nicht von Spielmann, wie gestern halbverschlafen fälschlicherweise behauptet.))

lg

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Re: Josef M. Werle: Franz Brentano und die Zukunft der Philosophie
« Reply #6 on: 15. September 2012, 23.09 Uhr »
Nein, Schach spiele ich nicht ...  :angel:
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