Hallo!
Der gesamte Titel: Josef M. Werle: Franz Brentano und die Zukunft der Philosophie. Studien zur Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftssystematik im 19. JahrhundertDissertationen zu rezensieren ist ein diffiziles Geschäft, ihr Zweck ist nicht der, einem x-beliebigen Leser zu gefallen, sondern bestimmte Qualitätsstandards zu erfüllen. Wenn sie in irgendwelchen Periodika veröffentlicht werden, so ist das zumeist mehr als der Schreiber erhoffen konnte und häufig der erste Schritt zu einer universitären Karriere.
In den "Studien zur Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftssystematik im 19. Jahrhundert" fand also diese Arbeit Aufnahme, einen - mittlerweile - weitgehend unbekannten Philosophen betreffend, wobei, wie in solchen Arbeiten üblich, ein spezieller Aspekt des Schaffens des Betreffenden Behandlung findet. Hier nun sind es die philosophiegeschichtsphilosophisch
en (was für ein Wort

) Überlegungen, die im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen: Weshalb kam Brentano zu dieser seiner Konzeption der vier Stadien der Philosophie, welcher Wert kann ihr noch heute zugesprochen werden und welche Auswirkungen hatte diese Form des Denkens auf die Schüler Brentanos?
Wie in Dissertationen üblich wird brav zitiert und dokumentiert, nicht aber viel Eigenes eingebracht. Kein Vorwurf, die wenigsten Doktorväter und -mütter schätzen solche Eigenmächtigkeiten - und es darf festgehalten werden: Sie schätzen sie zumeist mit Recht nicht. Denn nicht immer ist das, was dem Schreiber originell und geistreich dünkt, tatsächlich qualitativ wertvoll, außerdem ist es sehr viel leichter, eine philosophiegeschichtliche Datensammlung nebst dezenter Meinungsäußerung zu betreuen, denn allzu viel Eigenes auf Plausibilität zu überprüfen.
So nimmt es nicht wunder, dass eine Einordnung in andere philosophiegeschichtliche Konzeptionen in diesem Fall völlig außen vor bleibt: Weder finden die vier Weltreiche Daniels Erwähnung (obwohl Brentano dieser geschichtstheologische Entwurf mit Sicherheit bekannt war), noch Augustinus' Gottesstaat (der sich natürlich auch z. T. am Buch Daniel orientiert), weder Hegel oder Marx noch Nietzsche oder Spengler werden mit ihren geschichtlichen Entwürfen erwähnt. Natürlich: Brentano geht es ausschließlich um die philosophiegeschichtliche Entwicklung. Aber gerade in seiner Ablehnung einer philosophia perennis weiß er durchaus um die sozialen und historischen Umstände dieser Entwicklungen.
Die genaue Konzeption Brentanos kann im übrigen vernachlässigt werden: Sie ist so falsch, beliebig, trvial und unausgegoren wie alle vergleichbaren nomologischen Geschichtstheorien. Er macht - kurz gesagt - Hochzeiten der Philosophie aus, die sich einer naturwissenschaftlichen Forschungsmethode befleißigen (Aristoteles, Demokrit, Anaxagoras; Thomas von Aquin; Descartes, Locke Leibniz (!! - offenbar wird der Parademetaphysiker von Brentano gänzlich anders bewertet)), Niedergänge, weil sich die Philosophie um allzu praktische Aspekte des Denkens bemüht (Stoiker und Epiker; alle mit dem Realismusstreit im MA Befassten;), eine skeptische Periode (von Zenon bis Cicero; die Nominalisten des Mittelalters; die deutsche und französische Aufklärung nebst Hume) und die Zeit des Verfalls (Neuplatonismus; Lullisten, N. Cusanus; Schelling, Hegel). Allein aus dieser Aufzählung wird schon die grotesk-beliebige Struktur des Enwurfes klar: So überschneiden sich die Perioden (obwohl eigentlich eine die andere ursächlich bewirkt), man blendet Unpassendes aus (müsste ja eigentlich auch Platon zu den naturwissenschaftlichen Philosophen rechnen - und das fällt dann selbst Brentano schwer), übergeht das eine, verschweigt anderes - immer mit dem Ziel, dass die einmal entworfene Struktur bestätigt wird.
Interessant nun, was ein Schreiber (der ganz unzweifelhaft die Philosophie Brentanos schätzt) aus diesem eigentlich unrettbaren Sammelsurium von Ideen macht: Er konstatiert einfach ein "idealtypisches Erklärungsmodell" mit "heuristisch wertvollen Aspekten", die von den Kritikern übersehen werden. Allerdings bleibt Werle eine Darstellung dieser Aspekte schuldig und ebenso bleibt es daher dem Leser verborgen, worin nun das Fruchtbare dieses Ansatzes besteht, was denn - um ein Wort Hans Alberts zu gebrauchen - durch die vorliegende Theorie besser erklärt und klarer würde als wenn man auf sie verzichtet. Aber wahrscheinlich ist eine gewisse Bewunderung für den zu behandelnden Autor Pflicht für jeden Schreiber einer Dissertation (auch im Hinblick auf die meist ebenfalls ihre Vorlieben zur Schau stellenden Bewerter derselben).
Aufbauend auf diesen Thesen von der nomologischen Struktur der Philosophiegeschichte lässt sich das Bemühen Brentanos erklären, die Philosophie wieder ihrer einstigen Größe zuzuführen. Der deutsche Idealismus ist vergessen (und damit die Phase des metaphysischen Verfalls), der Weg führt zu einem Neubeginn. Für Brentano, der den Zustand der philosophischen Forschung Mitte des 19. Jahrhunderts als desaströs ansieht, besteht dieser Neubeginn in einer Aufwertung der empirischen Methode, in dem Versuch, den erfolgreichen Weg der Wissenschaft auch auf dem Gebiet der Philosophie zu beschreiten. Die Psychologie wird ihm dabei zur neuen Grundwissenschaft der Philosophie: Sie muss und soll aufgrund der Erkenntnisse in Physik, Chemie, Physiologie als ein schwieriges, eben erst der Wissenschaft zugängig zu machendes Projekt konzipiert werden und den Grundstein für ein neues wissensschaftlich-philosophisches Forschen legen. Allerdings - und dabei kann man fast Mitleid mit Brentano empfinden - vermag er sich nicht von seinen christlich-katholischen Wurzeln zu lösen: Immer noch versucht er Metaphysik zu betreiben (dort, wo die Naturwissenschaft (noch) keine Aussagen zu tätigen vermag, weil sie sich dem empirischen Zugang entziehen) und er sinniert auch bis zum Lebensende über die Frage der Unsterblichkeit der Seele oder das Substanzproblem (das er im aristotelischen Sinne abhandelt). Allerdings war er nicht verblendet genug, um die unüberbrückbaren Schwierigkeiten dieser Aufgaben zu übersehen: Er wollte - ähnlich wie Kant - eigentlich Metaphysik betreiben, aber ihm fehlt der Mut des Königsbergers, der seine apriorischen Kategorien nebst den damit verbundenen synthetischen Erkenntnissen seinen Lesern als eine unumstößliche Wahrheit präsentierte. So blieb es bei einem einzigen, zu seinen Lebzeiten herausgegebenen, größeren Werk: Der Psychologie vom empirischen Standpunkt. Und auch diese blieb Fragment.
Daher ist es heute eher die Wirkungsgeschichte Brentanos (auf den Wiener Kreis, Husserl und Heidegger), die interessiert und zu Forschungen Anlass gibt als die tatsächlichen philosophischen Leistungen. Seine Kritik an Kant ist teilweise durchaus nachvollziehbar, allerdings mit dem Makel behaftet, dass etwas seine eigene Begrifflichkeit von Wahrheit und Evidenz mindestens ebenso fragwürdig ist wie die Kantschen Kategorien.
lg
orzifar