Author Topic: Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären  (Read 3349 times)

Offline orzifar

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Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären
« on: 13. September 2012, 20.09 Uhr »
Hallo,

nachdem mir Genazino immer wieder empfohlen wurde (trotz bisher keineswegs berauschender Leseerfahrungen mit "Das Licht brennt ein Loch in den Tag"), habe ich mich nun an der Abschaffel Trilogie und dem neuesten Roman "Wenn wir Tiere wären" versucht. Und hier zeigt sich Genazino als subtiler Beschreiber von Alltäglichkeiten.

Der Protagonist, ein Architekt in den besten Jahren, leidet unter Lebensekel, Sinnlosigkeit, der Langeweile allen Daseins. Er sieht sich selbst und anderen beim Leben zu, ohne in irgendeiner Weise Erfüllung zu finden, ein wenig Zufriedenheit. Seine Beziehungen spiegeln das in extenso wider: Zufällig von einer Frau zur anderen wechselnd, jene begehrend, mit denen er noch nicht oder nicht mehr zusammen ist, erinnert er in seiner sexuellen Untriebigkeit an Pubertierende - oder eben an jenen Typus Mitvierziger mit fortgesetzter Midlifecrisis. Und es sind vor allem diese Passagen, die mich auf Dauer ein wenig ermüdeten: Vielleicht weil mir derlei Erzählungen, Probleme zwischenmenschlicher Art schon im Übermaß erzählt wurden - sowohl in der Literatur als auch im Leben - und Genanzino diesen Dingen wenig Neues hinzuzufügen vermag. Hingegen zeugen seine Alltagsbeobachtungen, Kurzbeschreibungen von Menschen auf der Straße, von kleinen, unbedeutenden Ereignissen, von ungleich größerer Befähigung, sie sind es, die das Buch lesbar machen. Sodass auch das Handlungsgerüst im Grunde bedeutungslos bleibt: Der Tod seines Freundes ist einzig der Anlass, die Geschichte in Gang zu bringen, die von diesem übernommene, kindlich-kindische Abenteuerlust, mit einem gefunden Personalausweis Dinge aus einem Versandhauskatalog zu bestellen und sich postlagernd liefern zu lassen, führt zu kurzzeitiger Verhaftung und dem Bruch eines ansatzweise bürgerlich werdenden Lebens. Aber gerade dieser Episode der Verhaftung merkt man ihre Mühseligkeit an, sie bleibt ein eigentümlicher Fremdkörper und dient ausschließlich dazu, bestimmte Dinge umzusetzen (oder sie zu beenden).

Teilweise lesenswert mit sehr genauen, feinfühligen Beschreibungen der Alltagswelt, dann hingegen wieder jene Langeweile verbreitend, die beschrieben werden soll. Und das ist denn doch zweierlei: Die Kunst besteht darin, dass die Ausführung einer solchen Darstellung faszinierend, spannend, anregend bleibt. Was nicht immer gelingt - vor allem nicht im Bereich der Zwischenmenschlichkeit: Vielleicht aber ist dies auch meiner ganz persönlichen Aversion gegen allzu viele, mir unterbreitete, detaillierte Darstellungen sexueller Kalamitäten geschuldet. Weder literarisch noch privat vermag ich den verschiedenen Aspekten des Beischlafs jene Bedeutung zuzugestehen, die dieser offenbar für viele - auch älter werdende - Menschen besitzt. Oder - um bei Darstellungen des Buches zu bleiben: Mich interessieren Größe und Form von Schamlippen nur sehr eingeschränkt - und wer derlei allzu ausführlich zu analysieren sich unterfängt, darf nicht auf meine ungeteilt Aufmerksamkeit rechnen. Aber um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Es handelt sich hier keineswegs um Beschreibungen im houellebecqschen Sinne: Auf dieses Niveau begibt sich Genazino nirgends.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re: Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären
« Reply #1 on: 13. September 2012, 21.23 Uhr »
Genazino ... Genazoni ... da war doch was ... Stimmt! Nach der Lektüre von Ein Regenschirm für diesen Tag wollte ich schon längst mal was anderes von ihm lesen. Der Regenschirm war nämlich auch so übel nicht. Danke für die Erinnerung!
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus