Author Topic: Herman Melville: Moby Dick  (Read 5536 times)

Offline orzifar

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Herman Melville: Moby Dick
« on: 05. September 2012, 01.17 Uhr »

Eine Inhaltsangabe des Buches scheint müßig (wenngleich der - sehr viel bekanntere - Film sich nicht wirklich an das Buch hält). Melville ist großartig, ist modern, sarkastisch, zynisch, ein Großmeister der Digression. Dass das Buch vor über 150 Jahren erschienen ist, mutet anachronistisch an. Vielleicht einer der Gründe, weshalb dieses Werk den Anfang vom Ende des literarischen Ruhms seines Autors einläutete, ein Buch, dem fast ausschließlich schlechte Kritiken beschieden waren und das sofort in Vergessenheit fiel (und dessen Wiederentdeckung sein Autor nicht mehr erlebte).

Allerdings sind die grundsätzlichen Verstehensschwierigkeit geblieben: Liest mein Amazon-Rezensionen, so wird genau das bemängelt, was das Buch so großartig macht: Sein Ab- und Ausschweifen, der Verzicht auf ein herkömmliches Handlungs-, Spannungsgerüst, die als Bühnenauftritte gestalteten Monologe u. v. m. Und es ist kein dümmlicher Lobgesang auf männliche Tugenden, auf Jagd und Abenteuer (wie bei Hemingway), sondern immer distanziert, kritisch, oft humorvoll, dann wieder desillusionierend. Oder optimistisch: So kann sich Melville Mitte des 19. Jahrhunderts nicht vorstellen, dass es tatsächlich zu einer Ausrottung der Wale kommen könnte. Seine Argumente klangen für die damaligen Ohren sicher stichhaltig, obschon es eben zur Vorsicht mahnende Stimmen schon damals gab.

Bartleby bleibt trotz allem mein Lieblingsbuch von Melville. Seltsam und verstörend, dass die besten Werke eines Schriftstellers diesen in die Armut, zur Annahme eines Amtes als Zollinspektor getrieben haben. Ob das in unserer Zeit wirklich besser ist: Ich weiß nicht ...

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Herman Melville: Moby Dick
« Reply #1 on: 05. September 2012, 07.05 Uhr »
Hallo!

Moby-Dick ist einer meiner Allzeit-Lieblinge. Wen wundert's, bin ich doch grosser Fan von Digressionen. Melville war wohl mit seinem Roman 100 Jahre zu früh. Aber wo wäre der viel gerühmte Eco ohne Melville? Moby-Dick ist uneinheitlich. Die Erzählpositionen werden nicht durchgehalten; der Ich-Erzähler weiss von Dingen, die er gar nicht wissen kann, weil er gar nicht dabei oder nahe genug dabei war. Stilbruch oder Stilmittel?

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Sir Thomas

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Re: Herman Melville: Moby Dick
« Reply #2 on: 05. September 2012, 09.34 Uhr »
Im Januar schrieb ich im Klassikerforum über

Herman Melville – Ein Leben (Briefe und Tagebücher), herausgegeben von Daniel Göske:

Diese Mischung aus Biografie und Dokumentensammlung lotet die Existenz eines Schriftstellers aus, der sich in der zweiten Hälfte seines Lebens dem Literaturbetrieb konsequent verweigerte, ohne jemals mit dem Schreiben aufgehört zu haben.

Besonders interessant sind die Details aus der Welt der damaligen Literaturkritik. Während die US-Kritiker Melville seit „Moby Dick“ und „Pierre“ als seriösen Autor abgeschrieben hatten, genoss er in Großbritannien die Wertschätzung der Rezensenten. Der Herausgeber Göske leitet daraus ab, dass der britische Literaturbetrieb um 1850 sehr viel höher entwickelt war als sein mit bigotten Argumenten operierendes Pendant jenseits des Atlantiks. Auch das Verlagswesen war in England längst nicht so kommerzialisiert wie in den USA.

Beklemmend fand ich die Passagen, die Melvilles zum Teil hilfloses Bemühen um Kontakte in die damalige New Yorker Literatenwelt belegen. Wie sehr suchte er den Austausch mit dem älteren und bewunderten Kollegen Nathaniel Hawthorne, der ihn jedoch kühl auf Distanz hielt! Auch der damalige New Yorker Literaturpapst Evert Duyckinck behandelte den Autodidakten Melville bestenfalls mit distanzierter Freundlichkeit. Nach „Moby Dick“ wandte Duyckinck sich von Melville ab, mit der heuchlerischen Begründung, der Autor habe das religiöse Gefühl seiner Landsleute verletzt. Das alles hat Melville sehr geschmerzt – und letztlich zu seinem Verstummen beigetragen.             

Sehr intensiv sind auch die Reisetagebücher. Vor allem die zweite große Reise Melvilles (Konstantinopel, Kairo, Jerusalem, Rom) steht unter der Überschrift „Desillusionierung“. Die dem Verfall und dem Massentourismus preisgegebenen Stätten der abend- und morgenländischen Kultur erzeugen bei ihm abwechselnd Grauen, Leere oder Melancholie. „Alles glänzt und nichts ist aus Gold. Ein ekelerregender Betrug“, schreibt er über Jerusalem. Auch Italien enttäuscht: „Es gibt keinen Ort, wo ein Einsamer sich einsamer fühlen wird als in Rom.“ Welch ein Kontrast zum Italienreisenden Goethe!


Seltsam und verstörend, dass die besten Werke eines Schriftstellers diesen in die Armut, zur Annahme eines Amtes als Zollinspektor getrieben haben.

Ich bin sicher, dass sich weitere Beispiele dieser Art finden lassen, auch wenn mir derzeit keins einfällt.

LG

Tom

Offline orzifar

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Re: Herman Melville: Moby Dick
« Reply #3 on: 05. September 2012, 16.57 Uhr »
Herman Melville – Ein Leben (Briefe und Tagebücher), herausgegeben von Daniel Göske:

Wie sehr suchte er den Austausch mit dem älteren und bewunderten Kollegen Nathaniel Hawthorne, der ihn jedoch kühl auf Distanz hielt!

Danke für den Hinweis. Das Werk von Göske scheint nun stark verbilligt zu sein - und ich werde es mir zulegen. Ich habe eine Kurzbiographie gelesen (etwa 50 Seiten), in der mehrfach das gute Verhältnis von Hawthorne und Melville erwähnt wurde. Jener sei der einzige gewesen, der etwa den Moby Dick sehr gelobt und geschätzt hat.

lg

orzifar
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