Eine Inhaltsangabe des Buches scheint müßig (wenngleich der - sehr viel bekanntere - Film sich nicht wirklich an das Buch hält). Melville ist großartig, ist modern, sarkastisch, zynisch, ein Großmeister der Digression. Dass das Buch vor über 150 Jahren erschienen ist, mutet anachronistisch an. Vielleicht einer der Gründe, weshalb dieses Werk den Anfang vom Ende des literarischen Ruhms seines Autors einläutete, ein Buch, dem fast ausschließlich schlechte Kritiken beschieden waren und das sofort in Vergessenheit fiel (und dessen Wiederentdeckung sein Autor nicht mehr erlebte).
Allerdings sind die grundsätzlichen Verstehensschwierigkeit geblieben: Liest mein Amazon-Rezensionen, so wird genau das bemängelt, was das Buch so großartig macht: Sein Ab- und Ausschweifen, der Verzicht auf ein herkömmliches Handlungs-, Spannungsgerüst, die als Bühnenauftritte gestalteten Monologe u. v. m. Und es ist kein dümmlicher Lobgesang auf männliche Tugenden, auf Jagd und Abenteuer (wie bei Hemingway), sondern immer distanziert, kritisch, oft humorvoll, dann wieder desillusionierend. Oder optimistisch: So kann sich Melville Mitte des 19. Jahrhunderts nicht vorstellen, dass es tatsächlich zu einer Ausrottung der Wale kommen könnte. Seine Argumente klangen für die damaligen Ohren sicher stichhaltig, obschon es eben zur Vorsicht mahnende Stimmen schon damals gab.
Bartleby bleibt trotz allem mein Lieblingsbuch von Melville. Seltsam und verstörend, dass die besten Werke eines Schriftstellers diesen in die Armut, zur Annahme eines Amtes als Zollinspektor getrieben haben. Ob das in unserer Zeit wirklich besser ist: Ich weiß nicht ...
lg
orzifar