Author Topic: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine  (Read 7599 times)

Offline orzifar

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Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« on: 20. August 2012, 04.50 Uhr »
Hallo!

Angeregt durch Thomas' Interesse habe ich nun de la Mettries "Der Mensch eine Maschine" gelesen. Und etwaige weitere Interessenten seien gewarnt: Es lohnt nicht wirklich.

De la Mettrie verficht einen recht plumpen, mechanischen Materialismus, der dem damals aufkommenden, atheistischen Zeitgeist entsprach. Allerdings ist seine Arbeit völlig unstrukturiert, kein Konzept ist sichtbar, es gibt keine Kapitel, Überschriften, Gliederungen oder ähnliches. Und so wird man fortgesetzt mit ein und derselben Idee konfrontiert, mit zahlreichen Beispielen der Funktionsweisen des menschlichen bzw. tierischen Körpers, um im Grunde die eine Erkenntnis immer wieder an den Leser zu bringen: Dass es keinen Gegensatz zwischen Materie und Geist gäbe, dass die Seele (wobei sich M. zurecht beklagt, dass dieser Terminus zwar viel verwendet, nirgendwo aber definiert ist), der Geist offenbar etwas ist, das bestimmten, komplizierter werdenden Maschinen inhärent ist. (Erst heute habe ich eine Computerwissenschaftlerin sagen hören: Je komplizierter ein Programm, eine Maschine, desto geistvoller ist sie. Geist ist ein emergentes Merkmal von derlei Konstruktionen. - Ich würde ihr und La Mettrie grosso modo zustimmen.)

Dass das Ganze sich aber eher dürftig liest, liegt zum einen an der bereits erwähnten Unstrukturiertheit, zum anderen an der simplifizierenden Darstellung von Körperfunktionen (natürlich: Vieles konnte man damals nicht besser beschreiben). Dennoch: Unzählige Geschlechterklischees, Phrenologie, Physiognomie (Lavater war später), Klima- und Rassentheorien, Säftelehre. Trotzdem: Entscheidend ist der empirische Ansatz. La Mettrie versucht alles aus der Erfahrung herzuleiten - und gerade deshalb sind seine Ergebnisse, Erkenntnisse falsifizierbar. Dies unterscheidet seinen Entwurf wohltuend von metaphysischen oder theologischen Spekulationen und dies macht seine Ideen auch der Verbesserung zugängig (während metaphysische Systeme bei Problemen zumeist einen völligen Kollaps erleiden).

Ein weiterer wichtiger Gedanke: Er spricht häufig über die Zurechnungsfähigkeit, will den Arzt zum Richter machen, um zu sehen, ob es da etwas zu verurteilen gäbe oder ob nicht vielmehr der vermeintliche Delinquent für seine Taten nicht verantwortlich ist. (Erinnert an Pakistan von vor zwei Tagen, als ein am Down-Syndrom leidendes 11jähriges Mädchen verhaftet wurde und möglicherweise zum Tode verurteilt werden wird: Weil es einige Seiten eines Korans verbrannt hat - ohne von ihrem Tun zu wissen.) Ich weiß nicht, ob in der Rechtsgeschichte dieser Gedanke bereits zuvor in dieser Deutlichkeit ausgesprochen wurde, die Vehemenz, mit der er diese Meinung vertritt, scheint auf Gegenteiliges hinzuweisen.

Und er erwähnt auch Descartes (Anlass für einige Postings ;)): Allerdings hat er den Guten völlig missverstanden, denn er meint ihn vor allem dafür loben zu sollen, dass er die Tiere als Maschinen betrachtet hat. Dies nun hatte bei Descartes keinen materialistischen Hintergrund, sondern wurzelte in seiner dualistischen Konzeption. Hier wünscht la Mettrie einen Parteigänger zu finden, der Descartes mit ziemlicher Sicherheit nicht war (er vermutet, dass dieser die Seele nur der Theologen bzw. möglicher Schwierigkeiten wegen postulierte). Ich halte es - wie Russel - für verfehlt, am Glauben dieses Philosophen zu zweifeln.

Sein Enthusiasmus bezüglich der Biologie schießt ebenfalls weit übers Ziel hinaus: Er sieht den Hauptunterschied zwischen Tier und Mensch in der Erziehung, die erst die Potentiale der "Seele", des Geistes ausschöpft und meint, dass sicherlich auch Tiere (Affen) zu geistigen Leistungen fähig seien bzw. dass es möglich sein würde, dass viele Tiere bei entsprechender Dressur die Sprache erlernen könnten.

Ein Amusement am Rande: Der Herausgeber mokiert sich über die vielen, sexuell konnotierten Passagen. Das müsse nicht in dieser, Anstoß erregenden, expliziten Form sein. Beispiel für eine solche, unanständige Stelle gefällig: "[...] der Tumult des Blutes und der Geister, die mit außerordentlicher Schnelligkeit gallopieren und die kavernösen Körper zum Schwellen bringen." Ende der Unanständigkeit ;). Solche Stelle gibt es etwa 10 oder 12 im gesamten Buch - und deutlicher wird La Mettrie nicht. In einer Geschichte der Sexualmoral könnte derlei gut Verwendung finden.

lg

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Offline sandhofer

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #1 on: 20. August 2012, 06.57 Uhr »
Hallo!

Was hast Du denn für eine Ausgabe gelesen?

Grüsse

sandhofer
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Offline mombour

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #2 on: 20. August 2012, 09.38 Uhr »
"[...] der Tumult des Blutes und der Geister, die mit außerordentlicher Schnelligkeit gallopieren und die kavernösen Körper zum Schwellen bringen."
Den Text einzeln aus dem Zusammenhang gerissen hätte ich nicht verstanden.
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Offline Sir Thomas

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #3 on: 20. August 2012, 11.22 Uhr »
Angeregt durch Thomas' Interesse habe ich nun de la Mettries "Der Mensch eine Maschine" gelesen. Und etwaige weitere Interessenten seien gewarnt: Es lohnt nicht wirklich.

Das ist betrüblich. Mein Exemplar liegt ungelesen herum - und wird noch etwas länger in diesem Zustand verharren müssen. Dein Posting macht zumindest keine Lust auf eine Spontanlektüre.

Es grüßt

Tom

Offline orzifar

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #4 on: 20. August 2012, 14.46 Uhr »
Was hast Du denn für eine Ausgabe gelesen?

Hrsg. von Max Brahn, Verlag der Dürr'schen Buchhandlung, Leipzig 1909. (= Philosophische Bibliothek Bd 68)

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #5 on: 20. August 2012, 20.07 Uhr »
Hrsg. von Max Brahn, Verlag der Dürr'schen Buchhandlung, Leipzig 1909. (= Philosophische Bibliothek Bd 68)

Hm ... ist wohl ein bisschen gar alt. Ich habe hier eine zweisprachige Ausgabe des Meiner-Verlags (= Philosophische Bibliothek 407), hrsg. von Claudia Becker. Die ist - inkl. Textauswahl - so übel nicht; auch wenn ich Dir zustimme, dass la Mettrie nicht gerade ein grosser Denker vor dem Herrn war. Und was Descartes betrifft, meine ich, das schon irgendwo in diesem Forum moniert zu haben - da hast Du also meine volle Zustimmung. Philosophiegeschichtlich trotzdem lesenswert. Und wenn es nur ist, um zu beweisen, dass auch Atheismus nicht vor Dummheit und Voreingenommenheit schützt.   >:D
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Offline orzifar

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #6 on: 30. August 2012, 05.49 Uhr »
Nachtrag zu den moralphilosophischen Überlegungen la Mettries: Er verleugnet nicht die Existenz Gottes, er scheint vielmehr eine Art deistische Vorstellung zu haben: Wenn es ihn gibt dann ist dies niemand, der der Verehrung bedarf, er ist in gewisser Hinsicht außerweltlich (wie die Götter Epikurs). Und zur Notwendigkeit Gottes bzw. der Religion bezüglich der Moral (die etwa Voltaire für unabdingbar hält), stellt er schlicht fest, dass es sehr viele religiös-christliche Menschen gäbe, die sich nachweislich überhaupt nicht um Moral bekümmern würden, weshalb schon dadurch der Beweis erbracht wäre, dass Religion nicht zu einem besseren Leben führe. Hume wird dies weiterdenken und zeigen, dass es die Religion ist, die häufig zu einem moralisch anfechtbaren Dasein führt.

Der Materialismus führt nur sehr selten zu Konsequenzen in der Form von de Sade: Der dann auch das "Böse" in der Natur bejaht, eine Art des Sozialdarwinismus, einen Übermenschen postuliert und die Ungerechtigkeiten aller Art als natürlich ansieht (wobei er in dieser Hinsicht hinwiederum Recht haben dürfte). De Sade erinnert kurioserweise an Augustinus: Wie der Kirchenvater sieht er schon im Kleinkind das Böse, das Zerstörerische - nur während de Sade es bejaht als ein Naturgesetz, versucht Augustinus sein Glück im Gottesgnadentum zu finden. Und de Sade erinnert auch an Rousseau: Er hält die Zivilisation ebenfalls für ein Unding, für etwas, das die Menschen endgültig pervertiert. Während Rousseaus Mensch herzenseinfältig und gutwillig ist, ist der de Sades grausam - und er soll es im Sinne der "natürlichen" Gerechtigkeit des Stärkeren auch sein.

lg

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #7 on: 30. August 2012, 09.05 Uhr »
Der Materialismus führt nur sehr selten zu Konsequenzen in der Form von de Sade: Der dann auch das "Böse" in der Natur bejaht, eine Art des Sozialdarwinismus, einen Übermenschen postuliert und die Ungerechtigkeiten aller Art als natürlich ansieht ...

Hallo orzifar,

hast Du das aus den Romanen herausdestilliert, oder gibt es theoretische Abhandlungen des Herrn Marquis?

LG

Tom

Offline sandhofer

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #8 on: 30. August 2012, 12.27 Uhr »
Hallo!

Ich bin zwar nicht orzifar ...

hast Du das aus den Romanen herausdestilliert, oder gibt es theoretische Abhandlungen des Herrn Marquis?

Ich müsst's mal wieder lesen, aber ich meine, in La Philosophie dans le Boudoir (dt.: Die Philosophie im Boudoir) wird das im Rahmen einer Theorie der (Sexual-)Erziehung thematisiert.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #9 on: 30. August 2012, 18.20 Uhr »
hast Du das aus den Romanen herausdestilliert, oder gibt es theoretische Abhandlungen des Herrn Marquis?

In der "Justine" gibt es z. B. viele philosophische Exkurse, die teilweise auf fast frappierende Weise Nietzsches Übermenschen vorwegnehmen.

Justine lesen? :)

lg

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Offline sandhofer

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #10 on: 31. August 2012, 06.59 Uhr »
Justine lesen? :)

Fassung I, II oder III? - Aber ich habe gar keine Zeit im Moment ...
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Offline orzifar

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #11 on: 31. August 2012, 09.05 Uhr »
Keine Ahnung, ich hab nur eine Fassung :). Von Raoul Haller übertragen (1905) und ergänzt von der Herausgeberin, erschienen in einer 5bändigen Werkausgabe des Könemann-Verlages.

lg

orzifar
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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #12 on: 31. August 2012, 09.48 Uhr »
hast Du das aus den Romanen herausdestilliert, oder gibt es theoretische Abhandlungen des Herrn Marquis?

In der "Justine" gibt es z. B. viele philosophische Exkurse, die teilweise auf fast frappierende Weise Nietzsches Übermenschen vorwegnehmen.

Justine lesen? :)

Danke für den Hinweis. An einer Leserunde kann ich mich derzeit leider nicht beteiligen.

LG

Tom

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #13 on: 31. August 2012, 11.46 Uhr »
Von der "Justine" gibt's 3 Fassungen

- Les Infortunes de la vertu, 1787
- Justine ou les Malheurs de la vertu, 1791
- La Nouvelle Justine ou les Malheurs de la vertu, 1799

Eine radikaler als die vorhergehende. Ich selber habe I und II - für III reichte damals mein Mut nicht mehr ... Soll aber, sowohl was den Sadismus wie was de Sades Philosophie betrifft, die ergiebigste Version sein. Ist auch die längste. Aber eine Leserunde müsste eine Zeitlang warten ...
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Offline orzifar

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Re: Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch eine Maschine
« Reply #14 on: 31. August 2012, 18.12 Uhr »
Hallo,

handelt sich bei mir offenbar um die Ausgabe von 1791.

lg

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