Hallo!
Angeregt durch Thomas' Interesse habe ich nun de la Mettries "Der Mensch eine Maschine" gelesen. Und etwaige weitere Interessenten seien gewarnt: Es lohnt nicht wirklich.
De la Mettrie verficht einen recht plumpen, mechanischen Materialismus, der dem damals aufkommenden, atheistischen Zeitgeist entsprach. Allerdings ist seine Arbeit völlig unstrukturiert, kein Konzept ist sichtbar, es gibt keine Kapitel, Überschriften, Gliederungen oder ähnliches. Und so wird man fortgesetzt mit ein und derselben Idee konfrontiert, mit zahlreichen Beispielen der Funktionsweisen des menschlichen bzw. tierischen Körpers, um im Grunde die eine Erkenntnis immer wieder an den Leser zu bringen: Dass es keinen Gegensatz zwischen Materie und Geist gäbe, dass die Seele (wobei sich M. zurecht beklagt, dass dieser Terminus zwar viel verwendet, nirgendwo aber definiert ist), der Geist offenbar etwas ist, das bestimmten, komplizierter werdenden Maschinen inhärent ist. (Erst heute habe ich eine Computerwissenschaftlerin sagen hören: Je komplizierter ein Programm, eine Maschine, desto geistvoller ist sie. Geist ist ein emergentes Merkmal von derlei Konstruktionen. - Ich würde ihr und La Mettrie grosso modo zustimmen.)
Dass das Ganze sich aber eher dürftig liest, liegt zum einen an der bereits erwähnten Unstrukturiertheit, zum anderen an der simplifizierenden Darstellung von Körperfunktionen (natürlich: Vieles konnte man damals nicht besser beschreiben). Dennoch: Unzählige Geschlechterklischees, Phrenologie, Physiognomie (Lavater war später), Klima- und Rassentheorien, Säftelehre. Trotzdem: Entscheidend ist der empirische Ansatz. La Mettrie versucht alles aus der Erfahrung herzuleiten - und gerade deshalb sind seine Ergebnisse, Erkenntnisse falsifizierbar. Dies unterscheidet seinen Entwurf wohltuend von metaphysischen oder theologischen Spekulationen und dies macht seine Ideen auch der Verbesserung zugängig (während metaphysische Systeme bei Problemen zumeist einen völligen Kollaps erleiden).
Ein weiterer wichtiger Gedanke: Er spricht häufig über die Zurechnungsfähigkeit, will den Arzt zum Richter machen, um zu sehen, ob es da etwas zu verurteilen gäbe oder ob nicht vielmehr der vermeintliche Delinquent für seine Taten nicht verantwortlich ist. (Erinnert an Pakistan von vor zwei Tagen, als ein am Down-Syndrom leidendes 11jähriges Mädchen verhaftet wurde und möglicherweise zum Tode verurteilt werden wird: Weil es einige Seiten eines Korans verbrannt hat - ohne von ihrem Tun zu wissen.) Ich weiß nicht, ob in der Rechtsgeschichte dieser Gedanke bereits zuvor in dieser Deutlichkeit ausgesprochen wurde, die Vehemenz, mit der er diese Meinung vertritt, scheint auf Gegenteiliges hinzuweisen.
Und er erwähnt auch Descartes (Anlass für einige Postings

): Allerdings hat er den Guten völlig missverstanden, denn er meint ihn vor allem dafür loben zu sollen, dass er die Tiere als Maschinen betrachtet hat. Dies nun hatte bei Descartes keinen materialistischen Hintergrund, sondern wurzelte in seiner dualistischen Konzeption. Hier wünscht la Mettrie einen Parteigänger zu finden, der Descartes mit ziemlicher Sicherheit nicht war (er vermutet, dass dieser die Seele nur der Theologen bzw. möglicher Schwierigkeiten wegen postulierte). Ich halte es - wie Russel - für verfehlt, am Glauben dieses Philosophen zu zweifeln.
Sein Enthusiasmus bezüglich der Biologie schießt ebenfalls weit übers Ziel hinaus: Er sieht den Hauptunterschied zwischen Tier und Mensch in der Erziehung, die erst die Potentiale der "Seele", des Geistes ausschöpft und meint, dass sicherlich auch Tiere (Affen) zu geistigen Leistungen fähig seien bzw. dass es möglich sein würde, dass viele Tiere bei entsprechender Dressur die Sprache erlernen könnten.
Ein Amusement am Rande: Der Herausgeber mokiert sich über die vielen, sexuell konnotierten Passagen. Das müsse nicht in dieser, Anstoß erregenden, expliziten Form sein. Beispiel für eine solche, unanständige Stelle gefällig: "[...] der Tumult des Blutes und der Geister, die mit außerordentlicher Schnelligkeit gallopieren und die kavernösen Körper zum Schwellen bringen." Ende der Unanständigkeit

. Solche Stelle gibt es etwa 10 oder 12 im gesamten Buch - und deutlicher wird La Mettrie nicht. In einer Geschichte der Sexualmoral könnte derlei gut Verwendung finden.
lg
orzifar