Hallo!
Eine schöne, ansprechend geschriebene Biographie, derer es zu Jean Paul (im Gegensatz zu seinen klassischen Mitstreitern (Antipoden?)) ohnehin nicht allzu viele gibt. Wie de Bruyn im Nachwort schreibt: Es mangelt nicht an Einzeluntersuchungen zu bestimmten Aspekten des Werkes, aber wirklich gelesen wird Jean Paul doch selten bis gar nicht, weshalb auch die biographische Lücke als so drängend nicht empfunden wird.
Der Autor versucht weniger eine Werkanalyse (tatsächlich kommen solche Belange ein bisschen zu kurz), als vielmehr das Leben des Dichters unter Berücksichtigung der politischen und sozialen Hintergründe darzustellen. Und dies gelingt ihm hervorragend: Im Deutschland der kleinen Fürstentümer ist man als Schriftsteller, Philosoph immer noch auf die Gunst der Reichen, Adeligen angewiesen, die Zahl der besoldeten Hauslehrer ist Legion und um vom Schreiben leben zu können braucht man neben dem Glauben an sich selbst (den Richter durchaus besitzt) die Fähigkeit, sich in bescheidene Verhältnisse zu fügen. Und das nötige Glück bzw. die Ausdauer: Etwa auf einen Erfolg wie den des Hesperus warten zu können, ein Erfolg, der noch heute überrascht (sind doch viele der nachfolgenden Romane lesbarer, gerundeter) und den Richter in dieser Form nicht mehr wird wiederholen können.
Jean Paul gelingt es ganz ohne Sinekure (nun, nicht ganz: Er erhält von Karl Theodor Dalberg während der napoleonischen Wirren, später vom bayrischen Staat Zuschüsse) als erstem, von seinen Einkünften als Schriftsteller zu leben. Verehrt - vor allem von den Damen - widersteht er den Versuchungen reicher (unstandesgemäßer) Heiraten, widersetzt sich den klassischen Ansprüchen eines Goethe oder Schiller (den er - was auf Gegenseitigkeit beruht - unerträglich findet), nimmt zwar dankbar die Avancen der großen Welt entgegen, zieht sich aber dann doch lieber in seine kleinstädtische Umgebung zurück. Im Grunde scheint er diese große Welt einzig als Stoff für seinen "Titan" zu missbrauchen - und im Vergleich zu anderen Werken (etwa dem Siebenkäs) spürt man, dass er sich in der kleinbürgerlichen Luft sehr viel wohler und heimischer fühlt. Seine Heirat mit einer Beamtentochter, sein Rückzug nach Bayreuth sind Ergebnisse dieser seiner Grundhaltung.
Und doch scheint ihm gerade die Ehe nicht wirklich gut zu tun: Er bleibt vielmehr mit seinem Schreiben, seinen Büchern verheiratet, ertränkt seine Unzufriedenheit in Unmengen des von außerhalb zu importierenden Gerstensaftes und zieht sich schließlich immer öfter in die "Rollwenzelei" zurück: Einen kleinen Gasthof, in dem die ihn verehrende Wirtin ihm einen Raum zum Schreiben, zum Sein zur Verfügung stellt.
Eines noch mutet ein wenig seltsam an in dieser Biographie: Die mehrmalige, etwas umotiviert erscheinende Erwähnung von Marx und Engels. Als ob eine solche Erwähnung für das Erscheinen eines Buches in den 70iger Jahren der DDR konstituierend wäre bzw. ein "placet" der Behörde nur durch ein solches namedropping erreicht werden könne. Insgesamt aber eine sehr angenehm zu lesende Lebensbeschreibung, die die Neugier des Jean-Paul-Lesers vollauf zu befriedigen vermag.
lg
orzifar