Author Topic: Günter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter  (Read 2651 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Eine schöne, ansprechend geschriebene Biographie, derer es zu Jean Paul (im Gegensatz zu seinen klassischen Mitstreitern (Antipoden?)) ohnehin nicht allzu viele gibt. Wie de Bruyn im Nachwort schreibt: Es mangelt nicht an Einzeluntersuchungen zu bestimmten Aspekten des Werkes, aber wirklich gelesen wird Jean Paul doch selten bis gar nicht, weshalb auch die biographische Lücke als so drängend nicht empfunden wird.

Der Autor versucht weniger eine Werkanalyse (tatsächlich kommen solche Belange ein bisschen zu kurz), als vielmehr das Leben des Dichters unter Berücksichtigung der politischen und sozialen Hintergründe darzustellen. Und dies gelingt ihm hervorragend: Im Deutschland der kleinen Fürstentümer ist man als Schriftsteller, Philosoph immer noch auf die Gunst der Reichen, Adeligen angewiesen, die Zahl der besoldeten Hauslehrer ist Legion und um vom Schreiben leben zu können braucht man neben dem Glauben an sich selbst (den Richter durchaus besitzt) die Fähigkeit, sich in bescheidene Verhältnisse zu fügen. Und das nötige Glück bzw. die Ausdauer: Etwa auf einen Erfolg wie den des Hesperus warten zu können, ein Erfolg, der noch heute überrascht (sind doch viele der nachfolgenden Romane lesbarer, gerundeter) und den Richter in dieser Form nicht mehr wird wiederholen können.

Jean Paul gelingt es ganz ohne Sinekure (nun, nicht ganz: Er erhält von Karl Theodor Dalberg während der napoleonischen Wirren, später vom bayrischen Staat Zuschüsse) als erstem, von seinen Einkünften als Schriftsteller zu leben. Verehrt - vor allem von den Damen - widersteht er den Versuchungen reicher (unstandesgemäßer) Heiraten, widersetzt sich den klassischen Ansprüchen eines Goethe oder Schiller (den er - was auf Gegenseitigkeit beruht - unerträglich findet), nimmt zwar dankbar die Avancen der großen Welt entgegen, zieht sich aber dann doch lieber in seine kleinstädtische Umgebung zurück. Im Grunde scheint er diese große Welt einzig als Stoff für seinen "Titan" zu missbrauchen - und im Vergleich zu anderen Werken (etwa dem Siebenkäs) spürt man, dass er sich in der kleinbürgerlichen Luft sehr viel wohler und heimischer fühlt. Seine Heirat mit einer Beamtentochter, sein Rückzug nach Bayreuth sind Ergebnisse dieser seiner Grundhaltung.

Und doch scheint ihm gerade die Ehe nicht wirklich gut zu tun: Er bleibt vielmehr mit seinem Schreiben, seinen Büchern verheiratet, ertränkt seine Unzufriedenheit in Unmengen des von außerhalb zu importierenden Gerstensaftes und zieht sich schließlich immer öfter in die "Rollwenzelei" zurück: Einen kleinen Gasthof, in dem die ihn verehrende Wirtin ihm einen Raum zum Schreiben, zum Sein zur Verfügung stellt.

Eines noch mutet ein wenig seltsam an in dieser Biographie: Die mehrmalige, etwas umotiviert erscheinende Erwähnung von Marx und Engels. Als ob eine solche Erwähnung für das Erscheinen eines Buches in den 70iger Jahren der DDR konstituierend wäre bzw. ein "placet" der Behörde nur durch ein solches namedropping erreicht werden könne. Insgesamt aber eine sehr angenehm zu lesende Lebensbeschreibung, die die Neugier des Jean-Paul-Lesers vollauf zu befriedigen vermag.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Günter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter
« Reply #1 on: 29. Juli 2012, 21.02 Uhr »
Hallo!

Irgendwie werde ich manchmal aus der Welt nicht schlau. Ich habe de Bruyns Richter-Biografie gelesen, als sie noch ganz frisch im Westen war. Da war ich auch noch ganz frisch und sicher eher links als rechts einzustufen. Dennoch ist mir nicht nur diese Marx-und-Engels-Erwähn-Manie aufgefallen (und zwar negativ!), sondern ich fand den ganzen Richter in einen marxistisch-leninistischen, DDR-konformen Arbeiterhelden und Fürsten-Verachter umgebogen. Jean Paul stand der Französischen Revolution sicher positiver gegenüber als Goethe oder Schiller - aber dennoch ...

Und jetzt kommst auch Du noch und findest diese Biografie so schlecht nicht ...

Gibt es eine zweite, quasi post-DDR-Fassung?

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Günter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter
« Reply #2 on: 29. Juli 2012, 22.05 Uhr »
Hallo!

Ist ja lustig. Meine Ausgabe ist aus den 70igern, insofern kaum abgeändert. Marx wird - wenn mich mein Erinnerungsvermögen nicht täuscht - 4 mal erwähnt (und zwar zumeist in einem Zusammenhang, der sehr konstruiert, fast schon witzig erscheint: Bei Erwähnung (irgendeiner) Jahreszahl wird plötzlich Bezug genommen auf Marxens Geburtsdatum oder eines seiner Werke; jedenfalls ergibt sich dieses Erwähnen nicht aus dem Inhalt, deshalb mein Verdacht mit dem Lektor).

Wie Jean Paul nun "wirklich" war weiß ich nicht; ich kannte sein Leben bisher nur aus der Literaturgeschichte und die dortigen Darstellungen schienen sich (außer in der Ausführlichkeit) in nichts von dem zu unterscheiden, was de Bruyn hier schreibt. Aber von einem marxistisch-leninistischen Arbeithelden habe ich keine Spur gefunden. De Bruyn versuchte sogar Fichte einigermaßen gerecht zu werden, indem er dessen nationalistische Anwandlungen im Spiegel der Zeit sah bzw. relativierte. Ich konnte jedenfalls (fast) nichts von einem auf links gebürsteten Jean Paul entdecken, etwas, worauf ich normalerweise (ob links oder rechts) sehr allergisch reagiere. Vielleicht reden wir wieder mal nicht vom gleichen (Buch)?? ;)

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Günter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter
« Reply #3 on: 30. Juli 2012, 06.54 Uhr »
Hallo!

Sodele, heute Nacht hatte ich die Erleuchtung. Ich war tatsächlich mal wieder wo anders. Das Buch, das mir die längste Zeit im Kopf herumschwirrt, ist

HARICH, WOLFGANG:
Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer neuen Deutung seiner heroischen Romane. 1974 bei Rowohlt erschienen. Auch ein DDR-Import, damals ...

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Günter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter
« Reply #4 on: 30. Juli 2012, 08.17 Uhr »
Sodele, heute Nacht hatte ich die Erleuchtung. Ich war tatsächlich mal wieder wo anders. Das Buch, das mir die längste Zeit im Kopf herumschwirrt, ist

Das war's also, was den Nachthimmel erhellte (und nicht das vermutete Gewitter). - Aber ich bin beruhigt, eine solch unterschiedliche Sichtweise hätte mich mehr als verwundert.

lg

orzifar
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