Hallo!
In späteren Jahren scheint Wittgenstein sein Verhalten den Volksschülern gegenüber gequält zu haben und er hat es unternommen, sich bei diesen Schülern zu entschuldigen (er fuhr extra nochmal aufs Land). Allerdings muten alle diese Dinge bei W. immer selbstquälerisch an, sie haben etwas Flagellantisches, Masochistisches an sich. Die Tatsache, dass W. sich mit fast 50 Jahren noch Zweifeln ob der Sündhaftigkeit der Onanie hingibt, ist Zeichen für eine völlig verquere (Sexual-)Moral. (Ich habe auch ein wenig in seinen Tagebüchern gelesen und seltsame Parallelen zu der derzeitigen Leserunde festgestellt: W. übt sich ebenso wie Augustinus in obsessiver Introspektion - mit eben dem gleichen Ergebnis der Sünd- und Triebhaftigkeit. Ich zweifle, ob das Triebleben dieser Personen tatsächlich so viel stärker als das des Durchschnitts ist, vermute eher, dass durch die besessen anmutende Art der Beschäftigung, durch die Gleichsetzung von Sünde und Sexualität, ein solcher Eindruck entsteht.)
Die Sexualmoral ist nun natürlich für einen Logiker zweitrangig, nicht aber für jemanden, der - wie W. in seiner Spätphase - v. a. über jene Bereiche zu sprechen sich anschickt, die er in seinem Tractatus noch als der Sprache unzugängig bezeichnete. Der andere, sich negativ auswirkende Einfluss kommt von Spengler: Dessen Weltuntergangsszenario er übernimmt, weshalb er sich in den letzten Lebensjahrzehnten um das "ad absurdum-Führen" der logisch-mathematischen Programme von Russel, Whitehead, Frege & Co. bemüht, da diese Form der Wissenschaft ein Signum für die untergehende Kultur sei.
Diese Form des Philosophierens (dogmatisch und im Bemühen, auf logische Beweisführungen zu verzichten) fordert einen bestimmten Typus des Zuhörers: Den apostolischen Verehrer, der mehr auf den Menschen als auf das Vorgetragene horcht. Und wenn sich W. auch kontroversen Diskussionen in seinen Vorlesungen nicht entzog (etwa mit A. Turing), so wurden Kritiker dieser Art des Philosophierens im Kreis einer Jüngerschaft bald müde. Außerdem versuchte W. immer wieder, auf das Leben seiner Zuhörer Einfluss zu nehmen, riet ihnen, die Universität zu verlassen und einen - meist handwerklichen - Beruf zu ergreifen, lebensphilosophische Programme also, die bei einem Menschen, der sich ernsthaft Gedanken über die Sündhaftigkeit des Selbstbefriedigung macht, nur in Jüngerkreisen auf fruchtbaren Boden fallen können.
Zum Buch selbst: Ärgerlich ist, dass Monk auf einen Index verzichtet hat, eine für mich völlig unverständliche Tatsache, die das Auffinden von Textstellen im nachhinein unnötig erschwert. Davon abgesehen erhält man den Eindruck einer gut recherchierten, objektiven Lebenbeschreibung.
lg
orzifar