Author Topic: Ray Monk: Wittgenstein  (Read 5906 times)

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Ray Monk: Wittgenstein
« on: 25. Juli 2012, 21.46 Uhr »
Hallo!

Ich war nie ein besonderer Wittgenstein-Fan (den besten Eindruck hinterließen die logischen Teile des Tractatus, in dem der Versuch einer Klärung des Zusammenhangs von Welt und Sprache unternommen wurde, wenngleich mich der Anspruch, dass "mit diesem Buch die grundlegenden Probleme der Philosophie gelöst seien", störte; nicht des Anspruchs wegen, sondern wegen der in diesem Anspruch steckenden Dummheit). Nun aber, seit dem Lesen dieser Biographie, wird mir mein Unbehagen mit den wittgensteinschen Schriften erklärlicher: Jemand, der sich an Weininger (diesen empfahl er noch in Cambridge seinen Studenten) und Spengler orientiert, der kaum einen Tagebucheintrag während des Krieges ohne Gottesbezug zu schreiben imstande ist, der ernsthaft in bezug auf Sexualität von Sündhaftigkeit und Reinheit spricht, der - Weininger steht Pate - Frauen die Universität verbieten will, da diese doch nur mit den Professoren ins Bett wollen, ein solcher Jemand ist schlicht das, was ich als Idioten bezeichnen würde.

Dazu kommt die typische Doppelmoral dessen, der ständig Ethisches in den Mund nimmt: Vor lauter Gedanken an Reinheit und Sünde kommt es ihm kaum in den Sinn, dass das regelmäßige (keinesfalls nur sporadische) Prügeln von Schülern (insbesondere Mädchen, da diese mit seinen algebraischen Forderungen noch weniger zurande kamen) auch ein Verhalten sein könnte, dass mit ethischen Maßstäben gemessen werden sollte. (Selbst als er einen Schüler bewusstlos schlug, schien ihn weniger die Tatsache an sich, als vielmehr die sich daraus ergebenden Kalamitäten zu kümmern.) Ähnlich sein Verhalten im Ersten Weltkrieg: Getrieben von einer masochistischen Todessehnsucht drängt es ihn mit aller Macht an die Front, wobei dieser sein Wunsch nirgendwo dem Gedanken Raum gibt, dass dieser Todeskitzel vom russischen oder italienischen Gegenüber vielleicht nicht geteilt wird, dass der im hehren Kampf Erschossene möglicherweise gerne gelebt hätte.

Nun kann jemand zweifelsohne ein Arschloch sein - und ein großer Philosoph. Aber mir erklären sich nun die metaphysischen Anwandlungen, die ich immer in seinem Spätwerk zu erkennen vermeinte. Apodiktisch, auf Apostel und Jünger bezogen: "Thesen in der Philosophie dürfen zu keinen Diskussionen Anlass geben. Wenn man Klarheit erreicht, so kann es kein Bedenken und Sträuben mehr geben." Im Grunde ist das nichts anderes als der schon früher (bei Brentano oder Husserl) durchgeführte Versuch, durch Evidenzerlebnisse Wahrheiten zu gewinnen. (So nebenher meine ich jetzt auch Poppers Ablehnung gegenüber W. besser zu verstehen.) Und: Nein, die Biographie ist nicht von jemandem geschrieben, der wittgensteinfeindlich eingestellt ist - im Gegenteil: Monk lässt keinen Zweifel an seiner Achtung vor Wittgensteins Werk und Leben, auch wenn er sich seiner Aufgaben kritisch widmet.

lg

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Offline sandhofer

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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #1 on: 26. Juli 2012, 19.45 Uhr »
Hallo!

Na ja - mit Weininger teilt Wittgenstein den Umstand, dass er homosexuell und sehr triebhaft veranlagt ist, mit beidem im Widerspruch zur gängigen Moral steht, die er eigentlich teilt. Da er - wie Weininger - den Homosexuellen als mehr Weib denn Mann versteht, ist es demnach kein Wunder, wenn er seine eigene (homosexuelle) Triebhaftigkeit auch dem "Weib" unterstellt.

An den Gottesbezug kann ich mich nicht erinnern - aber dann habe ich vor allem die Tagebücher aus den 30er Jahren gelesen.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #2 on: 26. Juli 2012, 20.17 Uhr »
Hallo!

Ob er nun besonders triebhaft war, vermag ich nicht zu beurteilen; sicher aber hat die verbotene homosexuelle Neigung ihn zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit der (seiner) Sexualität geführt. Das kann, muss aber nicht zu dem psychopathologischen Gedankengebilde Weiningers führen; Wilde, Gide, Proust haben jeweils andere Formen des Umgangs mit dieser Neigung gefunden.

Das wirkliche Problem liegt darin, dass eine (den Zeitumständen entsprechend verständliche) Form des Umgangs mit seiner Sexualität zu philosophisch-ethischen Auslassungen führt, die schlicht dämlich sind. Ich verstehe Russel (nebst seinem Traum von einer pazifistisch-freiheitlichen Weltordnung) nun sehr viel besser, der nach seinem Gespräch mit W. von diesem, seinem Religions- und Kriegspathos angewidert war und sich von ihm persönlich zurückzog. Wobei man Russel noch zugute halten muss, dass er ihn indirekt immer wieder unterstützt hat. Ein wenig erinnert das an Nietzsche: Wenn einer - vermeintliche - persönliche Defizite meint durch seine Philosophie kompensieren zu müssen, wird aus solchen Schriften ein etwas ungustiöses, prätentiöses Werk, das weniger die Welt als die eigene Person zum Inhalt hat.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #3 on: 26. Juli 2012, 21.07 Uhr »
Ob er nun besonders triebhaft war, vermag ich nicht zu beurteilen;

Soweit ich mich an (spätere!) Tagbucheinträge erinnern kann: Ja.

muss aber nicht zu dem psychopathologischen Gedankengebilde Weiningers führen; Wilde, Gide, Proust

Jetzt verlässt Du den deutschen Sprachraum. Dort - und insbesondere in Wien - galt Weiningers Dissertation als Spitze der Forschung. Auch Freud hat ja bekanntlich von Weininger abgekupfert.

Das wirkliche Problem liegt darin, dass eine (den Zeitumständen entsprechend verständliche) Form des Umgangs mit seiner Sexualität zu philosophisch-ethischen Auslassungen führt, die schlicht dämlich sind.

Gut, Ethik war Wittgensteins Ding nicht ...  ;)

wird aus solchen Schriften ein etwas ungustiöses, prätentiöses Werk, das weniger die Welt als die eigene Person zum Inhalt hat.

Ich habe die Philosophischen Untersuchungen nicht derart egozentrisch in Erinnerung ...

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #4 on: 26. Juli 2012, 22.22 Uhr »
Jetzt verlässt Du den deutschen Sprachraum. Dort - und insbesondere in Wien - galt Weiningers Dissertation als Spitze der Forschung. Auch Freud hat ja bekanntlich von Weininger abgekupfert.

Ein mit großen Einschränkungen verbundenes "jein". Viele Künstler fühlten sich von Weininger angezogen, bei Forschern oder Wissenschaftlern (etwa im Wiener Kreis um Schlick) wurde dessen Buch höchstens als Kuriosum zur Kenntnis genommen. Wittgenstein war unter Philosophen diesbezüglich die Ausnahme, ich wüsste niemanden, der Weininger noch empfohlen hätte ;).

Gut, Ethik war Wittgensteins Ding nicht ...  ;)

Nur leider hat er sich als Ethiker betrachtet ...

lg

orzifar
« Last Edit: 27. Juli 2012, 00.10 Uhr by orzifar »
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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #5 on: 27. Juli 2012, 20.09 Uhr »
Nur leider hat er sich als Ethiker betrachtet ...

Ja? Muss nach meiner Zeit gewesen sein ...  :)
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Offline orzifar

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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #6 on: 27. Juli 2012, 22.28 Uhr »
Nur leider hat er sich als Ethiker betrachtet ...

Ja? Muss nach meiner Zeit gewesen sein ...  :)

Na, da kokettiert aber einer mit seinen grauen Strähnchen ;). So alt bist du nun auch wieder nicht.
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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #7 on: 28. Juli 2012, 06.38 Uhr »
Na, da kokettiert aber einer mit seinen grauen Strähnchen ;). So alt bist du nun auch wieder nicht.


Nö. Aber meine Beschäftigung mit Wittgenstein. Und irgendwie ist der Ethiker Wittgenstein an mir vorübergegangen. Vielleicht kannte man ihn vor mehr als einem Vierteljahrhundert noch gar nicht? Ich weiss nicht.
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Offline orzifar

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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #8 on: 29. Juli 2012, 00.18 Uhr »
Na, da kokettiert aber einer mit seinen grauen Strähnchen ;). So alt bist du nun auch wieder nicht.


Nö. Aber meine Beschäftigung mit Wittgenstein. Und irgendwie ist der Ethiker Wittgenstein an mir vorübergegangen. Vielleicht kannte man ihn vor mehr als einem Vierteljahrhundert noch gar nicht? Ich weiss nicht.

Im Thread zu "Wittgensteins Wien" klangst du noch anders. Oder aber wir reden mit Inbrunst aneinander vorbei ;).

lg

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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #9 on: 29. Juli 2012, 06.37 Uhr »
Oder aber wir reden mit Inbrunst aneinander vorbei ;).

Tun wir, stelle ich gerade fest.

Ich bezog mich im dortigen Thread bei

Zum Zeitpunkt, als Janik/Toulmin erschien, war dieser Gesichtspunkt neu.

eigentlich ausschliesslich auf den Einbezug des sozialen, ästhetischen etc. Umfelds in die Wittgenstein-Interpretation. Nämlich:

Kraus, Schönberg oder Loos als Reaktion auf die kitschig-ästhetisierende Kunstsammlerei der Gründerzeit, puristische Kunst, aller dekorativen Arabesken entkleidet. Mittendrin Wittgenstein, der im Tractatus das Denken dieser Zeit in nuce zusammenfasst.

Bei:

Neu - im Sinne von "nicht dem üblichen Interpretationsschema entsprechend" - ist die moralisch-ethische Komponente des Tractatus, der ja häufig als reine Sprachkritik betrachtet wurde. Und seine starke Einbettung in das kulturelle Lebensgefühl dieser untergehenden kakanischen Welt.

habe ich dann vor allem den zweiten Satz gelesen. Aber Du hast Recht, ich habe mir in diesem Thread hier im Grunde genommen widersprochen. Wohl, weil ich die Sprachkritik Wittgensteins irgendwie immer erst in vierter oder fünfter Linie (also praktisch gar nicht) als ethisch relevanten Vorgang einstufe. Aber es stimmt schon, über diese Hintertür führt Wittgenstein einen ethischen Diskurs fort.
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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #10 on: 31. Juli 2012, 00.28 Uhr »
Hallo!

In späteren Jahren scheint Wittgenstein sein Verhalten den Volksschülern gegenüber gequält zu haben und er hat es unternommen, sich bei diesen Schülern zu entschuldigen (er fuhr extra nochmal aufs Land). Allerdings muten alle diese Dinge bei W. immer selbstquälerisch an, sie haben etwas Flagellantisches, Masochistisches an sich. Die Tatsache, dass W. sich mit fast 50 Jahren noch Zweifeln ob der Sündhaftigkeit der Onanie hingibt, ist Zeichen für eine völlig verquere (Sexual-)Moral. (Ich habe auch ein wenig in seinen Tagebüchern gelesen und seltsame Parallelen zu der derzeitigen Leserunde festgestellt: W. übt sich ebenso wie Augustinus in obsessiver Introspektion - mit eben dem gleichen Ergebnis der Sünd- und Triebhaftigkeit. Ich zweifle, ob das Triebleben dieser Personen tatsächlich so viel stärker als das des Durchschnitts ist, vermute eher, dass durch die besessen anmutende Art der Beschäftigung, durch die Gleichsetzung von Sünde und Sexualität, ein solcher Eindruck entsteht.)

Die Sexualmoral ist nun natürlich für einen Logiker zweitrangig, nicht aber für jemanden, der - wie W. in seiner Spätphase - v. a. über jene Bereiche zu sprechen sich anschickt, die er in seinem Tractatus noch als der Sprache unzugängig bezeichnete. Der andere, sich negativ auswirkende Einfluss kommt von Spengler: Dessen Weltuntergangsszenario er übernimmt, weshalb er sich in den letzten Lebensjahrzehnten um das "ad absurdum-Führen" der logisch-mathematischen Programme von Russel, Whitehead, Frege & Co. bemüht, da diese Form der Wissenschaft ein Signum für die untergehende Kultur sei.

Diese Form des Philosophierens (dogmatisch und im Bemühen, auf logische Beweisführungen zu verzichten) fordert einen bestimmten Typus des Zuhörers: Den apostolischen Verehrer, der mehr auf den Menschen als auf das Vorgetragene horcht. Und wenn sich W. auch kontroversen Diskussionen in seinen Vorlesungen nicht entzog (etwa mit A. Turing), so wurden Kritiker dieser Art des Philosophierens im Kreis einer Jüngerschaft bald müde. Außerdem versuchte W. immer wieder, auf das Leben seiner Zuhörer Einfluss zu nehmen, riet ihnen, die Universität zu verlassen und einen - meist handwerklichen - Beruf zu ergreifen, lebensphilosophische Programme also, die bei einem Menschen, der sich ernsthaft Gedanken über die Sündhaftigkeit des Selbstbefriedigung macht, nur in Jüngerkreisen auf fruchtbaren Boden fallen können.

Zum Buch selbst: Ärgerlich ist, dass Monk auf einen Index verzichtet hat, eine für mich völlig unverständliche Tatsache, die das Auffinden von Textstellen im nachhinein unnötig erschwert. Davon abgesehen erhält man den Eindruck einer gut recherchierten, objektiven Lebenbeschreibung.

lg

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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #11 on: 31. Juli 2012, 15.44 Uhr »
Hallo

Wittgenstein hatte zweifellos so seine Probleme mit der Sexualität. Allerdings war er nicht der einzige. Im selben Land wurde zur selben Zeit der bereits angesprochene Turing ob seiner Homosexualität chemisch kastriert.

Gruß
sandhofer
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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #12 on: 31. Juli 2012, 19.00 Uhr »
Ich zweifle nicht im mindesten daran, dass der gesellschaftliche Druck auf Homosexuelle enorm war (und ist), Turing war ein besonders tragischer Fall. Das mag bei W. einiges erklären und verständlich machen, den Hintergrund bilden für seine verquere (Sexual-)Moral: Aber es macht sie als ethisches Modell nicht plausibler. Wie es zu seiner Wissenschaftsfeindlichkeit kam, ist eines, ein anderes die Beurteilung seiner - letztlich metaphysischen, an Spengler orientierten - Spätschriften.

lg

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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #13 on: 02. August 2012, 18.27 Uhr »
Hallo!

Ein wenig unzufrieden mit den letzten 150 Seiten der Biographie: Zum einen nehmen die Zitate überhand, zum anderen ist die Darstellung von Wittgensteins Spätwerk einigermaßen konfus. Monk versteht es nicht, die gedankliche Entwicklung W.s anhand von Werkzitaten nachvollziehbar zu machen. Dazu dann der unvermeidliche Seitenhieb auf Popper: Die "Offene Gesellschaft" wird in einem Nebensatz erwähnt und als obskure Zusammenfassung der Philosophie von Platon, Hegel und Marx abgetan. Dass die beiden einander nicht besonders mochten ist bekannt, ihre jeweiligen Anhänger pflegen diese Abneigung in (ver-)störender Weise immer weiter, eine so unnötige wie kindische Attitüde.

Erst ganz am Ende des Buches gelingt es Monk, eine Vorstellung davon zu erzeugen, was W. unter Sprachspielen verstand (ein mit W.s Werk unvertrauter Leser wird über viele Kapitel kaum etwas verstehen), seine Kritik der Logik darzustellen. Diese Bereiche waren ungeheuer fruchtbar für die weitere Philosophiegeschichte, anderes hingegen wirkt eher peinlich und dumm: So etwa die Kritik an Darwin, dessen Theorie für die Mannigfaltigkeit der Welt zu "einfach" sei. Gerade in diesen, außerphilosophischen Bereichen huldigt W. einem teilweise an Goethe orientierten Ansatz metphysischer Provenienz, der für einen großen Denker ein wenig seltsam anmutet. (Und ein Bereich von W.s Arbeit wurde mir auch durch dieses Buch nicht einsichtiger: Jener des "Aspektsehens", womit W. sich lange beschäftigt hat, der mir aber schlicht evolutionär bedingt erscheint und bei weitem nicht jene Komplexität und Schwierigkeit nach sich zieht, die W. in ihm sehen zu können glaubt.)

Ansonsten: Lesbar, um Objektivität bemüht, das Bemühen aber nicht immer von Erfolg gekrönt.

lg

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Offline sandhofer

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Re: Ray Monk: Wittgenstein
« Reply #14 on: 03. August 2012, 21.04 Uhr »
Hallo!

Es ist mir schon des öfteren - z.B. beim Wiener Kreis - aufgefallen, dass die meisten Philosophen entweder den Tractatus oder die Philosophischen Untersuchungen (sprich: den Sprachspiel-Wittgenstein) verstehen / schätzen / lieben. Vom Privatmenschen Wittgenstein mal ganz abgesehen. Monks Biografie kannte ich, wie gesagt, nicht. Und ich denke nicht, dass ich sie lesen werde. (Oder Wittgenstein - quant à ça ...)

Grüsse

sandhofer
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