Der Roman folgt dem Sprichwort „Gleiches gesellt sich zum Gleichen“. Der Ehrenkodex des preußischen Adels lässt nur eine standesgemäße Ehe zu. Eine Ehe zwischen dem Baron Botho von Rienäcker und der Plätterin Lene Nimptsch, darf also nicht sein, wird auch nicht vollzogen. Stattdessen gleiten sie in andere ehelichen Verbindungen ein, in denen ihr Unglück vorprogrammiert ist.
Was die Handlung betrifft, ist der Roman natürlich nicht spektakulär. Hier springt Lene eben nicht von einer Brücke in die Spree, hier wird sich nicht duelliert. Trotz der raren Handlung strahlt der stille Roman eine Faszination aus. Das Unglück wird hier eben nicht groß breitgetreten, nur angedeutet. Da ist Bothos Welt, der zum Vergnügen in die Klubs gleichgesinnter geht. Bei der ersten Begegnung mit Lene, kommt er gerade „von einer Maibowle, die Gegenstand einer Klubwette war“. Spielerisch denkt er sich Geschichten aus und stellt sich Lene als Grafin vor. Lene erweist sich als sehr weitsichtig und klug, weil sie in der Frühphase ihrer Begegnung mit dem Grafen schon weiß, dass die Liebe jeden Tag zu Ende gehen kann und genießt jede Stunden ihres Glückes.
„Weißt du , Botho, wenn ich dich nun so nehmen und mit dir die Lästerallee drüben auf- und abschreiten könnte, so sicher wie hier zwischen den Buchsbaum rabatten, und könnte jedem sagen: >Ja, wunderts euch nur, er ist er und ich bin ich, und er liebt mich und ich liebe ihn<, - ja, Botho, was glaubst du wohl, was ich dafür gäbe. Aber rate nicht, du rätst es doch nicht. Ihr kennt ja nur euch und euren Klub und euer Leben. Ach, das arme bischen Leben.“
Gegenüber von Bothos Welt gibt Fontane anhand von Lene und ihrer Mutter sehr realistische Milieuschilderungen der bürgerlichen Armut, dem einfachen Leben. Auch köstlicher Tratsch mit der Nachbarin:
„Sie sprach dann, nach Art aller Berliner Ehefrauen, ausschließlich von ihrem Manne, dabei regelmäßig einen Ton anschlagend, als ob die verheiratung mit ihm eine der schwersten Mesallinancen und eigentlich etwas halb Unerklärliches gewesen wäre. In Wahrheit aber stand es so, daß sie sich nicht nur äüßerst behaglich und zufrieden fühlte, sondern sich auch freute, daß Dorr gerade so war, wie er war.“
Im siebenten Kapitel, die Begenung mit dem Onkel Kurt Anton Osten, bringt nun eine Wende in Bothos Denken. Man kann auch sagen, die (peußische) Pflicht ruft und sie ist wichtiger als jegliches Gefühl. Er wird dazu angehalten, die seit seiner Geburt schon durch seine Eltern besiegelte Heirat mit seiner reichen Cousine Käthe Sellenthin endlich einzulösen und würde mit dieser Tat seine Famillie vor einen finanziellen Ruin bewahren.
Gerade wegen den Andeutungen, von denen der Roman lebt, haben mir gefallen. Für eine Charakterisierung benötigt Fontane nicht viele Worte. Irgendwie setzt man die Puzzlesteine im Kopf zusammen, und es ergibt eine lebendig herrliche Figur wie die von von Lene, einer unheimlich starken Persönlichkeit, auch wenn sie aus der Armut kommt. Botho erkennt das. Da gibt es ja so eine herrliche Szene, wenn der Baron, schon längst verheiratet, in Lenekens alten Briefen liest. Da stört es ihn nicht, wenn die Orthografie nicht so ganz stimmig ist, er findet das sogar liebenswürdig „besser als alle Orthographie der Welt“, und damit meint er ihren Charakter: „Ach sie hatte die glücklichste Mischung und war vernünftig und leidenschaftlich zugleich.“
Käthe, Bothos Ehefrau, dagegen ist nur eine oberflächliche Plaudertasche. Fontane schreibt von „Dalbrigkeit“ (Lachhaftigkeit). Botho redet an einer Stelle seine Frau mit „Käthe, Puppe, liebe Puppe“ an. Auf mich wirkt das ziemlich steril. Mein Gefühl sagt, zu Lene hätte er das niemals sagen können.
Über die Zeit nach Lene reflektiert Botho zusammenfassend:
„Viel Freude; gewiß. Aber es war doch keine rechte Freude gewesen. Ein Bonbon, nicht viel mehr. Und wer kann von Süßigkeiten leben.“
Das sagt alles.
Liebe Grüße
mombour