Hallo!
Nun die "Geschichte des Selbstmords" beendet. Vorweg: Ich hatte sie besser in Erinnerung, die Zweitlektüre war ein wenig ermüdend.
Schon der Titel ist irreführend: Eigentlich wird nur der Selbstmord vom 16. bis zum 18. Jahrhundert behandelt mit dem Schwerpunkt Frankreich. England (der Selbstmord als "englische" Krankheit) findet ebenfalls häufig Erwähnung, andere europäische Länder nur ausnahmsweise, außereuropäische Bereiche werden gänzlich vernachlässigt. Im Grunde ist es ein Buch für denjenigen, der sich anschickt, eine Geschichte des Selbstmords zu schreiben: Eine Unzahl Fakten, Quellen werden zitiert und penibel aufgelistet, die Interpretation dieser Quellen kommt hingegen ein wenig zu kurz. Wenn man das Buch in einem Zuge durchliest, wird man von der schieren Unzahl der zitierten Namen erschlagen, hier kann man allenfalls manchmal Notizen machen oder später - für andere Zwecke - einmal nachschlagen. Womit das Wort schon ausgesprochen ist: Minois' Geschichte ist eher ein Nachschlagewerk denn eine lesbare Darstellung, hier wurde zu wenig gegliedert, gestrafft, kommentiert, um aus dem Ganzen eine anregende Lektüre zu machen.
Die letzten Seiten beschreibt er den Status quo: Und es ist wirklich seltsam, dass der Selbstmord noch heute ein Tabuthema ist, dem sich die Medien durch den Hinweis auf die Gefahr der Nachahmung zu entziehen pflegen. Eine Nachahmung, die im übrigen zu keiner Zeit statistisch erwiesen wurde, niemals gab es eine Wertherepidemie oder unzählige junge Dichter, die dem Wunderkind Chatterton nacheiferten. Es zeugt dies auch von einer etwas einfältigen Grundhaltung, die da glaubt, dass ein positiv konnotierter Selbstmord im fröhlichen Leser schwerste Depressionen auszulösen vermöchte - bis hin zum Freitod. Hingegen liegt es auf der Hand, dass ein Schwermütiger eher zu solcher Literatur greift (wie der Fußballfan auch seine Fachbücher liest), wobei die Auseinandersetzung mit der Thematik (auch über die Literatur) zumeist eine Art von Therapie darstellt. Die Öffentlichkeit scheut das Thema: Denn der Selbstmörder ist ein (nicht mehr) lebender Vorwurf: An eine Gesellschaft, die es nicht verstand, dem Betreffenden eine lebenswerte Existenz zu ermöglichen. Die Idee, dass man dem Selbstmord dadurch am besten vorbeugen könne, indem man die Lebensbedingungen verbessere, musste - wie manch anderes - bis zur Aufklärung warten, während noch bis weit ins 18. Jahrhundert die Leichen der Delinquenten "hingerichtet" (= geschleift und an den Füßen aufgehängt), die Güter eingezogen und die Hinterbliebenen dadurch der Armut ausgesetzt wurden.
lg
orzifar