Author Topic: Ernst Peter Fischer: Werner Heisenberg - Das selbstvergessene Genie  (Read 4922 times)

Offline mombour

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Hallo,
An sich hatte ich vorgehabt, eine schöne, lebendige Autobiografie des bedeutenden Physikers zu lesen, wurde aber nur mit einem Wust akademischer Langweile gelangweilt. Es kann doch niemand erwarten, dass ich erst ein paar Semester Physik studiere, damit ich eine Biografie lesen kann. Da werden Begriffe wie „ Zeemann – Effekt“, „Quantenzahlen“ u.a. in den Text gesetzt, aber, um was es da geht, bleibt ziemlich im Nebel.

Die Biografie beginnt mit einem Zitat aus einem Brief Heisenbergs an Wolfgang Pauli: „Die Bahn entsteht erst dadurch, daß wir sie beobachten.“  Das steckt schon viel Quantenphysik drin und Bohrs Atommodell wackelt, doch tut sich der Autor der Biografie ziemlich schwer, Heisenbergs Erkenntnisse anschaulich dem Leser zu vermitteln. Viel mehr erreichten mich Fischers Ausführungen zu Heisenbergs Persönlichkeit. Die Selbstvergessenheit. Heisenberg nahm keine Rücksicht auf die Welt, wenn er sich einem Thema hingab. Darum wirkte er manchmal schroff. Vielleicht, so denke ich mir, ist diese Selbstvergessenheit vielleicht der wesentliche Punkt, warum Heisenberg überhaupt das bisherige Weltbild der klassischen Physik über den Haufen werfen konnte. Schließlich kam er mit völlig neuen Ideen und Erkenntnissen, konnte sich auch gar nicht leisten, sich von anderen Fachkollegen beeinflussen oder einengen zu lassen. Darum muss man sich auch nicht wundern, wenn Heisenberg im Jahre 1922  Niels Bohr während eines Vortrages in Göttingen widerspricht. Heisenberg kritisierte Bohrs Atommodell. Ihm sind u.a. einige Fehler in manchen Berechnungen von Bohrs Assistenten aufgefallen.

Quote from: Heisenberg in Fischer
Bohr benützt die klassische Mechanik oder die Quantentheorie eigentlich... so, wie ein Maler Pinsel und Farbe benützt. Durch Pinsel und Farbe ist das Bild nicht bestimmt, und die Farbe ist nie die Wirklichkeit; aber wenn man das Bild vorher, wie der Künstler, vor dem geistigen Auge hat, so kann man es durch Pinsel und Farbe – vielleicht nur unvollkommen – auch den anderen sichtbar machen. (Seite 55).

Heisenbergs Kant - Kritik wird dem allgemeinen Leser verborgen bleiben, wenn er Immanuel Kant nicht gelesen hat (Wer kann das?). Für den Normalsterblichen wie ich, müsste es reichen, gute Sekundärliteratur zu lesen wie die Kantbiografie von Manfred Geier. Auch der an sich spannende Themenbereich zu Heisenberg und die Atombombe, liest sich wie der Anblick einer vertrockneten Orchidee. Nach Ernst Peter Fischer, waren Heisenberg und seinen Mitarbeiter gar nicht in der Lage gewesen, eine Atombombe zu bauen. Das interessanteste Kapitel des Buches ist „Der einsame Deutsche“, deshalb, weil hier Heisenberg als Mensch sichtbar wird. Sein Leben im Nazideutschland. Und Ernst Peter Fischer pflegt eine schöne Metapher, vergleicht Heisenbergs Einsamkeit mit der Einsamkeit des Mönches in dem Gemälde „Der Mönch und das Meer.“ von Caspar David Friedrich: Schwärze und graue Flächen, er ahnt aber die Helligkeit hinter den Dingen.

Ich bin mit dem Autor einverstanden, wenn er sagt,  Heisenberg muss  zur Allgemeinbildung gehören. Seine „Allgemeinverständlichen Schriften“ lassen sich ohne weiteres lesen, und Heisenberg konnte schön schreiben; z.B. seine Autobiografie „Der Teil und das Ganze.“  Fischer kritisiert ziemlich direkt das Buch „Bildung“ von Dietrich Schwanitz, ohne allerdings den Namen Schwanitz zu nennen, der Heisenberg in seinem Buch unterschlagen hat. Wenn Heisenbergs Erkenntnisse zur Allgemeinbildung gehören sollen, was ich befürworte, dann muss seine Biografie auch schmackhaft zu lesen sein.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 08. Juni 2012, 16.28 Uhr by mombour »
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Offline sandhofer

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Hallo!

An sich hatte ich vorgehabt, eine schöne, lebendige Autobiografie des bedeutenden Physikers zu lesen, wurde aber nur mit einem Wust akademischer Langweile gelangweilt. Es kann doch niemand erwarten, dass ich erst ein paar Semester Physik studiere, damit ich eine Biografie lesen kann.

Hm ... was aber, wenn der Biografierte Physiker war? Die Gratwanderung des Wissenschaftsjournalisten: wieviel Wissenschaft kann ich beim Leser voraussetzen? Ich kenne die Biografie nicht, kann mir aber das Dilemma des Autors gut vorstellen: Setze ich zu wenig voraus, laufen die weg, die eine Physiker-Biografie lesen, weil sie Physik interessiert; setze ich zu viel voraus, die, die eine Biografie interessiert ... Es wäre interessant zu wissen, was BigBen zu dieser Biografie sagte ...  :angel:
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Offline orzifar

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Zum vorliegenden Buch kann ich - weil nicht gelesen - nichts sagen: Allerdings hatte ich bei anderen Werken (als auch bei Hörbüchern) den Eindruck, dass Fischer ein Hang zur Selbstdarstellung und Selbststilisierung innewohnt. Nicht zuletzt der äußerst kindisch und pubertär anmutende Streit mit Schwanitz (auch wenn ich hier prinzipiell Fischers Position teile) hat zu diesem Eindruck beigetragen. Solche pseudointellektuellen Querelen haben was Sandkistenartiges, wo jeder mit seinem geistigen Schäufelchen dem anderen seine Wahrheit einbläuen möchte.

lg

orzifar
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Offline mombour

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wieviel Wissenschaft kann ich beim Leser voraussetzen? Ich kenne die Biografie nicht, kann mir aber das Dilemma des Autors gut vorstellen: Setze ich zu wenig voraus, laufen die weg, die eine Physiker-Biografie lesen, weil sie Physik interessiert; setze ich zu viel voraus, die, die eine Biografie interessiert ... Es wäre interessant zu wissen, was BigBen zu dieser Biografie sagte ...  :angel:

Hallo Sandhofer,

Ich habe andere Sachbücher über Teilchen - und Astrophysik gelesen, die für mich wesentlich lesbarer waren, auch wenn man bei mir nicht viel vorausetzen kann. (z.B. Harald Fritsch: Quarks Urstoff unserer Welt, Steven Weinberg: Die ersten drei Minuten, Paul Davies: Gott und die moderne Physik). Heisenberg selbst "Das Teil und das Ganze" ist großartige Literatur.

Es kommt immer darauf an wie jemand einen schwierigen Stoff ans Publikum bringt. Verstehen muss man trotzdem nicht viel. ;D Der Eindruck, der hängenbleibt, ist entscheidend.

Liebe Grüße
mombour
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Offline orzifar

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Hallo!

Ich kann mombours Kritik prinzipiell gut verstehen. Denn im Grunde muss eine Biographie immer verständlich bleiben, wenn nicht explizit das Werk bzw. die Arbeit des Biographierten im Mittelpunkt stehen sollen. Fölsings Einsteinbiographie halte ich diesbezüglich für beispielhaft: Klug, ansprechend geschrieben, verständlich auch für denjenigen, der kein Physikstudium absolviert hat. Wobei eine Biographie m. E. per definitionem kein Fachbuch ist (oder sein soll).

Es ist schon bei Fachbüchern (wie bei den erwähnten Weinberg oder Davies) eine Gradwanderung, was denn an Wissen vorausgesetzt werden soll bzw. kann und welche Lesergruppe man ansprechen will. Bei einer Biographie dürften sich diese Überlegungen aber gar nicht stellen.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Hallo!

Ich kann mombours Kritik prinzipiell gut verstehen.

Ich auch, so ist es ja nicht. Ich würde vielleicht sogar denselben Punkt bemängeln, kennte ich denn die Biografie.

Es ist schon bei Fachbüchern (wie bei den erwähnten Weinberg oder Davies) eine Gradwanderung, was denn an Wissen vorausgesetzt werden soll bzw. kann und welche Lesergruppe man ansprechen will. Bei einer Biographie dürften sich diese Überlegungen aber gar nicht stellen.

Hm ... ich denke schon, doch. Wie schreibe ich sonst die Biografie eines Physikers, ohne ins Anekdotische zu verfallen?

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Es ist schon bei Fachbüchern (wie bei den erwähnten Weinberg oder Davies) eine Gradwanderung, was denn an Wissen vorausgesetzt werden soll bzw. kann und welche Lesergruppe man ansprechen will. Bei einer Biographie dürften sich diese Überlegungen aber gar nicht stellen.

Hm ... ich denke schon, doch. Wie schreibe ich sonst die Biografie eines Physikers, ohne ins Anekdotische zu verfallen?

Der erwähnte Fölsing ist ein gutes Beispiel dafür, dass so etwas möglich ist (über fast 1000 Seiten). Trotzdem nicht simplifizierend, ansprechend, aber ohne sich seitenlang über die Lorentz-Verkürzung zu ergehen (was mich persönlich gar nicht so sehr stören würde). Die hohe Kunst des Biographen bestünde dann darin, die Arbeit verständlich zu referieren und sie in den Lebenszusammenhang zu integrieren. Das aber bedeutet viel Mühe - und die nehmen sich nur die wenigsten.

lg

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