Author Topic: Vielleicht sollte ich mich doch mal mit diesem Thema befassen ...  (Read 2529 times)

Offline sandhofer

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Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Hallo!

Diese Diskussion auf Literaten und Schriftsteller zu reduzieren halte ich für falsch. Jeder, der irgendetwas irgendwo schreibt, hat eine Art Urheberrecht (zumindest in Ö so definiert) - und ich sehe überhaupt keinen Grund, warum das nicht so sein sollte. Und wer jemals eine Universität besucht hat, weiß, dass es nur redlich ist, seine Quellen anzugeben (bzw. er weiß auch, dass das Nichtangeben dieser Quellen zum Entzug des so ergaunerten akademischen Grades führen kann). Eigentlich alles selbstverständlich. Deshalb verstehe ich die Diskussion im Grunde gar nicht.

Dass mit diesem Urheberrecht u. a. manchmal Schindluder betrieben wurde (vor allem in Deutschland, da es meines Wissens nur dort diese unsägliche Abmahnrecht gibt) ändert an der ganzen Sache nichts. Und wieder etwas anderes ist das Verbreiten der Kurzmitteilungen, schnell hingeschmierten Sätze etc. Das gibt es, weil es möglich ist: Mich interessieren Twitterseiten überhaupt nicht, ich vermag sie aber auch nicht als "schlecht, schlimm" zu empfinden. Das ist keine Literatur, das ist Kommunikation. Wer telefoniert bedient sich zumeist auch nicht eines klassischen Satzbaues. Twitter ist auch keine Konkurrenz für Literatur, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Und wenn Schriftsteller twittern, bloggen etc. - dann ist das zumeist etwas schlicht anderes denn Literatur. Nicht immer, ich las Blogs oft lieber (und es schien auch anspruchsvoller) als so manches Buch (denn - welch Weisheit: Auch dort gibt's Schund. Und nicht zu wenig.)

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Wenn ich das richtig sehe, wird in dieser Diskussion Urheberrecht mit Verwertungsrecht (Copyright) vermantscht. Ich bin auch dafür, dass ein Urheber von seinem Werk profitieren kann - sehe aber reihenweise Kunstschaffende, die sich fürs Urheberrecht stark machen, aber von ihren Verwertern im Grunde genommen so geknebelt werden, dass sie gar kein Recht mehr an ihrem eigenen Werk haben ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Wenn ich das richtig sehe, wird in dieser Diskussion Urheberrecht mit Verwertungsrecht (Copyright) vermantscht. Ich bin auch dafür, dass ein Urheber von seinem Werk profitieren kann - sehe aber reihenweise Kunstschaffende, die sich fürs Urheberrecht stark machen, aber von ihren Verwertern im Grunde genommen so geknebelt werden, dass sie gar kein Recht mehr an ihrem eigenen Werk haben ...


Das mag sein. Aber das Urheberrecht ist die Voraussetzung für die Verwertung, für den ökonomischen Nutzen. Dass dieser für den Kunstschaffenden zumeist ein bescheidener ist, hat weniger mit "Rechten" zu tun (wie gesagt, diese sind Voraussetzung), sondern mit marktspezifischen Besonderheiten. Kunst (und Wissenschaft) bedürfen zumeist der Förderung, um überleben, in größerem Umfang entstehen zu können. Aber dies ist ein vollkommen andere Diskussion als jene ums Urheberrecht (das ich zu den Grundrechten zählen würde).

lg

orzifar
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Offline mombour

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Wenn ich das richtig sehe, wird in dieser Diskussion Urheberrecht mit Verwertungsrecht (Copyright) vermantscht. Ich bin auch dafür, dass ein Urheber von seinem Werk profitieren kann - sehe aber reihenweise Kunstschaffende, die sich fürs Urheberrecht stark machen, aber von ihren Verwertern im Grunde genommen so geknebelt werden, dass sie gar kein Recht mehr an ihrem eigenen Werk haben ...
Die Schriftsteller können aber froh sein, wenn sie ihren Verlag (Verwerter) haben. Der Verlag stellt den Lektor, organisiert Lesereisen, schützt das Werk u.a.

Die Urheberechtsdebatte hat hauptsächlich die Piratenpartei ins Leben gerufen, denen es ja nur darauf ankommt, jede Musik kostenfrei aus dem Netz herunterzuladen, bei illegalen Tauschbörsen usw. Oder auch Filme. Sie wollen eine Kulturpauschale, die jeder Bürger bezahlt (ein paar Euros). Diese Pauschale unter Künstlern dann aufgeteilt werden (wie soll das gehen, wer ist ab wann Künstler). Jeder darf dann herunterladen, was das Zeugs hält. Das nenne die Freiheit im Internet. Nach den Piraten soll ein Werk eines Künstlers nur bis 10 Jahre nach seinem Tod geschützt bleiben.

Das Urheberrecht gilt aber auch für Patente auf Saatgut und Medikamente. Das hat negative Folgen gerade für arme Länder, für die nur Generika finanzierbar sind. 80% der Aidsmedikamente, die südlich der Sahara verwendet werden, sind preiswerte Generika. Würde die Wegfallen, z.B. durch das ACTA -Abkommen, wäre die medizinische Versorgung in Afrika noch karastrophaler, weil durch ACTA, falls es abgesegnet wird, zu befürchten ist, dass Patenrechte noch krasser durchgesetzt werden auf Kosten von Menschenleben. Die Argrarkonzerne wie Monsanto beuten bes. arme Bauern aus, die jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen, weil das genmanupulierte nur ein Jahr hält, und Züchter müssenjedes Jahr teure Lizenzen bezahlen. Wenn ein Bauer eine schlechte Ernte hat, kann er seinen betrieb einstellen, weil er kein Geld für das Saatgut aufbringen kann.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline sandhofer

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Re: Vielleicht sollte ich mich doch mal mit diesem Thema befassen ...
« Reply #5 on: 01. September 2012, 15.27 Uhr »
Zu diesem Thema soeben erschienen:

Philipp Theisohn: Literarisches Eigentum. Zur Ethik geistiger Arbeit im digitalen Zeitalter. Essay. Alfred Kröner, Stuttgart 2012. 137 S.

Eine Besprechung in der NZZ hier.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus