Hallo!
Zwischendurch (im Abschnitt "Der absurde Mensch") klingt Camus sehr nach Nietzsche, martialisch, sein Don Juan als Übermensch. Der Mensch als ein Mensch der Tat - aber - und dem kann sich auch Camus nicht entziehen - welcher Tat? Wir wissen aufgrund seiner Biographie, dass er auf der "richtigen" Seite stand, wer aber das Hohelied des Aktivismus singt, muss sich darüber im Klaren sein, dass eine solche Philosophie auch vom Gegenüber (in Camus' Falle vom Faschisten) mit Fug und Recht in Anspruch genommen werden kann. Es gibt keine "Tat an sich" wie es auch keinen reinen Menschen des Augenblicks gibt (und das ist auch gut so, da dies eine Form von Verantwortungslosigkeit impliziert). Das Problem einer solchen Philosophie (wie auch jener Nietzsches) ist, dass sie einen bloß aphoristischen, inkonsistenten Charakter hat, denn eine Philosophie, auf die jeder sich berufen kann, ist eine bloße Beliebigkeit. Nietzsche wurde von den Nationalsozialisten missbraucht (er, der mit seiner Schwester fast gebrochen hat, weil sie einen Antisemiten heiratete und der mit dem Deutschen nichts zu tun haben wollte, was soweit ging, dass er sogar seine Abstammung von einem polnischen Adelsgeschlecht abzuleiten suchte) - denn Nietzsche wäre dieser dumm-gröhlende Haufen sicher zuwider gewesen. Aber er ist für diesen Missbrauch auch selbst verantwortlich: Seine Schriften ermangeln der Klarheit, der Eindeutigkeit.
Würde man nicht auch Camus Ähnliches vorwerfen können, wäre ihm nicht die Gnade der späteren Geburt zuteil geworden und er so ein Widerstandskämpfer? Ließen sich die Phänotypen des Schauspielers, Don Juans und des Eroberers nicht wunderbar in den Faschismus integrieren? "Bedrohte Brüderlichkeit, starke, aber schamhafte Freundschaft der Männer [keine Frauen??] untereinander" oder "Männlich nennen wir nämlich die klaren Köpfe, und wir wollen keine Kraft ohne klaren Blick" oder "wir haben bewußte Menschen erlebt, die inmitten der törichtsten Kriege ihre Pflicht taten, ohne sich in einem Widerspruch zu empfinden" - sind dies nicht alles Sätze, die aus der Feder von Hermann Löns stammen könnten, von Ottokar Kernstock - und lesen wir sie nicht einzig deshalb anders, weil wir Camus' Leben in Ansätzen kennen? Eine Philosophie aber, die sich von allem und jedem instrumentalisieren lässt, die vor allem nicht die Konsequenzen ihrer Folgerungen bedenkt, ist eine zweifelhafte, eine mit Beliebigkeitscharakter.
Und auch im "Absurden Kunstwerk" hören, spüren wir Nietzsche, wir "haben die Kunst, damit wir nicht an der Wirklichkeit zugrunde gehen" hat dieser postuliert - und Camus zitiert ihn voller Zustimmung. Der - von ihm bei allen anderen angemahnte Sprung, Eskapismus des Mannes der Tat? Wobei das Verharren im Absurden dem Künstler sehr viel besser ansteht als dem Philosophen: Dieser muss sein System in Maßen rein erhalten, stringent, konsistent, er muss sich vor logischen Fallen und Widersprüchen schützen, um nicht alles zu Fall zu bringen. Der Künstler muss dies auch - aber auf andere Weise: Eine Figur kann durchaus unlogisch sein, widerspruchsvoll - manchmal muss sie dies sogar sein, um einem anderen Kriterium zu genügen: Jenem der Plausibilität. Der Künstler ist nicht frei, er ist seinem Kunstwerk und eben dieser Plausibilität verpflichtet - in verschiedenem Maße: Horrorstories folgen einer anderen Logik als ein Entwicklungsroman, aber auf Logik zu verzichten kann sich weder der eine noch der andere leisten. Deshalb ist Camus ein besserer Romancier und Dramatiker als Philosoph oder Essayist, er versteht es hervorragend, den Menschen als solchen in seiner Widersprüchlichkeit zu zeichnen, nicht aber das Wesen dieses Menschen in philosophische Fesseln zu legen. Einen moralischen oder unmoralischen Menschen zu gestalten bedarf es großer Empathie, sprachlichen Geschicks, der Kenntnis der verwerflichsten und besten Regungen. Dem Moralphilosophen schadet dies alles auch nicht, allerdings stellt er andere Fragen, wovon die wichtigste jene ist, die das menschliche Verhalten im Tun und Erleiden betrachtet: Immer ist die eigene Handlung ein Gradmesser für alle Handlungen, für alles, was mir geschieht, das Gegenüber tut. Moralische Handlungen hängen in ihrer Gültigkeit stets davon ab, inwieweit sie übertragbar sind bzw. inwieweit es wünschenswert wäre, dass nicht nur ich, sondern jeder sich nach diesen Grundsätzen richtet. Deshalb ist hier Konsistenz gefragt, innere Logik, Dinge, die ein Roman keineswegs (bzw. nur in Maßen) besitzen muss. Keinesfalls aber muss das Handeln der Romanfiguren in irgendeiner Weise bindend sein für andere, es kann so falsch wie richtig, so verabscheuenswürdig wie hochherzig sein.
Im Grunde scheint mir das Absurde Camus' etwas darzustellen, das ihm den "Sprung" ersetzt: Sein verzweifeltes Festhalten an diesem "Zustand der Klarheit", einer stoischen Gelassenheit, die alle Freude und Trauer verbannt und nur hinnimmt. Ich wüsste mir keinen Grund, warum ich an diesem Zustand festhalten sollte, weshalb ich nicht gänzlich ohne metaphyisches Brimborium mich an Dingen freuen, über anderes traurig sein sollte. Wobei sich in diesem quantativen (statt qualitativen) Dasein eine zusätzliche Grenze auftut, die auch die Absurdität absurd werden lässt: Der Tod. Ich liebe den Tod nicht, nicht meinen eigenen, antizipierten, nicht den der anderen, die ich geliebt habe. Diese Grenze aber zu hassen, wie es Camus vorzugeben scheint, ist mir im Sinne einer Lebensphilosophie zu einfallslos: Hier sind Epikurs Ansätze schon sehr viel durchdachter. Natürlich: Der Tod ist immer etwas Erschreckendes, Fremdes, etwas, das nie begriffen werden kann, weil unsere Begrifflichkeiten sich allesamt am Leben orientieren, er ist eine tatsächlich absurde, ungeheuerliche Schranke. Nur sein unabweisbares Dasein macht den Umgang mit ihm notwendig - und wenn es natürlich (und selbstverständlich, lieber Camus, selbstverständlich) die Illusion eines bescheidenen und/oder sich betrügenden Geistes ist, von irgendwelchen Jenseitigkeiten auszugehen, so scheint es mir ebenso wenig sinnreich zu sein, etwas vollkommen Unabänderliches zu hassen (wenngleich beide Haltungen irgendwie verständlich sind). Eher: Das Destruktive des eigenen Todes zu sublimieren, das Grausame des Todes anderer im Leben zu integrieren, indem das Beste dieser Menschen in uns weiterlebt, unser Leben ein wenig bestimmt.
lg
orzifar
der zumindest implizit auf Sandhofer geantwortet zu haben glaubt, was denn Camus als Philosoph bzw. Künstler betrifft.