Author Topic: Camus: Sisyphus und mehr.  (Read 5808 times)

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Camus: Sisyphus und mehr.
« on: 24. April 2012, 03.08 Uhr »
Hallo!

Ich fürchte, dass gerade die Beschäftigung mit dem "Sisyphus" ein wenig den von mir nie erstellten Vorstellungsthread ersetzen wird ;). Aber Lesen ohne persönlichen Bezug scheint seltsam, ebenso das Schreiben über Literatur. Wobei dieser synthetische Analysemodus nicht selten Ursache für das unsäglich Langweilige vieler Arbeiten über Literatur ausmacht. Zumindest könnte öfter der Eindruck erweckt werden, dass der Betreffende gern liest - und nicht nur von berufs wegen. 

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Ein zerlesenes Exemplar mit Anstreichungen, Anmerkungen, Verweisen u. v. m., wofür ich lese- und büchertechnisch in die finsterste (buchlose) Hölle geworfen werden würde, wenn es denn nach meiner Frau ginge, die in dieser Hinsicht (die nachlässige Behandlung von Büchern betreffend) wenig Toleranz aufbringt. Aber dadurch ist es auch ein Wiederlesen der eigenen Gedanken, Vorstellungen, die manchmal durchaus originell, dann wieder an Peinlichkeit grenzen. Es ist vor allem der Mangel des Jugendlichen an grundlegendem, philosophischem Wissen, der so manche Anmerkung zu einer Kuriosität werden lässt.

Eine der ersten Fragen, die sich mir stellten: Was liest der Jugendliche heute, welcher Philosoph steckt, zerdrückt, misshandelt, in der Jackentasche, gibt es diese verrauchten Cafés noch, in denen man sich in einer Nische mit Camus, Nietzsche, Dostojewski oder Schopenhauer beschäftigt? Was hat uns damals zur Philosophie gebracht? Vielleicht ist diese letzte Frage die entscheidende, weil sie in dieser Form heute nicht mehr (nicht mehr so häufig) gestellt wird: Der Unterschied zwischen Erwachsenenwelt und derjenigen Jugendlicher ist geringer, das auf vermeintlicher Autorität sich gründende Gefälle ist weniger stark und damit auch der Widerstand. Ich sehe mich noch mit Nachkriegsideologie konfrontiert: Bürgerliches Wohlstandsdenken, Politik nur insoweit zulässig, als diese Politik die Voraussetzungen für ökonomische Prosperität zu schaffen verpflichtet ist. Am Lande eine selbstverständliche Religiosität, auch wenn der tatsächliche Glaube zweifelhaft war - aber auch hier galt wie in bezug auf die Vergangenheit: Fragen ist unanständig.

Die Opposition gegen eine solche Weltsicht führt zum Interesse für alternative Modelle, sie führt vor allem zu einem existentialistischen Konzept des Lebensentwurfes (ohne zu wissen, dass es sich um ein solches Konzept handelt). Zum einen der Wunsch nach Gestaltung, Verantwortung, zum anderen die Erfahrung der Absurdität des Daseins, des Ekels angesichts einer Perspektive, die einzig beruflichen Aufstieg, Wohlstand, Sicherheit zum allein seligmachenden Ziel erklärt. Und während Eltern 40, oft noch 48 Stunden pro Woche arbeiten (und über die Tatsache, arbeiten zu dürfen, froh sind), während sie die wenige Freizeit mit Hausbauen, Verschönerungen, bestenfalls mit einem einwöchigen Urlaub an der Adria zubringen, hat der Sprössling (der all die ökonomischen Vorzüge nicht zu schätzen weiß, dies gar nicht können kann) Zeit, sich Warum-Fragen zu stellen, Sinn-Fragen, Ideologisches zu erörtern, zu kritisieren. Und landet eben u. a. auch bei Camus.

Sinnfragen gibt es sicherlich auch noch heute (und mich würde wirklich interessieren, an welche Ideologien, Philosophien, Bücher, Vorbilder - was auch immer - man sich zur Beantwortung derselben wendet). Camus war jedenfalls für meine Generation ideal: Versprachlichung des Zweifels, eine sinnlos anmutende Existenz, Ordnungsstrukturen, die offenkundig obsolet waren. Gerade aber darin wieder einen Sinn zu finden: Im Kampf gegen eine verknöcherte, scheuklappenhafte Existenz, gegen ein Ideal, das - weil die Erfahrung wirklicher Armut nicht gemacht worden war - unverständlich sein musste. (Paradigmatisch etwa die Kleidungsfrage: Eltern, die nach Kriegsjahren, Jahren der Arbeitslosigkeit froh, glücklich waren, sich "Sonntagskleider" kaufen zu können, endlich zerissene, geflickte Hosen und Jacken im Schrank lassen konnten, während der Riss am Knie oder Allerwertesten den hautengen Jeans erst das Flair des absolut Modischen gab. Die Jungen konnten diesen Widerspruch nicht auflösen, die Alten wollten es nicht - bzw. es war ihnen unmöglich, diese neue Realität zu akzeptieren, eine Wirklichkeit, die sie als Renitenz interpretierten, während es nur der - verquere - Versuch einer autonomen Gestaltung der eigenen Existenz war).

Und bald mehr zum Buch ;).

lg

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Re: Camus: Sisyphus und mehr.
« Reply #1 on: 29. April 2012, 02.28 Uhr »
Hallo!

Nun also zum eigentlichen Text. Dass dieser junge Menschen sehr viel eher anspricht denn eine epistemologische Untersuchung, die Kantsche Vernunftkritik oder die aristotelschen Kategorien liegt auf der Hand: Camus spricht vom Leben, Erleben, von der Erkenntnis der Sinnlosigkeit dieses Daseins und damit dem Einbruch des Absurden. Fast jeder denkende Mensch hat solche Sinnkrisen durchlebt - mögen sie veranlasst sein durch Unglücksfälle oder aber auch durch Kleinigkeiten, durch ein Innehhalten und Gewahrwerden des Seltsamen, das uns nur selten bewusst wird, weil dieses seltsame Existieren unter dem Titel des Wichtigen, Unersetzlichen uns begleitet.

Soweit kann ich Camus folgen, wobei diese Absurdität des Seins ein fortgesetzter, oft gefühlter, manchmal vergessener Zustand ist, einer, der sich immer wieder ins Leben drängt, alle sinngebenden Modelle als lächerlich empfinden lässt. Es ist der Zustand, der den tollen Menschen in der "Fröhlichen Wissenschaft" mit der Laterne auf die Suche nach Gott gehen lässt - und der zum Schluss kommt, dass dieser Gott tot ist, Gott, als eine Art Prinzip moralischer Transzendenz. Wenn dieser tolle Mensch meint, dass es "kälter geworden sei", dass wir stürzen, "rückwärts, seitwärts ..." - dann sind diese Worte nichts anderes als ein Kundtun der Camusschen Absurdität. Während aber Nietzsche - in Anlehnung an Schopenhauer - dem Übermenschen die Kunst, das rauschhafte Gestalten der Wirklichkeit in Aussicht stellt, verlangt Camus (wenngleich ich im Buch noch nicht soweit bin) das Aushalten, Verweilen in dieser Absurdität.

Aber schon die ersten Alternativen erscheinen mir nicht stichhaltig: Die Frage, ob man sich nach Erkennen des Absurden selbst töten müsse, ist eine zutiefst metaphysische Frage, die Frage desjenigen, der nach einem - höheren - Sinn verlangt. In weiterer Folge versucht Camus den Abgrund des Absurden aufzulösen; kurioserweise meint er, wenn man denn die Welt vollständig erklären könne, dass sich dann dieser Abgrund nicht auftäte. Er ist zum einen antiwissenschaftlich, antirational, weil er - zu Recht - festhält, dass eine jede physikalische Erklärung der Welt bislang allegorisch und unzulänglich geblieben ist und diese daher keine absolute Wahrheit bieten kann. Der unausgesprochene Umkehrschluss, dass nach dem Finden der großen Weltformel, welche alles erklären, verständlich machen könnte, das Absurde und damit auch die Verzweiflung aus der Welt vertrieben würde, mutet aber höchst seltsam an. Rationalität in wissenschaftlicher Hinsicht trägt weder zu Glück oder Unglück bei (vielleicht zum Glück desjenigen, der da findet, erkennt - oder auch des Menschen, der sich über die Erkenntnisse informiert - aber um ein solches Glück handelt es sich hier nicht); für denjenigen, den die Absurdität seines Daseins auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit anfällt, der in diesem Augenblick die Sinnlosigkeit spürt, denkt, ist - für einen solchen sind die Weltformel, die Supersymmetrie oder die synthetische Erkenntnis a priori vollkommen belanglos.

Rationalität führe immer zu Paradoxa, zu Widersprüchen, nie zu einer endgültigen Sicherheit im Wissen. Zugegeben, und seit Popper und Tarskis Wahrheitskriterium kann man über diese nicht zu erreichende Gewissheit rational diskutieren - aber mit meinem ganz persönlichen absurden Dasein, mit dem Fallen in den Abgrund der Sinnlosigkeit hat dies alles rein gar nichts zu tun. Warum Camus, der einerseits die Rationalität verwirft, andererseits - eine perfekte, funktionierende Rationalität vorausgesetzt - von dieser das Heil erwartet, eine Auflösung der Absurdität, bleibt völlig unklar.

Andererseits ist es gerade die Rationalität, das "Organon des deduktiven Denkens", dessen sich all jene bedienen, um genau diese Rationalität ad absurdum zu führen. Ein solches Denken ist häufig zu beobachten, der Relativismus bedient sich ähnlicher Strategien: Man benützt jene Werkzeuge, welchen man jede Gültigkeit abspricht, um zu beweisen, dass sie keine Gültigkeit besitzen. Ein reizender circulus vitiosus. Einer, der durch falsch verstandene Konsequenz entsteht, der Philosophen deshalb so leicht anheim fallen, weil sie es nicht unter der Lösung sämtlicher Probleme der Welt tun, anstatt bescheiden einen Schritt um den anderen zu machen, zu revidieren, anzuerkennen, dass unter bestimmten Voraussetzungen die Rationalität (der Empirismus - was auch immer) nur zu vorläufigen Lösungen führen.

In jedem Fall hat die Erkenntnis des Absurden längst nicht jene tiefgreifenden Konsequenzen, die Camus ihm zuschreiben will. Das nihilistische Unbehagen, die von Nietzsche monierte Kälte, sind schlicht Teil unseres Seins, sie sind im Regelfall nicht umfassender als die glückliche Selbstvergessenheit, sie sind möglicherweise für einen sich in einer göttlich harmonischen Welt sich befindlich Glaubenden erschütternd. Dem anderen aber bieten sie neben diesem Unbehagen auch eine große Chance: Den der Selbstbestimmung, der Selbstverantwortung. Dort, wo wir uns auf keine heteronome Ethik berufen können oder dürfen, müssen wir selbst eine Ethik schaffen, müssen unser eigenes Sein, unsere Verantwortung stets neu definieren. Das verheißt Anstrengung, aber auch Freiheit.

Ich halte derzeit auf S. 31, noch ist Camus damit beschäftigt, das Absurde zu umschreiben und ihm Konsequenzen zu attestieren, die so selbstverständlich beileibe nicht sind. Wobei er immer wieder inkonsequent in philosophischer Hinsicht ist: Verwarf er etwa zuvor den Begriff der Wahrheit (wahrscheinlich zu Unrecht), so spricht er plötzlich davon, dass der Mensch "Opfer seiner Wahrheiten" würde. Solche kleinen Unredlichkeiten finden sich häufig bei denjenigen, die allzu gern mit der Logik, der Wissenschaft, der deduktiven Beweisführung hart ins Gericht gehen.

Liest noch jemand außer mir?

lg

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Re: Camus: Sisyphus und mehr.
« Reply #2 on: 01. Mai 2012, 01.46 Uhr »

Hallo!

Möglicherweise ist Camus' Absurdes etwas, das mir in diesen seinen verschiedenen Definitionen nicht eingängig erscheint. So heißt es etwa, dass das "Absurde das Gegenteil der Hoffnung" sei (wobei: Was ist Hoffnung - bzw. worauf wird gehofft?), dann wieder ist es "Auflösung, Zerrissenheit und Zwiespalt". Immer aber scheint es etwas zu sein, das andere mit metaphysischen Inhalten auszufüllen versuchen, wogegen sich Camus ganz entschieden wendet. Eine Haltung, die ich durchaus unterschreiben würde, wenngleich mir aber Camus diesen metaphysischen Ausflüchten viel zu viel Bedeutung zuzuerkennen scheint. Und es sind denn auch metaphysische, oft christliche Denker, gegen die er sich abzugrenzen sucht: Kierkegaard, Jaspers, Dostojewski, Heidegger, aber auch Husserl, dessen Ineinssetzung von Subjekt und Objekt, dessen relativistische Epistemologie ihm zum Teil dazu dient, mit der Vernunft abzurechnen.

Vielleicht ist dies einer der Hauptgründe, weshalb Camus in diesem Werk für mich kaum noch Aktualität hat: Er operiert mit Termini wie "dem Sinn des Lebens" oder "Hoffnung", die entweder leer oder verschwommen sind - und er grenzt sich gegenüber einer metaphysischen Weltsicht ab, die für mich bedeutungslos ist. Weshalb ich den Eindruck habe, dass mir hier jemand beredt zu erklären versucht, dass die Erde doch keine Scheibe ist und man sich gegen alle scheibenartigen Theorien zu wehren hat.

Und Camus erscheint in seiner vehementen Ablehnung der Metaphysik genau jene Metaphysik zur Anerkennung gelangen zu lassen, die er doch zu widerlegen glaubt. Er ist - vielleicht ähnlich wie Nietzsche (wenn auch anders gelagert) jemand, der gerade durch seine Auseinandersetzung mit ethischen Entwürfen wieder zu einem solchen gelangen will, während er andererseits - mit Recht - vermutet, dass eine solche Letztbegründung immer zum Scheitern verurteilt ist.

Und immer wieder kommt ihm die Vernunft ins Gehege: So kritisiert er Schestow (den heute kein Mensch mehr kennt), wenn dieser die Sinnlosigkeit der rationalen Welterklärungen zu beweisen sucht (um sich ins Irrationale zu flüchten), während doch Camus selbst seitenlang auch der Vernunft dieselben Vorwürfe macht. Sein Absurdes nimmt dadurch etwas Metaphysisches an, dort wo anderswo Gott erscheint, tut sich bei Camus jene Kluft auf, die der Absurdität Eintritt verschafft. Im übrigen ist diese Absurdität etwas, das niemals bejahrt werden darf, denn eine Bejahung bedeutet das Sprungbrett in die Ewigkeit - und dann sei das "Absurde nicht mehr die Evidenz, die der Mensch feststellt und _nicht_ anerkennt."

Die Realität aber pflegt nur selten sich diesen philosophischen Ausführungen anzupassen, sie ist im Regelfall prosaischer, pragmatischer, trivialer. Die von Camus aufgeworfene Selbstmordfrage stellt sich in dieser Form nicht: Weder wegen Gott (seinem Vorhanden- oder Nichtvorhandensein) noch wegen des Absurden oder irgendwelcher anderer Erkenntnisse pflegt sich der Mensch umzubringen. Es sind die kleinen Dinge, die sich zum Tode summieren (und dann wohl unter dem Titel des Absurden in der Erkenntnis, dass es nicht mehr lohne, figurieren können), ebenso aber sind es Kleinigkeiten, die diesen Schritt nicht machen lassen. Das Lächeln eines(r) Unbekannten in der Straßenbahn, der Geruch einer frischgemähten Wiese, die Hände des kleinen Jungen, der sich im Einschlafen nochmal ankuschelt - und dessen Hände auch lange nach diesem Einschlafen noch zu spüren sind, an der Wange, der Schulter. Diese Anläufe, das Leben und den Tod in einem Begriff unterzubringen und endgültig zu erklären, ermangeln nicht einer gewissen philosophischen Naivität: Sie geben, wie im Falle Camus', dem am Leben Leidenden möglicherweise einen Begriff zur Hand zwecks Subsummierung seines Leidens, aber sie sind höchst individuellen Zuschnitts und vor allem: Es gibt - ganz ohne metaphyisische Hopserei - auch die erwähnten schönen Augenblicke. Nicht nur Kälte, auch Wärme, Freude, Lachen sind Teile des Seins - letztere _sind_ der Sinn: Man merkt es daran, dass man sich die Sinnfrage nur selten stellt, wenn man verliebt dem anderen in die Arme sinkt. Wer darüber hinaus einen universellen Sinn sucht, wird auf Schimären angewiesen sein - oder scheitern. Aber auch das ist trivial.

lg

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Re: Camus: Sisyphus und mehr.
« Reply #3 on: 06. Mai 2012, 00.38 Uhr »
Hallo!

Es setzt sich das schon zuvor Angedeutete fort: Camus definiert sich und seine Philosophie in Opposition zu einer sinnstiftenden, göttlich-christlichen Weltanschauung. Das diese nun nicht sehr ertragreich ist für einen denkenden Menschen will ich gerne zugestehen, allerdings ist es schlicht zu wenig, seine Legitimation einzig daraus zu beziehen, dass man die Fehler anderer nicht macht. So kommt auch unweigerlich Dostojewski zu Wort bzw. sein Iwan Karamassow, der da nach dem Tode Gottes meint, dass alles erlaubt sei. Das ist eine genuin christlich-metaphysische Position, einem Atheisten, der sich nicht ständig im Widerspruch zur Theologie sieht, sondern diese seine Weltsicht schlicht der rational-trivialen Einsicht verdankt, dass ein Gott nicht mehr Evidenz zu beanspruchen vermag wie der Osterhase, kommt eine solche verquere Moral überhaupt nicht in den Sinn. Moral und Religion sind verschiedene Dinge und wie anderweitig schon zitiert: Nur selten hat sich eine Gottheit vom Verbrechen beleidigt gefühlt, sehr viel öfter aber dieses vorgeschrieben.

Dann abermals eine Vernunftkritik Camus', die aber nur dann berechtigt ist, wenn man denn von dieser Vernunft eine allgemeine Welterklärung bzw. Sinngebung erwartet. Wer hingegen einen solchen Anspruch nicht stellt, sondern diese Vernunft vor allem nicht für metaphysische Belange instrumentalisiert, wird von ihr auch nicht enttäuscht werden. Dass die Gottesbeweise samt und sonders gescheitert sind, ist nicht der Vernunft anzulasten sondern dem, was man da zu beweisen sich unterfing. Und so wiederholt sich auch hier das schon zuvor Angemahnte: Dass der Vernunft zuviel zugemutet wird und dass sie das von ihr Verlangte wahrscheinlich nie würde leisten können: Eine vernünftige Welt muss noch keine sinnstiftende Welt sein.

In diesen Vernunftsspekulationen wird aber etwas ganz anderes sichtbar: Die Sehnsucht nach metaphysischer Einheit mit der Welt, jenes von Anthropologen "mana" getaufte etwas, das einen Zustand der vollkommenen Aufgehobenheit in der Natur umschreibt und mit der Selbsterkenntnis des Menschen, mit der beginnenden Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt verloren ging - auf immer. Hier auf ein zurück zu hoffen ist ein vergebliches Bemühen.

Dannn das Absurde als das amor fati Nietzsches: Diese Liebe zum Leben, zum Schicksal, was immer es auch für den einzelnen bereit halte, ist aber mehr Lebensmaxime als Philosophie. Camus' Analyse der Freiheit (wieder mit Gottesbezug) sind von bescheidenem Interesse, aus der Ablehnung jeder vorsorgenden Lebensweise, der Zukunft an sich, will er für den einzelnen diese Freiheit gewinnen. Aber wie im letzten Absatz geschrieben: Ein solches, schier bewusstloses Zurück in ein bloß momentanes Existieren (Vegetieren?) ist weder möglich noch - zumindest für mich - erwünschenswert. Und wenn er auf diese Zukunftslosigkeit, auch eine Art von ethischer Beliebigkeit rekurriert, so wird er im Schreiben selbst immer wieder von der Realität eingeholt, von seiner eigenen Sinngebung (im Absurden), von seiner eigenen, moralischen Indifferenz, die er durch den Begriff einer Klarheit zu ersetzen wünscht. Von dieser Klarheit wird eine Art automatisierte Moral erwartet, die dann auch keiner weiteren Begründung mehr bedarf.

"Jedwede Moral beruht auf der Vorstellung, daß eine Tat Folgen hat, die sie rechtfertigen oder entwerten. Ein Geist, der vom Absurden durchdrungen ist, meint nur, daß diese Folgen mit heiterer Ruhe betrachtet werden müssen. Er ist bereit zu zahlen. Anders ausgedrückt: Wenn es für ihn Verantwortliche geben kann, dann gibt es keine Schuldigen." Da steckt wieder sehr viel Nietzsche drin, vom "unanständigen" Gewissensbiss, dass man seine Handlungen nicht späterhin im Stich lassen solle. Allzu leicht ließen sich hier Beispiele finden, die eine solche Moral auch für den absurden Menschen völlig indiskutabel machen würden, denn bei sehr vielen Handlungen wäre es bestenfalls zynisch, post festum eine Verantwortung zu übernehmen, die man zu übernehmen gar nicht fähig ist (da musste nicht erst Breivik zum Gegenbeweis antreten). Die Ursache für solch seltsame Konstruktionen scheint darin zu liegen, dass Camus aus dem römischen "carpe diem" eine Philosophie zu machen sucht, die auf alles und jedes passt. Und es passt halt nicht ...

Eigentlich macht die Lektüre wenig Freude, von den Reminiszenzen einmal abgesehen. Aber mittlerweile ist mir klar, weshalb sich Camus offenbar als Diplomarbeitsthema ganz ausgezeichnet eignet. Vor allem auf der theologischen Fakultät (nicht weiter verwunderlich) finden sich unzählige Elaborate, wie ich anhand einer Literaturrecherche feststellen musste. Und so dient Camus jenen als intellektuelle Schmalkost, die er zu verachten vorgab.

lg

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Offline sandhofer

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Re: Camus: Sisyphus und mehr.
« Reply #4 on: 06. Mai 2012, 09.52 Uhr »
Hallo!

Ein bisschen einsame Kreise, die Du hier ziehst ...  >:D

Meine eigene Lektüre Camus' ist - von der Bühnenadaption von Dostojewskijs "Dämonen" mal abgesehen - schon länger her. Ich meine mich zu erinnern, dass mir vor allem gefiel, dass Camus zumindest versucht, keine neue metaphysische Erklärung an die Stelle der überholten zu setzen. Dostojewskij kannte ich bei meiner Sisyphus-Lektüre noch nicht - was auch zeigt ,wie lange die her ist ... Ich habe erst bei meiner Lektüre von Les Possédés gemerkt, wie stark sich Camus mit dem Russen auseinandergesetzt hat. Dostojewskij ist für ihn (zusammen mit Nietzsche) die Folie, der Hintergrund von dem er sein eigenes Denken absetzen will. Das mag philosophiegeschichtlich und überhaupt historisch erklärbar sein. Immerhin hat die französische Philosophie, so weit ich sehe, nie die sprachphilosophisch-logisch-positivistische Wende genommen wie die angelsächsische und in deren Schlepptau dann die deutsche.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re: Camus: Sisyphus und mehr.
« Reply #5 on: 08. Mai 2012, 21.50 Uhr »
Hallo!

Zwischendurch (im Abschnitt "Der absurde Mensch") klingt Camus sehr nach Nietzsche, martialisch, sein Don Juan als Übermensch. Der Mensch als ein Mensch der Tat - aber - und dem kann sich auch Camus nicht entziehen - welcher Tat? Wir wissen aufgrund seiner Biographie, dass er auf der "richtigen" Seite stand, wer aber das Hohelied des Aktivismus singt, muss sich darüber im Klaren sein, dass eine solche Philosophie auch vom Gegenüber (in Camus' Falle vom Faschisten) mit Fug und Recht in Anspruch genommen werden kann. Es gibt keine "Tat an sich" wie es auch keinen reinen Menschen des Augenblicks gibt (und das ist auch gut so, da dies eine Form von Verantwortungslosigkeit impliziert). Das Problem einer solchen Philosophie (wie auch jener Nietzsches) ist, dass sie einen bloß aphoristischen, inkonsistenten Charakter hat, denn eine Philosophie, auf die jeder sich berufen kann, ist eine bloße Beliebigkeit. Nietzsche wurde von den Nationalsozialisten missbraucht (er, der mit seiner Schwester fast gebrochen hat, weil sie einen Antisemiten heiratete und der mit dem Deutschen nichts zu tun haben wollte, was soweit ging, dass er sogar seine Abstammung von einem polnischen Adelsgeschlecht abzuleiten suchte) - denn Nietzsche wäre dieser dumm-gröhlende Haufen sicher zuwider gewesen. Aber er ist für diesen Missbrauch auch selbst verantwortlich: Seine Schriften ermangeln der Klarheit, der Eindeutigkeit.

Würde man nicht auch Camus Ähnliches vorwerfen können, wäre ihm nicht die Gnade der späteren Geburt zuteil geworden und er so ein Widerstandskämpfer? Ließen sich die Phänotypen des Schauspielers, Don Juans und des Eroberers nicht wunderbar in den Faschismus integrieren? "Bedrohte Brüderlichkeit, starke, aber schamhafte Freundschaft der Männer [keine Frauen??] untereinander" oder "Männlich nennen wir nämlich die klaren Köpfe, und wir wollen keine Kraft ohne klaren Blick" oder "wir haben bewußte Menschen erlebt, die inmitten der törichtsten Kriege ihre Pflicht taten, ohne sich in einem Widerspruch zu empfinden" - sind dies nicht alles Sätze, die aus der Feder von Hermann Löns stammen könnten, von Ottokar Kernstock - und lesen wir sie nicht einzig deshalb anders, weil wir Camus' Leben in Ansätzen kennen? Eine Philosophie aber, die sich von allem und jedem instrumentalisieren lässt, die vor allem nicht die Konsequenzen ihrer Folgerungen bedenkt, ist eine zweifelhafte, eine mit Beliebigkeitscharakter.

Und auch im "Absurden Kunstwerk" hören, spüren wir Nietzsche, wir "haben die Kunst, damit wir nicht an der Wirklichkeit zugrunde gehen" hat dieser postuliert - und Camus zitiert ihn voller Zustimmung. Der - von ihm bei allen anderen angemahnte Sprung, Eskapismus des Mannes der Tat? Wobei das Verharren im Absurden dem Künstler sehr viel besser ansteht als dem Philosophen: Dieser muss sein System in Maßen rein erhalten, stringent, konsistent, er muss sich vor logischen Fallen und Widersprüchen schützen, um nicht alles zu Fall zu bringen. Der Künstler muss dies auch - aber auf andere Weise: Eine Figur kann durchaus unlogisch sein, widerspruchsvoll - manchmal muss sie dies sogar sein, um einem anderen Kriterium zu genügen: Jenem der Plausibilität. Der Künstler ist nicht frei, er ist seinem Kunstwerk und eben dieser Plausibilität verpflichtet - in verschiedenem Maße: Horrorstories folgen einer anderen Logik als ein Entwicklungsroman, aber auf Logik zu verzichten kann sich weder der eine noch der andere leisten. Deshalb ist Camus ein besserer Romancier und Dramatiker als Philosoph oder Essayist, er versteht es hervorragend, den Menschen als solchen in seiner Widersprüchlichkeit zu zeichnen, nicht aber das Wesen dieses Menschen in philosophische Fesseln zu legen. Einen moralischen oder unmoralischen Menschen zu gestalten bedarf es großer Empathie, sprachlichen Geschicks, der Kenntnis der verwerflichsten und besten Regungen. Dem Moralphilosophen schadet dies alles auch nicht, allerdings stellt er andere Fragen, wovon die wichtigste jene ist, die das menschliche Verhalten im Tun und Erleiden betrachtet: Immer ist die eigene Handlung ein Gradmesser für alle Handlungen, für alles, was mir geschieht, das Gegenüber tut. Moralische Handlungen hängen in ihrer Gültigkeit stets davon ab, inwieweit sie übertragbar sind bzw. inwieweit es wünschenswert wäre, dass nicht nur ich, sondern jeder sich nach diesen Grundsätzen richtet. Deshalb ist hier Konsistenz gefragt, innere Logik, Dinge, die ein Roman keineswegs (bzw. nur in Maßen) besitzen muss. Keinesfalls aber muss das Handeln der Romanfiguren in irgendeiner Weise bindend sein für andere, es kann so falsch wie richtig, so verabscheuenswürdig wie hochherzig sein.

Im Grunde scheint mir das Absurde Camus' etwas darzustellen, das ihm den "Sprung" ersetzt: Sein verzweifeltes Festhalten an diesem "Zustand der Klarheit", einer stoischen Gelassenheit, die alle Freude und Trauer verbannt und nur hinnimmt. Ich wüsste mir keinen Grund, warum ich an diesem Zustand festhalten sollte, weshalb ich nicht gänzlich ohne metaphyisches Brimborium mich an Dingen freuen, über anderes traurig sein sollte. Wobei sich in diesem quantativen (statt qualitativen) Dasein eine zusätzliche Grenze auftut, die auch die Absurdität absurd werden lässt: Der Tod. Ich liebe den Tod nicht, nicht meinen eigenen, antizipierten, nicht den der anderen, die ich geliebt habe. Diese Grenze aber zu hassen, wie es Camus vorzugeben scheint, ist mir im Sinne einer Lebensphilosophie zu einfallslos: Hier sind Epikurs Ansätze schon sehr viel durchdachter. Natürlich: Der Tod ist immer etwas Erschreckendes, Fremdes, etwas, das nie begriffen werden kann, weil unsere Begrifflichkeiten sich allesamt am Leben orientieren, er ist eine tatsächlich absurde, ungeheuerliche Schranke. Nur sein unabweisbares Dasein macht den Umgang mit ihm notwendig - und wenn es natürlich (und selbstverständlich, lieber Camus, selbstverständlich) die Illusion eines bescheidenen und/oder sich betrügenden Geistes ist, von irgendwelchen Jenseitigkeiten auszugehen, so scheint es mir ebenso wenig sinnreich zu sein, etwas vollkommen Unabänderliches zu hassen (wenngleich beide Haltungen irgendwie verständlich sind). Eher: Das Destruktive des eigenen Todes zu sublimieren, das Grausame des Todes anderer im Leben zu integrieren, indem das Beste dieser Menschen in uns weiterlebt, unser Leben ein wenig bestimmt.

lg

orzifar

der zumindest implizit auf Sandhofer geantwortet zu haben glaubt, was denn Camus als Philosoph bzw. Künstler betrifft.
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Re: Camus: Sisyphus und mehr.
« Reply #6 on: 10. Mai 2012, 18.17 Uhr »
Hallo!

Das Buch abgeschlossen. Im Grunde ein wenig überrascht über die philosophisch-logische Inkonistenz, über den Mangel an Genauigkeit, die Menge an verwaschenen Formulierungen, die eine Unzahl an Interpretationen zulassen. Beispielhaft diese Stelle: "Die Traurigen [...] haben zwei Gründe für ihre Trauer: sie leben in Unwissenheit oder sie hoffen." Im Camusschen Sinne unter dem Aspekt eines quantitativen Donjuanismus ist dies zu verstehen, aber es ist ein Satz, dessen Verneinung ebenso gilt: "Sie, die Traurigen, leben im Wissen ihrer Situation, sie leben in Hoffnungslosigkeit". Für die Richtigkeite dieses Satzes ließen sich ebenso viele Belege anführen, ebenso viele Menschen etc. Camus schreibt sehr richtig zu Beginn: "Ein Grund zu leben ist immer auch ein Grund zu sterben". Was dann tatsächlich zum Anlass wird, dieses oder jenes zu tun (oder zu unterlassen) hängt von unzähligen, kleinen Begleitumständen ab und lässt sich nicht in Kategorien bringen. Sätze wie der obige sind Romansätze, sie beziehen ihre Gültigkeit aus dem Handlungsablauf, der Entwicklung des Protagonisten. Sie charakterisieren eine spezifische Person in einer spezifischen Situation, die möglicherweise auch für andere in ähnlichen Lagen gültig sein mag. Darüber hinaus können sie aber keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, sondern nur - im Rahmen eines Kunstwerks - auf Plausibilität.

Sartres Vorwurf, dass Camus trotz des Verwerfens einer Werteskala ganz selbstverständlich eine solche besitzt, voraussetzt, auch propagiert, kann nur unterstrichen werden: So ist die "Pest" ein eminent moralisches Buch, eines, das keinesfalls die Indifferenz der Tat zum Thema hat - und es gereicht Camus zur Ehre, dass sein Leben eher jenem des Doktor Rieux aus dieser Pest gleicht denn dem "Fremden". Im Grunde ist es müßig zu erwähnen: Die propagierte, von keines Gedankens Blässe angekränkelte vita activa Camus' ist eine bloße Schimäre, so unrealistisch wie undurchführbar, sie ist ein Widerspruch zum gesamten menschlichen Dasein.

Und wenn Camus versucht, Kafkas Romane eine existentialistische, absurde Grundhaltung zuzusprechen (bzw. sie ihm letzten Endes abzusprechen), so entbehrt das nicht einer gewissen Komik, als ob dieser seine Werke dem existentialistischen Lebensentwurf Camus nachgestalten hätte wollen. Kafka als Existentialist? Mag sein, denn in menschlicher Hinsicht ist dies fast jeder, indem er sich und sein Leben der Reflexion aussetzt. Kafkas Situation hingegen war eine andere, wer den "Brief an den Vater", seine Tagebücher, seine Korrespondenz mit Milena oder Felice gelesen hat, braucht keine Interpretation. Kafka gestaltet (wie jeder? - denn auch der Geheimrat lässt sich vernehmen: Autobiographie ist's immer) sein Leben, das, was Kafka so außerordentlich macht, ist das Wie der Ausgestaltung, die Stimmigkeit der Bilder, die Genauigkeit, mit der er seine Verzweiflung, seine Unsicherheit, sein Scheitern an einer ihn verstörenden Wirklichkeit zeichnet. Camus sieht Kafka im "Schloss" einen "Sprung" machen, weil er sich von dieser Macht angezogen fühlt. Aber Kafka gestaltet hier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine gänzlich andere Situation, die mit metaphyischer Hopserei nichts zu tun hat: Es ist die verquere Liebe des Unterdrückten zu seinem Peiniger, die Sehnsucht nach Zuneigung und Anerkennung des Kindes zu seinem wenig verständnisvollen Vater. Hier braucht man keinesfalls krude psychotherapeutische Theorien zu bemühen, hier braucht es einzig neben ein wenig Sensibilität die Kenntnis der kafkaesken Umstände.

lg

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