Author Topic: "Nostalgisches Schreiben"  (Read 3114 times)

Offline sandhofer

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"Nostalgisches Schreiben"
« on: 12. April 2012, 12.35 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich suche gerade nach dem Fachbegriff (oder nach einem intelligenten Begriff - intelligenter als der, den ich im Titel verwendet habe) für folgendes Phänomen:

Arthur Conan Doyle: Die meisten seiner Geschichten um Sherlock Holmes spielen so in den 1870er Jahren in einem London der Pferdekutschen und der sechsmal täglichen Postzustellung. Geschrieben bzw. veröffentlicht wurden sie 20, ja bis zu 50 Jahre später, als dieses viktorianische London schon lange passé war.

P. G. Wodehouse: Seine Geschichten um Jeeves und Wooster spielen in einem England bzw. London kurz vor und/oder kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Geschrieben wurden sie so zwischen 1930 und 1970, als das England Edwards VII. schon lange passé war. Und: Die meisten Geschichten schrieb Wodehouse schon gar nicht in England, sondern in den USA bzw. in Frankreich.

Dennoch sagt man diesen Stories nach, ihre jeweilige Handlungszeit typisch zu erfassen. Wie soll ich diese Art nennen, über eine Zeit zu schreiben, die man zwar noch selber erlebt hat (historische Romane à la Walter Scott interessieren mich hier nicht), die aber schon lange im Orkus versunken ist; und so zu schreiben, dass man fast das Gefühl hat, Doyle sitze zu Hause in London am Fenster und schaue den Droschken zu, Wodehouse sitze irgendwo auf einem englischen Landsitz beim Tee und unterhalte sich mit Wooster über dessen Tennis?

Ich weiss auch nicht, ob das nun ein Phänomen der trivialeren Literatur ist; ausser Doyle und Wodehouse fallen mir gerade keine Beispiele ein. (Ausser vielleicht noch Doderers Romane aus dem verklingenden Kakanien.)

Grüsse

sandhofer
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Offline Sir Thomas

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Re: "Nostalgisches Schreiben"
« Reply #1 on: 12. April 2012, 13.55 Uhr »
... Ich weiss auch nicht, ob das nun ein Phänomen der trivialeren Literatur ist ...

Auf keinen Fall! Im "Doktor Faustus" lässt Thomas Mann seine Hauptfigur über weite Strecken in bestem Lutherdeutsch reden und philosophieren, im "Erwählten" schlägt er einen mittelalterlichen Ton an. Das klingt nach langem Sprachstudium und großer Kunst, und ist daher für mich kein Phänomen der trivialen Literatur. 

Vielleicht kann man diesen Stil als altertümelnd, einem Zeitkolorit gehorchend, beschreiben. Ja, kolorierter Stil - das gefällt mir eigentlich ganz gut.

LG

Tom 

Offline sandhofer

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Re: "Nostalgisches Schreiben"
« Reply #2 on: 12. April 2012, 14.41 Uhr »
Danke. Du hast Recht, aber das ist noch mal was anderes, als was ich meine. Ich meine die Tatsache, dass gewisse Autoren mit ihrer Fiktion über Jahre oder gar Jahrzehnte hindurch in einer Zeit festzustecken, die sie selber als Jungspunde zwar noch erlebt haben, die aber unterdessen wirklich vorbei ist. Jeeves mag bei seinem ersten Erscheinen noch zeitgenössisch gewesen sein, aber er hat es nie aus den 1920ern herausgebracht. Sherlock Holmes' Tätigkeitszeit hinkte von Anfang an eigentlich seiner realen Erscheinungszeit hinterher (vielleicht mit Ausnahme vom späten "His Last Bow", 1917 erschienen und vielleicht 5 Jahre früher handelnd, das aber zum Schwächsten gehört, das Doyle seinem Superdetektiv je zugeschrieben hat).
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Offline orzifar

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Re: "Nostalgisches Schreiben"
« Reply #3 on: 12. April 2012, 15.41 Uhr »
Hallo!

Ich halte das für ein spezifisch menschliches Phänomen, das weniger mit Literatur (oder ihrer trivialen Form) zu tun hat. Wir erleben alle in unseren jungen Jahren die Welt intensiver, es ist die Welt, deren Folie sich über alle weiteren Erfahrungen legt. Diese Prägung durch ein Zeitkolorit wird nur bei Schriftstellern stärker spürbar. Dieser Hintergrund, gerade weil er so gut gekannt und intensiv erfahren wurde, drängt sich dann automatisch ins Buch und ins Erzählen. (Und pflegt bei nichtliterarischen Menschen als ein Hauptgesprächsthema stets in verwandelten Form wiederzukehren, als eine - häufig "gut" gedachte - Jugend.)

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: "Nostalgisches Schreiben"
« Reply #4 on: 12. April 2012, 17.58 Uhr »
Hallo!

Ich halte das für ein spezifisch menschliches Phänomen, das weniger mit Literatur (oder ihrer trivialen Form) zu tun hat.

Ja. Wobei die nicht-triviale Form wohl den Vorzug hat, sich dieses Phänomens so weit bewusst zu sein, dass es nicht zum alles beherrschenden Faktor des Werks wird. (Wie es mir überhaupt ein Merkmal trivialer Literatur zu sein scheint, dass weder Autor noch Publikum ein einmal lieb gewonnenes Setting wieder verlassen wollen. Das Setting kann dann auch exotisch-phantastisch sein, wie Karl Mays Wilder Westen.) Dennoch suche ich nach einer möglichst griffigen Bezeichnung für dieses Phänomen.

Grüsse

sandhofer
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Offline Regina

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Re: "Nostalgisches Schreiben"
« Reply #5 on: 12. April 2012, 22.04 Uhr »
Fossiles Schreiben?
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Offline sandhofer

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Re: "Nostalgisches Schreiben"
« Reply #6 on: 13. April 2012, 06.58 Uhr »
Fossiles Schreiben?

 ;D

Obwohl das eher auf Grass zutreffen würde ...  :angel:
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Offline orzifar

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Re: "Nostalgisches Schreiben"
« Reply #7 on: 13. April 2012, 17.27 Uhr »
Fossil? Senil? ... oder zuviel? Armer Grass  ;)
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