Author Topic: Garri Kasparow: Strategie und die Kunst zu leben  (Read 1418 times)

Offline orzifar

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Garri Kasparow: Strategie und die Kunst zu leben
« on: 03. April 2012, 19.21 Uhr »
Hallo!

Wenn Sportler, Künstler, Berühmtheiten jedweder Couleur Bücher schreiben über ein Themengebiet, über das sie aufgrund ihres bisherigen Lebenslaufes nur eingeschränkte und rudimentäre Informationen besitzen, so ist dies meist mit Vorsicht zu genießen. Man schreibt, extrapoliert und meint, dass der Erfolg in einem Spezialbereich dazu berechtigt, sich auch über fremde und ganz allgemeine Fragestellungen zu äußern. Das Recht nun besitzen solche Menschen natürlich, der damit verbundene Anspruch, etwas Vernünftiges und Durchdachtes beizutragen, kann aber meist nicht aufrecht erhalten werden.

So auch hier. Alles, was Kasparow über Schach schreibt, über Methoden und Strategien, dieses Spiel zu erlernen bzw. darin erfolgreich zu sein, ist wohl durchdacht und für einen Schachspieler durchaus interessant. Allerdings versucht er, diese Erfahrungen auf Wirtschaft, Politik und Lebensphilosophie zu übertragen, ein Versuch, der sich im Feststellen trivialer Lebensweisheiten erschöpft und bisweilen dumm und lächerlich wirkt. Schach kann sehr wohl als Analogie für viele Lebensbereiche herangezogen werden, aber derlei muss vorsichtig geschehen und die Unterschiede zwischen diesem strategischen Spiel und einer sehr viel komplexeren Lebenswelt berücksichtigen. Ansonsten wirken die Vergleiche - wie großteils in diesem Buch - an den Haaren herbeigezogen und: Sie sind falsch.

Gerade das von Kasparow häufig verwendete Bild der Wirtschaft entspricht nur in höchst simplen Grundzügen dem Spiel auf den 64 Feldern. Der Autor aber ist derart von seinen gezogenen Parallelen überzeugt, dass ihm auch offenkundige Widersprüche nicht auffallen (wenn er etwa erwähnt, dass "Bluffen" am Schachbrett nur äußerst eingeschränkt - meist in Zeitnot - seine Wirkung enfaltet, während in ökonomischen Belangen irrationale Aspekte eine große Rolle spielen). Er erwähnt beide Faktoren, ohne sich allerdings des Widerspruches bewusst zu werden, weil zwischen diesen Erwähnungen 20 oder mehr Seiten liegen. So verkommt das Buch zu einem etwas langweiligen und beliebigen Lebensratgeber, der, wie es in der Natur solcher Bücher liegt, mit einer Unzahl von Sentenzen mal ins Schwarze, dann aber wieder daneben trifft - oder auch sich ein Ziel erwählt, das der Beliebigkeit wegen gar nicht zu verfehlen ist. Letzteres ist ein Spezifikum solcher Elaborate - und in diesem Buch wird man auf jeder zweiten Seite fündig: "Nur wer härter und zielstrebiger arbeitet kommt zum Erfolg", "man muss sich auf Rationalität und Intuition verlassen" - ad infinitum. Da kann man nicht widersprechen, hier beugt der geneigte Leser das Haupt vor so viel Weisheit, "ein Spiel dauert 90 Minuten und das verwendete Spielgerät ist rund".

Dazu kommt, dass Kasparow Menschen, denen es an Ehrgeiz mangelt oder denen Streben nach Anerkennung ein wenig suspekt erscheint und deren Glück - auch - im Verzicht auf solche Dinge besteht, gar nicht als existent betrachtet. Für ihn zählt der Sieg, der geschäftliche, der politische Erfolg, es geht ihm vor allem darum, irgendwo irgendwie die Führungsrolle zu übernehmen. Kein einziger Gedanke daran, dass man dies ganz bewusst nicht wollen kann, weil dieser Art Anerkennung für jemanden belanglos ist, er es nicht liebt, in der Öffentlichkeit zu stehen oder schlicht den Aufwand für das Erreichen eines Zieles in keinem Verhältnis zu Ergebnis steht. Wobei das Ziel selbst nicht hinterfragt wird: Lohnt es tatsächlich, sich jahrelang mit nichts anderem zu beschäftigen denn Schachanalysen, nur um einen Titel zu erreichen, seinen Körper wie ein Besessener zu trainieren, um einen Wüstenlauf über ein paar 100 km zu gewinnen oder quer durch Nordamerika zu radeln? Mir sind solche Zielsetzungen vor allem dann suspekt, wenn sie einzig auf Anerkennung abzielen und nicht im Tun selbst schon ihren Lohn enthalten. Sich zum Erfolg quälen: Ist es die Qual wert? - vor allem dann, wenn einzig der äußerliche Erfolg im Vordergrund steht und man - noch tragischer - diesen Erfolg zumeist nicht einmal erreicht? Denn Weltmeister im Schach, Weitspucken und Hochspringen werden die Allerwenigsten.

Abgesehen von diesen prinzipiellen Fragen (die er sich nie stellt) ist sein Analogiedenken eine - wie erwähnt - sehr fragwürdige Methode. Und so verwundert es nicht weiter, dass Kasparow weder in seinem wirtschaftlichen noch im politischen Streben erfolgreich war. Das Buch kann allenfalls für Turnierspieler und Schachinteressierte ein gewisses Interesse besitzen (seine eingestreuten Bemerkungen über die Weltmeisterschaftskämpfe gegen Karpov habe ich gern gelesen), über alles andere verbreitet er sich hingegen in Beliebigkeitsfloskeln.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re: Garri Kasparow: Strategie und die Kunst zu leben
« Reply #1 on: 04. April 2012, 10.35 Uhr »
Hallo!

Zum Glück war ich nie in Versuchung, dieses Buch zu lesen ...  :angel:

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus