Author Topic: Bartholomäus Grill: Ach, Afrika - Berichte aus dem Innern eines Kontinents  (Read 5462 times)

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Hallo,
auf geht's.... ;D

Der Autor war politischer Redakteur der „Zeit“ und wurde 1993 als Korrespondent nach Afrika entsandt.

Wir Europäer können Afrika nur aus der europäischen Perspektive betrachten. Das Buch beginnt mit der Frage, ob ein Europäer überhaupt in der Lage sein kann, ein Buch über Afrika zu schreiben. Afrika ist in vieler Hinsicht ein unbekanntes Land. Wir verstehen nicht eine einzige der vielen afrikanischen Sprachen. Was halten wir von den Medizinmännern?  Bitte mal ganz ehrlich. Ist das esoterischer Humbug?  Wenn die traditionelle Medizin nicht weiterhelfen kann, geht man zum Medizinmann. Grill trifft einen, der großes Ansehen hat, weil er heilen kann, aber gegen Aids hat er auch nichts auszurichten. In Afrika fühlt sich ein Europäer weiß. Er fällt auf, wie ein Fremdkörper. Trotzdem, die Weißen, und dass ist ein Vorwurf aus der Sicht von Afrikaner, die Weißen hatten Afrika kolonisiert, unterdrückt. Ich selber denke auch, Afrika zu verstehen ist äußerst schwierig. Grill spricht von ziemlich krassen Gegensätzen. Das erste Kapitel sehr treffend mit „Im afrikanischen Wechselbad“ tituliert. Mal einige Stichworte, die auch genannt werden: Dürre, Hunger, Seuchen, Krieg, Massenelend, Slums in der Ebene von Kapstadt, ein Kind stirbt am Hunger, Massengrab in Ruanda, Kindersoldaten. Ist Afrika schrecklich? Nur ein „Herz der Finsternis"?

Nein. Es gibt auch die schönen Seiten: Den Tanz der Masken bei den Dogon mitzuerleben, ein gewöhnlicher Urnengang in Mosambik verwandelt sich in ein Volksfest der Demokratie. Bewunderung der Kreativität in der Armut, ihre Langsamkeit, ihren Gleichmut zu schätzen wissen. Schönheit kann aber auch blenden. Grill erzählt, sie

Quote from: Grill
stehen im milchigen Frühlicht, die ersten Sonnenstrahlen fallen in die Fluchten eines Palmenhains, handtellergroße Falter steigen aus dem Gras …..Aber der Nebel weicht, es wird hell und heiß, zwischen den Baumreihen entdecken wir Männer mit Macheten. Es sind Lohnsklaven, und das Idyll ist eine Plantage...
.

In Afrika kann man sich buchstäblich verfransen. Das was wir als Feldweg bezeichnen würden, gilt im Kongo als Straßen, auf der man stündlich mit einem Geländewagen nur 17 Kilometer vorankommt.  Und dann gibt es Abzweigungen, die auch keiner Landkarte verzeichnet sind, und der Reisegesellschaft in die Orientierungslosigkeit katapultieren können.  Einmal falsch abgebogen und......

Afrika, der große unbekannte Kontinent. Grill zitiert aus dem Tagebuch von Michel Leiris, der sich an einer Expedition mit dem Ethnologen Marcel Griaule beteiligte:

Quote from: Michel Leiris, zitiert von Grill
Ich verzweifele daran, dass ich in nichts wirklich bis auf den Grund einzudringen vermag.

Fragen wir mal anders herum: Würde ein Afrikaner und Europäer verstehen?
Ein Auslandskorrespondent, wie der Autor einer ist, ist

Quote from: Grill
eine Art moderner Kannibale, der sich am Elend Afrikas bereichert und sich nicht viel anders verhält als eins die Kolonialherren, nur dass er nicht Elfenbein, Tropenholz, Diamanten oder Kautschuk plündert, sondern Bilder und Informationen. Mit diesem Material fabriziert er das miserable Image Afrikas....

Batholomäus Grill schreibt in einer etwas gehobenen angenehmen Sprache und tastet sich sehr behutsam in den Schwarzen Kontinent hinein. Scheint ein tolle Lektüre zu werden.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 15. März 2012, 11.25 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Und weiter geht's !

Afrika in seiner Ganzheit zu erfassen wird uns vielleicht nie. Oder doch?  Ahnenkult, Fruchtbarkeitsrituale, Regenmacher, „Stahlgewitter über Somalia, Mordbrennende Kindersoldaten, Hunger, Seuchen, Massenelend.“ In Alfika gibt es den Katastrophenjournalismus, die von einem afrikanischen Land ins nächste tingeln. Ryszard Kapuściński kritisiert, dass „diese Journalistenkeine Ahnung haben, wo sie sich kulturell befinden, sie arbeiten ohne historisches Hintergrundwissen.“ Wir Europäer lenken meist auch nur unsere Aufmerksamkeit auf das Hungerelend, auch wenn es das nicht überall in Afrika gibt. Positive Seiten Afrikas gehen da schnell unter. Sensationsmeldungen lassen sich eben besser verkaufen, als hintergründig tiefschürfende Information. Auf diese Weise ein Wissen über Afrika nur in oberflächlichen Gefilden herum irrt. Sinngemäß sagt das Grill so. 

 Im Folgenden präsentiert der Autor eine historische Bilanz von Fehlurteilen und Vorurteilen über Afrika, die seit den Bekenntnissen des Göttinger Professors Christoph Meiners, also seit 1790, die Menschheit beeinflusst haben. Meiners ist so eine Art  Vorläufer der Rassisten Arthur Gobineau und Houston Stewart  Chamberlain, Meiners nur übelste Verleumdungen für Schwarze übrig hatte. Aus solche Vorurteilen dann auch das dämliche Kinderlind „Zehn kleine Negerlein“ enstanden ist. Man sieht, welchen Einfluss solche Rassisten haben können. Grill stellt fest, das Meiners Ansichten schon einer langen Tradition von Denkern anhaften und verweist auf Aristoteles, der von sich gelassen hat, die Griechen hätten das Recht, über die Barbaren zu herrschen, sie hätten ja eine angeborene Servilität, sogar Hegel habe, so Grill, das philosophische Fundament der kolonialen Ideologie“ geschaffen.

Wo liegen die Ursachen für Afrikas Armut. Da gibt es eine Einschätzung mit einem rassistischen Untertönen, die auch in Universitätsseminaren zu hörem ist, dass nämlich „die Afrikaner ihr Elend selber verschuldet haben; sie seien eben rückständig, korrupt, ja unfähig sich zu entwickeln.“ Eine  andere Ansicht geht dahin,  dass der Aberglaube der Afrikaner der Hauptgrund ihrer Misere seien. Die zweite meinung, so Grill, kommen aus dem Lager der Gobalisierungsgegner und Dritte – Welt – Bewegten, denn sie sind überzeugt, „dass die Not Afrikas durch Außenmächte verursacht werden. Grill weist darauf hin, dass afrikanische Realitäten komplizierter und vielschichtiger sind, als dass eine dieser Theorien zutreffen könne, sagt aber auch, beide Erklärungsversuche habe einen wahren Kern.

Der Autor weist nun auf die besonderen geograhischen  und klimatischen Verhältnisse hin, auf Naturkatastrophen und Seuchen – ein Kontinent der Extreme. Die geographischen Verhältnisse haben einen sehr ungünstigen Einfluss auf die Wirtschaft, da sich viele afrikanische Staaten sich im Binnenland befinden. Der Transport von Waren  selbst und die Transportkosten zum Problem werden. Außerdem Lander von Europäern und Arabern ausgebeutet wurden und mit dem Sklavenhandel die Globalisierung einsetzte.

Quote from: Grill
Die Kolonialherren hinterließen verbrannte Erde.

verwüsteten das Land, machten Landstriche unbewohnbar.

Afrikaner machen gerne die Kolonisation für ihre Misere mitschuldig. Doch ganz so einfach ist das nicht. In Afrika wird auch sehr schlecht gewirtschaftet Grill nennt Beispiele, u.a. Kongo und Nigeria. Über Nigeria schreibt Chinua Achebe, es „ist einer der korruptesten, abgebrühtesten, untüchtigsten Landstriche unter der Sonne.“.

Quote from: Grill
Die einheimischen Eliten machten nach der Unabhängigkeit genau dort weiter, wo die Kolonialherren aufgehört hatten: Sie übernahmen ihre Positionen und Privilegien, die Schreibtische und Swimmingpools,, die Seidenbetten und die Dienerschaft.

Um dieses Problem zusammenzufassen, übernehme ich noch eine Aussage des Autoren:

Quote from: Grill
Die Not der Völker Afrikas wird fortdauern, weil es seinen Eliten an den Mitteln, am Know – how und am Willen fehlt, sie zu überwinden.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Hallo,

ich habe nun auch mit der Lektüre begonnen (gekommen bis S. 83). Das Buch erfüllt meine Erwartungen eines weitgehend objektiven, vorurteilslosen Bildes, das Grill entwirft; er geht vor allem hart mit seinen Reporterkollegen ins Gericht, welche - ahnungslos und inkompetent - meist nur Sensationsjournalismus im Sinne hätten (u. a. auch mit Peter Scholl-Latour bzw. dessen Afrikabücher, in denen der Altmeister nichts anderes als vorgefertigte Wortfloskeln zum besten gäbe - womit er so unrecht nicht hat, vor dem gestrengen Auge Grills nicht zu bestehen vermögen).

Andererseits macht diese Art Realismus depressiv - mich wenigstens. Die Ausweglosigkeit eines ganzen Kontinents (ob nun selbst- oder fremdverschuldet ist belanglos) macht traurig, hilflos; wenn man von derartigen Zuständen liest, möchte man wenigstens irgendeinen Hoffnungsschimmer, irgendein Konzept, wie dem Unglück abzuhelfen sei. Aber Grill - von Ansätzen abgesehen, die er, kaum niedergeschrieben, schon wieder zurücknimmt - bietet keine solchen tröstlichen Szenarien. Tröstlich einzig das kleine Glück, das Lachen, der Humor, den er erfährt, die Hilfsbereitschaft, die völlig unvorbereitet kommt, nachdem man sich in lebensgefährliche Situationen begeben hat. Mir jedenfalls fällt es schwer, von diesem fortgesetzten Wahnsinn zwischen Warlords, korrupten westlichen Industrieunternehmen und gleichzeitig dahinvegetierender armer Bevölkerung zu lesen, obwohl dieser Kontinent (trotz der von Grill geschilderten geostrategischen Nachteile) fruchtbar und reich sein könnte.

Besonders gut gelingt Grill die Schilderung westlicher Vorurteile und Voreingenommenheiten, des diffizilen Rassismus, wenn etwa lobend (und implizite als Ausnahme bezeichnet) von afrikanischen Universitätsabgängern berichtet oder der Besuch einer deutschen Grünpolitikerin in Soweto geschildert wird, die sich da wie "unter Schwestern" fühlte, aber von den Frauen nur ausgelacht wurde.

lg

orzifar

Von Nigeria, das von Grill als einer der furchtbarsten, völlig verwahrlosten Landstriche beschrieben wird, ist vor kurzem eine Bekannte heimgekehrt (die in einer Gebärklinik gearbeitet hat). Allerdings verträgt man Beschreibungen solcher Orte nur in kleinen Dosen, sofern dem Mensch an einem einigermaßen gedeihlichen Schlaf gelegen ist. Das Positive: Man lernt die eigenen, oft als unzulänglich empfundenen Lebensumstände wieder schätzen.
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Andererseits macht diese Art Realismus depressiv - mich wenigstens. Die Ausweglosigkeit eines ganzen Kontinents (ob nun selbst- oder fremdverschuldet ist belanglos) macht traurig, hilflos; wenn man von derartigen Zuständen liest, möchte man wenigstens irgendeinen Hoffnungsschimmer, irgendein Konzept, wie dem Unglück abzuhelfen sei.

Ja, immer das Gefühl, hier nie auf einen grünen Zweig zu kommen. ich frage mich auch, es gibt so viele Hilfsprojekte dort, trotzdem das Gefühl, alles stagniert in der Dürre. Es stagniert vielleicht deswegen, weil der Antrieb fehlt, oder es fehlt das Wissen, und der Egoismus der führenden Cliquen. Ausgerechnet dort in dieser Ausweglosigkeit, gibt es diese Kurtzwahnsinnigen á la Joseph Conrad, auch europäische Kolonialegozentriker, Machtbesessene Geistesgestörte. Es ist immer dasselbe, wenn es um diese elenden Diktaturen geht. Der Cliquenführer badet im Luxus und interessiert sich nicht für das Volk. Nicolae Ceauşescu war auch so einer, Gaddafi auch usw. Wenn der iranische Dikator, dessen Namen ich nicht schreiben kann, mal seinen Abgang macht, werden wir sicher auch sehen, in welchem Prunk der existiert hat.

Okay. Kommen wir zur Kolonialherrschaft

Dr. Carl Peters, ausgerechnet ein Pastorensohn, gründete 1884 die Gesellschaft für Deutsche Kolonisation. Grill findet drastische Worte, die aber sicher zu treffen. Peters  sog. "erworbenen" Territorien in Afrika wurden unter kaiserlichen Schutz gestellt..
Quote from: Grill
...ein Freibrief für einen Psychopathen, einen deutschnationalen Herrenmenschen, der fortan prügelnd duch Ostfrika zog.

Bagamoyo heißt der Ort am Indischen Ozean, der ein Knotenpunkt der Eroberungszüge war, seien es europäische oder orientalische. Auch europäische Entdeckungsreisende begannen hier, es endeten auch Karawanen orientalischer Menschenjäger an diesem verfluchten Ort. Bagamoyo heißt übersetzt "Wirf dein Herz weg."

Wir sind hier genauso in der Hölle wie in dem Buch von Denis Johnson ("In der Hölle"). Die Belgier, so Grill, predigten die Zivilisation und die Barberei gebracht. Das Vorbild von Conrad war warscheinlich ein Offizier namens Léon Rom, der in seinem Garten Köpfe enthaupteter Kongolesen aufstellte. Der deutsche Paul Reichard, der in Ostafrika die Siedlung Waidmannsheil gründete, schmückte ebenfalls den Garten mit abgeschlagenen Köpfen. Die Machtperversion geht noch weiter. Dr Carl Peters wurde zum "Oberzuchtmeister des aufsässigen Negers" befördert. Es ist ein Sadismus wie bei manchen Nazigrößen.

Mittendrin in dem kolonialen Greulgeschehen, dann ein Satz, der in dieser Umgebung ziemlich unwirklich klingt:

Quote from: Grill
So zauberhaft ist das Abendlicht nur in Afrika.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Besonders interessant finde ich das Kapitel „Das Alte stirbt“ Hier geht es um den Kontinent, der zerrisen ist zwischen Tradition und Moderne. Auch im schriftstellerischen Werk von Ngũgĩ wa Thiong'o erzählt viel davon. Das Volk der Betamaribé (Benin, Westarfika) konnte aufgrund seiner Abgeschiedenheit Sitten und Gebräuche seit der Eisenzeit bewahren, dagegen konnten islamische Religionskrieger,christliche Missionare und Kolonialherren nichts ausrichten. Doch wie lange die „Modernisierungswalze“ hier noch aufgehalten werden kann ist ungewiss (das erinnert einwenig an Mario Vargas Llosa 's Roman „Der Geschichtenerzähler“).

Eine streitlustige Afrikanerin Namens Axelle Kabou fällt sehr kritisch über Afrika her und macht sich dort unbeliebt. Sie versteckt sich aber nicht vor bitteren Wahrheiten.

Quote from: Grill
Sie weinen ihrer paradiesischen Vwergangenheit nach. Sie leben psychologisch im Mittelalter. Sie bringen nichts zustande, um ihre Not zu überwinden...
usw.

Axelle  Kabou verfasste eine Streitschrift. Afrika am Abgrund.

Quote from: Grill
Sie macht nicht nur machtkranke Staatschefs und korrupte Eliten für die Malaise des Kontinents verantwortlich, sondern auch das ganz normale Volk, jeden Einzelnen.

Das Problem ist, Afrikaner glauben immer noch, sie müssen wegen dem Leid der Kolonialherrschaften Rettung aus dem Westen bekommen. Die Opfer – und Bettlerhaltung werde durch „die Humanitätsduselei naiver weißer Helfer bestärkt.“ Albert Schweitzer schrieb schon, den Afrikanern fehle der „Fortschrittswille“. Kabou, so Grill, übersieht manches, z.B. dass die Modernisierung der Gesellschaft aufgepfropft worden ist. Das mag stimmen, wir im Westen wollen alle Demokratisieren,  uns einmischen usw. Ein Volk muss aber auch dazu bereit sein. Kabou spricht von einer Verweigerung der Modernisierung.

Ein wichtiger Aspekt in diesem Kapitel werden durch die Naturreligionen eingenommen. In Nigeria gibt es 1700 Gottheiten. Für jedes kleines bisschen gibt es Schutzgeister, Dämonen, ddie Ahnen, die  immer noch wirkungsmächtig, real existieren. Mal eine Zahl: Schätzungen zufolge, wurden zwischen 1994 und 1998  in Tansania 5000 >Hexen< umgebracht. Eine Welt, die für manche christliche Missionare eine grauenhafte Vorstellung sein müsste. Aber, wir wissen ja, das Christentum ist aus dem Heidentum enstanden und Grill findet Parallelen der Naturreligionen zum „alpenländischen Katholizismus“. Grill selbst erlebte diese Atmosphäre in den Alpen: ein vielköpfiges Pantheon von Heiligen, die in der Not helfen (St. Florian, Antonius usw.). Zu Oster wurden geweihte Eierschalen an den Ecken der Äcker gestreut, man trieb dem Vieh böse Geister aus und vieles mehr. Aberglaube ähnlich wie in Afrika. In großen Zügen exportiert Nigeria das Christentum.

Quote from: Grill
Die moslemische Mehrheit im Norden wird gegen Andersgläubige aufgehetzt von einer Oberschicht, deren macht seit dem Ende der Militärdiktatur erodiert.
Der nigerianische Präsident Obusegun Obasanjo bagatellisierte in Gegenwart vom Autor  die Zusammenstöße von Christen und Moslems, dabei sind Tausende gestorben, Moscheen und Kirchen brannten. Der Kampf der Kulturen hat in Nigeria schon längst begonnen, sagt Grill. Diesen ollen religiösen Fanatismus verstehe ich sowieso nicht.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
leider geht es wieder in die Hölle[death]

In den folgendem Kapiteln geht es um den Big Man, den Präsidenten diverser Staaten. Grill beginnt mit der Elfenbeinküste.ich habe den Namen noch nie gehört:Houphouet-Boigny. Ominipräsent wie ein Gott. Auf Briefmarken, auf T- Shirts. Fernsehnachrichten sind wie seine Hofnachrichten. Bilder auf dem Flughafen der Haupt: viril und ewig jung usw. Kritik der Opposition wird nicht geduldet,  der Staat ist sein Eigentum. Wenn er mehr geld braucht, wird eben mal was gedruckt.  Es ist doch logisch, dass dort nichts vor sich geht, wenn sich Big Men nur um ihr aufgeblähtes Ego kümmern.
Mobutu Sese Soko Kuku Ngbendu heißt „der Gockel, der alle Hennen deckt.“ Das war der Präsident von Zaire, der bis bis zum Halbgott brachte. Grill ist einem Dutzend dieser Big Men begegnet. Die Gemeinsamkeiten dieser Leute fasst er so zusammen:

Quote from: Grill
Das obsessive Festhalten an der Macht, die Verteidigung ihrer Alpha-Position mit allen erdenklichen Methoden.

Für Richard von Weizsächer  war Robert Mugabe noch ein „kluger, besonnener, Politiker“, als Weizsächer auf Staatsbesuch in Simbabwe war. Mugabe hat aber das Land künftig so heruntergewirtschaftet, dass aus der ehemaligen Kornkammer Afrikas ein Land der Armut mit sechs Millionen hungernden Menschen geworden ist. Für das Zerstörungswerk brauchte er 20 Jahre (1980- 2000). Und dann für den zum Big Man geworden sein Kampf um den Machterhalt. Er wird immer unbeliebter, zum ersten Male stellt sich ihm jemandenüber. So zieht er künftig mit gwalt und Raub über das Land:

Quote from: Grill
Seine Reservearmeen...besetzten Farmen, die sich nach wie vor in der Hand weißer Großgrundbesitzer befinden, und überziehen die Provinzen mit einer regelrechten Terrorkampagne: Sie foltern, plündern, vergewaltigen, töten
.

Mugabe will sich die geraubte und erschwindelte Heimaterde wieder zurückholen. Er selbst wurde in Kolonialzeit von Weißen gejagt und misshandelt. Als Machthaber fühlt er sich wie ein Mesisas oder Moses, ein Vollstrecker der Geschichte, der , so Grill, noch recht bescheiden lebt. Er heiratete aber „eine luxusgeile First Lady“, die eben einen negativen Einfluss auf ihn hatte.

Nach dieser Vorführung einiger Big Men wundere ich mich doch, dass es in Afrika demokratische Bewegungen gab. !989, nachdem in Deutschland die Mauer gefallen war, gab es in Afrika in verschiedenen Staaten demokratische Bewegungen. In Südafrika erwartete man das Ende der Apartheid, Namibia wird unabhängig. Diverse Staaten waren im Umbruch. Doch diese Umbruchsstimmung  währte nicht lange.  Mobutu, koguleischer Führer sagte nur, sie seien Demokraten, weil ihn verschiedene europäische und amerikanische Sponsoren den Geldhahn zudrehen wollten. Nur halherziger Demokratiewille. Es  gab immer nur einen Partei im Kongo.

In Kenia ist zur Jahreswende 2002/2003 ein Big Man abgewählt worden. Der neue im Staate, Mwai Kibaki, ist ein Ökonom. Ob er die Wende geschafft hat. Konnte Grill in seinem Buch nicht mehr schreiben. In Uganda z.B. ist ein demokratischer Versuch gescheitert. In den krisengeschüttelten Ländern scheint es schwer zu sein, Demokratien zu verwirklichen. Die Hoffnung darin schwindet auch sehr schnell, wenn es im anschließenden Kapitel um postkoloniale Gewalt geht. Je weiter im Buch fortgeschritten wird, senkt sich doch ein düsterer Geist über mein Gemüt. Afrika ein grausames Land. Über die Grausamkeiten in Ruanda wird Grill dann auch noch spechen. In Somalia sind dem Autor einige Geschosse über dem Kopf geflogen. Irgendwie kein Bock mehr. Mache mal Pause.

[sick]mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Der nigerianische Präsident Obusegun Obasanjo bagatellisierte in Gegenwart vom Autor  die Zusammenstöße von Christen und Moslems, dabei sind Tausende gestorben, Moscheen und Kirchen brannten. Der Kampf der Kulturen hat in Nigeria schon längst begonnen, sagt Grill. Diesen ollen religiösen Fanatismus verstehe ich sowieso nicht.

Der Fanatismus ist Religionen inhärent. Paul Claudel, keineswegs ein Materialist, hat schon vor bald 100 Jahren treffend bemerkt: "Wenn wir sagen, eine der Funktionen der Religion, so wie die Natur sie gewollt hat, sei die, das soziale Leben aufrechtzuerhalten, so meinen wir damint nicht, daß zwischen dieser Religion und der Ethik eine Solidarität bestehe. Die Geschichte bezeugt das Gegenteil. Sündigen hieß immer die Gottheit beleidigen; aber die Gottheit hat sich keineswegs immer von der Unmoral oder selbst vom Verbrechen beleidigt gefühlt: es kam sogar vor, daß sie es vorgeschrieben hat."

Grills Vergleich mit dem alpenländischen Geisterglauben sind treffend, sie waren es auch, die mir selbst (als jemand, der derlei als Kind erlebt hat) sofort in den Sinn gekommen ist. Allerdings sind die Religionen (ob importiert oder autochthon) auch nur ein Teil und ein Instrument jener Strukturen, die in Afrika einen solch unheilvollen Einfluss ausüben (wobei die unheilvollsten Auswirkungen nicht im Gottesglauben an sich, sondern dessen Ge- und Verboten bestehen: Kondomverbot, die grundsätzliche und gottgewollte Unterdrückung der Frau.

Und ob das Überleben ursprünglicher Strukturen etwas Wünschenswertes ist sei auch dahingestellt. Grill beschreibt denn auch die irrwitzigen Initiationsrituale des Voodoo-Kultes oder die noch immer so weit verbreitete Beschneidung von Frauen (Dinge, die niemals nur metaphysischer Natur sind, sondern stets auch ein Instrument der (männlichen) Macht).

In "The big man" beschreibt Grill, wie schnell und radikal Macht korrumpieren kann, wie oft es "Hoffnungsträger" gab auf dem afrikanischen Kontinent (wie etwa Mugabe), die fast allesamt, einmal an die Macht gekommen, diese unter allen Umständen festhalten und zementieren wollten.

Und über allem: Hoffnungslosigkeit. Grill verschont uns mit eigenen unfehlbaren Theorien, was zum einen das Buch lesenswert macht (weil bar jeder Klugscheißerei), zum anderen (wie schon mehrfach erwähnt) den Leser kopfschüttelnd, frustriert zurücklässt.

lg

orzifar

der seinem Mitleser baldige Besserung wünscht
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 764
ich habe den Namen noch nie gehört: Houphouet-Boigny.

Dann musst Du jünger sein als ich. Félix Houphouët-Boigny war in meiner Jugend für die Generation meiner Eltern der Star unter den afrikanischen Präsidenten, weil die Elfenbeinküste zu florieren schien und ihr Präsident sehr gute Beziehungen zu Europa und v.a. zur ehemaligen Kolonialmacht Frankreich unterhielt. Da guckte man gern nicht allzu genau hin.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Nur wenige Jahre jünger. Ich kann mich noch an einen Bericht des "Spiegel" erinnern, in dem der teure Bau der Basilika "Notre Dame de la Paix", krtisiert wurde. Da gibt man so viel Geld für eine Kirche aus und in unmittelbarer Nähe hungern Menschen.
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Quote from: Grill
Die Zahl der Landminen in Angolas Erde – rund zehn Millionen – übersteigt die Zahl seiner Einwohner.

 1975 wird die Caetano-Diktatur in Portugal  durch die Nelkenrevolutuion gestürzt. Die  Kolonialherrschaft in Angola ist beendet. Seitdem  herrscht dort aber „ein korruptes marxistisches Regime." Von einer Katastrophe in die nächste. Savimbi, der sich als Freund von Franz Josef Strauß bezeichnete,  verlor die ersten freien Präsidentschaftswahlen in Angola, sprach von Wahlbetrug und zettelte einen Bürgerkrieg an. Er selbst wurde mit Kugeln durchsiebt. Dr. Johann Savimbi war einer der grausamsten postkolonialen Rebellenführer. 30 Jahre wütete er mit Gewalt durch das Land. „Afrika, der blutige Erdteil“, sagt Grill, „seit 1945 wurden im Süden der Sahara 54 Kriege und Bürgerkriege geführt.“

Im Grills Buch schimmern ja immer wieder die Reaktionen des Westens durch. Afrika gilt als ein verlorener Kontinent, den man abgeschrieben hat. Auf dem Friedensgipfel für den Kongo 1999 in Lusaka (Sambia) stattfand, erschienen nur zwei europäische Journalisten, keiner aus den USA. Aldo Ajello, Sondergesandte der Europäischen Union sagte: „Es ist leider wahr, das auswärtige Interesse ist extrem begrenzt.“ Die Kongolesen sind auch nicht ernsthaft an einem Waffenstillstand interessiert. Und so läuft alles den Bach hinunter. Laurent Kabila wid umbebracht, Joseph Kabila übenimmt die Macht. Das Blutvergießen geht weiter. Fachgelehrte sprechen über eine „Somalisierung“ (Anarchie) Zentralafrikas. Die Weltgemeinde schickt zwar ein paar Sondergesandte in den Kongo, die nichts ausrichten können. Es herrscht die Resignation. Man könne sowieso nichts machen, den Krieg müsse man ausbluten lassen. So wie grill das beschreibt, ist von den Industrieländern keine Hilfe zu erwarten. Das ist das schockierende. Und so geht das Dilemma weiter: Völkermord in Ruanda, 15. April 1994:  Die Grausamkeiten und Hintergründe möge man im Buch  lesen, ich wiederhole sie nicht und möchte nur  das Verhalten des Westens, insbesondere der UNO, erwähnen. In den USA  bemühte man sich, das Wort Genozid nicht in den Mund zu nehmen, denn bei einem Genozid, wären sie verpflichtet gewesen, einzugreifen.  Bill Clinton sprach vom „Stammesgroll“ und Mitterand: „ Ein Genozid ist in Afrika nicht so schlimm wie anderswo.“ (Seite 279). Wer mag schon gerne glauben, dass ruandische Militärs von Französen ausgebildet wurden, zwischen 1990 und 1996 hat es 36 Waffenlieferungen nach Ruanda gegeben. Dieser Völkermord wäre zu verhindern gewesen. Grill erzählt vom Kommandeur der Friedensrtruppen in Ruanda, Roméo Dallaire, der schon am 11. Januar 1994 ein verschlüsseltes Telegramm nach New York gesandt hat, „das detaillierte Informationen zum geplanten Genozid“ enthielten.“  Leider wurde die Gefahr nicht als ernst genug eingestuft. Stattdessen, der Genozid war längst im Gange, reagierte die UNO auf Empfehlung von Kofi Annan und ließ 270 Blauhelme abziehen. Der Abzug der Blauhelme ist filmisch dokumentiert.
Quote from: Grill
>„Lasst uns wenigstens die Waffen da, damit wir uns verteidigen können,“ betteln die Schutzlosen.<

Kofi Annan entschuldigt sich später für diese Fehlentscheidung.

AIDS

In Afrika wird über AIDS nicht geredet. Ein Tabuthema wie Sexualität. Im Parlament von Südafrika war im Oktober 2001 das Thema AIDS/HIV angesetzt, auf der der Präsident die Infektionsrate bezweifelte, obwohl damals 4,7 Millionen Menschen infiziert waren. Gerne werden andere Gründe als Krankheitsursache vorgeschoben, als Sexualität. Man versteht niht, warum nach der Apartheid die Befreiten sterben und hängt sich an abstruse Theorien wie die von zwei Amerikanern, die von einer „Viruslüge“ sprechen, die Ursache für das Massensterben in der Armut zu finden glauben. Für die südafrikanische eine willkommene Irrlehre, „denn durch sie lässt sich die Pandemie auf die elenden Lebensbedingungen zurückführen, welche die Apartheid hinterlassen hat.“. Und solange geglaubt wird, dass Anti- Aids -Medikamente Gift sind, die zum Genozid führen können, und die Schwarzen nur als Versuchskaninchen behandelt werden, sind natürlich die Hilfen aus dem Westen nur eingeschränkt möglich. Ein anderes Problem noch, viele Afrikaner sehen nicht ein, Präservative zu benutzen. Grill begegnet einen Jäger aus Tansania, der ihm sagt, Präservative eigenen sich besonders gut zum Abdichten des Gewehrlaufs, wenn man duch einen Fluss watet. Die Ursachen von Aids in Afrika sind eben auch sehr vielschichtet. Ich vermute mal, dass das Kondomverbot der Kirche gar nicht mal so einen großen Einfluss hat. So erzählt Grill, dass es in Afrika fortschrittliche Kirchenleute gibt, die den Unsinn des Vatikans ignorieren. Wie hirnverbrannt rückständig die Behauptung ist, Aids sein eine von Gott auf die Erde gebrachte Lustseuche, betont Grill mit einer Behauptung von Paracelsus, der im 16. Jahrhundert lehrte, „der Allmächtige habe die Syphillis auf die geile Menschheit herniedergeschleudet.“

Detailliertere Informationen über Kirche und AIDS in Afrika wird in Grills Buch: "Gott Aids Afrika: Das tödliche Schweigen der katholischen Kirche" zu lesen sein.

Und ob das Überleben ursprünglicher Strukturen etwas Wünschenswertes ist sei auch dahingestellt. Grill beschreibt denn auch die irrwitzigen Initiationsrituale des Voodoo-Kultes oder die noch immer so weit verbreitete Beschneidung von Frauen (Dinge, die niemals nur metaphysischer Natur sind, sondern stets auch ein Instrument der (männlichen) Macht).

Ja, sicher. Weil Afrika übermäßig abergläubisch ist, frage ich mich natürlich auch, ob Afrika in dieser Sache im Mittelalter hängengeblieben ist. Im europäischen Mittelalter waren die Menschen auch noch viel abergläubischer, als es heute noch manche sind. Lesen konnten sehr viele auch damals nicht. Auch die Sache, dass manche glauben, wir wollen sie mit Aids-Medikamenten vergiften, scheint doch ein wenig rückständdig zu sein, zumindest großes Misstrauen gegenüber den Idustriestaaten, weil das sind ja die bösen Kolonialstaaten. Mir kommt es schon so vor, dass Afrika in dieser Beziehung rückständig ist. Es würde heute ja auch keiner sagen, Deutschland möchte die Welterobern, nur weil Hitler diesen Wahn hatte. Interesssant wäre es doch zu wissen, inwieweit medizinische Universitäten in Kontakt mit westlichen Forschungseinrichtungen stehen. In Afrika gibt es sicher aufgeklärte intelligente Leute, die Mehrheit vielleicht doch aber in verkrustete Denkstrukturen verharrt.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 28. März 2012, 13.20 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942

Hallo!

Das Kapitel über Ruanda eignet sich wahrlich nicht als Einschlaflektüre. Das Ungeheuerliche des Geschehens wurde nur noch übertroffen von der Ignoranz einer Welt, die - wie der zitierte Mitterand - schlicht ein paar tote Neger mehr zur Kenntnis nahm. Es gibt ein Maß für die Welt, ein anderes für solche Länder: Mit der Selbstverständlichkeit, mit der eine deutsche Plapperfürstin das "Schnakseln" als spezifisch anfrikanisch definierte, wird auch das Verhungern und der Bürgerkrieg als ein Spezifikum des Kontinents angesehen, das man mit bedauerndem Schulterzucken zur Kenntnis nimmt (nicht aufgeregter als das Halbzeitergebnis eines Fußballspiels).

Zu Aids: Natürlich sind die Ursachen vielfältig, aber nichts wäre hilfreicher und leichter gewesen als ein Propagieren von geschütztem Geschlechtsverkehr seitens der in Afrika tätigen westlichen Mächte. Grill bezeichnet das Kondomverbot als kriminell, ich halte den ehemaligen Papst (der derzeitige ist nicht besser) für einen der größten Massenmörder der Geschichte. Gerade weil der Einfluss der katholischen Kirche in Afrika so groß ist, hätte man unglaublich viel Not und Leid verhindern können. So krepieren Millionen Menschen aufgrund einer archaischen Sexualmoral. Wenngleich dies natürlich nicht der einzige Grund für die Schwierigkeiten in der Aids-Bekämpfung ist; autochthone Strukturen, Geister- und Dämonenglaube (hier zeigt sich, dass Aufklärung in Afrika ebenso not tut wie sie es in Europa war und dass das Überwinden solcher im Mystischen und Irrationalen verankerten Denkweisen die Voraussetzung für eine Besserung der Situation ist), die Profitgier von Pharmakonzernen und vieles andere begünstigen dieses Massensterben. Wobei die ökonomische Modernisierung nicht das Allheilmittel ist: Wie die USA zeigen ist materieller Wohlstand und mittelalterliches Denken ohne weiteres vereinbar, man kann daran glauben, dass die Erde gerade mal einige 1000 Jahre alt ist und trotzdem von in Hunderten Millionen Jahren entstandenen Bodenschätzen profitieren.

Das vorletzte Kapitel ist Südafrika gewidmet. Und dem "Wunder", dass das gegenseitige Massakrieren dort bisher ausgeblieben ist. Ein Wunder, das einen Namen hat: Nelson Mandela. Ohne ihn wäre der Übergang von der Apartheid zu den jetzigen (immer noch grauenhaften) Umständen nicht friedlich verlaufen, hätte es keine "Wahrheitskommission" gegeben, sondern Rache (und vielleicht auch mehr Gerechtigkeit). Denn tatsächlich blieben viele der südafrikanischen Schergen unbehelligt, sie wurden, wenn sie denn nur glaubhaft versichern konnten, unter ideologischem Einfluss gehandelt zu haben, strafrechtlich nicht weiter verfolgt. Aber diese Form der Ungerechtigkeit hat zweifelsohne Blutvergießen und Ausschreitungen verhindert, das Ideal der Gerechtigkeit wurde auf dem Altar der Humanität geopfert. Ohne Mandela, ohne dessen Mut, auf Vergeltung vollends zu verzichten, wären auch in Südafrika bürgerkriegsähnliche Zustände kaum zu verhindern gewesen.

Den Abschluss des Buches bietet ein Kaleidoskop afrikanischen Lebens: Zwischen Solidarität (ubuntu, das sollte denn auch manchem Computerfreak ein bekannter Name sein), Gastfreundschaft, Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit, zwischen Fürsorge und Gedankenlosigkeit, ungeheurer Lebensfreude und ebenso großem Leid bewegt sich der Besucher dieses Kontinents. Diese Vielfalt darzustellen, weitgehend frei von Klischees und Schablonen, ist Grill mit diesem Buch gelungen, weshalb es auch eine uneingeschränkte Empfehlung verdient. Und mich persönlich dazu anregt, auch anderes vom Autor zu lesen.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Das vorletzte Kapitel ist Südafrika gewidmet. Immer noch ein Land in der sehr reiche Menschen leben, und sehr arme Menschen leben in den Außenvierteln der Großstädte in Baracken. In Baracken. Das der Übergang aus der Apartheid friedlich verlaufen ist, ist Willem de KLerk und Nelson Mandela zu verdanken, zwei entschlossene Männer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Apartheid in Südafrika war die "obszönste Form, die der Kolonialismus hervorgebracht hatte. Den Farbigen, auch Indern, wurden alle normalen rechte beraubt, sogar Parkbänke wurden streng nach Hautfarbe geteilt. das erinnert ein wenig an den Central Park in New York, in dem es einen teil gibt, in dem nur Schwarze sind.Vielleicht ist das heute noch so.

Doch wohin geht die Zukunft Südafrikas: AIDS dezimiert die Bevölkerung, zwei Drittel der menschen leben in Armut, über vierzig Prozent haben keine Arbeit. Die Mordrate in Kapsatdt ist eine der höchsten in der Welt.
Quote from: Grill
Man bleibt in diesem Land nicht von der Gewalt verschont, sie ist wie ein Schatten, der uns ständig begleitet.

Die kriminalität wurzelt in sozialen und moralischen Verwahrlosung - Hinterlassenschaft der Apartheid. grill spricht von einer verlorenen Generation: Prügeln, saufen, schießen usw.

Natürlich gibt es auch das andere Afrika. Die Dogon. Sie sind einfach zufriedener als der Gros der sog. Zivilisierten. Den Zivilisationskonsumenten, die der Uhr und Pünktlichkeit und auch dem Konsum (Die Wirtschuft muss immer wachsen, was für ein Blödsinn) unterworfen sind, leben nicht in dieser afrikanischen Seelenruhe und Gelassenheit, oder man träumt wenigstens davon, wenn man zufällig mal Seneca liest oder man übt sich darin.
Quote from: Friedrich Nietzsche
Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barberei aus.
(aus: Menschliches, Allzumenschliches)

Wie recht Nietzsche hat, sehen wir heute.

FINE
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe