Author Topic: William Poundstone: Im Labyrinth des Denkens  (Read 2007 times)

Offline orzifar

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William Poundstone: Im Labyrinth des Denkens
« on: 09. März 2012, 19.05 Uhr »
Hallo!

Der Glücksfall eines Buches. Was anfangs anmutet wie eine Geschichte des Rätsels bzw. des Paradoxons entwickelt sich zu einer geistreichen, witzigen, klar (aber niemals simplifizierend) geschriebenen Geschichte der Epistemologie, der Methodologie.

Paradoxa sind mehr als bloße Seltsamkeiten, sie sind zumeist ein Hinweis darauf, dass mit unserem Erkenntnisvermögen irgendetwas nicht stimmt oder aber wir im Erkennen der Welt Beschränkungen ausgesetzt sind. Viele der Beispiele basieren auf ähnlich gelagerten Problemen: Metasprachliche Äußerungen und/oder Mengen, die sich selbst enthalten. Damit hat sich Russel schon herumgeplagt und feststellen müssen, dass es sich dabei nicht um bloße Gedankenspielereien handelt, sondern um fundamentale Schwierigkeiten. (Beispiele für das metasprachliche Phänomen ist das Lügnerparadoxon bzw. das Paradoxe der Aussage "Diese Aussage ist falsch", die dann richtig ist, wenn sie falsch ist und vice versa bzw. (bezüglich der Mengen) die (Russelsche) Geschichte vom Barbier eines Dorfes, der alle rasiert, die sich nicht selbst rasieren. Wenn wir diesen Satz auf den Barbier anwenden, stehen wir wieder vor einem unauflöslichen Dilemma: Wenn er sich nicht selbst rasiert, rasiert er sich selbst, wenn er sich selbst rasiert, rasiert er sich nicht selbst. Scheinbare Haarspaltereien würde Asterix  sagen ...)

Diese und viele andere Beispiele führen auf unterhaltende und geistreiche Weise zu den vielen Problemen wissenschaftlicher Methodologie, zu Hempels Raben (Aussage: "Alle Raben sind schwarz", Kontraposition: "Alle nichtschwarzen Dinge sind Nichtraben", was zur Folge hat, dass alle Dinge (Gartenzwerge, Kugelschreiber und Zehennägel) eine Bestätigung für die erste Aussage sind. Aber: Ein blauer Gartenzwerg bestätigt auf diese Weise nicht nur die Existenz schwarzer, sondern auch die weißer Raben, was nun offenbar einen Widerspruch darstellt). Wenn man sich Nicods Kriterium zu Herzen nimmt, bleibt man von solchen Beweisführungen verschont. Die Art und Weise der Darstellung verdient höchste Anerkennung: Klar strukturiert, verständliche Sprache, nachvollziehbare Beispiele. Sodass auch ein philosophischer Laie ohne auf terminologische Schwierigkeiten zu stoßen die Gedankengänge des Autors nachvollziehen könnte.

Vieles (alles?) aus diesem Buch verdient besonders erwähnt zu werden. Beispielhaft in seiner Klarheit das Kapitel über die NP-Vollständigkeit (nicht deterministisch, polynomialzeitlich vollständig), an der man sich in diversen Informatik-Fachbüchern über KI die Zähne ausbeißt. Natürlich kann auch Poundstone auf 20 Seiten das Thema nicht erschöpfend behandeln, aber es gelingt ihm eine Vorstellung von der Grundproblematik zu vermitteln, etwas, das in anderen Büchern vollkommen fehlt. (Grundsätzlich handelt es sich dabei um das Problem der Lösbarkeit von Aufgaben in einer "vernünftigen" Zeitspanne bzw. um den Unterschied zwischen polynomialen (der Form n2) oder exponentialen(2n) Problemstellungen. Letztere sind schon bei geringem Komplexitätsgrad nicht lösbar. Selbst wenn die ganzen Atome des Universums zu einem Computer umfunktioniert werden würden und dieser mit Lichtgeschwindigkeit arbeiten könnte, wäre dieser Computer nicht in der Lage, mehr als 558 einzelne Aussagen auf ihre gegenseitige Abhängigkeit und logische Richtigkeit hin zu überprüfen. Dennoch glauben wir Menschen, mehr als diese wenigen Sätze sicher zu wissen, wobei das Problem eben in der (scheinbaren) Sicherheit besteht.)

Dazu noch Spannendes aus der Spieletheorie oder fundierte Überlegungen zur Willensfreiheit, an denen sich so manch hauptberuflicher Philosoph in bezug auf Klarheit und Präzision ein Beispiel nehmen könnte. Intelligente Unterhaltung vom Feinsten.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re: William Poundstone: Im Labyrinth des Denkens
« Reply #1 on: 09. März 2012, 19.10 Uhr »
Dazu noch Spannendes aus der Spieletheorie oder fundierte Überlegungen zur Willensfreiheit, an denen sich so manch hauptberuflicher Philosoph in bezug auf Klarheit und Präzision ein Beispiel nehmen könnte.

Klingt interessant. Aber was ist Poundstone denn "hauptberuflich"?
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re: William Poundstone: Im Labyrinth des Denkens
« Reply #2 on: 09. März 2012, 19.30 Uhr »
Hallo,

Poundstone ist hauptberuflich Physiker (am MIT), hat sich viel mit den Grundlagen der Informatik beschäftigt und eine John von Neumann Biographie geschrieben.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: William Poundstone: Im Labyrinth des Denkens
« Reply #3 on: 12. März 2012, 19.22 Uhr »
*seufz* - wenn nur nicht schon so viel anderes bei mir herumliegen würde. Und Descartes kommt nun auch wieder hinzu ...  ::)
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