Hallo!
Auch wenn das Buch in manchen Bereichen überholt ist (20 Jahre sind eine lange Zeit und vor allem die Gentechnik hat einiges an neuen Erkenntnissen bezüglich der Entwicklung des homo sapiens zutage gefördert), so kann man es trotzdem uneingeschränkt empfehlen. Eine ganz wundervoll geistreiche, kreative Analyse unserer eigenen Geschichte, ohne Verklärung, immer bemüht um Objektivität und wissenschaftliche Argumentation.
Trotz (oder gerade wegen) dieser Bemühungen formuliert Diamond seine Hypothesen vorsichtig, lässt Gegenpositionen zu ihrem Recht kommen und wirkt niemals doktrinär. Wenn man die unzähligen Elaborate von Philosophen und Soziologen vergleicht, deren oft krude Thesen ohne jedwede Einschränkung als der Weisheit letzter Schluss vorgetragen werden, so kann man vor dieser Art des Schreibens, wie Diamond sie pflegt, nur den Hut ziehen. Selbst dort, wo man zweifelt und vielleicht selbst einer anderen Theorie als der Verfasser zuneigt, kann man nicht umhin, dem Autor für seine Objektivität Respekt zu zollen.
Diamond spannt den Bogen von der ersten Menschwerdung vor einigen Millionen Jahren bis hin zu den (eher tristen) Zukunftsaussichten unserer Spezies. Und er betrachtet vor allem die Rousseauschen Hypothesen von der einstmaligen Unschuld des Menschen, dem Leben in Harmonie und Eintracht mit seiner Umwelt, mit großer Skepsis, versucht zu zeigen, dass Umweltzerstörung oder Artenausrottung schon immer zur Spezies Mensch gehörten (mit dem Unterschied, dass wir heute um die Folgen des Raubbaus wissen oder zumindest wissen könnten).
Sehr interessant auch seine Ausführungen bezüglich der sexuellen Selektion (ein schon von Darwin ausgeführter, aber weniger bekannter Gedanke) - wie Diamond überhaupt durch große Kreativität in seinen Überlegungen besticht, ohne auf Argumente zu verzichten. Und er scheut sich auch nicht (für einen US-Amerikaner äußerst selten), mit der eigenen Geschichte der Eroberung Amerikas kritisch umzugehen, wobei er es andererseits vermeidet, allzu sehr die Emotionen anzusprechen, vielmehr die traurigen Fakten referiert. Vielleicht aber ist es gerade das, was mich als Leser sehr viel betroffener stimmte als allzu gefühlvolle Schilderungen, es ist diese Art Metaposition (etwa eines Außerirdischen, der das Treiben auf diesem Planeten betrachtet), die die Widersinnigkeit, den Wahnsinn unseres Tuns verwundert und kopfschüttelnd betrachtet. Wobei eben die Vergangenheit aufgrund mangelnder Kenntnisse weitgehend freigesprochen werden muss, während wir Heutigen (insbesondere die Bewohner der westlichen Hemisphäre) sehr wohl um die Dummheit und Ungerechtigkeit unserer Handlungen wissen, Haltungen, die möglicherweise unser eigenes Ende befördern.
In jedem Fall ein äußerst lesenswertes und aufgrund der zahllosen, geistreichen Überlegungen ungeheuer anregendes Buch, ein Fundgrube auch dort, wo man dem Autor nicht zuzustimmen geneigt ist. Die Zurückhaltung und Vorsicht, mit der Diamond seine Thesen vorträgt, verhindert, dass man - wie oft in vergleichbaren Werken - von der Arroganz und Ignoranz des Schreibers abgestoßen wird. Rückhaltlos zu empfehlen.
lg
orzifar
Nachsatz: Ein Beispiel, wie Diamond mit Denkgewohnheiten bricht, ist seine Darstellung der Entwicklungslinie des Menschen. Zum einen weist er darauf hin, dass die übliche Unterteilung zwischen Menschaffen (Schimpansen, Bonobos, Gorilla etc.) und dem homo sapiens Unsinn ist: Denn Schimpanse und Mensch sind sehr viel näher verwandt als etwa Schimpanse und Gorilla, weshalb man den Menschen und den Schimpansen zu einer Unterkategorie zählen müsste (Diamond spielt dann auch mit dem Gedanken, wie der prospektive Zoobesucher reagieren würde, wenn auf dem Schimpansenkäfig "homo troglodytes" stünde). Weshalb er die Stammbaumlinie auch anders zeichnet, den Menschen vom Schimpansen sich abzweigen lässt und dadurch den Leser (mich zumindest) anfangs völlig verwirrte, da ich mit der Darstellung in dieser Form überhaupt nicht vertraut war und sie zuerst nicht richtig interpretieren konnte.