Author Topic: The Diary of John Evelyn  (Read 2414 times)

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The Diary of John Evelyn
« on: 27. Januar 2012, 21.36 Uhr »
Noch jemand, der kein Pepys ist. Aber immerhin hat er ihn gekannt.  ;D

John Evelyn lebte zwischen 1620 und 1705. John Evelyn, Gentleman. Das beschreibt ihn schon gut. Finanziell unabhängig dank Vater und Großvater beschäftigt er sich mit Kunst, den Naturwissenschaften und Gartenbau. Wie dilettantisch oder professionell kann ich nicht beurteilen. Meine Vermutung neigt zum ersten, denn die Anzahl seiner Interessen war hoch.

Ein Leben lang führte er Buch über sein Leben. Über lange strecken sind das Aufzählungen all dessen, was er gesehen hat. Als 1641 der Bürgerkrieg losbrodelt, setzt sich Evelyn auf den Kontinent ab. Er hatte ja auch das richtige Alter für die obligatorische Kavaliersreise.
An seinen Aufzeichnungen in Italien fand ich vor allem interessant, was es zu seiner Zeit zu sehen gab und wie sich das mit meinen Italieneindrücken verglich.
Eindrücke schildert Evelyn nun nicht gerade. Er benennt die Gebäude und Kunstwerke und belegt sie mit den üblichen Ausdrücken der Bewunderung. Das liest sich wenig mehr mitreissend als ein Katalog. Aber er kann auch anders, leider lässt er das selten zu. Wenn er etwa eine jüdische Hochzeit oder Beschneidung berichtet, da zeigt sich doch, dass er nicht schlecht beobachtet und erzählt.
Seine Reisebegleiter werden kaum erwähnt. Da muss schon ein toller (Im Sinne von toller Hund) Captain Wray für Abenteuer sorgen, um aufgezeichnet zu werden.

Für Mitglieder dieses Forums ist vielleicht der Abstecher in die Schweiz unterhaltsam, inklusive Überquerung Simplonpass, Angst vor den kropfigen Bergbewohnern, die die Reisegesellschaft kurzerhand einsperren (dahinter steckt wieder eine Tollität Wrays) und Erleichterung im gesitteten Genf trotz Krankheit.

Ich bin jetzt im Jahre 1649. Evelyn war nach England zurückgekehrt, verschwindet aber nachdem Charles I geköpft wurde mit seiner jungen Frau nach Frankreich.
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Offline sandhofer

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Re: The Diary of John Evelyn
« Reply #1 on: 28. Januar 2012, 10.39 Uhr »
Hm ... ich mag Tagebücher, auch wenn sie von Leuten stammten, die sonst unbekannt sind. Oder vielleicht gerade dann. Klingt also einerseits interessant. Andererseits:

Über lange strecken sind das Aufzählungen all dessen, was er gesehen hat. [...] Er benennt die Gebäude und Kunstwerke und belegt sie mit den üblichen Ausdrücken der Bewunderung. Das liest sich wenig mehr mitreissend als ein Katalog.

Ändert sich das vielleicht mit zunehmendem Alter?
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Offline Regina

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Re: The Diary of John Evelyn
« Reply #2 on: 28. Januar 2012, 11.34 Uhr »
Ändert sich das vielleicht mit zunehmendem Alter?

Das ist meine Hoffnung.  ;D Er kann ja auch anders, wie ich schon festgestellt habe.
Außerdem kannte er damals Gott und die Welt. Nicht nur Pepys, auch Wren und Thomas Browne und jeden am Hof. Ich lasse mich mal überraschen und berichte hier weiter.
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Offline Regina

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Re: The Diary of John Evelyn
« Reply #3 on: 01. Februar 2012, 09.35 Uhr »
Um seine besitztümer zu schützen, kehrt Evelyn nach England zurück und lebt unter Cromwell in innerer Emigration. Er sendet sogar chiffrierte Berichte an Charles !! im Exil. Sehr zu leiden hat er nicht (oder er erwähnt es nicht). Einmal bekommt er einen Klaps auf die Finger, weil er Weihnachten feiert.
Cromwell stirbt und Charles kann endlich könig werden. Interessant die Schilderungen der Krönung und einer Heilsveranstaltung, in der dem König Kranke zugeführt werden, denen er die Hand auflegt.
Evelyn tritt der Philosphical Society bei, die bald zur Royal Society ernannt wird. da wird in allen Bereichen experimentiert. Mal mit Tauchglocke, mal mit Giften. Neuester Schrei ist das Vakuum. Da geht man auch schon mal ins Irrenhaus und schaut, wie sich der Arm eines Menschen im Vakuum verhält.

Daneben bemüht sich Evelyn um die Verbesserung der Londoner Luft und den Zustand der Straßen, veröffentlicht auch immer wieder Schriften oder Übersetzungen. Faul war er sicher nicht.

Die Form der Aufzeichnugen ändert sich nicht. Die alltäglichen Einträge sind Notate über Besuche und vor allem Gottesdienste. Evelyn vermerkt jede Bibelstelle, über die gepredigt wird. Aber dann kommen auch wieder Einträge, wo ihm Erzählenswertes widerfährt: Er wird überfallen, schaut sich eine Folterung an, einen Zirkus, wohnt den großen Anlässen an Hof bei, sein Sohn stirbt - dafür lohnt sich dann die Lektüre.

Der Verfasser des Vorworts rät dem Leser, die kurzen Alltagsnotizen nur zu überfliegen. Ich lese sie mit, sie haben so einen beruhigenden Rhythmus.

Bin nun am Anfang des Jahres 1665. Pest und Feuersbrunst stehen an.


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Offline Regina

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Re: The Diary of John Evelyn
« Reply #4 on: 05. Februar 2012, 18.35 Uhr »
Hut ab vor Evelyn, der zwar seine Familie vor der Pest in Sicherheit bringt, aber selber seinen Pflichten in London nachkommt. Er ist einer der zuständigen Kommissare für die Verwundeten und Gefangenen des holländisch-englischen Krieges.
Der König bietet ihm mehrfach den Ritterschlag an, den Evelyn immer ausschlägt. Er entzieht sich den meisten Ehrungen, nur eine Ehrendoktorwürde nimmt er an. Macht ihn auch nicht unsympathisch.

Kaum klingt die Pest ab, bricht das große Feuer von London aus, Und hier liefert Evelyn ein umfassendes Panorama. Das ist wirklich der Reiz dieses Kalendariums wie er es nennt: die großen Ereignisse, deren Augenzeuge er ist.

In den folgenden Jahren verlottert der Hof Charles II zunehmend, sehr zu Evelyns Missfallen, der sich aber trotzdem nicht davon zurückzieht.
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Re: The Diary of John Evelyn
« Reply #5 on: 18. Februar 2012, 19.19 Uhr »
Nach dem Intermezzo mit Eusebius wieder bei Evelyn. 1686. Evelyn ist in seinen 60ern und schläft gelegentlich beim Nachmittagsgottesdienst ein, was er jedes Mal beschämt notiert. Charles II ist tot und sein Nachfolger James II ist Katholik. Das färbt dessen Politik nicht unwesentlich, es wird unruhig in England. Auch der überzeugte Monarchist Evelyn wird zunehmend unruhig. Denn eines ist ihm noch wichtiger als die Monarchie und das ist die Church of England.
Auch privat sind es schwierige Zeiten: die Lieblingstochter stirbt, eine weitere Tochter brennt durch.

Während er bislang sein Tagebuch im Nachhinein gestützt auf frühere Notierungen schrieb, geht er nun zu täglichen Einträgen über. Es gibt nun mehr zu lesen, Personen werden nicht mehr nur genannt, sondern mitunter auch charakterisiert und das macht Evelyn durchaus witzig. dazu gibt es Überlegungen zur Weltlage, die zeigen, wie gut informiert und interessiert er war. Und natürlich ist er weiterhin an jedem Kunstwerk, Bauwerk oder jeder Kuriosität als Betrachter zu finden, vermerkt fleißig die Vorführungen bei der Royal Society oder beschreibt ein Einhorn (Nashorn).


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Offline sandhofer

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Re: The Diary of John Evelyn
« Reply #6 on: 18. Februar 2012, 21.08 Uhr »
Klingt fast, als ob sich das Buch doch noch lohnen könnte ...
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Offline Regina

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Re: The Diary of John Evelyn
« Reply #7 on: 20. Februar 2012, 19.34 Uhr »
Abschied von Evelyn. In seinen letzten Jahren nehmen die Beschwerden zu, er leidet an Nierensteinen und Harngrieß. Kirchgänge und Tagebucheinträge werden unregelmäßiger. Manchmal wiederholt er sich auch in dem, was er erzählt. Mit über 80 ist das erlaubt. Nach wie vor ist er interessiert am Treiben der Welt. Auf dem Kontinent kommt der spanische Erbfolgekrieg in Schwung, deren Entwicklung Evelyn eifrig verfolgt bis er stirbt.

Am Ende hat sich mein Eindruck vom Anfang nicht geändert. Über das Privatleben Evelyns erfährt man natürlich nicht so viel wie bei Pepys - aber der schrieb ja auch codiert. Der Reiz liegt in der langen Zeit über die Evelyn berichtet. Der Mann hat einfach viel Geschichte hautnah miterlebt. Wo er ausführlich wird, ist er immer interessant, aber oft wünschte ich, er würde noch ein bisschen mehr erzählen.
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Offline sandhofer

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Re: The Diary of John Evelyn
« Reply #8 on: 20. Februar 2012, 20.09 Uhr »
Du hast mich überzeugt: Ich werde mich anderer Lektüre widmen ...  :angel:
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