Hallo!
Seit Beginn meiner etwas intensiveren Kant-Lektüre reagiere ich auf den Namen sensibler, aufmerksamer - und stelle fest, dass der Philosoph in aller Munde ist - und er als Gewährsmann für unzählige Dinge in Anspruch genommen wird. Das mag angehen bei Esoterikern oder Spiritisten (wobei es schon seltsam ist, dass man sich ausgerechnet Kants bedient für derlei Unsinn, wenn man an seine Polemik gegenüber Swedenborg denkt), überrascht aber dann doch bei eigentlich ernstzunehmenden naturwissenschaftlichen Autoren.
Hier - unter dem so gesehen amüsanten Titel, dass der Geist wehe, wo er will (ab und an sind es wohl eher die Winde des Autors, die da die Luft bewegen), wird Kant unterstellt, dass er nach dem einheitlichen Grundprinzip hinter den Erscheinungen gesucht habe und dabei auf das "Ding an sich" gestoßen wäre. Kant hat nun nach allerlei gesucht, nach grundsätzlich moralischen Gesetzen, der transzendentalen Logik (im Gegensatz zur ihm bekannten aristotelischen), nach synthetischen Erkenntnissen a priori u. s. f. - aber nach dem Ding an sich hat er ausdrücklich nicht gesucht, weil er im Gegenteil davon ausgegangen ist, dass dieses per definitionem nicht erkennbar sei und man gerade solche Suchen einstellen sollte.
Die Ironie ist eine zwie-, eine mehrfache. Das hier besprochene Buch ist (mir aber nur in Auszügen bekannt) ein recht abenteuerliches Sammelsurium holistischer Konzeptionen, das sich auf die Quantenphysik beruft. Der Rezensent (ein Physiker) mahnt dies an, warnt (mit Recht) vor spiritueller Beliebigkeit, macht dann aber genau das, was Naturwissenschaftler mit Recht vielen Geisteswissenschaftlern vorwerfen (siehe Sokal, Bricmont, immer eine Empfehlung wert, jenes Buch, in dem Lacan, der Großmeister der psychoanalytischen Unsinnsterminologie, zitiert wird, wenn er das männliche Glied nach langer mathematischer Herleitung als die Wurzel aus - 1 identifiziert), er, der Physiker, zitiert eine beliebige Geistesgröße, um seinem Text die Weihe des Philosphisch-Hochgeistigen zu verleihen, ohne vom Betreffenden auch nur die mindeste Ahnung zu haben. Etwas, das bislang als Privileg der Geisteswissenschaftler galt. Aber - der Geist weht, wo er will, inklusive Flauten, lauen Lüftchen oder olfaktorisch bedenkliche Miasmen.
lg
orzifar