Author Topic: Vom wehenden Geist ...  (Read 2667 times)

Offline orzifar

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Vom wehenden Geist ...
« on: 26. Januar 2012, 19.22 Uhr »
Hallo!

Seit Beginn meiner etwas intensiveren Kant-Lektüre reagiere ich auf den Namen sensibler, aufmerksamer - und stelle fest, dass der Philosoph in aller Munde ist - und er als Gewährsmann für unzählige Dinge in Anspruch genommen wird. Das mag angehen bei Esoterikern oder Spiritisten (wobei es schon seltsam ist, dass man sich ausgerechnet Kants bedient für derlei Unsinn, wenn man an seine Polemik gegenüber Swedenborg denkt), überrascht aber dann doch bei eigentlich ernstzunehmenden naturwissenschaftlichen Autoren.

Hier - unter dem so gesehen amüsanten Titel, dass der Geist wehe, wo er will (ab und an sind es wohl eher die Winde des Autors, die da die Luft bewegen), wird Kant unterstellt, dass er nach dem einheitlichen Grundprinzip hinter den Erscheinungen gesucht habe und dabei auf das "Ding an sich" gestoßen wäre. Kant hat nun nach allerlei gesucht, nach grundsätzlich moralischen Gesetzen, der transzendentalen Logik (im Gegensatz zur ihm bekannten aristotelischen), nach synthetischen Erkenntnissen a priori u. s. f. - aber nach dem Ding an sich hat er ausdrücklich nicht gesucht, weil er im Gegenteil davon ausgegangen ist, dass dieses per definitionem nicht erkennbar sei und man gerade solche Suchen einstellen sollte.

Die Ironie ist eine zwie-, eine mehrfache. Das hier besprochene Buch ist (mir aber nur in Auszügen bekannt) ein recht abenteuerliches Sammelsurium holistischer Konzeptionen, das sich auf die Quantenphysik beruft. Der Rezensent (ein Physiker) mahnt dies an, warnt (mit Recht) vor spiritueller Beliebigkeit, macht dann aber genau das, was Naturwissenschaftler mit Recht vielen Geisteswissenschaftlern vorwerfen (siehe Sokal, Bricmont, immer eine Empfehlung wert, jenes Buch, in dem Lacan, der Großmeister der psychoanalytischen Unsinnsterminologie, zitiert wird, wenn er das männliche Glied nach langer mathematischer Herleitung als die Wurzel aus - 1 identifiziert), er, der Physiker, zitiert eine beliebige Geistesgröße, um seinem Text die Weihe des Philosphisch-Hochgeistigen zu verleihen, ohne vom Betreffenden auch nur die mindeste Ahnung zu haben. Etwas, das bislang als Privileg der Geisteswissenschaftler galt. Aber - der Geist weht, wo er will, inklusive Flauten, lauen Lüftchen oder olfaktorisch bedenkliche Miasmen.

lg

orzifar
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Offline mombour

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Re: Vom wehenden Geist ...
« Reply #1 on: 27. Januar 2012, 10.07 Uhr »
Hallo orzifar,

an sich gefallen mir holistische Konzeptionen, wenn sie wirklich gut durchforscht und gut durchdacht sind. Dazu gehört auch, dass der Autor eben umfassend gebildet ist, und nicht nur Zitate aneinandereilt, die zu seiner Theorie passen, und den Rest weglässt. So ist es warscheinlich auch in diesem Buch, weil er offenbar Kant nicht verstanden hat. Kant hat, ich verlasse mich mal auf deine Aussage, eben erkannt, dass das Wesen der Natur (GEIST), also das Sein bei Parmenides, per Logik, bzw. per definitionem nicht beweisbar ist. Und damit muss ich ihm Recht geben. So läuft das nicht. Die philosophischen Gottesbeweise gelfen hier auch nicht, weil sie ebenso aus Logik entstanden sind. Mit Quantenphysik kenne ich mich nicht gut aus, weiß nur, dass unsere Wahrnehmunng der Materie eine ganz andere ist, als wenn man die Materie auf der Ebene der kleinsten Quantenteilchen beobachten würde. Dort scheint Materie nur Energie zu sein (Welle oder Teilchen ;D) und nicht Fest wie ein Tisch, z.B. Ob die Physik hier wirklich mal so fortschreitet, dass sie auf den GEIST stößt, in dem sie immer kleinere Teilchen findet, ist doch unwarscheinlich. Die Quantenphysik wird ja gerne auch esoterisch ausgebeutet.  Aber Parmenides muss ich recht geben, unsere Welt, in der wir Leben ist eine Scheinwelt. Das hat eben auch die Quantenphysik aufgezeigt.

Liebe Grüße
mombour
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Offline Anita

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Re: Vom wehenden Geist ...
« Reply #2 on: 27. Januar 2012, 11.54 Uhr »
Aber Parmenides muss ich recht geben, unsere Welt, in der wir Leben ist eine Scheinwelt. Das hat eben auch die Quantenphysik aufgezeigt.

Und immer wieder gefällt mir der eine Satz: Man kann eben nicht, die nicht materielle Welt mit dem materielllen Auge betrachten.  :) Egal wo wir hinschauen, z. B. in der Neurobiologie von Damasio, das letzte Warum fehlt ihm, obwohl er alles anhand von Fällen "nachweisen" kann, bleibt das Warum offen. Denn wir suchen die Lösung aus der stofflichen Welt heraus, weil wir in ihr leben und nur so die Welt begreifen - nur liegt der Hase genau da begraben. Wenn wir des Rätsels Lösung haben, was beispielsweise eine spontane Idee ist, wie sie zustande kommt, ja was genau das ist - dann sind wir soweit.  :angel:

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline mombour

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Re: Vom wehenden Geist ...
« Reply #3 on: 27. Januar 2012, 13.58 Uhr »
Wenn wir des Rätsels Lösung haben, was beispielsweise eine spontane Idee ist, wie sie zustande kommt, ja was genau das ist - dann sind wir soweit.  :angel:

Vielleicht ist es das. ;D Ich habe mich schon manchmal gefragt, warum mir im Zazen manchmal spontan sehr wichtige Dinge einfallen.  ;D
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Offline orzifar

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Re: Vom wehenden Geist ...
« Reply #4 on: 27. Januar 2012, 16.32 Uhr »
Hallo,

mir ging es eigentlich nicht um das in Frage stehende Buch, sondern um die Rezension, die - von einem Physiker geschrieben - genau das tut, was Naturwissenschaftler den Geisteswissenschaftlern - teilweise zu Recht - vorwerfen, nämlich sich Theorien, Erkenntnisse zu bedienen, ohne sich damit beschäftigt oder sie verstanden zu haben. Der Rezensent weiß ganz offenbar nicht, worum es Kant ging (was nicht weiter schlimm ist), dann müsste er allerdings auch auf derlei Erwähnungen verzichten.

@mombour: Das Wesen der Natur ist für Kant vor allem nicht erkennbar (beweisen kann ich immer nur Aussagen), es ist bei Kant aber "objektiv", weil bei allen Menschen durch die Kategorien strukturiert und gefiltert. Das, was tatsächlich dahinter steht (er hat es anfangs auch mit x bezeichnet, das Ding an sich) sehen wir also immer nur durch die Matrix unseres Erkenntnisvermögens. Daher können wir darüber nichts aussagen. Aber dazu kommen wir ja vielleicht noch in diesem Jahr ;).

lg

orzifar
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