Author Topic: Miguel de Cervantes - Don Quijote  (Read 3113 times)

Offline Regina

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Miguel de Cervantes - Don Quijote
« on: 08. Januar 2012, 20.30 Uhr »
Mir ist Seltsames widerfahren. Nach dem ersten Buch wollte ich hier einige Kritikpunkte anbringen. Bevor ich aber dazu kam, las ich den Beginn des zweiten Buches und fand dort alle Punkte aufgeführt (die Rohheit, die Sache mit dem Esel, die vielen Geschichten, die nichts mit dem sinnreichen Junker zu tun hatten).
Das ist mir so auch noch nicht vorgekommen.

Wie vermutlich viele von uns ging ich mit einem festen Don-Quijote-Bild an die Lektüre. Der Ritter von der traurigen Gestalt ist ja in allen möglichen Künsten präsent. Ich habe da zum Beispiel dunkle Erinnerungen an einen Film (oder war es eine Serie?) und Picassos Darstellung scheint fast so allgegenwärtig wie seine Taube.
Melancholie und lächerliche Tragik/tragische Lächerlichkeit erwartete ich, aber nicht diese Unmengen an Prügel und Verletzungen, nicht diese brachiale Gewalt. Persönlich liegt mir Wortwitz mehr als Slapstick.

Zwar macht sich Cervantes lustig über die Ritterromane, reichert sein Werk aber andererseits mit einer Fülle von süßlichen Romanzen an, in denen der Bösewicht auch schon mal im Handumdrehen zum Ehrenmann wird (Don Fernando). 

Beim jetzigen Stand muss ich zugeben, dass ich Don Quijote sehr bewusst zur Schließung einer Bildungslücke lese. Ich fühle mich bei weitem nicht so unterhalten wie etwa bei Chaucer oder Rabelais und bei denen geht es auch nicht gerade zart zu.
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Offline orzifar

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote
« Reply #1 on: 09. Januar 2012, 00.29 Uhr »
Hallo!

Grosso modo muss ich dir zustimmen, wobei der zweite Teil m. E. lesbarer ist. Allerdings habe ich mich mit Rabelais noch schlechter unterhalten, Zoten, Prügeleien und Saufgelage sind auch dann nicht meins, wenn sie zur humanistischen Bildung gehören. Zu Lieblingsbüchern werden es beide nicht mehr schaffen. Oft habe ich den Eindruck, dass gerade diese beiden Werke ihres literarhistorischen Wertes wegen gerne in den Himmel gehoben werden, wobei mir den Tiefsinn und Witz dieser Prügelorgien (Slapstick trifft's schon) für den heutigen Leser noch niemand hat schlüssig erklären können. Derlei Klamauk hat nunmal nichts mehr Revolutionäres.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Sir Thomas

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote
« Reply #2 on: 09. Januar 2012, 10.28 Uhr »
Beim jetzigen Stand muss ich zugeben, dass ich Don Quijote sehr bewusst zur Schließung einer Bildungslücke lese.

Das habe ich zweimal im Abstand von einigen Jahren versucht. Ich bin zweimal sang- und klanglos gescheitert.

Oft habe ich den Eindruck, dass gerade diese beiden Werke ihres literarhistorischen Wertes wegen gerne in den Himmel gehoben werden, wobei mir den Tiefsinn und Witz dieser Prügelorgien (Slapstick trifft's schon) für den heutigen Leser noch niemand hat schlüssig erklären können.

Endlich mal Balsam auf die blutende Wunde! Tausend Dank dafür!

LG

Tom


Offline Anna

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote
« Reply #3 on: 09. Januar 2012, 14.19 Uhr »
Beim jetzigen Stand muss ich zugeben, dass ich Don Quijote sehr bewusst zur Schließung einer Bildungslücke lese. Ich fühle mich bei weitem nicht so unterhalten wie etwa bei Chaucer oder Rabelais und bei denen geht es auch nicht gerade zart zu.
Oft habe ich den Eindruck, dass gerade diese beiden Werke ihres literarhistorischen Wertes wegen gerne in den Himmel gehoben werden, [...]

Endlich finden sich mal Leute, die den Mut haben, das auszusprechen. ;D Ich habe zu „Don Quijote“ bisher immer feige geschwiegen, weil ich nicht als Ignorantin da stehen wollte, aber nun will ich frei bekennen, dass ich das Buch nie zu Ende gelesen habe. Die Saufgelage und die Prügelszenen haben mich weniger gestört, ehrlich gesagt, für mich sind sie noch das Beste an dem Roman, zunächst jedenfalls, denn auf die Dauer verlaufen sie auch immer nach dem gleichen Schema: Don Quijote und sein Diener stürzen sich mit Karacho in den Kampf, um jedes Mal übel zugerichtet daraus hervor zu gehen. Aber es gibt schon einige komische Episoden darunter, vor allem wenn Sancho Pansa das Geschehen in seiner drolligen, altertümelnden Ausdrucksweise kommentiert.

Was mich zermürbt hat, waren die Romanzen, von denen Regina spricht (schön übrigens, dass Du wieder mit von der Partie bist, Regina):

Zwar macht sich Cervantes lustig über die Ritterromane, reichert sein Werk aber andererseits mit einer Fülle von süßlichen Romanzen an, in denen der Bösewicht auch schon mal im Handumdrehen zum Ehrenmann wird (Don Fernando). 

Diese Liebesgeschichten sind nicht nur süßlich, sondern auch noch unglaublich langatmig erzählt, ohne einen Hauch von Spannung oder Witz, anödend ist gar kein Ausdruck. Nach dem 45. Kapitel, also kurz vor Ende des ersten Teils habe ich den Roman abgebrochen. Natürlich hat das Werk einige literaturhistorische Bedeutung und sollte deswegen zumindest angelesen werden. Es gibt ja offenbar auch einige schräge Typen, die es durchgehend unterhaltsam finden. ;) Ob ich das Buch jemals zu Ende bringe, steht allerdings in den Sternen.

Gruß
Anna
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BigBen

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote
« Reply #4 on: 11. Januar 2012, 07.50 Uhr »
Endlich finden sich mal Leute, die den Mut haben, das auszusprechen. ;D Ich habe zu „Don Quijote“ bisher immer feige geschwiegen, weil ich nicht als Ignorantin da stehen wollte, aber nun will ich frei bekennen, dass ich das Buch nie zu Ende gelesen habe.

Bei liegt das Buch auch seit einer ganzen Weile mit Lesezeichen irgendwo in der Mitte in Warteposition. Irgendwann wurde es einfach nur noch langatmig und langweilig.  :hi:

Offline sandhofer

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote
« Reply #5 on: 11. Januar 2012, 07.55 Uhr »
Hallo zusammen!

Vielleicht sollte ich den Ritter von der traurigen Gestalt doch mal wieder lesen. Meine Lektüre ist nun doch schon ein paar Jahrzehnte her. Und eigentlich habe ich so schlechte Erinnerungen nicht daran. Aber vielleicht sollte man das Buch in seiner Jugend gelesen haben?

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Dostoevskij

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote
« Reply #6 on: 11. Januar 2012, 11.29 Uhr »
Moin, Moin!

Vielleicht sollte ich den Ritter von der traurigen Gestalt doch mal wieder lesen. Meine Lektüre ist nun doch schon ein paar Jahrzehnte her. Und eigentlich habe ich so schlechte Erinnerungen nicht daran.

Wenn Herr Köllerer erführe, wie hier über eines seiner Bücher aus seiner immerwährenden Top10 abgelästert wird!
-- 
Keep reading, Markus Kolbeck
Leipziger Bücherlei http://www.buecherlei.de/

BigBen

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote
« Reply #7 on: 11. Januar 2012, 12.15 Uhr »
Wenn Herr Köllerer erführe, wie hier über eines seiner Bücher aus seiner immerwährenden Top10 abgelästert wird!

Sags ihm doch!  >:D

Offline Regina

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote
« Reply #8 on: 23. Januar 2012, 21.56 Uhr »
Ich habe es geschafft.  Ich habe Don Quijote durchgelesen. Hätte ich es abgebrochen, wenn es nicht  diesen Ruf hätte? Vermutlich.

Der zweite Teil ist keine Prügelorgie mehr.  Auch die eingeschobenen Romanzen sind eingeschrumpft. Die beiden Helden sind nicht mehr nur närrisch und bauernschlau, sondern nebenher weise und gewitzt.
Nun scheitert Don Quijote nicht mehr an der Wirklichkeit, sondern wird von Personen von Stand vorgeführt, die ihm die Abenteuer inszenieren, um sich damit zu unterhalten. Da waren mir die Prügeleien tatsächlich lieber.

Der Autor gebärdet sich witzisch und spielt mir zu sehr mit der Illusion der Erzählung. Im zweiten Band spielt der erste eine Rolle, wurde von einigen Figuren gelesen und begründet den Ruhm des sinnreichen Junkers. Im Grunde ein nettes Vexierspiel, aber ich habe immer das Gefühl, der Autor habe keine Spiellust, sondern Darstellungsbedürfnis. Unterstützt wird das von den Seitenhieben auf jenen Autoren, der sich erdreistete, eine eigene Fortsetzung des Quijote zu schreiben. Souveränität in solchen Fällen findet meine Bewunderung eher als diese zänkischen Beschwerden. Sind sie der Eigenliebe geschuldet oder dem spanischen Stolz?

Insgesamt bin ich enttäuscht, kann aber nicht sagen, dass ich mich durch die Seiten prügeln musste. Aber um des Ruhmes gerecht zu werden, den dieses Buch hat, da hatte ich mir einfach mehr versprochen.

Und die Ausgabe von dtv klassik hat eines der furchtbarsten Nachwörter, die ich je gelesen habe. Schwulst und Wortgeklingel. Wer ist Fritz Martini?
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Offline sandhofer

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote
« Reply #9 on: 24. Januar 2012, 07.41 Uhr »
Wer ist Fritz Martini?

Ein seinerzeit hochgerühmter Germanist.  ;)
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