Hallo,
habe die ersten vier Kapitel mit Vergnügen gelesen. Sehr genaue, unprätentiöse Beschreibungen, ein einprägsam gezeichnetes Bild des us-amerikanischen Lebens auf dem Land, ohne Sentimentalität, ohne Klischees. Ich hatte das anders befürchtet, bisher aber erinnert das Buch an die guten Seiten von "Tortilla Flat", dessen lakonschen Stil, unaufgeregt, und doch (oder deshalb) eindrucksvoll.
Das Thema ist offenkundig: Die Industrialisierung Amerikas (des Mittelwestens, hier Oklahomas), der Verlust der Bindung an Höfe, das Land, anonyme Industriekonzerne und Konsortien als profitorientierte, unmenschliche Organisationen, die ohne Rücksicht auf den Einzelnen Profitmaximierung betreiben. Hier ist es vor allem die Einführung der Traktoren, die die Landwirtschaft wieder profitabel macht, sie aber zu einem industrialisierten Erwerbszweig verkommen lässt und auf sentimentale Beziehungen des Bauern zu seinem Land keine Rücksicht nimmt.
Seit Kapitel 5 werden die Hauptcharaktere des Buches sichtbar, ein ehemaliger Prediger, Joads Familie, die von ihrem Hof vertrieben wurde und ihr Glück im Westen sucht. Die Gefahr einer melodramatischen Darstellung steigt, wird aber bislang einigermaßen geschickt umgangen. Es sind gerade die kleinen Episoden, die das Buch lesenswert machen, Figuren wie der alternde Muley, der sich weigert, das Land zu verlassen und als Landstreicher zwischen den Baumwollfeldern lebt.
Die Sozialkritik Steinbecks ist offenkundig, was aber bei aller berechtigten Kritik bisher völlig fehlt, ist die Darstellung von Alternativen. Eine unrentable, anachronistische Landwirtschaft stirbt, Familien verelenden, Konzerne profitieren, können ohne alle Moral ihre Interessen vertreten, da sie gesichtslos agieren. Hier besteht die Gefahr einer Romantisierung der alten Erwerbsstrukturen, die diese nicht verdienen. Ich könnte mir vorstellen, dass der ehemalige Prediger eine Art Kollektiv organisiert und so gestalterisch auf die Zukunft einzuwirken versucht.
Die Moderne spricht auch im Buch eine andere Sprache: Immer wieder sind Kapitel in einer verkürzten, rationalisierten Sprache gehalten, jene Kapitel, die diesen Einbruch des New Deal repräsentieren. Kurze Sätze, Floskeln, die wie Sprache gewordene Gewinnmaximierung wirken.
lg
orzifar