Author Topic: Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert  (Read 3364 times)

Offline sandhofer

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Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
« on: 04. Januar 2012, 19.36 Uhr »
Hallo zusammen!

Neben Raeber, und nur ganz langsam, lese ich auch in Benjamins "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert". Ebenfalls eine faszininierende Lektüre. Benjamin gelingt es zumindest auf den ersten rund 50 Seiten, die Sichtweise eines Kindes zu rekonstruieren. Zwar nicht in der Sprache, aber in dem was er schildert. Ich bin gespannt, ob er das durchhält.

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re: Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
« Reply #1 on: 15. Januar 2012, 15.37 Uhr »
Unterdessen zu Ende gelesen, genau so wie die Berliner Chronik, die sich in meiner Ausgabe unmittelbar anschliesst. Letztere reflektierter, was wohl auch das Alter widerspiegelt, das der Benjamin der Chronik haben wird: Gymnasiast und Student. Persönlich mochte ich die Berliner Kindheit besser.
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Offline sandhofer

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Re: Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
« Reply #2 on: 17. Januar 2012, 20.06 Uhr »
Ich hänge das mal hier an, weil sich ein spezieller Thread für jeden Benjamin-Titel nicht lohnt:

Benjamin als Übersetzer (Baudelaire: Les Fleurs du Mal u.a.) ... hm ... seine Theorie scheint mir da fortschrittlicher als seine Praxis, wo er Baudelaire - der Gegenwartsfranzösisch verwendete - in einem Deutsch übersetzt, das mindestens seit 100 Jahren veraltet war, und das er selber - z.B. in der Berliner Kindheit - nie verwendet hat ...

Schade ...
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Offline sandhofer

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Re: Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
« Reply #3 on: 18. Januar 2012, 19.44 Uhr »
Benjamin als Reisender. Abhängig von der guten Stimmung seiner Begleiter. Offenbar ein geborener Anti-Reisender. Überall das Schlechte im Aborigine vermutend, und es dann auch findend. Man soll nicht reisen, wenn man es nicht kann ...
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Offline sandhofer

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Re: Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
« Reply #4 on: 30. Januar 2012, 07.30 Uhr »
Benjamin mag ich dort, wo er sich nicht einem linken Gedankengut verpflichtet fühlt: Wenn er unter dem Titel "Bücher sammeln" von der eigenen Sammelleidenschaft berichtet. Wenn er - immer mal wieder - für Paul Scheerbart schwärmt (den ich persönlich auch mag, was ich so kenne von ihm - Benjamin nennt noch ganz andere Titel. Denen muss ich - im Sinne des Büchersammelns mal nachgehen  ;).)

In seinem Hörspiel "Was die Deutschen lasen, als ihre Klassiker schrieben" wird er zum Vorläufer (Vorbild?) der Radio-Features zur Literatur, die Arno Schmidt dann nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hat.
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Offline Gontscharow

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Re: Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
« Reply #5 on: 30. Januar 2012, 14.35 Uhr »
Wenn er - immer mal wieder - für Paul Scheerbart schwärmt (den ich persönlich auch mag, was ich so kenne von ihm - Benjamin nennt noch ganz andere Titel..

Oh ja, den mag ich auch! Dieses Gedicht aus seinen Kater-Gedichten (1909) zum Beispiel:

Quote from:  Paul Scheerbart
Indianerlied

Murx den Europäer!
Murx ihn!
Murx ihn! Murx ihn!
Murx ihn ab!

oder dieses (aus derselben Sammlung):

Quote from:  Paul Scheerbart
Gemeinplatz

Ich lobe mir die Freiheit auf den Gassen,
Jedoch das Weib soll man zu Hause lassen.

Was kennst und magst du von ihm? Was meinst du in diesem Zusammenhang mit „persönlich“? Kennst du seine „science-fiction“-Romane? Lohnen die?

Offline sandhofer

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Re: Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
« Reply #6 on: 30. Januar 2012, 15.21 Uhr »
Was kennst und magst du von ihm?

Eigentlich nur seinen Münchhausen-Roman und den Lesabéndio. Was halt noch so neu aufgelegt worden ist in den letzten Jahren.

Was meinst du in diesem Zusammenhang mit „persönlich“?

Nun, es gibt Texte, die ich mag, weil sie gut sind. Und Texte, die *ich persönlich* mag. Letztere sind meist welche, über deren literarische Qualität ich mir nicht sicher bin, oder wo ich gar sicher bin, dass sie qualitativ vielleicht zu wünschen lassen könnten.

Kennst du seine „science-fiction“-Romane? Lohnen die?

Wenn Lesabéndio dazu gehört: Auf jeden Fall.  :yodel:
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Offline Gontscharow

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Re: Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
« Reply #7 on: 31. Januar 2012, 13.41 Uhr »

Nun, es gibt Texte, die ich mag, weil sie gut sind. Und Texte, die *ich persönlich* mag. Letztere sind meist welche, über deren literarische Qualität ich mir nicht sicher bin, oder wo ich gar sicher bin, dass sie qualitativ vielleicht zu wünschen lassen könnten.

Aha ;D Endlich mal eine schöne Erklärung für das beliebte Füll-und Verlegenheitswörtchen!

Lesabéndio ...auf jeden Fall.  :yodel:

Danke für den Tip. Was empfiehlt Benjamin?


Offline sandhofer

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Re: Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
« Reply #8 on: 01. Februar 2012, 07.43 Uhr »
Was empfiehlt Benjamin?

Da meine Ausgabe kein Personenregister hat und ich vergessen habe, einen Merkzettel hineinzulegen, muss ich wohl den ganzen zweiten Band meiner Benjamin-Ausgabe nochmals durchblättern ... :(

Einen andern meiner Lieblingsautoren, den Benjamin offenbar auch mag und immer wieder positiv erwähnt: Johann Peter Hebel.

Mit Benjamins vielgerühmtem Passagen-Werk habe ich hingegen so gar nichts anfangen können. Benjamin ist der Gelehrte, nicht der leichte Essayist, und andere Städte als Berlin (die Passagen sind eigentlich ja Bauwerke in Paris) liegen ihm auch nicht, ob's nun welche in Italien sind, ob Moskau oder ob Paris ...
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Offline Gontscharow

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Re: Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
« Reply #9 on: 01. Februar 2012, 17.01 Uhr »

Da meine Ausgabe kein Personenregister hat und ich vergessen habe, einen Merkzettel hineinzulegen, muss ich wohl den ganzen zweiten Band meiner Benjamin-Ausgabe nochmals durchblättern ... :(


Nein, nicht nötig. Keine Umstände, bitte. Bin allein schon für die Erwähnung Scheerbarts aus der Reihe der skurrilen Danziger Dichter, Denker und Interpreten (Schopenhauer, …Klaus Kinski und nein, nicht Grass) dankbar.

Einen andern meiner Lieblingsautoren, den Benjamin offenbar auch mag und immer wieder positiv erwähnt: Johann Peter Hebel.

Johann Peter Hebel ist seit langem auch einer meiner Lieblingsschriftsteller, habe ihn annodazumal aber eigentlich erst durch Walter Benjamin und „the other anticapitalist jewish writer“ Ernst Bloch (in seinem berühmten Kommentar zu den Kalendergeschichten) kennen und lieben gelernt  …

Das Passagen-Werk kenne ich (leider) nicht, bin aber schon gespannt, ob Der Ursprung des Deutschen Trauerspiels und Das Kunstwerk im Zeialter seiner Reproduzierbarkeit deiner neuerlichen kritischen Prüfung standhalten werden.


Offline sandhofer

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Re: Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
« Reply #10 on: 01. Februar 2012, 19.43 Uhr »

Da meine Ausgabe kein Personenregister hat und ich vergessen habe, einen Merkzettel hineinzulegen, muss ich wohl den ganzen zweiten Band meiner Benjamin-Ausgabe nochmals durchblättern ... :(


Nein, nicht nötig. Keine Umstände, bitte.

Ich will / muss das nur schon für mich machen ...  ;)

Das Passagen-Werk kenne ich (leider) nicht, bin aber schon gespannt, ob Der Ursprung des Deutschen Trauerspiels und Das Kunstwerk im Zeialter seiner Reproduzierbarkeit deiner neuerlichen kritischen Prüfung standhalten werden.

Der Ursprung liess mich relativ ratlos zurück. Ich bin diesen Themen aktuell ziemlich entfremdet und weiss nicht, was ich dazu sagen soll. Das Kunstwerk hingegen liest sich in vielen Passagen hochaktuell, wenn man nämlich die Reproduktion durchs Internet und die Tatsache, dass heute im Internet noch bedeutend mehr Laienkritiker existieren als zu Benjamins Zeit, berücksichtigt. Da stehen dann ein paar Sätze, die so praktisch 1:1 auf heute übertragbar sind. Und exponentiell wahrer.
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