Danke, sandhofer. Dann kann es hier ja weitergehen.
Der Fall Phineas Gage – eine Explosion,ein Unfall. Folge: eine neurologische Läsion - 1848 in Vermont, USADamásio bechreibt die Läsison wie folgt:
Die Eisenstange tritt durch Gages linke Wange ein, durchbohrt die Schädelbasis, durchquert den vorderen Teil seines Gehirns und tritt mit großer Geschwindigkeit aus dem Schädeldach aus.
(Seite 27)
Die Eisenstange wog 6,10 kg. Das zuerst eindringende Ende der Stange lief auf einer Länge von 18cm spitz zu. Das Ende war 6mm dick. Der Mann überlebte, konnte nach dem Unfall sprechen, gehen, sich normal unterhalten. Trotzdem, Gage war nicht mehr Gage, der er vor dem Unfall gewesen war. Seine Persönlichkeit war verändert. Nach dem die Hirnverletzung ausgeheilt war, legte er Verhaltensweisen an den Tag, die er vorher nicht hatte: Launisch, respektlos, flucht sehr oft, ungeduldig, halsstarrig, macht ständig Zukunftspläne, lässt sie schnell wieder fallen. Genau das Gegenteil von dem trat zu Tage, wie er vorher war. Vor dem Unfall war Gage ein besonnener Mann, ein gerissener kluger Geschäftsmann, er seine Pläne umsetzte. Kurz und gut: Er war nicht mehr wiederzuerkennen. Er wurde gekündigt und fiel aus der Arbeitswelt. Neue Anstellungen verlor er wieder, kündigte launenhaft oder wurde gekündigt. Am 21. Mai 1861 verstarb er frühzeitig an einem status epilepticus (eine Serie von epileptischen Anfällen, die ineinander übergehen oder ein Anfall, der nicht mehr aufhört und zum Tod führt).
Das neue an diesem neurologischen Fall war, dass nicht Sprache, Wahrnehmung oder motorische Funktionen beeinträchtigt waren, sondern erstmals wurde eine Schädigung bekannt, die soziale Konventionen, moralische Regeln außer Kraft setzen, ohne das eben das Denken, der Intellekt und Wahrnehmung beeinträchtigt ist. Für Menschen, die Phineas Gage vor dem Unfall gekannt haben, muss seine Persönlichkeitsveränderung erschreckend gewesen sein.
Ein zweiter wichtiger Aspekt in Gages Geschichte ist das Missverhältnis zwischen dem Verfall seines Charakters und der scheinbaren Unversehrtheit zahlreicher geistigen Fähigkeiten....
(Seite 35). In der Neuropsychologie bezeichnet man so etwas als Dissoziation. Soziale Konverntion und
Moral setzt also auch die Funktion bestimmter Gehirnsysteme voraus.
Der britische Physiologe David Ferrier (1843-1928) beschäftigte sich sehr ernsthaft mit dem Fall Gage und kam zu dem Schluss,
..die Verletzung habe die Bewegungs – und Sprach - >>Zentren<< verschont und statt dessen, den Teil des Gehirns geschädigt, dem er selbst den Namen präfrontaler Cortex gegeben hat.“
(Seite 38), diese Schädigung ursächlich für Gages Persönlichkeitsveränderung verantwortlich gewesen sei, die Ferrier als „geistige Entartung“ bezeichnete.
Fachvokabular
„präfrontaler Cotex“ (anatomische Lage): Er ist ein Teil des Frontallappens der Großhirnrinde und befindet sich an der Stirnseite.
Weil Theorie von Ferrier Unterstützung von der
Phrenologie bekam, macht Damásio eine kleinen Exkurs.
Die Lehre der Phrenologie hieß ursprünglich „Organologie“ und geht auf Franz Joseph Gall zurück, der im 18 Jahrhundert diese Lehre begründet hat. Ein Lehrgrundsatz war, das Gehirn sein das Organ der Seele. Weiterhin wurde behauptet, „das Gehirn sei ein Aggregat aus vielen Organen, deren jedes eine bestimmte psychologische Fähigkeit besitze.“ (Seite 39). Mit dieser Theorie wandte er sich gegen das dualistische Denken, gewissermaßen ein Fortschritt, und erkannte, das Gehirn bestehe aus mehreren Teilen. Damásio bezeichnet Galls zweiten Punkt als „fabelhafte Intuition“. Gall wusste allerdings nicht, dass die einzelnen Teile nicht unabhängig voneinander funktionieren, sondern gemeinsam zur Funktion des gesamten Systems Gehirn beitrugen.
Im folgendem geht es darum, welche Gehirnarreale von Phineas Gage betroffen waren. Damásio macht zuerst einen kleinen
Exkurs in die Anatomie des Nervensstems, denn ohne Kenntnis der Neuroanatomoie werden wir die Funktionsweise des Gehirns nicht verstehen.
Das Zentralnervensstem besteht aus
Cerebrum (Großhirn), es hat eine linke und rechte Hemisphäre. Durch einem Balken (
Corpus callosum), einer dichten Ansammlung von Nervenfasern, werden die Hemisphären verbunden. Es folgt das Zwischenhirn, welches sich unter den Hemisphären verbirgt, zu dem Zwischenhirn auch Thalamus und Hypothalamus zählt. Dann folgt das Mittelhirn, der Hirnstamm, das Kleinhirn (
Cerebellum) und das Rückenmark. Damit hätten wir alle Hauptbestandteile des Zentralnervensstems genannt.
Abbildung
ZentralnervensystemDas Zentralnervensstem ist neuronal über das periphere Nervensystem mit allen Körperteilen verbunden. Über Neurone gehen Impulse an den Körper (z.B. Muskeln) und vom Körper zurück an die Neurone des Gehirns. Im Gehirn gibt es
die graue und die weiße Substanz. Die graue besteht meist aus Nervenzellkörpern (
Soma), die weiße meist aus Axonen und Nervenfasern.
Abbildung
Graue und weiße SubstanzIn der Großhirn – und Kleinhirnrinde sind die Neuronen (graue Substanz) geschichtet wie in einer Torte. In einer anderen Variante ist die graue Substanz gelagert wie Erdnüsse in einer Dose, die einen Nucleus (Kern) bilden. Der Thalamus z.B. ist auf diese Weise aufgebaut.
Die Großhirnrinde (
Cortex cerebri, kurz: Cortex) ummantelt das Cerebrum und weist tiefe Einschnitte auf, die Fissuren und Sulci genannt werden Die graue Substanz unter dem Cerebrum wir subkortical genannt. Der jüngste Abschnitt der Großhirnrinde ist der Neocortex, der evolutionär ältere Cortex ist der limbische Cortex. Der Ausdruck limbisches System, so weist Damásio darauf hin, wird von der heutigen Neurowissenschaft zwar abgelehnt, erweist sich aber als bequem, diese Sammelbezeichnung fasst Gehirnstrukturen zusammen, die evolutionär viel älter sind, z.B. die Gyrus cinguli in der Großhirnrinde, Amygdala, basales Vorderhirn (falls diese Organanteile im Buch behandelt werden, werden sie dann dort erläutert).
Dann kommt António Damásio auf die Funktion von Neuronen zu sprechen und erläutert das ganz allgemein, sodass es für auch für Laien zumutbar ist. Solche eindeutigen klaren Passagen habe ich bei John C. Eccles („Das Gehirn des Menschen“) vermisst, darum sei hier noch einmal kurz erläutert: Die Neuronen „feuern“ (aktiv werden) oder „entladen“, d.h. es läuft vom Soma ausgehend an dem Axon ein elektrischer Impuls entlang, dieser Strom Aktionspotential genannt wird. Wenn die Synapse erreicht wird, wird eine Ausschüttung chemischer Stoffe, der Neurotransmitter, ausgelöst, diese Tansmitter dann auf Rezeptoren wirken. Damásio hätte noch mitteilen sollen, dass sich diese Rezeptoren jenseits des Synapsenspaltes befinden, an den Dendrit, an dem das Axon andoggt, aber eben einen Spalt frei lässt. Nun, so habe ich das ergänzt, aber Damásios klare Sprache ist lobenswert. Er geht noch auch exzitatorische Neuronen ein, die in Wechselbeziehungen mit anderen Neuronen stehen, die quasi bestimmen, ob das andere Neuron nun „feuert“, also selbst ein Aktionspotential erzeugt. Es hängt auch davon ab, welche Transmitterstoffe beteiligt sind. Ich weiß noch nicht, ob Damásio noch genauer auf die Neurochemie eingegen wird, es wäre schön, weil er hier nur das allerwesentlichste erzählt. Warten wir es ab.
Wenn sich jemand speziell für Neuroanatomie - und Physiologie interessiert, dem ist anzuraten Fachbücher zu lesen, die Krankenschwestern und Krankenpfleger in ihrer Ausbildung vorgesetzt bekommen, denn diese sind anspruchsvoll, doch nicht zu schwer. Das ist jedenfalls empfehlenswerter, als meine kürzliche Lektüre von John C. Eccles: "Das Gehirn des Menschen", darin zwar die Funktion der Neuronen ausführlich behandelt werden, aber ziemlich unübersichtlich und verwirrend, didaktisch unklug, weil er sich dauernd auf Abbildungen bezieht, die gar nicht mal so einladend sind, obwohl Eccles im Vorwort meinte, das müsse ein Oberschüler lesen können. Man sollte in diesem Fachbereich ruhig bescheidener herangehen und verdaulicheres lesen. Ich finde, Damásio, wie er schreibt, offenbar für Laien, sehr anschaulich und verständlich. Er bereitet seinen Stoff gut aus, dass mir das Lernen und Lesen Spaß macht. Aber Eccles, seine Forschungen selbstverständlich zu würdigen sind, mir aber den Lesedrang abgewürgt hat (vielleiht sind ja nicht alle Bücher von ihm so, ich plane ja noch von Eccles: "Wie das Selbst sein Gehirn steuert", hochumstrittene Theorie, aber lesen kann ich es doch mal

).
Jetzt kommen wir wieder zu Damásio's Buch:
Wir sind jetzt ein wenig in Neuroanatomie gewandelt und kehren wir zu Phineas Gage zurück. Mit modernen Mitteln, und weil uns der Schädel von Phineas Gage erhalten geblieben ist, können wir genau rekonstruieren, wie die Eisenstange durch Gages Kopf geprellt ist. Genauer, rekonstruiert hat des Hanna Damásio, die Ehefrau des Autors unseres Buches. Sie hat ein verfahren entwickelt, dass dreidimensionale Hirnbilder von lebenden Menschen rekonstruiert. Dieses Verfahren wird Brainvox genannt. Da wir von Phineas Gage den Schädel haben, wurde er genau vermessen, das Gehirn Gages konnte genau rekonstruiert werden, auch die Eisenstange. So wissen wir genau, wie die Eisenstange durch Gages Kopf verlief. Im Buch ist das abgebildet. David Ferriers Forschung konnten bestätigt werden. Die Eisenstange beschädigte keine Areale, die für Sprache, Bewegung usw. zuständig sind, sondern die Verletzung konnte in die präfrontale Region ( ventromediale Region) bestimmt werden, diese Region eine wichtige Rolle für normale Entscheidungsprozesse zuständig ist. Nun wusste man Bescheid, warum sich Phineas Gages Persönlichkeitsstruktur gewandelt hatte.
Als Ergänzung ein sehr interessanter Artikel zum Thema:
Moral im Kopf. Passt sehr gut hierher.
Liebe Grüße
mombour