Author Topic: António R. Damásio: Descartes' Irrtum  (Read 6697 times)

Offline mombour

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António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« on: 03. Dezember 2011, 12.47 Uhr »
António R. Damásio ist Professsor für Neurologie und eine internationale anerkannte Autorität auf diesem Gebiet. In bisher drei Büchern legt er aus neurologischer Sicht seine These nieder, der französische Philosoph Descartes habe mit seiner dualistischen Anschauungsweise über Körper und Geist unrecht. (Leib-Seele-Problematik).

Die drei Bücher sind: 1) Descartes' Irrtum, 2) Ich fühle also bin ich, 3) Der Spinoza-Effekt.

Hier geht es um dieses Buch:

Antonio R. Damasio: Descartes' Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn

Als Motto der gesamten neurobiologischen Forschung und Wissenschaft ganz allgemein ist mir folgende Aussage aus dem Vorwort sehr sympathisch:

Quote from: Damasio
Von Anfang an, machte ich meine Auffassung über die Grenzen er Wissenschaft klar: Ich bin skeptisch in bezug auf ihren Objektivitätsanspruch. Mir fällt es schwer, in wissenschaftlichen Ergebnissen, vor allem auf dem Gebiet der Neurobiologie, etwas anderes als eine vorläufige Annäherung zu sehen, an denen wir uns eine Zeitlang erfreuen können, die wir aber aufgeben müssen, sobald bessere Erklärungen zur Verfügung stehen.
(Seite 20)

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit drei Bereichen:

1)Ausgehend von der Analyse des berühmten klinisch- neurologischen Falles von Phineas Gage aus dem 19. Jahrhundert, möchte der Autor darlegen,

Quote from: Damasio
...dass die Vernunft möglicherweise nicht so rein ist, wie die meisten Menschen denken oder wünschen, dass Gefühle und Empfindungen vielleicht keine Eindringlinge im Reich er vernunft sind, sondern, zu unserem nach – und Vorteil, in ihre Netze verflochten sein können...Ich möchte nur zeigen, dass bestimmte Aspekte von Gefühl und Empfindung unentbehrlich für rationales Verhalten sind.“
(Seite 12 / 13 ).

2)Das zweite Thema des Buches sind die Empfindungen. Dies Thematik ergab sich daraus, um "die kognitiven und neuronalen Mechanismen zu verstehen“ (Seite 14 /15), weil manche rationalen Entscheidungen und Denken Empfindungen zu Grunde liegen.

3)  Das dritte Thema ist das Verhältnis zwischen Geist und Körper. Der Geist erwächst aus einer Wechselbeziehung zwischen Körper und Gehirn.

Seine Thesen untermauert Damasio mit Analysen neurologischer Fälle. Damasio stellt den Dualismus in Frage, den Dualismus von Körper und Geist, Verstand und Gefühl, Biologie und Kultur.

Auf geht's .....

(Ach nun, stöhn...vielleichts schiebt es doch jemand hinüber in die Abteilung "Gerade am lesen", weil das keine Rezi in einem Wurf ist)

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
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Offline sandhofer

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #1 on: 03. Dezember 2011, 13.09 Uhr »
(Ach nun, stöhn...vielleichts schiebt es doch jemand hinüber in die Abteilung "Gerade am lesen", weil das keine Rezi in einem Wurf ist)

Erledigt.  :hi:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline mombour

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #2 on: 04. Dezember 2011, 08.37 Uhr »
Danke, sandhofer. Dann kann es hier ja weitergehen.

Der Fall Phineas Gage – eine Explosion,ein Unfall. Folge: eine neurologische Läsion  - 1848 in Vermont, USA

Damásio bechreibt die Läsison wie folgt:
Quote from: Damásio
Die Eisenstange tritt durch Gages linke Wange ein, durchbohrt die Schädelbasis, durchquert den vorderen Teil seines Gehirns und tritt mit großer Geschwindigkeit aus dem Schädeldach aus.
(Seite 27)
Die Eisenstange wog 6,10 kg. Das zuerst eindringende Ende der Stange lief auf einer Länge von 18cm spitz zu. Das Ende war 6mm dick. Der Mann überlebte, konnte nach dem Unfall sprechen, gehen, sich normal unterhalten. Trotzdem, Gage war nicht mehr Gage, der er vor dem Unfall gewesen war. Seine Persönlichkeit war verändert. Nach dem die Hirnverletzung ausgeheilt war, legte er Verhaltensweisen an den Tag, die er vorher nicht hatte: Launisch, respektlos, flucht sehr oft, ungeduldig, halsstarrig, macht ständig Zukunftspläne, lässt sie schnell wieder fallen. Genau das Gegenteil von dem trat zu Tage, wie er vorher war. Vor dem Unfall war Gage ein besonnener Mann,  ein gerissener kluger Geschäftsmann, er seine Pläne umsetzte. Kurz und gut: Er war nicht mehr wiederzuerkennen. Er wurde gekündigt und fiel aus der Arbeitswelt.  Neue Anstellungen verlor er wieder, kündigte launenhaft oder wurde gekündigt. Am 21. Mai 1861 verstarb er frühzeitig an einem status epilepticus (eine Serie von epileptischen Anfällen, die ineinander übergehen oder ein Anfall, der nicht mehr aufhört und zum Tod führt).

Das neue an diesem neurologischen Fall war, dass nicht Sprache, Wahrnehmung oder motorische Funktionen beeinträchtigt waren, sondern erstmals wurde eine Schädigung bekannt, die soziale Konventionen, moralische Regeln außer Kraft setzen, ohne das eben das Denken, der Intellekt und Wahrnehmung  beeinträchtigt ist. Für Menschen, die Phineas Gage vor dem Unfall gekannt haben, muss seine Persönlichkeitsveränderung erschreckend gewesen sein.
Quote from: Damásio
Ein zweiter wichtiger Aspekt in Gages Geschichte ist das Missverhältnis zwischen dem Verfall seines Charakters und der scheinbaren Unversehrtheit zahlreicher geistigen Fähigkeiten....
(Seite 35). In der Neuropsychologie bezeichnet man so etwas als Dissoziation. Soziale Konverntion und
Moral setzt also auch die Funktion bestimmter Gehirnsysteme voraus.

Der britische Physiologe David Ferrier (1843-1928) beschäftigte sich sehr ernsthaft mit dem Fall Gage und kam zu dem Schluss, 

Quote from: Damásio
..die Verletzung habe die Bewegungs – und Sprach - >>Zentren<< verschont und statt dessen, den Teil des Gehirns geschädigt, dem er selbst den Namen präfrontaler Cortex gegeben hat.“
(Seite 38), diese Schädigung ursächlich für Gages Persönlichkeitsveränderung verantwortlich gewesen sei, die Ferrier als „geistige Entartung“ bezeichnete.

Fachvokabular „präfrontaler Cotex“ (anatomische Lage): Er ist ein Teil des Frontallappens der Großhirnrinde und befindet sich an der Stirnseite.

Weil  Theorie  von Ferrier Unterstützung von der Phrenologie bekam, macht Damásio eine kleinen Exkurs.

Die Lehre der Phrenologie hieß ursprünglich „Organologie“ und geht auf Franz Joseph Gall zurück, der im 18 Jahrhundert diese Lehre begründet hat. Ein Lehrgrundsatz war, das Gehirn sein das Organ der Seele. Weiterhin wurde behauptet, „das Gehirn sei ein Aggregat aus vielen Organen, deren jedes eine bestimmte psychologische Fähigkeit besitze.“  (Seite 39). Mit dieser Theorie wandte er sich gegen das dualistische Denken, gewissermaßen ein Fortschritt, und erkannte, das Gehirn bestehe aus mehreren Teilen. Damásio bezeichnet Galls zweiten Punkt als „fabelhafte Intuition“. Gall wusste allerdings nicht, dass die einzelnen Teile nicht unabhängig voneinander funktionieren, sondern gemeinsam zur Funktion des gesamten Systems Gehirn beitrugen.

Im folgendem geht es darum, welche Gehirnarreale von Phineas Gage betroffen waren. Damásio macht zuerst einen kleinen Exkurs in die Anatomie des Nervensstems, denn ohne Kenntnis der Neuroanatomoie werden wir die Funktionsweise des Gehirns nicht verstehen.

Das Zentralnervensstem besteht aus Cerebrum  (Großhirn), es hat eine linke und rechte Hemisphäre. Durch einem Balken (Corpus callosum), einer dichten Ansammlung von Nervenfasern, werden die Hemisphären verbunden. Es folgt das Zwischenhirn,  welches sich unter den Hemisphären verbirgt, zu dem Zwischenhirn auch Thalamus und Hypothalamus zählt. Dann folgt das Mittelhirn, der Hirnstamm, das Kleinhirn (Cerebellum) und das Rückenmark. Damit hätten wir alle Hauptbestandteile des Zentralnervensstems genannt.

Abbildung
Zentralnervensystem

Das Zentralnervensstem ist neuronal über das periphere Nervensystem mit allen Körperteilen verbunden. Über Neurone gehen  Impulse an den Körper (z.B. Muskeln) und vom Körper zurück an die Neurone des Gehirns. Im Gehirn gibt es die graue und die weiße Substanz. Die graue besteht meist aus Nervenzellkörpern (Soma), die weiße meist aus Axonen und Nervenfasern.

Abbildung
Graue und weiße Substanz

In der Großhirn – und Kleinhirnrinde sind die Neuronen (graue Substanz) geschichtet wie in einer Torte. In einer anderen Variante ist die graue Substanz gelagert wie Erdnüsse in einer Dose, die einen Nucleus (Kern) bilden. Der Thalamus z.B. ist auf diese Weise aufgebaut.

Die Großhirnrinde (Cortex cerebri, kurz: Cortex) ummantelt das Cerebrum und weist tiefe Einschnitte auf, die Fissuren und Sulci genannt werden Die graue Substanz unter dem Cerebrum wir subkortical genannt. Der jüngste Abschnitt der Großhirnrinde ist der Neocortex, der evolutionär ältere Cortex ist der limbische Cortex.  Der Ausdruck limbisches System, so weist Damásio darauf hin, wird von der heutigen Neurowissenschaft zwar abgelehnt, erweist sich aber als bequem, diese Sammelbezeichnung fasst Gehirnstrukturen zusammen, die evolutionär viel älter sind, z.B. die Gyrus cinguli in der Großhirnrinde, Amygdala, basales Vorderhirn (falls diese Organanteile im Buch behandelt werden, werden sie dann dort erläutert).

Dann kommt António Damásio auf die Funktion von Neuronen zu sprechen und erläutert das ganz allgemein, sodass es für auch für Laien zumutbar ist. Solche eindeutigen klaren Passagen habe ich bei John C. Eccles („Das Gehirn des Menschen“) vermisst, darum sei hier noch einmal kurz erläutert: Die Neuronen „feuern“ (aktiv werden) oder „entladen“, d.h. es läuft vom Soma ausgehend an dem Axon ein elektrischer Impuls entlang, dieser Strom Aktionspotential genannt wird. Wenn die Synapse erreicht wird, wird eine Ausschüttung chemischer Stoffe, der Neurotransmitter, ausgelöst, diese Tansmitter dann auf Rezeptoren wirken. Damásio hätte noch mitteilen sollen, dass sich diese Rezeptoren jenseits des Synapsenspaltes befinden, an den Dendrit, an dem das Axon andoggt, aber eben einen Spalt frei lässt.  Nun, so habe ich das ergänzt, aber Damásios klare Sprache ist lobenswert. Er geht noch auch exzitatorische Neuronen ein,  die in Wechselbeziehungen mit anderen Neuronen stehen, die quasi bestimmen, ob das andere Neuron nun „feuert“, also selbst ein Aktionspotential erzeugt. Es hängt auch davon ab, welche Transmitterstoffe beteiligt sind. Ich weiß noch nicht, ob Damásio noch genauer auf die Neurochemie eingegen wird, es wäre schön, weil er hier nur das allerwesentlichste erzählt. Warten wir es ab.

Wenn sich jemand speziell für Neuroanatomie - und Physiologie interessiert, dem ist anzuraten  Fachbücher zu lesen, die Krankenschwestern und Krankenpfleger in ihrer Ausbildung vorgesetzt bekommen, denn diese sind anspruchsvoll, doch nicht zu schwer. Das ist jedenfalls empfehlenswerter, als meine kürzliche Lektüre von John C. Eccles: "Das Gehirn des Menschen", darin zwar die Funktion der Neuronen ausführlich behandelt werden, aber ziemlich unübersichtlich und verwirrend, didaktisch unklug, weil er sich dauernd auf Abbildungen bezieht, die gar nicht mal so einladend sind,  obwohl Eccles im Vorwort meinte, das müsse ein Oberschüler lesen können. Man sollte in diesem Fachbereich ruhig bescheidener herangehen und verdaulicheres lesen. Ich finde, Damásio, wie er schreibt, offenbar für Laien, sehr anschaulich und verständlich. Er bereitet seinen Stoff gut aus, dass mir das Lernen und Lesen Spaß macht. Aber Eccles, seine Forschungen selbstverständlich zu würdigen sind, mir aber den Lesedrang abgewürgt hat (vielleiht sind ja nicht alle Bücher von ihm so, ich plane ja noch von Eccles: "Wie das Selbst sein Gehirn steuert", hochumstrittene Theorie, aber lesen kann ich es doch mal :) ).

Jetzt kommen wir wieder zu Damásio's Buch:

Wir sind jetzt ein wenig in Neuroanatomie gewandelt und kehren wir zu Phineas Gage zurück. Mit modernen Mitteln, und weil uns der Schädel von Phineas Gage erhalten geblieben ist, können wir genau rekonstruieren, wie die Eisenstange durch Gages Kopf geprellt ist. Genauer, rekonstruiert hat des Hanna Damásio, die Ehefrau des Autors unseres Buches. Sie hat ein verfahren entwickelt, dass dreidimensionale Hirnbilder  von lebenden Menschen rekonstruiert. Dieses Verfahren wird  Brainvox genannt. Da wir von Phineas Gage den Schädel haben, wurde er genau vermessen, das Gehirn Gages konnte genau rekonstruiert werden, auch die Eisenstange. So wissen wir genau, wie die Eisenstange durch Gages Kopf verlief. Im Buch ist das abgebildet. David Ferriers Forschung konnten bestätigt werden. Die Eisenstange beschädigte keine Areale, die für Sprache, Bewegung usw. zuständig sind, sondern die Verletzung konnte in die präfrontale Region  ( ventromediale Region) bestimmt werden, diese Region eine wichtige Rolle für normale Entscheidungsprozesse zuständig ist. Nun wusste man Bescheid,  warum sich Phineas Gages Persönlichkeitsstruktur gewandelt hatte.

Als Ergänzung ein sehr interessanter Artikel zum Thema: Moral im Kopf. Passt sehr gut hierher.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 04. Dezember 2011, 09.07 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
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Offline mombour

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #3 on: 05. Dezember 2011, 12.42 Uhr »
Hallo,

Für die neurologische Forschung war es nun wichtig, andere Patienten mit Schädigungen in der präfrontalen Regionen zu finden, um zu sehen, ob die neurologischen Ausfälle sich dem Fall Gage ähneln. Und man hat sie gefunden. Damásio beschreibt vier Fälle aus dem 20. Jahrhundert, die Patienten auch Probleme mit Entscheidungsprozessen hatten, Damásio auch einen klinischen Fall selbst betreute, einem Mann, der einen Tumor, ein Meningiom hatte, der das Gewebe des Stirnlappens beeinträchtigte, bei der Operation auch Gewebe entfernt werden musste.  Ein Meningiom ist zwar ein gutartiger Tumor, der sich aus den Meningen, der Hirnhäute, entwickelt, muss aber trotzdem entfernt werden, weil er Raum fordert. Dieser Patient erlebte privat ähnliche tragischen Umstände wie Phineas Gage, Damásio feststellte, dass sein Patient auch an Gefühlsarmut litt. Die Ähnlichkeit mit Gage war frappierend, zeigten beide doch Störungen im Sozialverhalten und in der Entscheidungsfindung, ihr soziales Wissen aber nicht gemindert war. Obwohl die Quellenlage nicht viel darüber hergibt, litt auch Gage wahrscheinlich an Gefühlsarmut. Damásio verweist auf seine zur Schau gestellte Selbstmitleid, bei dem ihn das Gespür für Peinlichkeit fehlte.

Die Forschung an Patienten mit Schädigungen im präfrontalen Bereich haben gezeigt, dass auch ein Mangel an Gefühlen Ursache für irrationales verhalten sein kann.

Es gibt noch eine andere Erkrankung, die Ähnlichkeiten mit der Phineas Gage-Matrix aufweist. Es handelt sich um Anosognosie. Bei dieser Diagnose erkennt der Patient seine eigene Krankheit nicht.  António Damásio gibt uns ein plastisches Beispiel. Durch einen Schlaganfall ist jemand linksseitig gelähmt, der Betroffene erkennt aber überhaupt nicht dieses Problem, obwohl er z.B. seine linken Extremitäten gar nicht bewegen kann. Es ist aber nicht so, dass der betroffene seine Krankheit psychologisch verdrängt, ihm fehlt einfach die Fähiglkeit, seine Erkrankung zu erkennen. Das dieses so ist, erkennt man daran, dass Patienten mit einer rechtsseitigen Lähmung nicht an Anosognosie leiden.
Quote from: Damásio
Eine linkseitige Lähmung, die durch eine Hirnschädigung eines bestimmten Musters verursacht wird, ist von Anosognosie begleitet.
(Seite 99).

Menschen die an Anosognosie leiden, haben eine Schädigung einer bestimmten Gruppe von Rindenfeldern in der rechten Hemisphäre. Die Symptomatik von Anosognosie und Schädigungen der prafrontalen Region ähneln sich. Auch Patienten mit Anosognosie können sich nicht angemessen entscheiden, sei es in privaten oder sozialen Bereich, außerdem begegnen sie ihren Gesundheitszustand mit Gleichgültigkeit und ungewöhnlicher Schmerztoleranz. Der Grund liegt auch hier in der Gefühlsarmut. Damásio weist auf eine Hypothese hin, dass auch bei einer Schädigung am „Gyrus Cinguli“ im limbischen Sytem neben Störungen der Bewegung , Emotion und Aufmerksamkeit, der Antrieb zum Denken und Handeln praktisch aufgehoben wird.  Damásio diese Hypothese mit einem Beispiel aus seiner Praxis stärkt.

Auffallend ist, dass alle Gehirnregionen mit Planen und Entscheiden zu tun haben, mit rationalem Denken, aber auch mit Emotionen. Der Zusammenhang von Denken und Gefühlen sich hier sichtbar macht.

Liebe Grüße
mombour
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Offline mombour

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #4 on: 07. Dezember 2011, 12.43 Uhr »
Bevor es weiter geht  mit der Theorie über das Denken und Emotionen und den Schlussfolgerungen, des bisher vorgetragenen Materials, schiebt Damásio jetzt ein Kapitel des Übergangs dazwischen, um einige Begriffe zu erläutern, die der Autor später verwendet und einige grundsätzliche Dinge zum Gehirn, die für das weitere Verständnis wichtig sind.

Wenn Damásio vom Körper spricht, meint er den Organismus ohne das Nervengewebe. Gehirn und Körper stehen dauernd über biochemische und neuronale Schaltkreise in wechselwirkungshafter Verbindung, die Verbindung aus sensorischen und motorischen peripheren Nerven besteht. Signale werden vom Körper ins Gehirn gesandt, vom Gehirn gehen auch Signale in alle Bereiche des Körpers. Die andere Wechselwirkung zwischen Gehirn und Körper geht über den Blutkreislauf. Hormone, Neurotransmitter und Modulatoren werden über die Blutbahn befördert. Mit Modulatoren sind pharmazeutische Stoffe gemeint, sie über die Blutbahn einen Einfluss auf das Immunsystem haben. Über ie Blutbahn erreichen chemische Stofe das Gehirn, über das Nervensystem wirkt das gehirn über alle Körperegionen.

António Damásio erläutert seine Ansicht über den Geist. Neuronale Aktivitäten müssen zu Vorstellungsbildern werden, zum Denken und Verhalten animieren, planende Handlunge bestimmen. Das sind an sich die Auswirkungen neuronaler Schaltkreise, die das zustande bringen, was wir als Geist bezeichnen. Selbstverständlich nimmt unser Geist auch Beziehung zur Umwelt auf und umgekehrt. Nun wollen wir noch wissen, was ein „cartesianisches Theater“ ist. Dieses ist eine Bezeichnung von Daniel Dennett aus seinem  Buch „Philosophie des menschlichen Bewusstseins“, und meint den Irrtum, dass viele Menschen annehmen, das eine spezielle sinnliche Erfahrung in nur einer einzigen Gehirnstruktur verarbeitet würde. Das ist falsch und widerspricht neurologische Erkenntnisse. Im Gehirn gibt es keinen keinen speziellen Bereich, in dem gleichzeitig alle Siinesmodalitäten verarbeitet werden. Mir fällt das Beispiel ein, ich sitze im Theater, auf der Bühne Ballett „Schwanensee“: Gleichzeitig höre ich Musik, sehe Bewegung, sehe Farbe (Bühnenbild, Kleidung der Tänzerinnen und Tänzer). Meine Sinne erfassen vieles, aber im Gehirn ist nicht nur eine spezielle Gehirnstruktur dafür verantwortlich, sondern es setzt eine neuronale Aktivität in verschiedenen Gehirnregionen voraus.

Quote from: Damásio
Offenbar verfügt jedes Sinnessystem über eigene lokale Apparate für Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis. Doch bei der Untersuchung der globalen Prozesse von Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis lassen Studien an Mensch und Tier darauf schließen, daß die präfrontalen Rindenfelder und einige Strukturen des limbischen Systems (der vordere Teil des Gyrus cinguli) eine entscheidene Rolle spielen.
(Seite 139)

Wahrnehmungsbilder – Erinnerungsbilder

Wir denken in Bildern. Auch wenn wir Entscheidungen fällen, denken wir in Bildern, diese man Wahrnehmungsbilder nennt. Wenn wir in Erinnerungen schwelgen, schwelgen wir in Erinnerungsbildern. Diese Bilder entstehen offenbar aus  einer komplexen neuronalen Maschinerie aus Wahrnehmung, Gedächtnis und Denken. Vorstellungsbilder entstehen in frühen sensorische Rindenfeldern, werden aber entweder durch den Einfluss von Sinnesrezeptoren gebildet, die auf die Außenwelt gerichtet sind oder direkt in er Rindenregion und in subkortikalen Kernen. Wahrnehmungsfelder entstehen, wenn wir z.B. eine Landschaft  in den Augen und in der Netzhaut sehen. Über Neurone und deren Axone werden über mehrere  elektrochemische Synapsen Signale ins Gehirn geschickt, in die frühen sensorischen Rindenfelder, Signale von der Netzhaut gelangen in den visuellen Cortex im Hiterhauptslappen. Wenn die frühen Rinderfelder zerstört wären, könnten wir gar nichts sehen. Genau genommen, sehen wir nicht durch die Augen sondern mit unserem Gehirn. Erinnerungsbilder sind keine exakten Reproduktionen er Erinnerungen, sondern Interpretationen.  Das Gehirn speichert Erinnerungen nicht als Mikrofilm o.ä. Angeborenes Wissen wird über Hypothalamus, Hirnstamm umd limbisches System gesteuert, z.B. Steuerung des Stoffwechsel, Triebe, Instinkte, dagegen fußt erworbenes Wissen  in Rinderfeldern höherer ordnung und in vielen subkortikalen Kerngebiten, also in der grauen Substanz.

Das Buch ist eine Wohltat. Der Autor ist in der Lage, unser kompliziertes Gehirn dem Leser in verständlicher Weise nahe zu bringen. Mir macht das richtig Spaß. Wer sich für unser Gehirn interessiert, dem führt kein Weg an Damásio vorbei. ;D

Liebe Grüße
mombour
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Offline Anita

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #5 on: 07. Dezember 2011, 13.12 Uhr »
Das Buch ist eine Wohltat. Der Autor ist in der Lage, unser kompliziertes Gehirn dem Leser in verständlicher Weise nahe zu bringen. Mir macht das richtig Spaß. Wer sich für unser Gehirn interessiert, dem führt kein Weg an Damásio vorbei. ;D

Damit triffst du es vollkommen auf dem Punkt, super klasse! Und du gibst wirklich den Inhalt klasse wider. Respekt!

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

BigBen

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #6 on: 08. Dezember 2011, 07.57 Uhr »
Wer sich für unser Gehirn interessiert, dem führt kein Weg an Damásio vorbei. ;D

Ich lese gerade "Wir sind unser Gehirn: Wie wir denken, leiden und lieben" von Dick Swaab.  :hi:

http://www.amazon.de/Wir-sind-unser-Gehirn-denken/dp/3426275686

Offline Anita

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #7 on: 08. Dezember 2011, 11.55 Uhr »
Wer sich für unser Gehirn interessiert, dem führt kein Weg an Damásio vorbei. ;D

Ich lese gerade "Wir sind unser Gehirn: Wie wir denken, leiden und lieben" von Dick Swaab.  :hi:

http://www.amazon.de/Wir-sind-unser-Gehirn-denken/dp/3426275686

Hört sich auch sehr gut an, das Buch steht nun auf meiner Wunschliste  :)
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline orzifar

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #8 on: 08. Dezember 2011, 16.52 Uhr »
Das Forum in seiner Hirn-Phase (soll ja nicht schaden ;)):

Das höre ich gerade und bestätigt weitgehend mombours Ausführungen.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline mombour

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #9 on: 10. Dezember 2011, 15.44 Uhr »
Wer sich für unser Gehirn interessiert, dem führt kein Weg an Damásio vorbei. ;D

Ich lese gerade "Wir sind unser Gehirn: Wie wir denken, leiden und lieben" von Dick Swaab.  :hi:

http://www.amazon.de/Wir-sind-unser-Gehirn-denken/dp/3426275686

Danke für die Buchempfehlung. Hört sich gut an.


Das höre ich gerade und bestätigt weitgehend mombours Ausführungen.

Roth und Spitzer sind Koryphäen auf diesem Gebiet.

In sechsten Kapitel geht um „Biologische Regulation und Überleben“. Darin geht es um angeborene neuronale Schaltkreise, die unser Überleben sichern. Dazu lassen sich mehrere Beispiele anführen: Um sich vor ihren natürlichen Feinden zu schützen, haben Tiere einen Instinkt für Flucht oder Angriff entwickelt. Auch Menschen fliehen vor Gefahren. Manche regelmechanismen bekommen wir gar nicht mit. Zirkulierende Hormone, Kaliumionen, rote Blutkörperchen bekommen wir z.B. gar nicht mit, sie dienen aber unserem Wohlbefinden. Andere Regulationen, Triebe bekommen wir mit: Der Hunger. Ein paar Stunden nach dem Essen fällt unser Blutzuckerpiegel, wir merken nur, dass wir hungrig werden. Die Entdeckung einer Blutzuckersenkung entdecken Neuronen im Hypothalamus. Wir essen, weil wir hungrig sind, deswegen der Blutuckerspiegel sich reguliert. Die betreffenden Neuronen sorgen dafür, dass unser Hungergefühl schwindet. Das ist ein sehr anschauliches Beispiel für das Wechselspiel von Regulation und Trieb. Regulationsmechanismen sichern das Überleben. Darin liegt ihr Sinn.

Die angeborenen neuronalen Schaltkreise sind im Hirnstamm und im Hypothalamus enthalten. Der Hypothalamus spielt eine Schlüsselrolle in der Regulation der endokrinen Drüsen: Hypophyse, Schilddrüse, Nebennieren und Geschlechtsorgane., diese jeweils Hormone produzieren. Die endokrine Regulaion hängt also von chemischen Substanzen ab, die in den Blukreislauf geschüttet werden. Durch Steuermechanismen im limbischen System wird die biologische Regulation bestimmt. Diese biochemischen Prozesse müssen im angemessenen Rahmen bleiben, sonst kann es zu Krankheiten oder zum Tod führen. Wenn man das liest, ahnt man schon, was das für komplizierte Vorgänge sein müssen, die unser Immunsystem, die Drüsenfunkion in idealerweise regulieren. Das alles können wir selbst gar nicht steuern. Und jetzt kommt António Damásio über Richard Wagners „Tristan und Isolde“ zu sprechen, dieses Paar unwissend einen Liebestrank trinkt, sich dann unsterblich ineinander verlieben. Interessante Überlegung, ob man solch einen Liebestrank mixen können. Im Gehirn gibt es Stoffe, die uns ein bestimmtes Verhalten aufdrängen und António Damásio kommt auf das Hormon Oxytozin zu sprechen, welches im Hypothalamus und in den Ovarien und Hoden gebildet wird. Bei einer Ausschüttung des Hormons im Gehirn nimmt es an der Regulation des Stoffwechsels teil. „Oxytozin“, so Damásio, „kann aber auch bei Geburt, sexueller Reizung von Genitalien und Brustwarzen oder Orgasmus vom Körper freigesetzt werden.“

Es ist verständlich, dass Damásio auf die Endokrinologie nur oberflächlich eingeht, aber wir sehen auch hier schon, wie enorm wichtig diese endokrinologischen Regulationskreise für unsere Gesundheit und Wohlbefinden wichtig sind.

Liebe Grüße
mombour
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Offline mombour

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #10 on: 11. Dezember 2011, 13.54 Uhr »
Im Nächsten Kapitel geht es um Empfindungen und Gefühle. Der Autot des Buches unterscheidet primäre Gefühle von sekundären Gefühlen. Primäre Gefühle sind schon seit der Geburt angelegt.

Quote from: Damásio
Wir sind zu einer präorganisierten Gefühlsreaktion verdrahtet, wenn wir bestimmte Reizmerkmale in der Welt oder im Körper...wahrnehmen.
(Seite 183).

Quote from: Damásio
Primäre Gefühle...beruhen auf Schaltkreisen des limbischen Systems , wobei die Amygdala und der vordere Teil des Gyrus cinguli eine besondere Rolle spielen
. (Seite 186).
Wenn man die Region des Schläfenlappens entfernt, die die Amygdala enthält, treten neben anderen Symptomen auch das Symptom affektiver Gleichgültigkeit auf.

Sekundäre Gefühle betreffen die Welt der Erwachsenen. Dazu gibt Damásio ein Beispiel. Wenn wir einen Freud begegnen, den wir schön lange nicht mehr gesehen, oder vom Tod eines Menschen erfahren, mit em wir eng zusammengearbeitet haben, dann lösen diese Situationen Gefühle in uns aus. Das Erleben von Gefühlen löst körperliche, neuronale und endokrine Veränderungen hervor.

Durch Untersuchung fokaler Hirnschäden konnten die für das Gefühl zuständigen Systeme spezifiziert werden. Eine Schädigung des limbischen Systems beeinträchtigt  die Verarbeitung primärer Gefühle, sekundäre Gefühle werden durch eine Schädigung präfrontaler Rindenfelder beeinträchtigt. Sehr aufschlussreich finde ich Damásios Beispiele aus dem Alltag eines Neurologen: Wenn bei einem linksseitigen Schlaganfall das motorische Rindenzentrum der linken gesichtshälfte zerszört ist, und der Patient eine rechtsseitige Halbseitenlähmung aufweist, sind die Muskeln nicht funktionsfähig, deswegen der Mund zur nicht gelähmten Seite verzogen ist. Wir der pationt aufgefordert, seinen Mund zu öffnen, wird diese Asymmetrie noch verstärkt. Doch anders ist es, wenn der Patient wegen eines Witzes zu lachen beginnt, dann ist das Lachen völlig normal, beide Gesichtshälften bewegen sich. Damásios Schlussfolgerung daraus ist nun das Wesentliche:
Quote from: Damásio
Daraus folgt, dass sich die motorische Kontrolle einer gefühlsbedingten Bewegungssequenz nicht am gleichen Ort befindet wie die Kontrolle eines willkürlichen Aktes.
(Seite 194).

Zur Kriminalität und Schädigungen im limbischen System könnt ihr hier einen interesssanten Artikel lesen.

Über die Empfindungen schreibe ich später, warscheinlich erst morgen.

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #11 on: 12. Dezember 2011, 19.24 Uhr »
Empfindungen

António R. Damásio unterscheidet zwischen Empfindungen, die mit Gefühlen in Verbindung stehen, und anderen Empfindungen, bei denen das aber nicht der Fall ist. Empfindungen, die nicht aus Gefühlen entstanden sind, bezeichnet er als Hintergrundsempfindungen.  Zuerst werden die Empfindungen der Gefühle betrachtet. Empfindungen können bei einem Menschen von außen betrachtet werden und von innen, z.B. Änderung der Herzfrequenz, Verkrampfung von Verdauungsorganen. Von Nervenendigungen ausgehend, von Haut, Blutgefäßen, Viscera (Eingeweide), willkürlichen Muskeln, werden die Veränderungen an das Gehirn übermittelt. Der Weg läuft über das Rückenmmark und Hirnstamm und gelangt bis zum Thalamus, zieht über den Hypothalamus und limbische Strukturen weiter zu bestimmten somatosensiblen Rindenfeldern in den Bereichen von Insel und Schläfenlappen (wer möchte, kann sich das merken  ;D). Neben einer neuralen Impulsweitergabe, werden während einer Gemütsbewegung Hormone und Peptide (Protein) in den Blutkeislauf ausgeschüttet und gelangen u.a. über Blut-Hirn.Schrankeins Gehirn. Diesen Begriff sollten wir uns merken! Wenn wir Empfindungen wahrnehmen werden wir Zeuge körperlicher Veränderungen, während uns Gedanken und bestimmte Inhalte durch den Kopf gehen.

Unter Juxtapositionen werden in diesem Kapitel zwei diverse Empfindungen verstanden, die eng beieinander liegen, d.h. wir können uns, auch wenn wir an erfreuliche Dinge denken, uns niedergeschlagen fühlen.

Das Hintergrundempfinden ist unabhängig von Gefühlen. Es ist

Quote from: Damásio
...in Melodie und Rhythmus  das Empfinden des Lebens selbst, das Empfinden des Seins.
(Seite 207)

(Das  ist schon fast Heidegger, nicht wahr?).

Wir erinnern uns. Die Krankheit Anosognosie kennen wir schon.  Damásio geht davon aus, dass Patienten mit Anosognosie Veränderungen in ihrer Körperlandschaft nicht erkennen können.

Wie kommt denn nun ein Empfindungsprozess zustande?  Wenn ein bestimmter chemischer Stoff Empfindungen hervorruft, wissen wir aber trotzdem nicht, wie dieser Mechanismus funktioniert. Chemische Stoffe und Neuronen wirken auf Schaltkreise, warum wir uns dabei dann glücklich oder traurig fühlen wissen wir nicht. Allein schon durch Vorstellungsbilder reagieren Neurone und Hormone, usw. Warum, das wissen wir (noch) nicht. Ich denke, da sind so kleine Mechanismen am Werk, wie auch die, bei der Entstehung von Bewusstsein, dass es noch sehr sehr lange dauern wird, bis wir vielleicht in dieser subatomaren Welt Klarheit bekommen. Wenn wir jetzt einfach nur verstanden haben, dass der menschliche Körper und sein Gehirn ein Wunderwerk der Natur oder on wem sonst...ist, dann haben wir Damásios Buch schon ziemlich weit begriffen, wo wir nicht mehr begreifen können. Das zweite, was wir erfahren konnten ist...
Quote from: Damásio
Für mich haben Gefühle und Empfindungen nicht die ungreifbaren und  nebulösen Eigenschaften, die man ihnen häufig nachsagt.
(Seite 224)

Ebenso wie Sehen oder Hören lasen sich Gefühle und Empfindungen auf bestimmte Ssteme im Körper und Gehirn beziehen. Damásio postuliert auch, und das finde ich gut, gegen die Eiseskälte, die manch einer schon bekommen hat, wenn er darüber nachdenkt, unsere Gefühle und Empfindungen sei (abwertend) nur ein Zusammenspiel neuronaler und hormoneller Aktivitäten. Damásio würgt die Bedeutung der Gefühle und Empfindungen deswegen nicht herunter, die Bewunderung für Dichtkunst, Musik u.a. sei dadurch nicht geschmälert. Ist sie auch nicht. Die letzten subatomaren Mechanismen der Empfindungs – und Gefühlswelt sind längst noch nicht geklärt. Wer weiß, was da noch für Überraschungen vor uns liegen. :)

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #12 on: 17. Dezember 2011, 13.44 Uhr »
Die Hypothese der somatischen Marker

Als Ausgangspunkt, um seine Hypothese vorzutragen, entwirft Damásio ein Szenario, was zu einer Entscheidung zwingt. Ein Großunternehmer trifft sich mit einem wichtigen Kunden, der zufällig der Erzfeind seines besten Freundes ist. Darauf reagiert unser Gehirn mit blitzartig ablaufenden Vorstellungsbildern. Das Gehirn arbeitet. Wie kommt der Großunternehmer zu einer Entscheidung? Er will seinen Freund nicht verlieren, will auch nicht ein gutes Geschäft durch die Lappen gehen lassen.  Jetzt kommen wir zu den somatischen Markern.   Das sind körperlichen Empfindungen, die wir bei Entscheidungsprozessen wahrnehmen, die unsere Entscheidung beeinflussen. Als Intuition können sie eine negative Entscheidung stoppen, eine gute Entscheidung unterstützen.  Rationalität und Empfindung arbeiten Hand in Hand. Somatische Marker unterstützen unser Denken. Damásio geht davon aus, dass viele somatische Marker im Laufe der Erziehung und Sozialisation entstanden sind. Bei Menschen mit entwicklungsbedingten Soziopathen und Psychopathe, die kaltblütig handeln, werden somatische Marker nicht ausgebildet. Solche Menschen können morden, ohne mit der Wimper zu zucken. Das sei bemerkt, um die Bedeutung unsere Empfindungsfähigkeit zu würdigen. Bei Menschen wie Phineas Gage, bei denen eine Hirnschädigung in den präfrontalen Rindenfeldern vorliegt, haben auch keine somatischen Marker.  Die neuronale Funktion ist also ausschlaggebend. Somatische Marker können auch verdeckt wirken, wenn sie nicht in unsere Aufmerksamkeit rücken.

Pascal hat gesagt: „Das Herz hat Gründe, von denen die Vernunft nichts weiß.“ Stünde es mit zu, so würde ich die Äußerung wie folgt abändern: Der Organismus hat einige Gründe, von denen die Vernunft Gebrauch machen muß.“ (Seite 272)

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #13 on: 19. Dezember 2011, 11.09 Uhr »
Im nächsten Kapitel ist „der somatische  Marker auf dem Prüfstand“. Es werden einige wissenschaftliche Versuche beschrieben.

Hautleitfähigkeitsreaktionen werden in der psychophysischen Forschung gerne angewandt. In diesen Versuchen werden Patienten mit Schäden im prafrontalen Bereich untersucht, um festzustellen, ob ihr Gehirn in der Lage ist, somatische Veränderungen hervorzurufen. Diese Patienten zeigten keine gravierenden Beeinträchtigungen.  Nun wollte man wisssen, wie diese Patienten emotional reagieren. Wir wissen ja, das Gefühl dieser Patienten ist stark beeinträchtigt: Es wurden ihnen also Bilder gezeigt, die, bei gesunden Menschen Emotionen hervorrufen, z. B. Bilder mit schrecklichen Szenen, die Schmerzen verursachen. Es zeigte sich tatsächlich, dass diese Patienten keine Reaktionen intensiver Hautleitfähigkeit boten. Bei einem anderen Versuch wurde bei Menschen dieser Schädigung eine “Kurzsichtigkeit für die Zukunft“ festgestellt (Das ist ja ein interessantes philosophisches Problem. Wie ist das überhaupt mit der Zeit?).

Quote from: Damásio
Ohne Markierung oder explizite Zukunftsvorhersagen sind diese Patienten weitgehend den unmittelbaren Aussichten unterworfen und scheinen in der Tat unempfindlich für die Zukunft zu sein.
(Seite 291).

Damásio vermutet Vorstellungsbilder, die sich zu einem Zukunftsszenario zusammenfügen, seien schwach und instabil. Vorstellungsbilder werden zwar aktiviert, aber die bleiben nicht lange im Bewusstsein erhalten. Das Arbeitsgedächtnis und/oder die Aufmerksamkeit arbeiten mangelhaft. Wenn wir die somatischen Marker in Betracht ziehen, so ist die Lage bei ventromedialer Schädigung  doch so, dass diese somatischen Marker gar nicht wahrgenommen werden, die dem Patienten hätten unterstützen können, zukunftsgerichtet zu handeln. Stelle man sich doch mal vor, wir könnten nicht mehr zukunftsgerichtet denken und handeln. Wir wären hilflos. Das ist unheimlich.

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Re: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
« Reply #14 on: 29. Dezember 2011, 10.22 Uhr »
Das Forum in seiner Hirn-Phase (soll ja nicht schaden ;)):

Vielleicht hat im Rahmen dieser Phase einer von Euch "Motorische Intelligenz: Zwischen Musik und Naturwissenschaft" von Ligeti und Neuweiler gelesen? Das schmale Bändchen klingt interessant, aber bevor ich 20 Euro ausgebe, möchte ich gern halbwegs sicher sein, dass ich keine Selbstverständlichkeiten serviert bekomme.

http://www.amazon.de/Motorische-Intelligenz-Zwischen-Musik-Naturwissenschaft/dp/3803151759/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1325150193&sr=1-1

LG

Tom