Hallo!
Die ersten Anklänge der Eifersucht, nachdem man die Einführung schon im ersten Band erhalten hat (denn die Beziehung Odette - Swann ähnelt natürlich jener des Erzählers zu Albertine). Auf die nächsten beiden Bücher (Die Gefangene, Die Entflohene) bin ich gespannt, weil heute mein Wissen über das Leben Prousts ein ganz anderes ist als beim ersten Lesen der Recherche (manchmal kann ein mehr an Hintergrundinformation die Lektüre trüben; so möchte ich keinesfalls eine Recherche mit Fußnoten lesen, die mir bei allen Personen die wahrscheinlichen Vorbilder derselben vor Augen führt; hier aber werde ich den später verunglückten Agostinelli sicherlich vor Augen haben bzw. Prousts verzweifelte Sehnsucht nach ihm).
Kann man die Recherche verstehen, ohne je selbst eifersüchtig gewesen zu sein? Kann man überhaupt Literatur genießen, ohne dass man einige Abgründe in sich selbst hat? Nicht nur zum Schreiben sollte einem nichts Menschliches fremd sein ...
Das Erzählen von Tod, Sterben, vor allem vom verwunderten, fast unsagbaren, sich verflüchtigenden und doch immer präsenten Schmerz des Überlebenden lese ich heute anders als bei meiner Erstlektüre, damals, als noch alle mir nahestehenden Personen gelebt haben und ihr Tod etwas höchst Theoretisches, eben Literarisches war, ein Umstand, der sich schon bald darauf auf erschreckende Weise geändert hat. Wobei: Der Tod Albertines steht noch aus, noch sind es die Erinnerungen an die Großmutter, die den Erzähler umtreiben, sein Staunen darüber, dass es so etwas Unbegreifliches, Endgültiges wie den Tod geben kann.
Die vielen Salons: An Vernissagen, Buchvorstellungen, Lesungen von früher erinnert, an ein Publikum, das tatsächlich nur mit vivisezierendem Blick erträglich ist; nicht zufällig kommt Proust der Vergleich des Entomologen in die Feder, der da die feinen Verästelungen an einem Insektenflügel studiert. Anders, nämlich eingebunden, verflochten ist diese Welt kaum zu ertragen und ganz offenkundig war es vor über 100 Jahren nicht anders als heute: Eitel, selbstgefällig, mit Moden kokettierend, sich mit küntlerischen und philosophischen Versatzstücken schmückend. Paradigmatisch Mme de Cambremer, soziale Aufsteigerin und deshalb von doppelter, sich vervielfachender Arroganz: Wie sie das Hohelied der Kunst, der Eingebung, der Moderne singt, sie, die die Gelehrsamkeit zu verachten vorgibt, weil sie in ihrem unsäglichen Bemühen nach avantgardistischem Dasein gelernt hat, das Lernen zu verschmähen, sie, die aber nur aus diesen Lehren besteht und selbst eben gar nichts anderes darstellt, als das, was ihr Anlass zu Spott ist (und worin sie in gewissem Maß auch Recht hat: Denn sie hat es selbst in diesem Erlernen zu keiner Gelehrsamkeit gebracht - geschweige denn zum Künstlertum).
Dazu die Bösartigkeit dieser Kreise, der ungeheuerliche Neid auf Erfolg und Talent, das Mitläufertum, der ausschließlich auf Schein gerichtete Anspruch, in dieser Welt etwas zu bedeuten, sodass man zum (nicht immer berechtigten) Umkehrschluss gelangen könnte, dass jeder, der in dieser Welt etwas bedeutet, an und für sich bedeutunglos ist. Das mag als eine allgemeine Gültigkeit beanspruchende Feststellung falsch sein, hingegen scheint es eine Voraussetzung zu sein, einige der genannten, ungustiösen Charaktereigenschaften sein eigen zu nennen.
lg
orzifar