Author Topic: Marcel Proust: Sodom und Gomorrha  (Read 3880 times)

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Marcel Proust: Sodom und Gomorrha
« on: 02. Dezember 2011, 01.38 Uhr »
Hallo Anna (et alii),

Nach längerer Pause nun also wieder zurück nach Sodom und Gomorrha. Entsprechend dem Titel wird man mit einer 40seitigen Analyse der verschiedenen homosexuellen Typen konfrontiert - und wie so oft bei Proust: Was mich bei anderen langweilen würde, vermag er faszinierend darzustellen. Weil er immer über den Anlass hinaus geht, seine Vergleiche und Beschreibungen nie nur das inkriminierte Thema betreffen, sondern eine Allgemeingültigkeit entwickeln, die schlicht faszniniert. Charlus bei seinem ersten Zusammentreffen mit Jupien: Eine Genauigkeit der Schilderung (und dass da eigentlich eine Orchidee auf die Befruchtung durch eine Hummel wartet wird dem Autor zum Anlass für wundervolle botanische Vergleiche), jede Bewegung, Regung, jeder Blick der beiden, die da etwas Wesensverwandtes entdecken, wird dem Leser vor Augen geführt.

Oder aber die Angst des Erzählers, doch eigentlich nicht beim Prinzen von Guermantes geladen zu sein, die Furcht vor Lächerlichkeit, flüsternd teilt er dem "Beller" seinen Namen mit, will noch hinzufügen, ihn doch leise auszusprechen. Und dann bleibt der Leser mit dieser Angst ein wenig allein, den Proust schweift ab, erzählt von jener englischen Dame, die immer, wenn ihr auf einer Soirée ein Sessel angeboten wurde, dort schon einen alten Mann sitzen sah und von der Angst gequält ward, sich plötzlich auf dem Schoß dieses Mannes wiederzufinden, wenn sie denn der Aufforderung nachkäme. Eine Angst, die mutatis mutandis jeder schon empfunden hat, die Erschütterung eines als sicher geglaubten Faktums, vergleichbar jenem, der da ein ums andere Mal einen Blick auf den Herd wirft, ob denn dieser ausgeschaltet sei und - sobald er sich umgewendet hat - wieder von der vorhergehenden Unsicherheit befallen wird. Oder der der abendlich verschlossenen Eingangstür misstraut und an der Klinke rüttelt, sperrt, erleichtert endlich das Wohnzimmer betritt und plötzlich davon überzeugt ist, dass er beim letzten Kontrollgang die Türe auf-, aber nicht wieder zugeschlossen hat.

Wer sonst könnte Spannung erzeugen dadurch, dass der Erzähler seitenlang Möglichkeiten sucht, sich auf der Abendveranstaltung dem Prinzen von Guermantes vorstellen zu lassen, der sich an einzelne Personen wendet, ihre Befindlichkeit brilliant anaysiert, ihre Ängste, die Feigheit, Unsicherheit. Wohl fast jeder andere Schriftsteller würde sich meinen Zorn zuziehen bei der Auswälzung derartiger Belanglosigkeiten - doch Prousts Darstellung ist für mich erregender denn ein Kriminalroman. (Nur wenn er reine Äußerlichkeiten schildert - etwa den Springbrunnen im Garten der Guermantes - bemerke ich Unruhe: Das kann für mein Empfinden schon einmal zu lange dauern.)

Proust birgt wie immer die Gefahr, sprachlich verwöhnt zu werden: Nach dem Wiederlesen der ersten drei Bände war ich anderen Schriftstellern gegenüber recht ungnädig, da muss es dann schon die Strudlhofstiege (die nicht zu Unrecht mit der Recherche des öfteren verglichen wurde) oder die Josephs-Tetralogie sein, um nicht in Grund und Boden verdammt zu werden.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Marcel Proust: Sodom und Gomorrha
« Reply #1 on: 14. Dezember 2011, 22.07 Uhr »
Hallo!

Die ersten Anklänge der Eifersucht, nachdem man die Einführung schon im ersten Band erhalten hat (denn die Beziehung Odette - Swann ähnelt natürlich jener des Erzählers zu Albertine). Auf die nächsten beiden Bücher (Die Gefangene, Die Entflohene) bin ich gespannt, weil heute mein Wissen über das Leben Prousts ein ganz anderes ist als beim ersten Lesen der Recherche (manchmal kann ein mehr an Hintergrundinformation die Lektüre trüben; so möchte ich keinesfalls eine Recherche mit Fußnoten lesen, die mir bei allen Personen die wahrscheinlichen Vorbilder derselben vor Augen führt; hier aber werde ich den später verunglückten Agostinelli sicherlich vor Augen haben bzw. Prousts verzweifelte Sehnsucht nach ihm).

Kann man die Recherche verstehen, ohne je selbst eifersüchtig gewesen zu sein? Kann man überhaupt Literatur genießen, ohne dass man einige Abgründe in sich selbst hat? Nicht nur zum Schreiben sollte einem nichts Menschliches fremd sein ...

Das Erzählen von Tod, Sterben, vor allem vom verwunderten, fast unsagbaren, sich verflüchtigenden und doch immer präsenten Schmerz des Überlebenden lese ich heute anders als bei meiner Erstlektüre, damals, als noch alle mir nahestehenden Personen gelebt haben und ihr Tod etwas höchst Theoretisches, eben Literarisches war, ein Umstand, der sich schon bald darauf auf erschreckende Weise geändert hat. Wobei: Der Tod Albertines steht noch aus, noch sind es die Erinnerungen an die Großmutter, die den Erzähler umtreiben, sein Staunen darüber, dass es so etwas Unbegreifliches, Endgültiges wie den Tod geben kann.

Die vielen Salons: An Vernissagen, Buchvorstellungen, Lesungen von früher erinnert, an ein Publikum, das tatsächlich nur mit vivisezierendem Blick erträglich ist; nicht zufällig kommt Proust der Vergleich des Entomologen in die Feder, der da die feinen Verästelungen an einem Insektenflügel studiert. Anders, nämlich eingebunden, verflochten ist diese Welt kaum zu ertragen und ganz offenkundig war es vor über 100 Jahren nicht anders als heute: Eitel, selbstgefällig, mit Moden kokettierend, sich mit küntlerischen und philosophischen Versatzstücken schmückend. Paradigmatisch Mme de Cambremer, soziale Aufsteigerin und deshalb von doppelter, sich vervielfachender Arroganz: Wie sie das Hohelied der Kunst, der Eingebung, der Moderne singt, sie, die die Gelehrsamkeit zu verachten vorgibt, weil sie in ihrem unsäglichen Bemühen nach avantgardistischem Dasein gelernt hat, das Lernen zu verschmähen, sie, die aber nur aus diesen Lehren besteht und selbst eben gar nichts anderes darstellt, als das, was ihr Anlass zu Spott ist (und worin sie in gewissem Maß auch Recht hat: Denn sie hat es selbst in diesem Erlernen zu keiner Gelehrsamkeit gebracht - geschweige denn zum Künstlertum).

Dazu die Bösartigkeit dieser Kreise, der ungeheuerliche Neid auf Erfolg und Talent, das Mitläufertum, der ausschließlich auf Schein gerichtete Anspruch, in dieser Welt etwas zu bedeuten, sodass man zum (nicht immer berechtigten) Umkehrschluss gelangen könnte, dass jeder, der in dieser Welt etwas bedeutet, an und für sich bedeutunglos ist. Das mag als eine allgemeine Gültigkeit beanspruchende Feststellung falsch sein, hingegen scheint es eine Voraussetzung zu sein, einige der genannten, ungustiösen Charaktereigenschaften sein eigen zu nennen.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Marcel Proust: Sodom und Gomorrha
« Reply #2 on: 21. Dezember 2011, 19.40 Uhr »
Hallo!

Mit dem Ausblick auf die kommenden Bände, dem abschließenden, ihn selbst und "Mama" verstörenden Satz "ich werde Albertine heiraten" wird dieser Band abgeschlossen. Der Erzähler, der von seinem endlich gefassten Enschluss, sich von Albertine zu trennen, durch eine nur beiläufige Bemerkung abgebracht wird; einen Hinweis auf jene Freundin der Tochter Vinteuils, die der Erzähler bei ihrem unzüchtigen Treiben, der Schändung des Andenkens ihres Vaters in Band eins beobachtet hat. Und diese Art der Motivation des Zusammenbleibens schließt die Frage ein, inwieweit es sich bei dieser Beziehung um Liebe handelt - oder ob es nicht viel mehr um Besitzdenken geht, um ein Besitzdenken, das wie zumeist in der Eifersucht, aus mangelndem Selbstwertgefühl entspringt, der permanenten Angst, ein(e) andere(r) möge den Vorzug erhalten, darf sich gegenüber dem vermeintlich geliebten einer bevorzugten Position erfreuen.

Ob es sich nun um Liebe handelt ist natürlich von der Definition dieses Begriffes abhängig. Sollten in dieser Definition gegenseitige Achtung, Vertrauen, Respekt bestimmend sein, so handelt es sich diesfalls eher um eine Obsession - ähnlich wie auch bei Humbert Humbert von Liebe kaum die Rede sein kann (und L o l i t a als Liebesgeschichte zu bezeichnen sich deshalb eigentlich verbietet). Angesichts der Vorbildes Agostinelli (der sich der Überwachung durch Proust immer wieder entzog) wird die Form der Besessenheit evident: Das Wichtigste für den Erzähler ist im Grunde die umfassende Kontrolle, das ausschließliche Verfügungsrecht über den/die Betreffende(n); wäre diese absolute Überwachung und Kontrolle des Tuns zu erlangen, könnte vielleicht sogar auf das Objekt der Begierde selbst verzichtet werden. Denn es ist eben nicht die Liebe, die den Erzähler an Albertine kettet, sondern die Erkenntnis, dass diese sich offenbar mit Frauen vergnügt, heimlich, versteckt und vor allem vor dem Erzähler weitgehend verborgen.

Das Band zwischen den beiden wird dadurch geknüpft, dass der Erzähler im Grunde nur Handlungen Albertines zu unterbinden wünscht, nicht Zuneigung bestimmt ihn, sondern der Wunsch nach Kontrolle. So ist der erste Schritt, diese Kontrolle zu erlangen, eine Art der physischen Gefangenschaft, die Möglichkeit, das Tun des anderen zu überwachen. Wobei diese zu erlangende Kontrolle - wenn sie sich denn tatsächlich verwirklichen ließe - ungenügend wäre, sich alsbald auf das Denken, die Sehnsüchte, auch die Vergangenheit des Objektes erstreckte und somit die Unmöglichkeit in sich einschließt, je ein befriedigendes Ende zu erfahren. Keine äußere Maßnahme kann den Eifersüchtigen von seiner Eifersucht heilen, die sich selbst immer neue Beunruhigungen schafft, denn sie ist auch nur Ausdruck eines anderen Gefühls des Ungenügens, der Unsicherheit, eines mangelnden Selbstwertgefühls, das sich auf diese Weise eine Scheinbefriedigung schafft. Sodass der Eifersüchtige niemals von seiner Eifersucht geheilt werden kann, selbst nicht nach dem Tode des Bewachten (wie dies im Verlaufe des Romans gezeigt werden wird: Dann eben fokussiert sich das Denken auf die Vergangenheit der Person, auf jene der Kontrolle immer noch entzogenen Bereiche).

Derlei Besitzdenken ist auch dem Baron de Charlus nicht fremd, auch dessen Beziehung zu Morel verdient weniger die Bezeichnung "Liebe" denn "Besessenheit". Auch ihm ist es um Kontrolle zu tun, um ausschließliche "Nutzungsrechte", um eine Machtposition, das Erzeugen von Abhängigkeit (letzteres ein häufiges Akzidens vieler Beziehungen). Obwohl der Baron ein literarisch brilliant gezeichneter Charakter ist, verstehe ich Gides Kritik an der Darstellung: Alle Perversitäten, Abgründigkeiten sind in dieser Person und damit im Bereich der Homosexualität angesiedelt, während die heterosexuelle Beziehung des Erzählers von solchen Dingen weitgehend frei bleibt. Das hat natürlich mit der damaligen (wohl auch heutigen) Betrachtungsweise homosexueller Liebe zu tun, ist dem aufoktroyierten schlechten Gewissen Prousts zuzuschreiben, der - ähnlich wie Thomas, welcher ebenfalls seine Novellen und Romane mit pervertierten Schwulen ausstaffierte - seine eigene Neigung schon wegen der gesellschaftlichen Ächtung nicht zu akzeptieren in der Lage war. (Wobei man bedenken muss, dass Oscar Wilde noch kurz zuvor dieser Neigung wegen im Gefängnis saß und auch in Deutschland (für Frankreich weiß ich es nicht) Homosexualität mit Gefängnis bestraft wurde.)


lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany