Hallo!
Heinz Oberhummer genießt sowohl als Physiker als auch als jemand, der sich um die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse bemüht, einen guten Ruf. Was mich zum Kauf dieses Buches verleitet hat. Allerdings: Ein Fehlkauf.
Bestenfalls ist dieses Werk als eine Einführung in die Materie geeignet - ausschließlich für Leser, die noch nie zuvor sich mit diesen Dingen beschäftigt haben. So erklärt der Autor penibel, was denn Protonen, Neutronen, Elektronen sind - und dies in einer Form, die augenscheinlich auf Leser unter 12 Jahren abzielt (während ich der Meinung bin, dass derartiges Wissen bei Lesern solcher Bücher - weil bereits in der Unterstufe vermittelt - vorausgesetzt werden sollte). Hingegen keine einzige, tiefer gehende Erläuterung, alles bloß oberflächlich und banal, eines dieser Bücher, deren Angst vor chemischen oder mathematischen Formeln allüberall spürbar ist (angeblich ist eine solche Vermeidung ungeheuer verkaufsfördernd). Wer sich jedenfalls auch nur entfernt für Kosmologie, Astronomie oder Physik interessiert, wird nach dem Lesen dieses Buches um nichts klüger sein als zuvor.
Das letzte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit dem "warum" unseres Daseins - und auch hier fehlt jegliche Präzision, Denkgenauigkeit (in philosophischer bzw. wissenschaftstheoretischer Hinsicht), das erinnert mehr an Stammtischgeplapper in leicht illuminiertem Zustand. Irgendwo taucht dann ein Gott und/oder Demiurg auf, dessen Existenz zwar von Oberhummer bezweifelt wird, wobei sich das Ganze dann in einem pseudotoleranten Gewäsch verliert, sodass der Autor zum Schluss kommt, dass die Konzeption eines Multiversums sich mit Gott eher vereinbaren lasse als die Existenz eines Universums. Da fragt man sich tatsächlich, warum denn dies so sei (denn argumentativ kann derlei so gut belegt werden wie eine Zusammenkunft des Weihnachtsmannes und des Osterhasen bei einer Abendsoiree des Heiligen Geistes). Solche Gotteskapriolen werden nicht selten im Sinne einer falsch verstandenen Toleranz zum besten gegeben, sie sind inkonsequent, dümmlich, verletzen grundlegende philosophisch-methodologische Annahmen und sind einzig dem Bemühen geschuldet, den metaphysischen common-sense-Leser nicht vor den Kopf zu stoßen. Ein solches Zugeständnis ist aber bestenfalls Feigheit und/oder Dummheit.
Einziges Positivum: Zwischendurch versteht Oberhummer das großartige, schier unbegreifliche Bild eines gigantische Kosmos zu zeichnen, eingebettet in fast unendlichen Raum, unendliche Zeit; ein Bild, das uns einerseits unbedeutend und klein erscheinen, andererseits das Wunder, dass wir teilweise diese ungeheuren Weiten zu verstehen in der Lage sind, noch deutlicher hervortreten lässt. Genau dieses Wunder erfüllt mich am ehesten mit einer Art metaphysischem Schauer ob der Tatsache unseres doch beträchtlichen Erkenntnisvermögens - und auch mit Traurigkeit, wenn man bedenkt, wie sehr sich die Menschheit in dümmlich-kleinliche Streitigkeiten verliert (und sich vielleicht selbst eliminiert) anstatt sich dieser ihrer Fähigkeiten zu besinnen, die so ungeheuer viel Freude und Faszination bereiten können.
lg
orzifar