Author Topic: Gero von Randow: Das Ziegenproblem. Denken in Wahrscheinlichkeiten  (Read 2124 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Im deutschen Fernsehen gab es eine Spielshow namens "Geh aufs Ganze", deren Aufbau jener, das "Ziegenproblem" konstuierenden Show glich. Eine sehr umfassende Darstellung hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ziegenproblem, man muss dabei nicht alle Varianten durchackern und lesen, sondern sich einfach die Grundkonstellation ansehen (und dann kurz innehalten und nachdenken, um die erste, offensichtliche Lösungsvariante wieder zu verwerfen ;)).

Dieses Buch nun nimmt dieses durchaus faszinierenden Problem zum Anlass für sein Geschriebenwerden: Aber nach gutem, witzigen Beginn häufen sich Ärgernisse (wenigstens solche, die ich in diesen Büchern so gar nicht aushalte): Fehler in den Formeln (bisher 4 an der Zahl) und ein Beispiel, das auch dem Autor nicht geheuer zu sein scheint und er ein wenig nebulös abbricht (es geht von falschen Voraussetzungen aus). Schließlich wird die Beweisführung für manche Wahrscheinlichkeitsberechnungen kompliziert und unübersichtlich und erinnert fatal an den formelhaft orientierten Mathematikunterricht an Oberstufen, die da nichts erklären, sondern Verfahren einfach auswendig lernen lassen. (Ich bilde mir schlicht ein, vieles aus diesem Buch einleuchtender darstellen zu können.)

Die Tippfehler in den Formeln sind fast so unverständlich wie jene in Programmierbüchern, wenn fehlerhafter Quellcode abgedruckt wird: Kann ich normale Tippfehler noch verstehen (denn das Verständnis leidet nicht unter einem kurzen oder langen i), so ist das in den anderen Fällen ein Hinweis darauf, dass sich niemand die Mühe gemacht hat, das Beispiel durchzurechnen (oder den Quellcode nur ein einziges Mal zu kompilieren und auf Fehler zu überprüfen). Solche Dinge verleiden die Lektüre enorm, man sollte - wenn einem die Mühe des Rechnens schon so schwer fällt - dann auch auf alle Formeln verzichten. (Ich gehöre zu den Leuten, die auch in Romanen etwaige Rechnungen sofort im Kopf überprüfen.)

Und so habe ich dieses Buch schon ein paar Mal weggelegt, verärgert, um es nach einiger Zeit  des Interesses an der Wahrscheinlichkeitsrechnung wegen wieder zur Hand zu nehmen. Dadurch wird es (da das Buch je länger je mehr mit Fehlern und Mühseligkeiten behaftet ist) zu einer fast unendlichen Lektüre. Dennoch: Die Beschäftigung mit dem Ziegenproblem ist in jedem Fall die Zeit wert und kann nur empfohlen werden.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
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Re: Gero von Randow: Das Ziegenproblem. Denken in Wahrscheinlichkeiten
« Reply #1 on: 22. Dezember 2011, 00.11 Uhr »

Hallo!

Wieder ein paar Seiten mehr, bis zum Bayes-Theorem. Zwischendurch mal wieder eine Formel mit Tipp/Sinnfehler. Unabhängig von diesem schludrigen Lektorat zweifle ich mittlerweile nachdrücklich an den didaktischen Fähigkeiten des Schreibers: Das, was er als originell und witzig empfindet und zur Erklärung der Formel heranzieht, ist mehr als unverständlich und mühselig, es ist - jeglichen Witz und dessen Beurteilung beiseite lassend - auf eine Weise verkomplizierend und unverständlich, dass ich mir mittlerweile sicher bin, von Randow hat sich niemals um die verschriftlichte Erklärung von bestimmten Sachverhalten kümmern müssen oder aber Rückfragen nicht abgewartet. Genau so wie im Kapitel Baye sollte man Formeln eben nicht darstellen, dies ist jene Methode, die Generationen von Schülern zur Verzweiflung brachte. Könnte ich auf meine to-do-Liste setzen: Dieses Buch neu und verständlicher zu schreiben. Verständlichkeit und Zahlen/Mathematik sind nur in den seltensten Fällen gemeinsam anzutreffen, hier, nach originellem Beginn ebensowenig wie in den meisten anderen Büchern.

Ich empfehle jedem, der solche Bücher zu schreiben unternimmt, Unterhaltungen mit 10 - 15jährigen, die - sofern nicht in die angsterzeugende Schulsituation eingebunden - die genau richtigen, entscheidenden Fragen stellen. Würde diese Auseiandersetzung stattfinden (v. a. in Hinsicht auf Schulbücher), so könnte die Wissensvermittlung in den naturwissenschaftlichen Fächern in ungeahntem Ausmaß verbessert werden.

lg

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Hallo!

Die bereits zuvor monierten Fehler haben das Buch zwischendurch zu einer anstrengenden Lektüre werden lassen. Trotz allem ist es eine Empfehlung wert: Weil das Grundproblem schlicht faszinierend ist, ein großartiges Beispiel dafür, dass man mit Schlussfolgerungen vorsichtig sein bzw. sie noch ein (oder zwei, drei, ...) Mal überdenken sollte. Didaktisch verbesserungswürdig, die Druckfehler in Formeln unverständlich. (Es sind denn eher Druck- als Sinnfehler, etwa das Verwechseln von +, - und *. Oder eine Klammer zuviel oder zuwenig. Wenn man aber den Sinn verstanden hat, bereitet es keine Schwierigkeiten, die Formeln entsprechend zu korrigeieren.)

lg

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