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Manon Lescaut als femme fatale, leichtlebig, charmant, durchtrieben, oberflächlich und doch liebenswert, eine vermeintliche Unschuld mit lo-litahaften Zügen, die lebt um des Lebens willen, fern aller Gedanken um Moral, Zukunft, die mit ihrem Verhalten verbundenen Schwierigkeiten. Und des Grieux verfällt ihr, verliebt und mit der für einen Verliebten spezifischen Blindheit geschlagen. Verliebt nicht in die eigentliche Manon, sondern in seine Vorstellung von ihr, in eine Unschuld, die sie nicht besitzt, besitzen kann, denn dann hätte sie sich weder ihm noch manch anderem sogleich ergeben. Um diesem Paradoxon zu entgehen muss die Liebe herhalten, die besondere, die einzigartige, die die beiden und nur sie beide verbindet - und alles, was auch nur entfernte Zweifel an dieser Traumvorstellung erwecken könnte, wird durch allerlei Sophistik mit dem Bild von Manon versöhnt.
Sowohl des Grieux als auch Manon sind über weite Strecken des Buches subtil gezeichnete Charaktere, vor allem dort, wo es sich um die Beziehung der beiden handelt. Werther und Lotte wirken dagegen platt, idealisiert und beim Maler Nolten hatte man schon Zweifel, ob die Menschheit der ständig propagierten Keuschheit und Jungfräulichkeit wegen nicht zum Aussterben verdammt sei. Dagegen ist diese Manon eine Wohltat, wenngleich der Typus für eine länger dauernde Beziehung nicht wirklich empfehlenswert scheint. Und auch der Chevalier ist kein bloßer, edler Ritter, den Amors Pfeil durchbohrt und der sich untadelig diesem seinem Liebesschicksal ergibt - im Gegenteil: Er wird zum Falschspieler, Mörder (wobei eigenartigerweise dieser Mord völlig unter den Tisch fällt und keinerlei Konsequenzen zeitigt: Offenbar zählt das Leben eines Pförtners nicht wirklich viel), Betrüger und zum Teilzeitzuhälter, er ist eben nicht bloß verliebt, sondern seiner Manon völlig verfallen. Gerade dadurch wirkt er lebendig, echt, seine Verfallenheit ist glaubwürdig und es ist nicht überraschend, dass der Autor selbst Ähnliches erlebt zu haben scheint, wenngleich dies noch keine Gewähr für eine entsprechende Darstellung ist.
Allerdings kündigt Prevost schon im Vorwort seine moralischen Intentionen an, um sie schließlich am Ende auf unbefriedigende Weise umzusetzen: Je treuer und sittsamer die gute Manon wird, desto unglaubwürdiger erscheint sie dem Leser. Das laszive, dem Luxus ergebene Pariser Mädchen fasziniert, die geläuterte Manon in Amerika wirkt blass und leblos, ihr Tod ein wenig kitschig. Aber derlei ist natürlich notwendig, um die Absichten des Autors zu verwirklichen, des Grieux auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, seine Katharsis zu vollenden. Dass dies dem Roman schadet liegt auf der Hand, allerdings wäre er ansonsten wohl auf dem Index gelandet. Eine andere, berühmte Kokotte scheint sich einiges von diesem Roman geborgt zu haben: Die Kameliendame von Alexandre Dumas weist eine nicht geringe Ähnlichkeit mit Manon auf und beide waren ob ihres tragischen Schicksals wunderbar für die Opernbühne geeignet.
lg
orzifar