Hallo!
Ja. Wobei man sich vor einem reinen Geschmacksurteil hüten sollte. Ich bin kein Kantianer, aber das lebende Uhrwerk aus Königsberg überzeugt mich durch seine Unterscheidung zwischen ästhetischem und geschmacklichem Urteil. Ein ästhetisches Urteil setzt danach eine Vorstellung bzw. einen Begriff davon voraus, wie ein Kunstwerk beschaffen sein soll. Reine Geschmacksurteile sind kriterienlos.
Hm, ich bin fast überall mehr Kantianer als in seiner Ästhetik (Kritik der Urteilskraft). Aber nur ein sehr eingeschränkter Kantkenner. Ich bin mir des weiteren nicht sicher, ob wir vom selben reden: Mir ist die Unterscheidung zwischen
Schönem und Erhabenen in Erinnerung, wobei mir beides immer (sehr) fragwürdig erschien. Beim Schönen operiert Kant (wie schon Hume) mit dem Begriffspaar Lust/Unlust, allerdings setzen m. E. ästhetische Urteile a la Kant voraus, dass sie explizit
nicht einem Begriff untergeordnet werden *, sie sind rein subjektiv (ganz klar ist nicht, wodurch sie dann trotzdem Allgemeingültigkeit beanspruchen können sollen, wobei ich glaube, dass diese Allgemeingültigkeit durch die Form des Urteils (x ist schön) bedingt ist). Kant wurschtelt sich aus möglichen Kalamitäten auch immer dadurch heraus, dass er nirgendwo ein Beispiel für seine Schönheit gibt, er analysiert die "Bedingung der Möglichkeit" seiner Urteile.
Im Unterschied zum Schönen konstatiert er das "Erhabene", das sich im wesentlichen dadurch vom Schönen unterscheidet, indem es uns quasi überfällt, wir uns diesem Erhabenen nicht widersetzen können (und Kant sieht dieses Erhabene ausschließlich in der Natur verwirklicht, nicht in den von Menschen geschaffenen Kunstwerken, wobei allerdings auch die Natur nicht an sich, sondern nur durch Betrachtung des Subjekts zum Erhabenen wird). Der Begriff des Geniekults (wir hatten das schon bei der "Dichtung und Wahrheit" - Leserunde) ist nicht ganz zu trennen von diesem naturhaft Erhabenen, weil diesen Kult betreffend das Genie an diesem Erhabenen Anteil hat (und somit auch das Erhabene sein Menschliches bekommt, obschon ich nicht weiß, ob Kant selbst derlei je formuliert hat).
Wer Kant nicht mag, schätzt evtl. Dahlhaus, der in seiner Musikästhetik formulierte: “Begriffsloses” Hören einer Fuge krankt an Mängeln, die durch das Geschmacksurteil, das Stück Musik sei schön, nur ungenügend ausgeglichen werden. Es unterwirft die Kunst der Diktatur des Geschmacksurteils.
Dahlhaus kenne ich nicht. Mit musiktheoretischen Beispielen bin ich sehr vorsichtig: Meine diesbezügliche Kompetenz beschränkt sich auf die Freundschaft mit zwei hervorragenden Musikern

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Auf simpler Ebene habe ich (und wohl die meisten) anhand von Musik den Unterschied zwischen "gut, schön" und "einfach, schlecht" als etwa 11jähriger erfahren: Wenn man da festzustellen beginnt, dass es immer wieder Hits, Melodien gibt, deren Reiz sich nach dreimaligem Hören völlig verliert, während man bei anderen Stücken des Hörens kaum müde wird, auch immer neue Facetten entdeckt.
Auch wenn es noch so sinnlos ist: Ab und an vertiefe ich mich gern in die ästhetischen Schriften und Theorien. Die Frage, warum das Schöne schön ist, ist l'art pour l'art - und mMn. deshalb gerechtfertigt.
Natürlich. Nur halt - wie du schriebst - verschwurbelt. Manchmal macht mir das Lesen solcher Theorien Spaß, dann aber habe ich wieder den Eindruck, als ob sich da jemand an einer Skulptur aus Honig versuchen würde. Wobei's mir auch beim Lesen so geht: Kaum meine ich etwas verstanden zu haben, schon legt sich meine Stirn in Falten, weil sich da irgendwelche Paradoxien auftun.
lg
orzifar
* Habe
hier dieses Zitat gefunden (Kant - Schönheit - Begriffsvoraussetzung): "Immanuel Kant, der die Ästhetik in seiner Kritik der Urteilskraft behandelt, definiert das Schöne als das, was interesselos, aus sich selbst heraus, „
ohne Begriffe, als Objekt eines allgemeinen Wohlgefallens“ gefällt. Das Schöne rufe ein Lustgefühl hervor, das er – im Gegensatz zum rein sinnlichen Wohlgefallen – für verallgemeinerbar hält." (fett von mir)