Author Topic: Ästhetik & Co - inspiriert von Koestler, Xenophon Hume & Co  (Read 2510 times)

Offline orzifar

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8.)Die Entdeckungen der Kunst
Der Dichter erforscht emotionale und beschreibende Möglichkeiten der Sprachen. In der bildenden Kunst projiziert der Künstler seine Sicht der Welt, er kann die Welt  höchstens nur annähernd darstellen, nie exakt genau die Welt abbilden.  Es ist ja interessant es gibt Bilder, die wie Fotografien ausschauen. Schaut man sich aber die Impressionisten an, geht es nicht um eine genaue Abbildung der Welt, sondern der Impressionist will nur Stimmungen einfangen. Warum differenziert Koestler nicht?  Wie ist es denn mit Picasso?  ;D  Die Kunstwerke sind auch davon abhängig, so Koestler, wie der Künstler eben die Welt sieht.

Leicht off topic, deshalb abgetrennt und als neuer Thread gestartet: Wenn man mit einer These Schiffbruch erleiden will, muss man sich stracks auf das Feld der Ästhetik begeben. Kein anderes entzieht sich mit mehr Geschick allen Generalisierungen, nirgendwo wirken Verallgemeinerungen hilfloser, sind die Theorien leichter zu widerlegen.

Stammtischtheorie des guten Malers: Er bildet die Welt so exakt als möglich nach. Damit wird er nach Erfindung der Fotographie überflüssig. Oder aber der subjektive Ein- bzw. Ausdruck ist entscheidend, wobei diese Subjektivität gehätschelt und gepflegt wird, bis sie intersubjektiv nicht mehr vermittelbar ist und man sich auf die Beteuerungen derer verlassen muss, die das Werk erschaffen haben oder aber stammelnd versuchen, allerhand Intelligentes ins Werk hineinzulesen.

Xenophon lässt seinen Sokrates auf diese Weise dilettieren, bis der dann den Abbildcharakter leugnet und das "Seelenvolle" postuliert. Eher kann ich da schon Hume zustimmen (Of the standard of taste), der zwar das "de gustibus ..." als billige Ausflucht, eine positive Bestimmung von Schönheit aber für sehr schwierig hält. Eines aber - und hier stimme ich ihm zu - ist zumeist möglich: Die Gründe dafür anzugeben, warum denn ein Kunstwerk nichts taugt. Wenn es auch für das Negativum keine objektiven Kriterien gibt, so lässt sich beispielsweise in der Literatur einigermaßen schlüssig begründen, warum Coelho ein schlechter Schriftsteller ist. Argumente, warum einer gut (oder gar besser) ist als ein anderer sind schon schwerer zu finden und eine absolute Rangfolge festzustellen scheint unmöglich (Doderer vor Thomas Mann und Kafka oder umgekehrt).

Was übrigens die Kreativität oder den Sinn für Schönheit von Naturwissenschaftlern angeht, so scheint sich langsam doch die Erkenntnis durchzusetzen, dass der große Wissenschaftler mit ebenso viel Geist, Esprit etc. begabt sein muss wie der große Künstler. Und dass mathematische Formeln einen ästhetischen Wert besitzen können, vermag auch (bei entsprechender Beschäftigung) der Dilettant zu erkennen, ebenso, wie es ein Mindestmaß an Auseinandersetzung mit literarischen oder bildhauerischen Werken bedarf, um das darin enthaltene Schöne zu erkennen.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

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Offline Sir Thomas

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Re: Ästhetik & Co - inspiriert von Koestler, Xenophon Hume & Co
« Reply #1 on: 26. August 2011, 17.41 Uhr »
Ja, orzifar, die Ästhetik ist ein weites und schwieriges Feld, auf dem selbst große Denker wie Schiller schwer Schiffbruch erlitten (seine sog. Kallias-Briefe sind ein wunderbarer Beleg für extrem verschwurbeltes Argumentieren).

Eines aber ... ist zumeist möglich: Die Gründe dafür anzugeben, warum denn ein Kunstwerk nichts taugt. 

Ja. Wobei man sich vor einem reinen Geschmacksurteil hüten sollte. Ich bin kein Kantianer, aber das lebende Uhrwerk aus Königsberg überzeugt mich durch seine Unterscheidung zwischen ästhetischem und geschmacklichem Urteil. Ein ästhetisches Urteil setzt danach eine Vorstellung bzw. einen Begriff davon voraus, wie ein Kunstwerk beschaffen sein soll. Reine Geschmacksurteile sind kriterienlos.

Wer Kant nicht mag, schätzt evtl. Dahlhaus, der in seiner Musikästhetik formulierte: “Begriffsloses” Hören einer Fuge krankt an Mängeln, die durch das Geschmacksurteil, das Stück Musik sei schön, nur ungenügend ausgeglichen werden. Es unterwirft die Kunst der Diktatur des Geschmacksurteils.

Auch wenn es noch so sinnlos ist: Ab und an vertiefe ich mich gern in die ästhetischen Schriften und Theorien. Die Frage, warum das Schöne schön ist, ist l'art pour l'art - und mMn. deshalb gerechtfertigt.

LG

Tom

Offline orzifar

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Re: Ästhetik & Co - inspiriert von Koestler, Xenophon Hume & Co
« Reply #2 on: 26. August 2011, 19.19 Uhr »
Hallo!

Ja. Wobei man sich vor einem reinen Geschmacksurteil hüten sollte. Ich bin kein Kantianer, aber das lebende Uhrwerk aus Königsberg überzeugt mich durch seine Unterscheidung zwischen ästhetischem und geschmacklichem Urteil. Ein ästhetisches Urteil setzt danach eine Vorstellung bzw. einen Begriff davon voraus, wie ein Kunstwerk beschaffen sein soll. Reine Geschmacksurteile sind kriterienlos.

Hm, ich bin fast überall mehr Kantianer als in seiner Ästhetik (Kritik der Urteilskraft). Aber nur ein sehr eingeschränkter Kantkenner. Ich bin mir des weiteren nicht sicher, ob wir vom selben reden: Mir ist die Unterscheidung zwischen Schönem und Erhabenen in Erinnerung, wobei mir beides immer (sehr) fragwürdig erschien. Beim Schönen operiert Kant (wie schon Hume) mit dem Begriffspaar Lust/Unlust, allerdings setzen m. E. ästhetische Urteile a la Kant voraus, dass sie explizit nicht einem Begriff untergeordnet werden *, sie sind rein subjektiv (ganz klar ist nicht, wodurch sie dann trotzdem Allgemeingültigkeit beanspruchen können sollen, wobei ich glaube, dass diese Allgemeingültigkeit durch die Form des Urteils (x ist schön) bedingt ist). Kant wurschtelt sich aus möglichen Kalamitäten auch immer dadurch heraus, dass er nirgendwo ein Beispiel für seine Schönheit gibt, er analysiert die "Bedingung der Möglichkeit" seiner Urteile.

Im Unterschied zum Schönen konstatiert er das "Erhabene", das sich im wesentlichen dadurch vom Schönen unterscheidet, indem es uns quasi überfällt, wir uns diesem Erhabenen nicht widersetzen können (und Kant sieht dieses Erhabene ausschließlich in der Natur verwirklicht, nicht in den von Menschen geschaffenen Kunstwerken, wobei allerdings auch die Natur nicht an sich, sondern nur durch Betrachtung des Subjekts zum Erhabenen wird). Der Begriff des Geniekults (wir hatten das schon bei der "Dichtung und Wahrheit" - Leserunde) ist nicht ganz zu trennen von diesem naturhaft Erhabenen, weil diesen Kult betreffend das Genie an diesem Erhabenen Anteil hat (und somit auch das Erhabene sein Menschliches bekommt, obschon ich nicht weiß, ob Kant selbst derlei je formuliert hat).

Wer Kant nicht mag, schätzt evtl. Dahlhaus, der in seiner Musikästhetik formulierte: “Begriffsloses” Hören einer Fuge krankt an Mängeln, die durch das Geschmacksurteil, das Stück Musik sei schön, nur ungenügend ausgeglichen werden. Es unterwirft die Kunst der Diktatur des Geschmacksurteils.

Dahlhaus kenne ich nicht. Mit musiktheoretischen Beispielen bin ich sehr vorsichtig: Meine diesbezügliche Kompetenz beschränkt sich auf die Freundschaft mit zwei hervorragenden Musikern ;).

Auf simpler Ebene habe ich (und wohl die meisten) anhand von Musik den Unterschied zwischen "gut, schön" und "einfach, schlecht" als etwa 11jähriger erfahren: Wenn man da festzustellen beginnt, dass es immer wieder Hits, Melodien gibt, deren Reiz sich nach dreimaligem Hören völlig verliert, während man bei anderen Stücken des Hörens kaum müde wird, auch immer neue Facetten entdeckt.

Auch wenn es noch so sinnlos ist: Ab und an vertiefe ich mich gern in die ästhetischen Schriften und Theorien. Die Frage, warum das Schöne schön ist, ist l'art pour l'art - und mMn. deshalb gerechtfertigt.

Natürlich. Nur halt - wie du schriebst - verschwurbelt. Manchmal macht mir das Lesen solcher Theorien Spaß, dann aber habe ich wieder den Eindruck, als ob sich da jemand an einer Skulptur aus Honig versuchen würde. Wobei's mir auch beim Lesen so geht: Kaum meine ich etwas verstanden zu haben, schon legt sich meine Stirn in Falten, weil sich da irgendwelche Paradoxien auftun.

lg

orzifar

* Habe  hier dieses Zitat gefunden (Kant - Schönheit - Begriffsvoraussetzung): "Immanuel Kant, der die Ästhetik in seiner Kritik der Urteilskraft behandelt, definiert das Schöne als das, was interesselos, aus sich selbst heraus, „ohne Begriffe, als Objekt eines allgemeinen Wohlgefallens“ gefällt. Das Schöne rufe ein Lustgefühl hervor, das er – im Gegensatz zum rein sinnlichen Wohlgefallen – für verallgemeinerbar hält." (fett von mir)
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Offline sandhofer

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Re: Ästhetik & Co - inspiriert von Koestler, Xenophon Hume & Co
« Reply #3 on: 29. August 2011, 12.44 Uhr »
Hallo!

Kants interesseloses und von daher verallgemeinerbares Wohlgefallen, im Gegensatz zum sinnlichen und nicht verallgemeinerbaren Wohlgefallen, trifft meiner Meinung nach schon den einen Punkt, den solche Diskussionen immer wieder wecken: Den Unterschied zwischen beleg- oder zumindest diskutierbarer Qualität eines Kunstwerks einerseits, dem persönlichen Geschmack andererseits. Auch wenn die Qualität nur negativ fassbar ist, man also nur sagen kann, warum z.B. jener Brasilianer nicht gut ist. (Ich kann allerdings Kant beim Gedanken an Ästhetik ohne Begriffe und dennoch verallgemeinerbar nicht folgen. Der Rückgriff auf die reine Form des Urteils befriedigt nicht wirklich.)

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus