Author Topic: Belletristik über Sterben / Tod  (Read 6762 times)

Offline sandhofer

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Belletristik über Sterben / Tod
« on: 22. August 2011, 09.32 Uhr »
Hallo zusammen!

Goethes letzte Jahre, dann Frischs Der Mensch erscheint im Holozän haben mich aufs Thema gebracht. Nun liegt vor mir (virtuell ;)!) ein Prospekt mit Faulkners As I Lay Dying (Als ich im Sterben lag). Die Kritiken klingen ja nicht schlecht, aber kennt jemand das Buch? Vor Faulkner habe ich einen Heidenrespekt, ehrlich gesagt, nachdem ich als Jüngling mit lockigem Haar einige seiner Kurzgeschichten gelesen habe, die mich - im Gegensatz zu welchen von Hemingway - recht ratlos zurückgelassen haben. Ich bin mir seither nicht sicher, ob die Südstaaten Faulkners etwas für mich sind.

Gibt es - nebenbei gefragt - noch andere Bücher in diesem Themenkreis, die eine Lektüre lohnen?

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

BigBen

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #1 on: 22. August 2011, 09.49 Uhr »
Gibt es - nebenbei gefragt - noch andere Bücher in diesem Themenkreis, die eine Lektüre lohnen?

Mir fällt da "Die folgende Geschichte" von Cees Nooteboom ein. Oder wenn Du es etwas mehr philosophisch und religionskritisch magst "Stollbergs Inferno" von Michael Schmidt-Salomon.

MacOss

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #2 on: 22. August 2011, 09.57 Uhr »
Ich habe letztens "Jedermann" von Philip Roth gelesen, in dem der Protagonist bereits zu Beginn des Buches tot ist und zu Grabe getragen wird. Erst danach wird die Geschichte seines Lebens erzählt, das bereits früh von Krankheit und körperlichen Gebrechen geprägt ist, von sexuellen Obsessionen, vom Scheitern als Ehemann und Vater, und schließlich vom Älterwerden und der Trostlosigkeit, der Trauer und der Einsamkeit im Alter, wenn der körperliche Verfall einsetzt, Freunde und ehemalige Kollegen sterben und ihm bewusst wird, dass auch er bald sterben wird.

"Jedermann" hat mir schon ein wenig Angst vorm Älterwerden gemacht. Was man hier zu lesen bekommt, ist kein optimistischer Ausblick aufs Alter, auf einen möglichen "zweiten Frühling" unter dem Motto "Aktiv im Alter", sondern die Schilderung eines Mannes, der im Laufe seines Lebens einiges erreicht hat, jedoch am Ende erkennen muss, dass er gescheitert ist, seine Ehen zerstört hat, seine Söhne, die keinen Kontakt zu ihm haben wollen, verloren hat und schließlich einsam, alt und krank auf seinen Tod zusteuert. So heißt es treffend im Buch: "Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker."

Auch wenn sich das alles sehr bedrückend anhören mag - das Buch hat mir sehr gut gefallen. :D

Viele Grüße
Stefan

Offline sandhofer

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #3 on: 22. August 2011, 13.31 Uhr »
Michael Schmidt-Salomon.

Ach ja, das ist doch der mit dem Butterkeks, oder?

Philip Roth

Werde ich mal im Hinterkopf behalten; ich habe bisher um Roth stets einen Bogen gemacht.
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BigBen

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #4 on: 22. August 2011, 14.17 Uhr »

Offline orzifar

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #5 on: 22. August 2011, 19.59 Uhr »
Schmidt-Salomon war ja für dieses kleine Ferkel verantwortlich, welches Frau Leyens Weltbild nachhaltig erschütterte. - Zufälligerweise liegt Roths Jedermann gerade hier auf meinem Schreibtisch; für ganz schnell Entschlossene wäre ich ev. bei einer Leserunde dabei, wenn ich higegen Zeit habe mir das zu überlegen, leiste ich auf Roths Bücher zumeist schnellen Verzicht (weil mich die Potenzprobleme alternder Herren nicht wirklich interessieren).

lg

orzifar
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Offline mombour

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #6 on: 22. August 2011, 19.59 Uhr »
"Jedermann" hat mir schon ein wenig Angst vorm Älterwerden gemacht.

Philip Roth ist ein sehr guter Romancier, nimmt allerdings kein Blatt vor dem Mund, im "Jedermann" eben düster. Sein Roman "Das sterbende Tier" ist hier auch zu empfelen. Es geht auch hier um die Erkenntnis, dass der Körper altert und vergänglich ist.

Nun liegt vor mir (virtuell ;)!) ein Prospekt mit Faulkners As I Lay Dying (Als ich im Sterben lag). Die Kritiken klingen ja nicht schlecht, aber kennt jemand das Buch?
Ich kann das ja mal lesen, und sag dir dann, wie es mir gefallen hat. Es liegt  schon ziemlich lange ungelesen herum. Einiges oder vieles von Faulkner ist unlesbar, aber "Licht im August" ist wirklich gut.

Von Lionel Shriver gibt es  "Dieses Leben, das wir haben". Kenne ich aber auch nicht. Shep will sein bisheriges Leben, seinen Job u.a., hinter sich lassen und mit einer Million Dollar ein neues Leben beginnen. Doch dann erkrankt seine Frau Glynis an Krebs. Sheps Leben krempelt sich daraufhin auf eine ganz andere Art und Weise um.

Liebe Grüße
mombour
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Offline sandhofer

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #7 on: 04. November 2011, 20.58 Uhr »
Hallo zusammen!

Nun liegt vor mir (virtuell ;)!) ein Prospekt mit Faulkners As I Lay Dying (Als ich im Sterben lag). Die Kritiken klingen ja nicht schlecht, aber kennt jemand das Buch?
Ich kann das ja mal lesen, und sag dir dann, wie es mir gefallen hat. Es liegt  schon ziemlich lange ungelesen herum. Einiges oder vieles von Faulkner ist unlesbar, aber "Licht im August" ist wirklich gut.

Melde, dass das Buch mittlerweile bei mir eingetroffen ist.

Grüsse

sandhofer
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Offline Dostoevskij

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #8 on: 07. Januar 2012, 21.04 Uhr »
Moin, Moin!

Nun zwar keine Belletristik, trotzdem, was Altwerden, Tod und Sterben betrifft, hat mich Sandor Marais Tagebuch 1984-1989 schwer beeindruckt.

-- 
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Offline orzifar

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #9 on: 07. Januar 2012, 22.05 Uhr »
Hallo!

Nun zwar keine Belletristik, trotzdem, was Altwerden, Tod und Sterben betrifft, hat mich Sandor Marais Tagebuch 1984-1989 schwer beeindruckt.

Das habe ich nun schon mehrfach loben gehört. Wenn da nicht der grausame Kitsch des Romans "Die Glut" wäre, die mir Marai verdorben hat. Den Verkaufserfolg dieses Elaborats hat MRR auf seinem Gewissen, der da in einem Anfall von Altersdemenz voll des Lobes war über diesen Kitsch.

Sagt natürlich nichts über ein Tagebuch. Macht nur die Hemmschwelle größer.

lg

orzifar
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Offline mombour

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #10 on: 07. Januar 2012, 22.13 Uhr »
Hallo orzifar,

bei Sándor Márai muss man eine ganz klare Trennung zieheh zwischen seinem Romanen und seinen Tagebüchern/Autobiographie. Die Autobiografie "Bekenntnisse eines Bürgers" ist ein hervorragendes Buch. Muss man sich mal vorstellen. Im Krieg wurde sein Haus zerbombt, alle Bücher weg. Er beschreibt diese Zeit wirklich ausgezeichnet.

Kostprobe aus dem Tagebuch:

Quote
Für mich ist es wie ein Faustschlag vor die Brust. Alles, was über den Tod gesagt wird, ist Lüge. Die Wirklichkeit ist ein Insult, jede Absprache gegen sie ein Betrug. Ich hasse den Pfaffen und die Märchen der Religion.
................................
Ein Emigrant, der nicht heimkehrt, wirkt grotesk wie ein Säulenheiliger, er hockt in der Höhe und wartet auf die Raben, damit sie ihn Füttern.
Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 07. Januar 2012, 22.26 Uhr by mombour »
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Offline Dostoevskij

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #11 on: 07. Januar 2012, 23.49 Uhr »
Moin, Moin!

Wenn da nicht der grausame Kitsch des Romans "Die Glut" wäre

Ich stand damals unter dem Eindruck des Hörens. Vor vielen Jahren gab es eine "Lange Nacht" im DLF und dieses Tagebuch wurde vorgelesen. Ich lag nachts im Bett und hört diese lapidaren Tagebucheinträge und war geplättet.
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Offline klara ka

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #12 on: 17. Januar 2012, 17.40 Uhr »
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das hier rein passt, aber ich habe als letztes "Sterben" vom Norweger Karl Ove Knausgård gelesen. Das ist ein Teil eines 6 Bände umfassenden Mammutwerkes, der in Norwegen unter dem Titel Min Kamp erschienen ist. In dem ersten Teil geht es eigentlich hauptsächlich um das Verhältnis des Autors zum toten Vater. Er schildert das so eindringlich und ehrlich, dass es manchmal fast weh tut. So plötzlich, als würde man auf einem Gymnastikball eine unbedachte Bewegung machen und plötzlich und unerwartet zuckt einem der Schmerz und die Wut des Protagonisten durch den Köper. Grandios.
In Norwegen ist er für seine Romanreihe mehrfach ausgezeichnet worden, obwohl er auch einiges an Kritik einstecken musste, nicht zuletzt aufgrund der Titelwahl für sein Werk, denn übersetzt heißt die Reihe Mein Kampf.
« Last Edit: 23. Januar 2012, 09.50 Uhr by klara ka »

Offline sandhofer

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #13 on: 18. März 2012, 07.54 Uhr »
Nun liegt vor mir (virtuell ;)!) ein Prospekt mit Faulkners As I Lay Dying (Als ich im Sterben lag). Die Kritiken klingen ja nicht schlecht, aber kennt jemand das Buch?
Ich kann das ja mal lesen, und sag dir dann, wie es mir gefallen hat. Es liegt  schon ziemlich lange ungelesen herum. Einiges oder vieles von Faulkner ist unlesbar, aber "Licht im August" ist wirklich gut.

Melde, dass das Buch mittlerweile bei mir eingetroffen ist.

Und mittlerweile auch gelesen. Das Buch ist gut, aber ich werde mit Faulkner irgendwie nicht warm ...
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Offline Camenzind

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Re: Belletristik über Sterben / Tod
« Reply #14 on: 15. Januar 2015, 17.43 Uhr »
was Altwerden, Tod und Sterben betrifft, hat mich Sandor Marais Tagebuch 1984-1989 schwer beeindruckt.

Mich auch ... Und es hat mir Kraft gegeben. Das mag dem einen oder anderen vielleicht seltsam erscheinen, aber Marai vermittelt halt sehr überzeugend, daß man das ganze Elend, das er da schildert, innerlich ungebrochen durchstehen kann oder auch muß ... ("Du mußt stehen"; Helmut Kohl mehrfach zu seinem Sohn. Von letzterem in dessen Buch berichtet aber offenbar nie wirklich verstanden oder akzeptiert ...)
« Last Edit: 15. Januar 2015, 18.23 Uhr by Camenzind »