Volker Weidermann, Feuilletonchef der FAS, hat vor ein paar Jahren schon einmal so ein Buch wie dieses geschrieben, nur dass jenes sich eine bestimmte Zeitspanne vorgenommen hatte, nämlich das literarische Nachkriegsdeutschland. Ich habe "Lichtjahre" nie gelesen, war aber wenig erstaunt, dass es genauso angefeindet wurde wie das "Buch der verbrannten Bücher".
In seinem neuesten Buch geht es um die 131 Autoren umfassende Liste des Bibliothekars Wolfgang Herrmann, die als Vorlage für die großen Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 diente. Punkt um Punkt arbeitet Weidermann diese Liste ab, stellt die Autor/innen kurz vor, geht auf die verbrannten Werke - Autor/innen gerieten nur zu einem Teil mit ihrem Gesamtwerk auf die Liste der zu vernichtenden Bücher - und den weiteren Werdegang der derart Verfemten ein.
Ein interessanter und informativer Ansatz, wie ich finde, der außerdem im Idealfall von einem Feuilletonisten verfolgt werden muss. Vom Forschungsstandpunkt aus gesehen, dh als Fachbuch, taugt "Das Buch der verbrannten Bücher" nichts. Weidermann hat sicherlich die meisten der Bücher, die er behandelt, wenigstens angelesen, aber eine wissenschaftliche Leistung erbringt er hier nicht. Das will er meines Erachtens aber auch gar nicht. Vielmehr dient das Buch dazu, der interessierten Leserschaft die vergessenen Schriftsteller/innen mit ihren guten und ihren schlechten Leistungen ins Gedächtnis zu rufen. Weidermann will neugierig machen und wählt hierfür den Weg des Feuilletons und der Anekdote, also einen Weg, den er gut kennt. Ein Feuilleton ist so gut wie sein Thema, dieses Thema ist breit angelegt und natürlich bietet nicht jeder einzelne der verbrannten Dichter genügend Stoff, um sich in amüsanter Weise mit ihm auseinanderzusetzen. Doch an den besten Stellen, dh bei den Kuriositäten dieser Sammlung, an denen kein Mangel herrscht, ist das Buch genau das, was es sein will: unterhaltsam und informativ. Man kann sich auf die, wahrscheinlich aus Standardwerken zusammenkompilierten, Daten verlassen, der Mehrwert besteht in den Urteilen des Zeitungsmenschen, in den Empfehlungen und den Anekdoten, die er zum Besten gibt.
Das ist alles eine genial einfache Idee, die so sehr auch noch nicht beackert ist. Die kurzen Abschnitte, die man gern auch nicht chronologisch lesen kann, sind kleine Appetithappen für zwischendurch, die im besten Fall Appetit auf mehr machen. Sicherlich wäre es zu diesem Zweck auch ganz gut gewesen, nicht nur eine Liste von Primär-, sondern auch von Sekundärliteratur ans Ende des Buches zu stellen. Aber wahrscheinlich ging Weidermanns Forscherdrang nicht einmal dafür weit genug, um hier etwas einigermaßen Brauchbares zusammenstellen zu können.
Was mir eigentlich am meisten fehlte, waren Erklärungsversuche für die so unglaublich heterogene Zusammenstellung der Liste, die vom völkischen Jagddichter bis zum Lieblingsfeind der Nazis Remarque, alles nur Denkbare umfasst und in dieser Undifferenziertheit eine Trouvaille für sich ist. Hier hätte ich mir dann doch ein bisschen mehr Forschergeist von Herrn Weidermann gewünscht. Aber das kann nun ein anderer erledigen, der vielleicht durch dieses Büchlein überhaupt darauf aufmerksam geworden ist, wie kurios die Liste Wolfgang Herrmanns war. Er oder sie können mir vielleicht auch irgendwann erklären, welchen Stellenwert diese Liste in der Kulturpolitik der Nazis hatte. War sie einfach schnell zur Hand, da man etwas brauchte oder folgt sie tatsächlich irgendwelchen undurchschaubaren Regeln?
Alles in allem ein gelungenes Buch, über das man eigentlich nur schimpfen darf, wenn man in der Lage ist zu zeigen, dass es genügend fundiertere Bücher zur gleichen Thematik gibt. Mir fällt keines ein.