Author Topic: Gespräche mit Goethe  (Read 3722 times)

Offline sandhofer

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Gespräche mit Goethe
« on: 14. August 2011, 09.11 Uhr »
Hallo!

Eigentlich wollte ich dieses Grossprojekt gar noch nicht beginnen. Goethes Gespräche: Eine Sammlung zeitgenössischer Berichte aus seiner Umgebung. Auf Grund der Ausgabe und des Nachlasses von Flodoard Freiherrn von Biedermann ergänzt und herausgegeben von Wolfgang Herwig - das wäre der komplette Titel, meist zitiert als Goethes Gespräche in der Biedermannschen Ausgabe. 5 Bände in 6 Teilbänden. Ursprünglich erschienen 1965-1987 bei Artemis in Zürich, dann als Taschenbuch bei dtv 1998. Die Bände 1-3 (letzterer eben in 2 Teilbänden) streifen oder übertreffen die 1'000-er Marke bei den Seitenzahlen locker. Zweitausendeins hatte ein paar Restexemplare im Angebot, worauf ich zuschlagen musste (bitte keine Diskussion über dieses Modalverb jetzt  :D ). Eigentlich wollte ich ja nur nachschauen, ob Eckermanns Gespräche auch integriert seien oder nicht. Sie sind es nicht (mehr - Flodoard in der ersten Auflage [1875] hatte sie noch integriert), da der Herausgeber fand, Eckermanns Werk sei wirklich als eigenständiges Werk zu betrachten. Worin ich ihm Recht gebe.

Ansonsten aber versammeln diese Gespräche wohl jedes Fitzelchen über Goethe, dessen man habhaft werden konnte. Riemers Notizen und Texte über Goethe ebenso wie die des Kanzlers von Müller oder des Genfers Soret. (Und es ist zu bedauern, dass der "Kunscht-Meyer" offenbar kein Tagebuch führte.)

Ziemlich genau mit der Wende zum 19. Jahrhundert, spätestens nach Schillers Tod, fing Goethe ja an, nicht nur für sich selber historisch zu werden. Er wurde es auch zusehends für das grosse Publikum. Er war einer der ersten Weltstars der Literatur, und die Leute pilgerten aus aller Herren Länder nach Weimar, um "Goethe zu sehen". Goethes Reaktion war die eines jeden in dieser Situation: Er war geschmeichelt, er war verärgert über die Zeit, die ihm die Pflege seiner Fans raubte, er war mal freundlich und gut aufgelegt, mal kalt und bis zur Unhöflichkeit zurückhaltend.

Zwei Dinge gehen aus dieser riesigen Sammlung an Dokumenten heraus: Zum einen kann man nachverfolgen, wie es zusehends einsamer wird um Goethe. Vom Vierergespann, das der deutschen Literatur ihre klassisch genannte Epoche bescherte, starben ihm der Reihe nach Herder, Schiller und Wieland weg. Spätestens nach Wielands Tod war da keiner mehr, mit dem Goethe Peer-to-Peer über seine Werke hätte reden können. Riemer und Eckermann waren junge Speichellecker; Zelter, Soret und von Müller waren dies zwar nicht, hatten aber wenig Ahnung von Literatur. Und auch im privaten Umfeld sterben sie ihm weg. Amalie, die Herzogin-Mutter, die mit der Berufung Wielands nach Weimar die Initialzündung zur Weimarer Klassik gab. Auch die um Jahre Jüngeren gingen vor ihm: der Herzog (später Grossherzog) Karl August ebenso wie dessen Frau, Goethes Christiane ebenso wie sein einziger das Erwachsenenalter erreichender Sohn August. Nur Knebel sollte ihm bleiben, doch der war notorischer Schwarzseher; aus späterer Zeit der "Kunscht-Meyer" und Zelter, die ihn beide nur um weniges überleben sollten.

Es ist interessant zu lesen, wie sich in Goethe immer auch die Persönlichtkeit des/der Schreibenden spiegelt. So sind diese Gespräche auch ein notwendiges Korrektiv zum Werk des schwärmerischen Verehrers Eckermann. Der nüchterne von Müller kann an Goethe so manche "Bizarrerie", wie er es nennt, feststellen und Altersstarrsinn. Der Naturwissenschafter Soret notiert die Verfallserscheinungen des Greises: stockende Unterhaltung, zunehmende Vergesslichkeit, kurzes Einnicken mitten in einem Gespräch.

Zwei Drittel dieser Gespräche stammen aus der Zeit nach Schillers Tod und zeichnen so auch das Bild einer Gesellschaft, die sich mit Goethe und seinem sich abzeichnenden Ruhm auseinandersetzt. Dabei weitet sich der Kreis zunehmend. Zuerst stammen die Beiträge vorwiegend aus dem engern Kreis, den Goethe in Weimar/Jena um sich gezogen hatte, um sich dann auf Deutschland und schliesslich sogar auf praktisch die ganze damals bekannte Welt auszuweiten, indem mehr und mehr nicht nur Ottiliens berüchtigte Engländer zu Goethe kamen sondern auch Franzosen, Polen, Russen und US-Amerikaner.

Ein Panorama der damaligen Zeit, gesammelt und gespiegelt im Brennpunkt Goethe.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Gespräche mit Goethe
« Reply #1 on: 14. August 2011, 14.59 Uhr »
Hallo!

Klingt außerordentlich interessant (lass mehr von der Lektüre hören). Eine Eckermann-Leserunde würde mir durchaus Spaß machen (wenn auch derzeit nicht in meine sonstige Lektüre passend), die Zeit dafür wird bei mir in nächsten Zukunft aber wohl fehlen. (Schmökere auch noch in der "Geschichte der politischen Ideen" von Theimer, auch einer dieser betulichen Oberstudienräte, aber sehr viel lesbarer als etwa Kranz in der Philosophie (dessen Literaturgeschichte leichter erträglich ist), einiges Intelligente über sokratische Politik habe ich schon zutage gefördert).

A propos Zeit: Bis Donnerstag ist nichts Ausführlicheres von mir zu erwarten, wahrscheinlich erst wieder am nächsten Wochenende.

lg

orzifar

 O0   :police: - diese zwei Smileys füge ich ein auf Befehl des mir am Schoß sitzenden orzifar jr  ;)
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Offline sandhofer

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Re: Gespräche mit Goethe
« Reply #2 on: 14. August 2011, 20.58 Uhr »
Hallo!

Goethes Wirkung auf literarisch ambitionierte, wenn auch nur medioker begabte junge Männer. Sie blicken voll Ehrfurcht und Verehrung zu ihm auf, worauf er reflexartig versucht, sie für seine Zwecke (als Kopisten, Schreiber, Lektoren, Materialsammler) einzuspannen. Die Kosten dafür aber am liebsten dem Staat anhängt, indem er für diese jungen Männer Jobs in seiner Nähe sucht. Wie er seine Technik zusehends verbessert. Beim ersten, Voß (dem Sohn des Übersetzers), gelingt's erst so halb; der bleibt noch sehr unabhängig und zieht nach ein paar Jahren weg an eine besser bezahlte Stelle in Heidelberg. Als Reaktion lässt Goethe das vorher so innig-freundschaftliche Verhältniss völlig erkalten, behandelt Voß jr. bei einem späteren Besuch praktisch wie einen der vielen Fremden, die sich bei ihm melden liessen. Riemer sodann, eine Zeitlang Hauslehrer bei August Goethe, schafft es zwar noch noch aus dem Haus selber weg zu ziehen und zu heiraten, bleibt aber in Weimar und wird für die Ausgabe letzter Hand eingespannt. Eckermann schliesslich, der letzte in der Reihe, der sein Leben völlig Goethe unterordnet, tut und lässt, was der Meister sagt und auch in punkto der eigenen ökonomischen Versorgung sich auf ihn verlässt. Goethe verhindert mit Erfolg, dass er schon zu seinen Lebzeiten die Gespräche veröffentlicht, mit denen Eckermann u.U. in den Zwanziger Jahren noch materiellen Erfolg als Schriftsteller hätte verzeichnen können. Wirklich gute Jobs kann ihm der Meister aber in Weimar auch nicht vermitteln, und dann wird Eckermann zu allem Überfluss nach Goethes Tod von der Weimarer Gesellschaft praktisch sofort vergessen werden und verarmt sterben. Voß in Briefen und Riemer zumindest in seinen Tagebüchern trauten sich wohl über den Alten zu schimpfen. Eckermann blieb bei seiner bewundernden Haltung und erinnert mich sehr an das berühmte Kaninchen vor der Schlange.

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re: Gespräche mit Goethe
« Reply #3 on: 16. August 2011, 19.54 Uhr »
Hallo!

Und dann sind da die medizinhistorischen Punkte. Der über 80 Jahre alte Goethe, nach Meinung seiner Umgebung und seiner Ärzte auf den Tod krank (er wird diese Krankheit allerdings noch um runde 2 Jahre überleben) hat bei einem "Lungenblutsturz" gemäss seinem Arzt etwa 2 ½ Pfund Blut verloren (selbst wenn wir ein Apotheker-Pfund à rund 0.35 kg annehmen, doch rund ¾ Liter!) - - - und dann wird er noch zur Ader gelassen und ein weiteres Pfund Blut wird ihm abgezapft! Und der Arzt ist völlig davon überzeugt, dass es dieser Aderlass ist, der Goethe gerettet hat ...

Ich hab's ein einziges Mal erlebt, dass ich rund einen Liter Blut aufs Mal verloren habe. Ich schwöre Euch, ich lag wie eine tote Fliege im Bett, bis man mir den Liter via Transfusion wieder ersetzt hatte. Goethe muss eine Rossnatur gehabt haben - selbst noch im hohen Alter ...

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Gespräche mit Goethe
« Reply #4 on: 16. August 2011, 23.57 Uhr »
Ich weiß nicht, wie viele Berichte ich über Aderlässe ich gelesen habe - aber immer wieder war ich baff erstaunt, was so ein Mensch manchmal auszuhalten vermag. Die Nutzlosigkeit dieser Dinge zu erkennen hat der Weltgesundheit einiges Gutes gebracht (selbst Prousts Großmutter wurde noch mit Schröpfköpfen behandelt - sinnloserweise). Aber bis in die Neuzeit müsste man Seen mit abgezapften Blut zu füllen imstande gewesen sein, gab es doch keine irgendwie geartete Krankheit, bei der dieses Hausmittel nicht Verwendung fand.

lg

orzifar
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Re: Gespräche mit Goethe
« Reply #5 on: 17. August 2011, 10.57 Uhr »
Das zweite Allerheilmittel nicht zu vergessen: Das Klistier ... Den "breiigen Abgang", den der Arzt Vogel damit bei Goethe auf dem Sterbesofa zu verschiedenen Malen erreicht haben will, werde ich wohl nie mehr vergessen. Und die Tatsache, dass der Todkranke einfach an die Wand gepinkelt hat, um sich zu erleichtern.
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Offline sandhofer

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Re: Gespräche mit Goethe
« Reply #6 on: 21. August 2011, 08.03 Uhr »
Klistiere und abführende Mittel generell müssen auch so etwas wie ein Volksseuche gewesen sein zu jener Zeit. Bzw. eine Seuche der gehobenen Stände. Wann man Vogels Bericht so liest, hat man den Eindruck, der alte Goethe hätte ohne ein Mittelchen über Jahre schon gar nicht mehr zu Stuhle gehen können. Was unter Umständen, weil sich der Körper ja an solche Mittelchen gewöhnt, sogar wahr gewesen sein mag.
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Re: Gespräche mit Goethe
« Reply #7 on: 23. August 2011, 11.32 Uhr »
Interessant auch, wieviel Zeit Goethe offenbar in seine naturwissenschaftlichen Studien investiert hat - vor allem im Alter. In seinen Gesprächen werden regelmässig geologische, botanische, morphologische, meteorologische oder optische Themen erwähnt, sehr, sehr selten hingegen seine dichterischen Alterswerke. Das mag damit zusammenhängen, dass Goethe, wie er selber zugibt, sehr ungern über seine ungelegten poetischen Eier gackerte. Es zeigt aber auch, wie in der Goethe-Rezeption bis heute ein dem Altmeister sehr wichtiger Aspekt seines Schaffens ausgeblendet wird.
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Offline sandhofer

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Re: Gespräche mit Goethe
« Reply #8 on: 28. August 2011, 06.57 Uhr »
Auch heute kann Begeisterung über Goethe noch exisitieren:

In der Literaturbeilage der NZZ Online berichtet Joachim Günter unter dem Titel "Unverhofftes Glück" über ein wiederaufgetauchtes Konvolut mit Goethe-Autografen. Der Poet in der Werkstatt: Welch ein Glück für die Editionsphilologie, Textgenesen so gut beobachten zu können. Ein Goethe mit Computer wäre ein Desaster.

Grüsse

sandhofer
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