Author Topic: Ronald Hayman: Marcel Proust  (Read 2346 times)

Offline orzifar

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Ronald Hayman: Marcel Proust
« on: 29. Juli 2011, 16.10 Uhr »
Hallo!

Haymans Biographie ist (im Vergleich zu Tadie) das geringere Übel. Aber auch er findet nicht das rechte Maß zwischen Zitaten und Quellenaufbereitung, erschlägt den Leser mit absatzlangen Aufzählung von Zeitgenossen, die auch einem im Paris um die Jahrhundertwende Lebenden teilweise unbekannt gewesen wären - und die vor allem für das Leben und die Entwicklung Prousts von beachtlicher Belanglosigkeit sind. Diese Faktenhuberei strengt an, stört den Lesefluss und ist Beleg für die Hilflosigkeit des Autors. Viel zu wissen, viel über den zu Biographierenden gelesen zu haben, ist das eine, dies alles in die entsprechende Form zu bringen das andere. Das beste Beispiel ist Harpprechts Thomas Mann Biographie, dem auch ungeheuer viele Quellen aus dem Leben des Schriftstellers zur Verfügung standen und der diese Fülle auf brilliante, übersichtliche Weise zu bewältigen wusste. Hier hingegen erstickt man unter dem Wust an zitierten Quellen, unter diesem Aufzählungswahn, sodass man manchmal kaum weiß, welche Periode im Leben Prousts gerade eben beschrieben wird (etwas, das einem auf den über 2000 Seiten der Th. Mann Lebensbeschreibung nicht widerfährt).

Bald habe ich die Hälfte des Buches gelesen und nun wird sich Marcel bald an die Niederschrift der Recherche machen. Damit verbunden ist ein reduziertes Gesellschaftsleben, ein eher ereignisloses Kranksein - und ich bin gespannt, wie sich dies in der Beschreibung Haymans ausnehmen wird. Meine Befürchtung geht dahin, dass ich mit unzähligen, überlangen Zitaten werde konfrontiert werden und - wie häufig bei Biographien - das Werk des Schriftstellers in Auszügen nochmal zu lesen gezwungen bin.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Ronald Hayman: Marcel Proust
« Reply #1 on: 30. Juli 2011, 07.49 Uhr »
Hallo!

Also auch keine befriedigende Proust-Biografie ... Ich müsste mich wirklich mal schlau machen, ob es irgendetwas Brauchbares auf Französisch gibt. Kann doch nicht sein, dass die Franzosen den Stern der Moderne nicht mit einer sauberen Biografie versehen konnten.

Grüsse

sandhofer
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Offline mombour

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Re: Ronald Hayman: Marcel Proust
« Reply #2 on: 30. Juli 2011, 07.54 Uhr »
Hallo!

Haymans Biographie ist (im Vergleich zu Tadie) das geringere Übel.

Ist die Biografie von Jean-Yves Tadié wirklich so mies? Hast du das gelesen?
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Offline orzifar

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Re: Ronald Hayman: Marcel Proust
« Reply #3 on: 30. Juli 2011, 14.10 Uhr »
Hallo!

Haymans Biographie ist (im Vergleich zu Tadie) das geringere Übel.

Ist die Biografie von Jean-Yves Tadié wirklich so mies? Hast du das gelesen?

Hier habe ich mich schon mal darüber ausgelassen. Neben dem völlig unsinnigen Wahn, alles und jedes zu beschreiben, kommen dann noch Textstellen, wie ich sie in der Fußnote des ersten Postings erwähnt habe. Lesen kann man das nicht (ich hatte etwa 300 - 400 Seiten durch), zum Nachschlagen geht's.

lg

orzifar
« Last Edit: 30. Juli 2011, 14.21 Uhr by orzifar »
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Offline orzifar

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Re: Ronald Hayman: Marcel Proust
« Reply #4 on: 09. August 2011, 14.55 Uhr »
Hallo!

Hayman wird im Klassikerforum als einer beschrieben, dessen Interpretationen fragwürdig seien: Ich kann das nicht bestätigen. Interpretationen gibt es kaum (das kann nun gut oder schlecht sein), Hayman beschränkt sich im Gegenteil auf eine fast reine Beschreibung, er begleitet Proust auf Ausflüge, zu Abendessen, in Hotels - und dieser Wust an Fakten zieht sich zäh durchs ganze Buch. Es gibt Biographien, bei denen man den Eindruck hat, die in Frage stehende Person näher kennen zu lernen, man vermeint ihre Motivationen zu verstehen, begleitet sie. Hier weiß man kaum, in welchem Jahr der Biograph sich bei seiner Schilderung befindet, egal wo man das Buch aufschlägt: Ein George oder Jean oder Jacques begleitet Proust gerade zu irgendeiner Kirche oder einem Kunstwerk bzw. dieser jemand besucht den Kranken an seinem Lager, alternativ dazu gibt es Abendeinladungen, deren gesamte Teilnehmerschaft Hayman aus dem Figaro von anno dazumal recherchiert hat und die er auch nicht müde wird aufzuzählen. Es ist schon von beachtlicher Eintönigkeit und Langeweile, was der Mann da sich niederzuschreiben unterfangen hat.

Keinesfalls aber ist dies eine Lebensbeschreibung, in der der Leser interessiert und gespannt ein Kapitel ums andere liest, man ist bestenfalls von der quälenden Hoffnung getrieben, dass der nächste Abschnitt ein wenig prägnanter, durchdachter gestaltet ist. Vielleicht besteht das Problem darin, dass eine Biographie zu verfassen jeder in der Lage zu sein glaubt (da er nur die recherchierten Fakten meint aneinderreihen zu müssen); tatsächlich aber bedarf es eines gewissen Einfühlungsvermögens, einer Art von Verständnis, dem nichts Menschliches fremd ist und das dadurch Beweggründe, Motivationen des Biographierten anschaulich zu machen versteht. Hier ist von all dem so gut wie gar nichts zu finden.

lg

orzifar
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Offline orzifar

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Re: Ronald Hayman: Marcel Proust
« Reply #5 on: 18. Dezember 2011, 18.48 Uhr »
Hallo!

Es hat sich nicht wirklich viel geändert bis zum Schluss des Buches. Eine relativ ungeordnete Faktensammlung wie die Rückseite eines Teppichs, allüberall Fäden, aber kein Gesamtbild, wenig Struktur, viel zu viele Detailinformationen; jeder Besuch im Ritz wird genau dokumentiert, die Teilnehmer gelistet, Trinkgelder und Speisenfolge vermerkt, aber das Beispielhafte solcher Beschreibungen verliert sich in den Aufzählungen.

Es gibt Biographien (zugegeben wenige), die zu fesseln verstehen, die aus dem Wust von Daten ein Ganzes zu machen verstehen. Diese gehört keinesfalls dazu, das ist bestenfalls ein Nachschlagewerk - nicht mehr. Ich hatte den Eindruck, als ob Hayman recht wenig mit dem Werk Prousts anfangen könne, dort, wo er sich auf die Recherche einlässt, bleiben seine Interpretationen seltsam steril, wie abgeschrieben, die Genauigkeit der sprachlichen Bilder, die psychologische Genauigkeit, mit der alle kleinen und kleinsten Bewegungen des Geistes beschrieben werden, scheinen ihm verborgen zu bleiben. Obschon es in einer Biographie nur eingeschränkt notwendig ist, das Werk zu interpretieren - dies ist eine andere Aufgabe denn die bloße Lebensbeschreibung. Aber alles, was Hayman anfasst, bleibt eben Stückwerk, einige Seiten interessant, dann wieder Aufzählungen, die ihre Berechtigung einzig aus der zeitlichen Abfolge des Lebens herleiten, ansonsten aber von beachtlicher Bedeutungslosigkeit sind.

Eine gute Proust-Biographie zu schreiben bleibt also der Zukunft vorbehalten, Tadie verfährt in seinem Buch ähnlich, wobei dieser noch sich psychoanalytischer Deutungsmuster bedient, die hochgradig lächerlich erscheinen. Wieder auf Painter zurückgreifen, dem aber nachweislich einige wichtige Quellen nicht zur Verfügung standen? Mal sehen ...

lg

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