Author Topic: Martin Heidegger - Der Feldweg  (Read 12639 times)

Offline mombour

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Martin Heidegger - Der Feldweg
« on: 25. Juli 2011, 15.50 Uhr »
Martin Heidegger: Der Feldweg

„Er läuft aus dem Hofgartentor zum Ehnried.“

So beginnt Martin Heideggers philosophische Erzählung „Der Feldweg“. Ein Text, der Ruhe ausstrahlt, die Natur in ihrer Einfachheit und innerer Stärke. Die Eiche wächst in fast zeitloser Langsamkeit.  Nur die Turmuhr und der Glockenschlag, geschaffen von Menschen, versuchen die Zeit einzufangen. Das bedächtige Wachsen der Eiche steht außerhalb dieser Versuche, die Zeit an einem Konstrukt zu ketten. Nur der Wechsel der Jahreszeiten scheint der Natur ihr Zeitmesser zu sein, die Eiche selbst in zeitloser Bedächtigkeit diesen Zyklus an sich vorüberziehen lässt. In der Langsamkeit des Wachsens gründet sich das „was dauert und fruchtet“.

Hier kommt nun der Mensch ins Spiel.

„Was um den Weg sein Wesen hat, sammelt er ein, und trägt jedem, der auf ihm geht, das Seine zu.“


Spätestens jetzt wird man erkennen, das der Feldweg eine Metapher ist. Der Mensch wurzelt in der Erde und kann sich in die Weite des Himmels, der Ideen, öffnen. Heidegger erzählt von  der Bank, die unter der Eiche steht, darauf eine junge Unbeholfenheit die Schrift eines großen Denkers zu entziffern versuchte, um die Rätsel des Daseins zu erfassenn.  Wenn der suchende Mensch, der nach Lebensfragen giert, in eine Sackgasse gerät, dann hilft der Feldweg.

„Denn er geleitet den Fuß auf wendigem Pfad still durch die Weite des kargen Landes.“

Der Feldweg verkündet den Vorbeiziehenden „Das Einfache“, „spricht nur so lange, als Menschen da sind, die in seiner Luft geboren,...“ Der Feldweg braucht Höhrer, nicht aber Hörige,  die schwerhörig im „Lärm der Apparate, die sie fast für die Stimme Gottes halten", untergehen, dieser Lärm der modernen Gesellschaft den Menschen „zerstreut und weglos“ macht.  Heidegger plädiert für eine Welt, in der der Mensch nicht zum Opfer von Maschinen wird.  –  auf unsere gegenwärtige Zeit bezogen sind das Autos, Computer, Handys und allerlei anderes, was wir gerne gebrauchen, oder auch Lärm am Arbeitsplatz. Heidegger spricht aber auch von wenigen Menschen, die in der modernen Welt noch ein Ohr zum Inneren bewahrt haben.

„Der Zuspruch des Feldweges erweckt einen Sinn, der das Freie liebt und auch die Trübsal noch an der günstigen Stelle überspringt in eine letzte Heiterkeit.“

Heidegger lässt offen, woher  dieser Zuspruch kommt: Seele, Welt, Gott? „Der Zuspruch macht heimisch“, heißt es.

Ein wunderbarer bedächtiger Text, der Ruhe auf den Leser ausstrahlt,  sich erst mir auf eine vielleicht ganz persönliche Art erschlossen hat, nachdem ich mehrmals über diese sieben Buchseiten gewandelt bin. Für diesen Text unterwerfe sich der Leser die Langsamkeit einer wachsenden Eiche. Nur mit Langsamkeit können wir, so glaube ich, Früchte dieses herrlichen Textes erhaschen. Ein Text für die Stille der Nacht.

„Die Stille wird mit seinem letzten Schlag noch stiller.“


Grüße aus der Stille
mombour
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Offline sandhofer

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Re: Martin Heidegger - Der Feldweg
« Reply #1 on: 26. Juli 2011, 20.06 Uhr »
Hallo!

Du erinnerst mich daran, dass ich seit mindestens 30 Jahren Heideggers Holzwege bei Gelegenheit mal lesen wollte - nicht des philosophischen Gehalts wegen, sondern wegen der Sprachkunstturnerei. Aber 2011 wird auch nicht das Jahr der Holzwege werden, fürchte ich.

Grüsse

sandhofer
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Offline mombour

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Re: Martin Heidegger - Der Feldweg
« Reply #2 on: 26. Juli 2011, 21.12 Uhr »
Die "Holzwege" habe ich locker anvisiert. ;D
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Offline mombour

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Re: Martin Heidegger - Der Feldweg
« Reply #3 on: 27. Juli 2011, 04.15 Uhr »
Hallo,

es hat mich übrigens überrascht, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass "Der Feldweg" dem Zen sehr nahe steht.

"The premier metaphysician of the 20th century, Martin Heidegger, once said in regard to D. T. Suzuki, "If I understand this man correctly, this is what I have been trying to say in all my writings." Quelle

Liebe Grüße
mombour
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Offline mombour

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Re: Martin Heidegger - Der Feldweg
« Reply #4 on: 28. Juli 2011, 08.33 Uhr »
Hallo sandhofer,

wie ich von einem Fachmann gehört habe, sind Heideggers "Holzwege" ziemlich schwere Texte. "Sein und Zeit" soll, obwohl es sich um das Hauptwerk handelt,  einfacher sein, wenn man sich Heideggers Begriffsdefinitionen merkt. Außerdem hat es den Vorteil, dass es zu "Sein und Zeit" auch Kommentare gibt. Etwas von seiner Philosophie möchte ich doch verstehen, auch wenn Heidegger, wie "Der Feldweg" schon zeigt, auch ein prosaischer Hochgenuss ist.

Liebe Grüße
mombour
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Offline orzifar

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Re: Martin Heidegger - Der Feldweg
« Reply #5 on: 28. Juli 2011, 16.30 Uhr »
Hallo!

"Sein und Zeit" halte ich schon für eine recht anspruchsvolle Lektüre. Die Auseinandersetzung mit solchen Werken braucht einige Zeit und auch einiges an (Sekundär-)Literatur. Ich hätte hier ein schönes Leserundenexemplar, in das ich bislang nur da und dort hineingschmökert habe, ein solches Projekt würde aber mein derzeit ohnehin schon mit Leseprojekten volles Zeitbudget überfordern. Und ohne Kenntnis Kierkegaards oder Husserls lässt sich vieles nur schwer verstehen - und auch diese Philosophen sind nicht gerade leichte Kost.

Die Verbindung mit Buddhismus, Zen (Suzuki kenn sogar ich ;)) liegt bei vielen Philosophen auf der Hand, war doch eines der Hauptanliegen seit Beginn der Philosophie der Wunsch nach Atataraxie. Und die Wege, diese zu erreichen, liegen oft nahe beieiander.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

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Offline mombour

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Re: Martin Heidegger - Der Feldweg
« Reply #6 on: 28. Juli 2011, 16.47 Uhr »
Hallo orzifar


"Sein und Zeit" halte ich schon für eine recht anspruchsvolle Lektüre. Die Auseinandersetzung mit solchen Werken braucht einige Zeit und auch einiges an (Sekundär-)Literatur.

Derjenige, der mir gesagt hat, das Werk sei gar nicht so schwer, war auch einer, der Heidegger warscheinlich schon im Schlaf zitieren kann. Ich selbst habe natürlich Muffensausen ;D vor so einer Lektüre, habe aber demnächst das Vergnügen in einer Runde dieses Werk zu diskutieren. Ohne einen Heideggerkenner wäre so eine Leserunde sicher problematisch. Werde mir warscheinlich diesen Kommentar zu Hilfe nehmen:
Martin Heidegger: Sein und Zeit von Thomas Rentsch von Oldenbourg Akademieverlag

Stichwort: Ataraxie, da denke ich immer erst an die Stoiker.

Liebe Grüße
mombour

PS: Vielleicht kann ich hier in einem Thread wichtige Gedanken zu diesem Werk dann mal vorstellen (Das dauert aber noch ein bisschen, ist eben Urlaubzeit :) ).
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Offline orzifar

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Re: Martin Heidegger - Der Feldweg
« Reply #7 on: 28. Juli 2011, 16.59 Uhr »

Einen Kenner der Materie (wenn er sich nicht bloß als Autorität versteht) zu haben ist natürlich immer gut. Wobei man eben immer mehr als nur den einen, in Frage stehenden Philosophen, kennen muss: Ähnlich wie beim Studium der Geschichte fügen sich dann langsam die Teile ineinander, verblassen die weißen Flecken auf der philosophischen (historischen) Landkarte (allerdings entdeckt man auch immer Neues, Unbekanntes). Gerade diese sich ins Unendliche fortsetzenden Neuentdeckungen machen die Beschäftigung mit diesen Dingen so faszinierend. - Zu Heidegger liegt bei mir (auch nur teilweise gelesen) das Buch von Victor Farias, das seine Affinität zum NS-Regime behandelt. 36-Stunden-Tage notwendig ...

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Martin Heidegger - Der Feldweg
« Reply #8 on: 28. Juli 2011, 18.03 Uhr »
Hallo!

Ich hätte hier ein schönes Leserundenexemplar, in das ich bislang nur da und dort hineingschmökert habe, [...]

Sein und Zeit habe ich mal im Studium gelesen. Von A bis Z. Ich besitze das Buch immer noch, aber vor 2017 oder 2018 wird aus einer Leserunde dazu nichts.  ;D

Und ohne Kenntnis Kierkegaards oder Husserls lässt sich vieles nur schwer verstehen - und auch diese Philosophen sind nicht gerade leichte Kost.

Ja. Und für Husserl müsste man Brentano und wohl auch Descartes kennen ... Und für Brentano die Scholastiker ... und die von Brentano beeinflussten Freud und Steiner ...  :angel:

Zen (Suzuki kenn sogar ich ;)) l

Mein Meister war Toyota-San. Von ihm habe ich vor allem eines gelernt: "Nichts ist unmöglich."  >:D

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Martin Heidegger - Der Feldweg
« Reply #9 on: 28. Juli 2011, 18.12 Uhr »
Ja. Und für Husserl müsste man Brentano und wohl auch Descartes kennen ... Und für Brentano die Scholastiker ...

Ad infinitum.

... und die von Brentano beeinflussten Freud und Steiner ...  :angel:

Lass das gefälligst mit dem Jehova-Sagen  ;D

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Martin Heidegger - Der Feldweg
« Reply #10 on: 29. Juli 2011, 09.40 Uhr »
Lass das gefälligst mit dem Jehova-Sagen  ;D

Amen.
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