Hallo!
Zu Beginn des vierten Buches (Unterredung mit Euthydemus) geriert sich Sokrates tatsächlich als Sophist (ich glaube, dass du diese Stelle in deinem Vergleich gemeint haben dürftest). Das ist eine recht billige Wortklauberei und man fände auch ohne große Anstrengung weitere Beispiele, um den Sokrates hinwiederum zu widerlegen. Ansonsten hat man bei den xenophontischen Bescheidenheitsforderungen das Gefühl, den ersten Stoiker der Geschichte zu vernehmen, einen recht billigen Utilitaristen oder aber - wie in dem zuvor erwähnten Gespräch - macchiavellistische Untertöne. Vor allem aber sind alle vorgebrachten Argumente sophistisch in jendem pejorativen Sinn, der heute dieser Bezeichnung beigelegt wird.
Man kann Nietzsche angesichts dieses Hausverstandssokrates gut verstehen: Dieser bedächtige, abwägende, alles sezierende Philosoph muss demjenigen missfallen, der sich ein ursprünglicheres, spontaneres Denken und vor allem Sein erträumt. Ob dies erstrebenswert ist, steht auf einem anderen Blatt, der Wunsch, den xenophontischen Besserwisser in Ruhestand zu schicken, ist allemal verständlich.
Dann kommt es zu einem anthropozentrischen Exzess: Die Unterhaltung mit Euthydemus wird weitergeführt und alles, wirklich alles wird im Sinne der Zweckhaftigkeit für den Menschen betrachtet, wobei die Götter als die Ursache für diese Wohltaten gesehen werden. Von der Schiefe der Ekliptik bis zu jedwedem Tier: Alles dient dem Menschen, ist geschaffen, ihm zu helfen, untertan zu sein, seinen Neigungen zu dienen. Kein Gedanke daran, dass die Umstände die Menschen geprägt haben, wie bei den meisten Schöpfungsmythen schafft sich der Mensch einen Gott, der ihm hinwiederum der ersten Rang zuerkennt.
Die Ausführungen über Tapferkeit, Besonnenheit, das Schöne wiederholen die bisher schon bekannten Positionen, einzig das utilitaristische Element wird stärker betont. So dass die Verwendung eines Dinges immer im Vordergrund steht, eine Haltung, die er auf den letzten Seiten auch gegenüber der Mathematik, der Wissenschaft einnimmt, etwas, das in seiner Borniertheit auch heute häufig in Bildungsdiskussionen zu hören ist. (Einige der Anwürfe bezüglich der Geometrie sind wahrscheinlich als Seitenhiebe auf Platos Akademie zu verstehen.) Ansonsten solle man nur erkunden und erlernen, was von Nutzen sei und von allem die Finger lassen, was unlösbar erscheint. (Selbstverständlich haben sich gerade in der Naturwissenschaft viele von Sokrates' Tabuthemen als erforschbar erwiesen - und wenn er selbst eine völlig obskure Erklärung bezüglich des Inzestverbots gibt, kann das als schöner Beweis dafür gelten, dass die Beschäftigung mit den - scheinbar unnützen - Naturwissenschaften durchaus zu Erkenntnisgewinn führen kann.)
Was nun vom xenophontischen Sokrates näher dem historischen ist als etwa in der Darstellung Platos, muss unbeantwortet bleiben, einzig die Schnittmengen des xenophontischen und platonischen Sokrates könnten (vielleicht) als eine Grundlage des historischen gelten. Xenophon instrumentalisiert seinen Philosoph in nicht geringerem Ausmaß als Plato, beide haben seine Charakterstärke, sein sophistisches Talent bewundert, aber beide verwenden ihn auch als Sprachrohr der eigenen Ideen. Sein Tod macht ihn berühmter als er ohnehin war, die Auftritte in Platos Dialogen (der erstmals in Ansätzen ein umfassendes philosophisches System entwarf) ließen ihn Teilhaber an diesem System werden. Bei Xenophon erscheint derselbe Sokrates als rechtschaffener, braver Bürger, dessen Gerechtigkeitsliebe ihn über alle Maßen auszeichnet. Er ist aber nicht nur Bürger, sondern auch Spießbürger, er huldigt auf unangenehme Weise dem gesunden Menschenverstand und zeigt sich als Nützlichkeitsapologet, der diesen Nutzen über alles stellt und damit zurecht Nietzsches Zorn herausforderte. Da andere Darstellungen wohl auf immer verloren sind, werden wir uns mit Plato, Xenophon und in Abstrichen Aristophanes begnügen müssen - nebst mittelbaren Zeugnissen wie dem des Aristoteles. Die aber die Suche nach dem historischen Sokrates eher vergrößern denn verringern.
lg
orzifar