Der Wikipedia-Artikel über Steiner ist recht informativ und vermittelt (mir) einen Eindruck davon, wie es zu einem solchen Lebenslauf (Werk) kommen kann. Das Zitat von Tucholsky spiegelt das wieder, was ich häufig in Bezug auf derartig erleuchtete Gurus immer wieder vermute: "„Rudolf Steiner, der Jesus Christus des kleinen Mannes, ist in Paris gewesen und hat einen Vortrag gehalten. […] Ich habe so etwas von einem unüberzeugten Menschen überhaupt noch nicht gesehen. Die ganze Dauer des Vortrages hindurch ging mir das nicht aus dem Kopf: Aber der glaubt sich ja kein Wort von dem, was er da spricht! (Und da tut er auch recht daran.) […] Wenns mulmig wurde, rettete sich Steiner in diese unendlichen Kopula, über die schon Schopenhauer so wettern konnte: das Fühlen, das Denken, das Wollen – das ‚Seelisch-Geistige‘, das Sein. Je größer der Begriff, desto kleiner bekanntlich sein Inhalt – und er hantierte mit Riesenbegriffen.[...]" (Fettdruck von mir). Eines aber ist schon faszinierend (und Tuchholsky weist auch darauf hin): Es kann nichts so blöd, dumm, abgründig sein, man kann Offenbarungen haben wie Mohammed, Mr. Smith oder Steiner: Immer findet sich irgendeine gläubige Gemeinde, die den größten Unsinn als Wahrheit empfindet. Was den Guru selbst anlangt habe ich da (wie Tucholsky) oft meine Zweifel, wie's mit dem Glauben bestellt ist. Vielleicht kann intensive Autosuggestion bewirken, dass man den eigenen Schmarrn irgendwann glaubt. Auch, weil man das zumindest zur Schau stellen muss.
(Mein Grundstück grenzt an das eines solches Eso-Gurus, der immer wieder zumeist Damen mittleren Alters nackicht um ein Lagerfeuer drapiert und durch Aroma-Therapie ihre aufgestauten sexuellen Energien zu befreien sucht, natürlich nicht ganz kostenfrei. Er hat mir in wohlklingenden Worten von der kosmischen Energie des Feuers erzählt, von spiritistisch befreienden Düften (so nebenbei liegt er im Streit mit einem anderen Nachbarn, der von wohlriechend nichts weiß und ihn immer wieder wegen Geruchsbelästigung anzeigt, vermutend, dass der Guru alte Socken oder Autoreifen verbrennen würde; das aber muss ich in Abrede stellen, so schlecht riecht's nicht), auch von Engeln und Geistwesen und obschon ich des lieben Friedens wegen darum bemüht war, ein äußerst aufgeschlossenes Gesicht zu machen, erging's mir wie weiland dem Wächter des Pontius Pilatus im Leben des Brian: Ich bekam einen veritablen, um so stärkeren, weil lange unterdrückten Lachkrampf, während er mit wahrhaft kosmischen Lauten die Engel zu beschwören versuchte - und jeder weiß um die Vergeblichkeit von Versuchen, sich wieder einzukriegen - vor allem dann, wenn das Gegenüber mit den Beschwörungen fortfährt. Ich habe (ohne alle Übertreibung) Tränen gelacht, ihn aber über die wahre Ursache meiner Heiterkeit im Unklaren gelassen, wobei er mich schließlich mit den Worten verabschiedete, dass er sich glücklich schätze, einen derart fröhlichen Nachbarn zu besitzen.)
Glaubt er an seine Aromatherapie? Sicher bin ich mir nicht, ich habe eher den Eindruck, dass er an sein Bankkonto glaubt. Andererseits hat er seinen Sinn und Zweck erfüllt, die wenigen flüchtigen Begegnungen waren mir immer ein wahrer Quell der Heiterkeit (auch in der Erinnerung) - und was kann man mehr verlangen vom Leben als einen derart wunderbaren Lachanfall, zu dem mich seine Ausführungen brachten?
lg
orzifar
der sich aber trotzdem wieder von der Esoterik ab- und dem historischen Sokrates zuwenden wird.