Author Topic: Oliver Sacks: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte  (Read 2024 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Dieses Buch ist - wenigstens in meinem Bekanntenkreis - so beliebt wie bekannt. Ob zurecht - ich weiß nicht. Die uneingeschränkte Begeisterung vermag ich nicht zu teilen, wenngleich unter den Fallgeschichten (und um solche handelt es sich) faszinierende Menschen bzw. Phänomene dargestellt werden.

Was geschieht, wenn unser Gehirn nicht oder nur teilweise funktioniert, wenn bestimmte Bereiche in Aktivismus verfallen, wenn es gilt, Defizite zu kompensieren? Sacks beschreibt zahlreiche, häufig kurios anmutende Beispiele, Menschen, die durch Ausfälle (oder "Überschüsse") die Welt in anderer Weise erfahren als die übrige Menschheit. Der Verlust des Abstraktionsvermögens zeitigt ebenso groteske Auswirkungen wie eine reine Kategorisierung, ohne die Fähigkeit zu besitzen, sinnvolle Zusammenhänge herzustellen. Das Gehirn als seltsamer Computer, dessen Macken zu einer Welt aus Zahlen, Musik oder einer nur auf das Konkrete fixierten führen.

Die Geschichten unterhalten, berühren, sie weisen auf die Relativität von Normalität hin, sie fordern die Möglichkeit ein, mit einer als fremd empfundenen Welt in unserer "normalen" zu existieren. Sie beschreiben allerdings Phänomene als selten (wie den Korsakow-Patienten Jimmie G.), die es meines Wissens nicht sind (habe ich doch selbst zwei Menschen kennengelernt, die auf eine ganz ähnlich Weise ihre Erinnerung verloren hatten). Aber auch wirklich Faszinierendes: Wie errechnen zwei ansonsten fast debile Zwillinge Primzahlen im 12stelligen Bereich, wobei "errechnen" (sie beherrschen nicht mal die Grundrechnungsarten) wohl die falsche Bezeichnung ist? Was fasziniert die beiden an Zahlen, was macht ihre Ästhetik aus, was ihren Informationsgehalt? Sind sie die Inkarnation der phytagoräischen These, dass alles im Grund nur Zahl ist?

Das Buch macht vorsichtig bezüglich Begriffen wie Normalität, es spielt aber auch (unbewusst?) mit dem Faszinosum Geisteskrankheit, die sich in den meisten Fällen sehr viel trivialer (auch trauriger) zu äußern pflegt als hier beschrieben. An einer Stelle nimmt Sacks diesen Vorwurf vorweg (und wahrscheinlich war ihm tatsächlich nicht um Sensationsmache zu tun); allerdings bezieht das Buch seine Attraktivität aus diesem Spiel von Genialität und Wahnsinn.

Zurück bleibt das vielleicht faszinierendste Organ der Evolution, ein Gehirn, das die seltsamsten Blüten treibt (treiben kann), das in den Fällen der Kompensation von Ausfällen oder aber der "Überschüsse" Hinweise auf die ungeheuerliche Funktionsvielfalt gibt. Insofern ist es - aus der nötigen Distanz betrachtet - anregend und interessant. (So nebenher: Das Zitieren von Philosophen sollte Sacks dann unterlassen, wenn er die entsprechenden Werke nicht wirklich gut kennt. Seine Vorstellungen der Perzeptionen bzw. des Humeschen Empirismus sind - vorsichtig ausgedrückt - fragwürdig.)

lg

orzifar
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