Hallo!
Fast eine Art Standardlektüre für die Sokratesforschung. Böhme bedient sich einer sehr angenehm zu lesenden Sprache (wenngleich manchmal der philosophische Jargon der 80iger spürbar ist), schreibt verständlich, kenntnisreich, in jedem Fall immer anregend. In sehr übersichtlicher Weise werden einzelne, spezifische Eigenschaften des "Typ Sokrates" herausgearbeitet, so wird dessen Verhältnis zu den Staatsformen, zur Erotik und - auf unterschiedlichste Weise - sein Beziehung zum Wissen (Nichtwissen) und die Gleichsetzung Tugendbegriffs mit diesem Wissen bzw. dem Bewusstsein des Wissens herausgearbeitet.
Sokrates als der Begründer einer rationalen Weltauffassung, jemand der im Wissen (bzw. dem Bewusstsein des Wissens) den Schlüssel für moralisches Verhalten, für das Glück des Einzelnen sieht. Nur wer weiß, kann "gut" handeln, wobei diesem "gut" (tugendhaft, der Lust entsprechend ...) eine Art Automatismus innewohnt: Die Erkenntnis desselben bewirkt die Umsetzung im Handeln, dieses folgt aus jenem zwangsläufig, weshalb man sich nach "richtiger" Erkenntnis nicht mehr in einem Widerstreit der Gefühle, Lüste befindet, da man um das Richtige weiß und dieses Richtige (weil es das Beste ist) ganz von selbst tut.
Böhme setzt sich mit den Ansichten des platonischen Sokrates nicht kritisch auseinander, analysiert sie nicht im Lichte rezenter Moralphilosophie, sondern dokumentiert anhand der zur Verfügung stehenden Quellen. Das mag ein Grund für die Qualität des Buches sein; während der sokratische Ethikbegriff unter verschiedensten Gesichtspunkten beleuchtet wird, übt der Autor bezüglich seines eigenen Moralbegriffes vornehme Zurückhaltung. Ein - bescheidenes (bescheiden gegenüber dem Forschungsgegenstand) - Konzept, das Lob verdient und sich von der wichtigtuerischen Philosophie anderer Gelehrter wohltuend unterscheidet.
Ein wenig mühselig liest sich das Kapitel über die Sokratesinterpretationen. Nun ermangelt m. E. Hegel schon im Original der Klarheit und auch die Kurzfassung seiner Anschauungen gerät nicht wirklich anschaulich. Wenn da von der Objektivität der Subjektivität in der Person des Sokrates gesprochen wird, von der manifest werdenden Tragik aufeinanderprallender Rechtsordnungen (und an der ganzen sokratischen Biographie wird so lange manipuliert, bis dann doch endlich wieder der Weltgeist über den Rand des Suppenschüsseluniversum Hegels blickt), so hat dies etwas befremdlich Amüsantes, ähnlich (wenn auch nicht ganz so schlimm) verhält es sich mit der Ironieinterpretation Kierkegaards. Einzig bei Nietzsche weiß man, woran man ist: Seine Sokratesbeschimpfungen der letzten Werke lassen die Verehrung fürs Heroentum (und die Verachtung für den Sophisten) unzweifelhaft werden.
An einer Legende aber strickt Böhme (wie fast alle anderen Sokrates-Interpreten) brav mit: Über jene des da fröhlich und in philosophischem Gespräch sterbenden Denkers. Neben einer sich bei mir automatisch einstellenden Skepsis bei der Schilderung eines solchen friedvollen Todes, der fast fröhlich der vorher angestellten philosophischen Überlegungen wegen hingenommen wird, lässt auch die Beschreibung der Wirkung des Schierlings eine weniger vergnügliche Todesstunde vermuten: "Die Vergiftung äußert sich durch Brechreiz, Verlust des Sprech- und Schluckvermögens und Muskelkrämpfe, bis schließlich durch Atemlähmung der Tod eintritt." Dieser Zustand wird die Vorfreude des Sokrates auf die Gespräche mit verstorbenen Heroen gemindert haben und auch die erhebende Abschiedsszene zwischen ihm und seinen Jüngern wird durch krampfartiges Übergeben etwas von seiner feierlichen Weihe verloren haben.
lg
orzifar