Author Topic: Matthias Frings, Der letzte Kommunist  (Read 2026 times)

Offline Bartlebooth

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Matthias Frings, Der letzte Kommunist
« on: 15. Juli 2009, 08.51 Uhr »
Matthias Frings ist einigen vielleicht als ehemaliger TV-Moderator der Erotik-Sendung "Wahre Liebe" bekannt. Mir war nicht bewusst, wie lange er schon als Publizist in Sachen Homosexualität eine feste Größe in der deutschen Sachbuchlandschaft ist.

"Der letzte Kommunist" widmet sich einer recht interessanten Figur, schwul, kommunistisch, Schriftsteller. Ronald M. Schernikau wurde als 6-jähriger im Kofferraum eines sowjetischen Diplomatenwagens in den Westen geschmuggelt, damit dort die Familienzusammenführung mit dem Vater Lorenz stattfinden konnte. Seine Mutter Ellen war eine überzeugte Kommunistin und DDR-Bürgerin, die nur aus romantischen Hoffnungen heraus diesen Schritt wagte - und damit den größten Fehler ihres Lebens beging. Weder sie noch ihr Sohn wurden in der BRD jemals heimisch, dafür gelang Ronald mit der "Kleinstadtnovelle" ein vielbeachteter Erstling, dem aber nichts ähnlich Erfolgreiches mehr folgte, bevor er Anfang der 90er Jahre an AIDS starb.
Frings erzählt nun von seiner Westberliner Zeit, in der er mit Schernikau sehr eng befreundet war und beide ihre ersten Schritte im linksintellektuellen Buchmarkt Westdeutschlands machten.

Frings schildert nicht nur Schernikaus Leben, ja manchmal tritt dieses sogar so weit zurück, dass man sich fragt, ob man noch seine Biographie liest. Und auch wenn es mich manchmal etwas gestört hat, dass Frings es nicht lassen kann, kapitelweise über sich selbst zu schreiben, so muss ich zugeben, dass ich dadurch einen guten Einblick in die Schwulen- und Linkenszenen von Nachkriegsdeutschland bekommen habe. Insofern sei ihm diese unangekündigte Selbstbespiegelung verziehen.

Die Figur Schernikaus ist tatsächlich außerordentlich faszinierend, wenn man auch seine über Jahrzehnte ungebrochene Faszination mit dem DDR-Staat nicht recht versteht, der seine Bücher nach dem Erstling ebenso mit Verachtung straft, wie der Westen, vielleicht sogar noch etwas mehr. Interessant sind die Passagen, als Schernikau mit widerstrebender Hilfe der West-SED (deren Mitglied er war) an das Leipziger Literaturinstitut gelangt und dort fast drei Jahre verbringt. Das Sympathische, aber auch Naive an ihm ist, dass er niemals systemkonform wird - und das auch nicht muss, da er als Westler natürlich eine Art Narrenfreiheit besitzt, von der seine östlichen Kommilitoninnen nur träumen können. Schernikau erscheint als einer, der für die eigene Überzeugung alles zu opfern bereit ist. Er ist Schriftsteller, er ist Kommunist, wenn die Welt diese beiden Berufungen nicht so begreift wie er selbst, dann irrt sich die Welt und er wird es ihr ruhig und stetig zu verstehen geben.

Die Welt, die Frings uns präsentiert, scheint so weit weg, und auch die Figur Schernikaus scheint ein solcher Anachronismus zu sein, dass man mit einem Unbehagen zurückbleibt. Würde man sich mehr von diesen Leuten wünschen, die einer Überzeugung so unverbrüchlich folgen, oder ist das die Ideologieaffinität des letzten Jahrhunderts? Das ausgerechnet Schernikau kurz vor dem Fall der Mauer in die DDR eingebürgert und nach kurzer Glückseligkeit von der Geschichte eingeholt wird, hat etwas Tragikomisches, das ganz ins Tragische kippt, als er kurz darauf an AIDS erkrankt und stirbt.

Ein durchaus lesenswertes und kurzweiliges Buch. Ob es mir Lust auf die Texte Schernikaus macht? - Ich weiß es noch nicht, anfangs wollte ich gern wenigstens seine Erinnerungen an die Leipziger Zeit lesen, inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, zu weit weg erscheint mir der nichtsdestoweniger sympathische "Protagonist" dieses Buches.

Es gibt einen Buchtrailer (eines dieser überflüssigen Werbemittel neuerer Bauart), der ausnahmsweise mal ganz schön ist, weil man einen längeren Ausschnitt von Schernikau auf VHS präsentiert bekommt, während er mit angenehmer Stimme ein friednesbewegtes Kinderlied singt. Irgendwie schön.
Thomas Piketty, Le capital au XXIème siècle
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