Author Topic: John Steinbeck: Die Schelme von Tortilla Flat  (Read 3311 times)

Offline orzifar

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John Steinbeck: Die Schelme von Tortilla Flat
« on: 01. Mai 2011, 18.25 Uhr »
Hallo!

Das Buch erinnert an andere idyllische Dorfgeschichten, an eine verklärte Darstellung von Originalen wie etwa Lenz' "So zärtlich war Suleyken". Und so wirklich glücklich bin ich zumeist mit diesen Verklärungen nicht, da sie die Realität ausblenden, Vorurteile bedienen (wie jenes von den hochherzigen Gaunern, die einzig in der Literatur ihr Unwesen treiben oder den herzensguten Alkoholikern), sich die Wirklichkeit schönschreiben. Dem entgeht auch Steinbeck nicht ganz; allerdings gelingt ihm durch den an der Sinnhaftigkeit des Lebens zweifelndenden, schließlich verzweifelnden Danny und seinem das Buch beschließenden Tod der Absprung aus allzu großer Romantik und Idealisierung der Existenz am unteren Ende der Gesellschaft.

Danny und seine Freunde huldigen dem Alkohol und den Frauen, begehen  Diebstähle, verkörpern die kleinen Gauner mit Herz und viel Emotionalität, die dieser ihr Gefühlsüberschwang immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Über weite Strecken klingt dies aber ein wenig zu verträumt, sodass man den Eindruck gewinnt, dass es nichts Schöneres geben kann als Alkoholiker zu sein und ab und zu im Gefängnis zu landen. Dass in dieser Darstellung auch Sozialkritik versteckt ist, mag durchaus sein; sie ist aber allzu gut versteckt, man schlägt sich fast friedvoll die Nase ein, liegt heimelig besoffen im Dreck und erfährt nichts über die Tage danach, über Hunger, Schmerzen, Verzweiflung. Das wäre nun so schlimm nicht, wenn es Steinbeck tatsächlich nur um eine Idylle gegangen wäre. Aber an bloßer Verklärung eines solchen Lebens lag ihm nicht - und deshalb fehlen dem Buch (vom Ende abgesehen) kritische Zwischentöne, der Hinweis auf die Fragwürdigkeit einer solchen Existenz. Dannys Lebenskrise und tragischer Tod kompensieren den sentimentalen Handlungsverlauf teilweise, vermögen aber das während der Lektüre sich einstellende Unbehagen ob all zu viel Romantik nicht ganz zu verdrängen. Dem Verkaufserfolg wird das aber keineswegs geschadet haben, liest man doch nichts lieber als von herzensguten Verbrechern und einer Welt, die auch trotz Hunger und Obdachlosigkeit dem Leben eine heitere Seite abgewinnt. Dabei vergessend, dass dies ein Frage der Perspektive ist: Denn es macht einen Unterschied, ob man selbst im Rinnstein liegt oder sich am wärmenden Kaminfeuer derlei Unbill vorstellt.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:John Steinbeck: Die Schelme von Tortilla Flat
« Reply #1 on: 01. Mai 2011, 19.20 Uhr »
Ich hab's vor allem als Utopie empfunden, als Gegenentwurf zur Realität der USA. Rückwärts gewandt, weil einerseits Tortilla Flat - genauso wie Cannery Row - zu Steinbecks Zeit (i.e. zwischen den beiden Weltkriegen) schon nicht mehr war, was es mal gewesen war. Und gerade Tortilla Flat ist ja an der Artus-Sage orientiert, einer Welt, die ebenfalls bereits untergegangen war, als die grosssen Barden sie besangen. Und über deren Schmutz und deren Schmerzen wir auch nichts erfahren.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re:John Steinbeck: Die Schelme von Tortilla Flat
« Reply #2 on: 01. Mai 2011, 19.23 Uhr »
Und gerade Tortilla Flat ist ja an der Artus-Sage orientiert, einer Welt, die ebenfalls bereits untergegangen war, als die grosssen Barden sie besangen. Und über deren Schmutz und deren Schmerzen wir auch nichts erfahren.

Er gibt diese Orientierung vor, um sich aber gleichzeitig davon abzugrenzen und eben die Realität dessen einzufordern, was er zu beschreiben sich unterfängt. Vielleicht klang meine Besprechung zu negativ, manchmal hatte ich eine rechte Freude am Idyllischen (das ich umso lieber lese, je älter ich werde - oder besser: Ich meide das allzu Traurige, Depressive, das jugendlicher Übermut (und weil eben nicht zum Traurigen und Depressiven neigend) kokettierend gerne las).

lg

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Offline mombour

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Re:John Steinbeck: Die Schelme von Tortilla Flat
« Reply #3 on: 02. Mai 2011, 11.40 Uhr »
Hallo,

es sind schon einige Jahre her, als ich diese Eindrücke aufgeschrieben habe:

"Tortilla Flat"(1935)

John Steinbeck ließ sich in dem 1935 geschriebenen Roman von eigenen Erlebnissen inspirieren, die er als Gelegenheitsarbeiter in einer Zuckerfabrik mit mexikanischen Mitarbeitern erlebte. Steinbeck verlegt die Geschichte ins kaliforische Monterey, deren oberer Hügelbezirk „Tortilla Flat“ genannt wird. Dort leben Paisanos, Leute, mit einer „Mischung aus spanischem, mexikanischem und erlesenem kaukasischem Blut“. Der Roman handelt von Danny und seinen Freunden, einer Clique von Tagedieben, Habenichtsen, Landstreichern. Steinbeck zieht ausdrücklich eine Verbindung zu König Artus und seiner Tafelrunde.

Danny kehrt aus dem ersten Weltkrieg heim und erbt von seinem Großvater zwei Häuser. Für Danny, der in seinem Leben noch nie etwas besessen hatte, ist das natürlich etwas besonderes und sein Freund Pilon mahnt die Gefahren materiellen Besitzes: Besitz verändere den Menschen. Vorhaben, sein Eigentum mit seinen Freunden zu teilen, wenn man etwas hat, verfliegen, wenn man wirklich Eigentum besitzt. Danny werde nun seine Freunde verlassen, den Branntwein nicht mehr teilen. Danny verspricht das Gegenteil und schwingt sich zum Wohltäter auf. Ein Vagabund nach dem anderen wird irgendwo aufgelesen und zieht in das Haus ein. Großartige Stärke beweist Danny, als ein Haus infolge von Leichtsinn abbrennt. Das verlockt Danny zu einer Überlegung über die Vergänglichkeit irdischen Besitzes.

Auf den ersten Seiten des Buches ist schon klar, Steinbeck will nicht einfach eine Geschichte von Abenteurern erzählen, sondern er will den Lesern eine Botschaft vermitteln. Der Roman teilt sich in siebzehn einzelne Geschichten auf, manche könnten auch für sich alleine stehen, aber sie stellen letztlich doch ein Ganzes da. Die philosophischen Gedanken, die dem Roman sorgsam eingestreut sind, ohne das sie moralisierend wirken, machen den Roman lesenwert. Aber nicht nur das. Anstatt mit Moral sind die Abenteuer mit Humor gewürzt und einer manchmal seltsamen köstlichen Landstreicherlogik.

Der Roman hat einen religiösen Touch. So ist es unübersehbar, dass der Pirat, einer von Dannys Freunden, wie Franz von Assisi mit Tieren redet, und eine Frau, die nicht mehr weiß, von welchen Männern sie ihre Kinder hat, war zeitweise überzeugt, sie brauche dazu keinen Liebhaber mehr. Was für ein schelmischer Wink zur Jungfrau Maria. Manche Geschichten sind sehr wundersam und wirken mystisch.

Ganz bewusst gebe ich an dieser Stelle kaum Romaninhalt preis, weil ich der Meinung bin, damit einigen künftigen Leser um die Lesefreude zu bringen. Der Roman ist herzlich ironisch und ihr werdet bestimmt eure Freude an Steinbecks feinsinnigen Humor haben.

Im Fernsehen kann man gelegentlich Halbleichen-Promis sehen, die sich mit Gesichtsoperationen jung halten wollen und dicke Klunker um den Hals tragen. Was für eine widerliche Welt und schön sehen diese Frauen nicht aus. Natürlich denke ich dann an die Clique von „Tortilla Flat“, die solchen Mist nicht brauchen [hihihi], auf Eigentum verzichten und trotzdem glücklich in den Tag hineinleben.

Liebe Grüße
mombour
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