Hallo,
ein mehr als durchwachsenes Lesevergnügen. Zum einen ist die Übersetzung aus dem Englischen eine Katastrophe (und man möchte die Übersetzerin ein ums andere Mal darauf hinweisen, dass syntaktische Strukturen aus dem Englischen nicht eins zu eins ins Deutsche übertragen werden können), zum anderen weiß ich noch immer nicht, was genau mir der Autor sagen will.
Es werden Mach, Einstein, Quantentheorie und Relativität bemüht, aber - wozu? Das Kapitel über Mach paradigmatisch: Ein bisschen was aus seinem Leben, eine Kurzbeschreibung seiner positivistischen Grundhaltung, einiges aus seiner Korrespondenz, aber ohne "roten Faden", man kann bestenfalls erahnen, worum es dem Autor zu tun ist. In jedem Fall erfährt man nicht mehr als wenn man ein Lexikon konsultierte und unter den entsprechenden Stichwörtern nachschlägt. Dazu Aufzählungen der Teilnehmer an Symposien oder die penible Listung aller Unterschriften unter einem Aufruf. Der Versuch, Mach als geistigen Mentor des Wiener Kreises aufzuzeigen, seinen Einfluss auf die Entwicklung der amerikanischen Philosophie darzulegen, verschwindet unter einem Sammelsurium redundanter Information (und die wirklich grauenhafte Übersetzung tut noch das ihre dazu). Immer wieder Interessantes, aber verborgen in seltsamen Satzungetümen oder kuriosen Aufzählungen, manchmal Kluges, meist aber bloß Enzyklopädisches mit wenig Bezug zum vorgenommen Thema. Zu Mach selbst, seinen philosophischen Überzeugungen (die, zugegebenermaßen, schwer darzustellen sind, da er kein konsistentes System entwarf) erfährt man bestenfalls etwas zwischen den Zeilen.
Das einzige lesenswerte Kapitel jenes über die Wissenschaftsfeindlichkeit Oswald Spenglers, der in einer Kombination von Unkenntnis und Ignoranz gerade Relativitätstheorie und Quantenphysik als Fanal für das Ende der Wissenschaft zu erkennen glaubte. V. a. der Einsatz probabilistischer Methoden war für ihn gleichbedeutend mit der Kapitulation jeglicher wissenschaftlicher Anstrengungen, weil damit der Anspruch auf Exaktheit, Gewissheit, Wahrheit aufgegeben würde. Andererseits ist das bloße Aufzeigen von Abstrusitäten eines Endzeitpropheten vom Schlage Spenglers für eine positive Beurteilung eines Buches denn doch zu wenig.
Dann kritisiert Holton die Astrologie, die Handlesekunst etc. Nun gut, mit Recht - aber da habe ich schon geistvollere Polemiken gelesen - und etwas anderes darüber zu schreiben ist eines ernsthaften Wissenschaftsautors unwürdig. Nur ganz kurz geht er auf die tatsächliche Problematik dieses Unsinns ein: Dass nämlich in der demokratischen Willensbildung auch Menschen ein Stimmrecht haben, die derlei Schwachsinn glauben, wobei er das Allheilmittel in einer besseren Bildung zu sehen glaubt. Der Tatsache, dass in den USA knapp die Hälfte der Menschen nicht weiß, dass die Erde ein Jahr für die Umkreisung der Sonne benötigt, kann man auf diese Weise Herr werden, andererseits aber bedeutet Faktenwissen keineswegs, dass nicht auch in solchen Gehirnen der abenteuerlichste esoterische Unsinn gedeihen kann. Natürlich: Metaphysische Dummheit ist eine Gefahr (nicht nur für die Demokratie), aber zu ihrer Analyse bedarf es wohl mehr als nur eines Halbsatzes.
Gerade der letzte Teil ist mehr als zähflüssig: So werden 28 (!!) charakteristische Merkmale für ein Weltbild aufgezählt, dann gibt es eine umfangreiche Liste mit Charakteristika des "Modernismus", wobei man irgendwie das Gefühl hat, das man alle diese Punkte bei einer Klausur (oder einem dem Buch angehängten Fragebogen) brav referieren wird müssen. Dieses Lehrbuchartige macht alles noch unlesbarer und mühsamer, als es ohnehin schon ist, sodass man den Eindruck hat, man müsste, um aus dem Ganzen etwas Lesbares zu machen, eine Zusammenfassung erstellen (die dann nicht mehr als 10 Seiten umfassen würde).
Einige Kapitel habe ich bloß überflogen, ob ich sie angesichts der bislang eher enervierenden Kapitel noch genauer lesen werde, vermag ich noch nicht zu sagen.
lg
orzifar