Author Topic: Gerald Holton: Wissenschaft und Anti-Wissenschaft  (Read 2908 times)

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Gerald Holton: Wissenschaft und Anti-Wissenschaft
« on: 13. Januar 2011, 00.14 Uhr »
Hallo,

ein mehr als durchwachsenes Lesevergnügen. Zum einen ist die Übersetzung aus dem Englischen eine Katastrophe (und man möchte die Übersetzerin ein ums andere Mal darauf hinweisen, dass syntaktische Strukturen aus dem Englischen nicht eins zu eins ins Deutsche übertragen werden können), zum anderen weiß ich noch immer nicht, was genau mir der Autor sagen will.

Es werden Mach, Einstein, Quantentheorie und Relativität bemüht, aber - wozu? Das Kapitel über Mach paradigmatisch: Ein bisschen was aus seinem Leben, eine Kurzbeschreibung seiner positivistischen Grundhaltung, einiges aus seiner Korrespondenz, aber ohne "roten Faden", man kann bestenfalls erahnen, worum es dem Autor zu tun ist. In jedem Fall erfährt man nicht mehr als wenn man ein Lexikon konsultierte und unter den entsprechenden Stichwörtern nachschlägt. Dazu Aufzählungen der Teilnehmer an Symposien oder die penible Listung aller Unterschriften unter einem Aufruf. Der Versuch, Mach als geistigen Mentor des Wiener Kreises aufzuzeigen, seinen Einfluss auf die Entwicklung der amerikanischen Philosophie darzulegen, verschwindet unter einem Sammelsurium redundanter Information (und die wirklich grauenhafte Übersetzung tut noch das ihre dazu). Immer wieder Interessantes, aber verborgen in seltsamen Satzungetümen oder kuriosen Aufzählungen, manchmal Kluges, meist aber bloß Enzyklopädisches mit wenig Bezug zum vorgenommen Thema. Zu Mach selbst, seinen philosophischen Überzeugungen (die, zugegebenermaßen, schwer darzustellen sind, da er kein konsistentes System entwarf) erfährt man bestenfalls etwas zwischen den Zeilen.

Das einzige lesenswerte Kapitel jenes über die Wissenschaftsfeindlichkeit Oswald Spenglers, der in einer Kombination von Unkenntnis und Ignoranz gerade Relativitätstheorie und Quantenphysik als Fanal für das Ende der Wissenschaft zu erkennen glaubte. V. a. der Einsatz probabilistischer Methoden war für ihn gleichbedeutend mit der Kapitulation jeglicher wissenschaftlicher Anstrengungen, weil damit der Anspruch auf Exaktheit, Gewissheit, Wahrheit aufgegeben würde. Andererseits ist das bloße Aufzeigen von Abstrusitäten eines Endzeitpropheten vom Schlage Spenglers für eine positive Beurteilung eines Buches denn doch zu wenig.

Dann kritisiert Holton die Astrologie, die Handlesekunst etc. Nun gut, mit Recht - aber da habe ich schon geistvollere Polemiken gelesen - und etwas anderes darüber zu schreiben ist eines ernsthaften Wissenschaftsautors unwürdig. Nur ganz kurz geht er auf die tatsächliche Problematik dieses Unsinns ein: Dass nämlich in der demokratischen Willensbildung auch Menschen ein Stimmrecht haben, die derlei Schwachsinn glauben, wobei er das Allheilmittel in einer besseren Bildung zu sehen glaubt. Der Tatsache, dass in den USA knapp die Hälfte der Menschen nicht weiß, dass die Erde ein Jahr für die Umkreisung der Sonne benötigt, kann man auf diese Weise Herr werden, andererseits aber bedeutet Faktenwissen keineswegs, dass nicht auch in solchen Gehirnen der abenteuerlichste esoterische Unsinn gedeihen kann. Natürlich: Metaphysische Dummheit ist eine Gefahr (nicht nur für die Demokratie), aber zu ihrer Analyse bedarf es wohl mehr als nur eines Halbsatzes.

Gerade der letzte Teil ist mehr als zähflüssig: So werden 28 (!!) charakteristische Merkmale für ein Weltbild aufgezählt, dann gibt es eine umfangreiche Liste mit Charakteristika des "Modernismus", wobei man irgendwie das Gefühl hat, das man alle diese Punkte bei einer Klausur (oder einem dem Buch angehängten Fragebogen) brav referieren wird müssen. Dieses Lehrbuchartige macht alles noch unlesbarer und mühsamer, als es ohnehin schon ist, sodass man den Eindruck hat, man müsste, um aus dem Ganzen etwas Lesbares zu machen, eine Zusammenfassung erstellen (die dann nicht mehr als 10 Seiten umfassen würde).

Einige Kapitel habe ich bloß überflogen, ob ich sie angesichts der bislang eher enervierenden Kapitel noch genauer lesen werde, vermag ich noch nicht zu sagen.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re:Gerald Holton: Wissenschaft und Anti-Wissenschaft
« Reply #1 on: 13. Januar 2011, 21.01 Uhr »
Hallo!

ein mehr als durchwachsenes Lesevergnügen.

Was lieste denn auch son' Zeuch?  ;D

Nur ganz kurz geht er auf die tatsächliche Problematik dieses Unsinns ein: Dass nämlich in der demokratischen Willensbildung auch Menschen ein Stimmrecht haben, die derlei Schwachsinn glauben, wobei er das Allheilmittel in einer besseren Bildung zu sehen glaubt.

Du erinnerst mich gerade daran, dass ich ab 2012 höhere Krankenkassenprämien zahlen darf, weil eine Mehrheit des Stimmvolks beschlossen hat, dass so Zeugs wie Homöopathie oder Traditionelle Chinesische Medizin in der Grundversicherung eingeschlossen sein soll.  >:(

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re:Gerald Holton: Wissenschaft und Anti-Wissenschaft
« Reply #2 on: 13. Januar 2011, 21.20 Uhr »
ein mehr als durchwachsenes Lesevergnügen.
Was lieste denn auch son' Zeuch?  ;D

Das Buch wurde mir ausdrücklich empfohlen, sei froh, dass nicht du derjenige warst ;).

Nur ganz kurz geht er auf die tatsächliche Problematik dieses Unsinns ein: Dass nämlich in der demokratischen Willensbildung auch Menschen ein Stimmrecht haben, die derlei Schwachsinn glauben, wobei er das Allheilmittel in einer besseren Bildung zu sehen glaubt.
Du erinnerst mich gerade daran, dass ich ab 2012 höhere Krankenkassenprämien zahlen darf, weil eine Mehrheit des Stimmvolks beschlossen hat, dass so Zeugs wie Homöopathie oder Traditionelle Chinesische Medizin in der Grundversicherung eingeschlossen sein soll.  >:(

Genau da liegt das Problem: Solche Dinge sind durch "höhere Bildung" allein nicht zu steuern. Ich wüsst aber auch nicht wie, ist aber ein Problem, an dem sich schon Gellert reimenderweise versucht hat:

Ein einzig Mittel ist auf Erden!
Allein es ist unendlich schwer:

Die Narren müßten weise werden,
Und seht! sie werdens nimmermehr.

Nie kennen sie den Werth der Dinge.
Ihr Auge schließt, nicht ihr Verstand;

Sie loben ewig das Geringe,
Weil sie das Gute nie gekannt.

Eines von Holtons Hauptangriffsziele ist der Kreationismus - und von Europa aus werden solche Strömungen häufig mitleidig belächelt. Dass unser aller Religionsunterricht das Gleiche ist, dass man überall in Europa gar wissenschaftliche Fakultäten für Theologie unterhält und diese staatlich subventioniert (wie die Religionsgemeinschaften, die in Ö zum Teil etwa steuerbefreit sind), damit diese ihren Unsinn unters Volk bringen können, wird dabei häufig vergessen.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re:Gerald Holton: Wissenschaft und Anti-Wissenschaft
« Reply #3 on: 15. Januar 2011, 08.22 Uhr »
Das Buch wurde mir ausdrücklich empfohlen, sei froh, dass nicht du derjenige warst ;).

Der's empfohlen hat oder dem's empfohlen wurde?

Mein letzter diesbezüglicher Reinfall war übrigens Schlafes Bruder ...  :)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re:Gerald Holton: Wissenschaft und Anti-Wissenschaft
« Reply #4 on: 27. Januar 2011, 17.32 Uhr »
Das Buch wurde mir ausdrücklich empfohlen, sei froh, dass nicht du derjenige warst ;).
Der's empfohlen hat oder dem's empfohlen wurde?

Beides ;).

Mein letzter diesbezüglicher Reinfall war übrigens Schlafes Bruder ...  :)

Naja, bei belletristischen Werken ist das mit den Empfehlungen ein wenig anders.

Im Versuch, dem Buch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, habe ich auch die überflogenen Kapitel nochmals gelesen (bzw. es versucht). Doch irgendwann ist die Geduld am Ende, ein seltsames Sammelsurium an Beliebigkeiten von jemanden, der ganz offenbar gerne über Mach schreibt (und nochmals sei's betont: Die Übersetzung ist ein absoluter Graus und trägt nicht unerheblich zur Unlesbarkeit bei. Was verwundert, da der Springer-Verlag bei mir - was Fachbücher anlangt - einen eigentlich guten Ruf hat). Ein ganzes Kapitel ist etwa dem "Problem" gewidmet, ob denn die Ablehnung der Relativitätstheorie in Machs letzten Schriften authentisch sei oder nicht; ein vor etwa drei Jahrzehnten erschienenes Buch vermutete nachträgliche Fälschungen von Machs Sohn. Mit dem eigentlichen Thema hat das nun nichts zu tun, wobei mich solche Kontroversen ohnehin nur sehr bedingt interessieren. Ohne ein großer Kenner Machs zu sein scheint seine distanzierte Haltung zu Einsteins Theorie durchaus mit seinem Verständnis von Physik kompatibel zu sein - und 30 Seiten zu einem Problem (das offenbar keines ist und nie eines war) sind von beachtlicher Belanglosigkeit.

So plätschert das Buch dahin und vermochte mir trotz meines Fragens und Bemühens keinen zureichenden Grund zu nennen, warum ich es denn weiterlesen solle (wobei ich ohnehin fast alles gelesen habe). Finis operis.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany