Author Topic: Juvenilia  (Read 3316 times)

Offline sandhofer

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Juvenilia
« on: 07. November 2010, 19.32 Uhr »
Hallo zusammen!

Da ich gerade die Werk-Ausgabe von Jean Paul durchblättere, und im ersten Band seiner Juvenilia hängen geblieben bin, eine Frage: Wieweit interessieren Euch solche Jugendwerke oder auch -sünden eines Autors. Ich muss gestehen, ich mag Jean Paul sehr, aber seine Schulreden muss ich nicht unbedingt gelesen haben. Im vorliegenden Band bin ich dann erst an den Grönländischen Prozessen hängen geblieben, wo sich die Klaue des Löwen doch schon zeigt.

Ich erinnere mich an Hölderlin, dessen Jugendwerke auch nicht umwerfend sind. Goethes Gedichte aus Leipzig darf man ebenfalls getrost vergessen. Gibt es Autoren, bei denen die Jugendwerke ein "absolutes Must" sind?

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re:Juvenilia
« Reply #1 on: 08. November 2010, 13.36 Uhr »
Ich bin kein großer Freund von Jugendwerken, die - selbst bei ausgezeichneten Schriftstellern - oft einen etwas peinlichen Eindruck hinterlassen, vielleicht für die Entwicklung und Biographie des Betreffenden aufschlussreich sein mögen, hingegen nur sehr eingeschränkten künstlerischen Wert besitzen. Diese Jugendwerke leben oft einzig und allein von dem später Geschaffenen, wäre dieses nicht vorhanden, würde man jene ignorieren (und das zu Recht). Einiges ist natürlich beachtenswert: Gedichte von Rilke oder Hofmannsthal, auch die Werke von Büchner (Novalis nehme ich hier bewusst aus, da ich mich mit seinen Werken immer exorbitant gelangweilt habe: Wenn schon Romantik, dann Gespensterhoffmann ;)).

Goethes Leipziger Schaffen fand ich so schlecht gar nicht, da spürt man schon ein großes Talent heranreifen. Aber du hast natürlich Recht: Es entgeht dem literarisch Interessierten nicht wirklich viel, wenn er darauf verzichtet.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Juvenilia
« Reply #2 on: 08. November 2010, 19.59 Uhr »
Ja, die Frühvollendeten - das wäre ein Thema für sich. Dass mit Hofmannsthal und Rilke hier zwei Namen stehen von (hauptsächlich, ursprünglich) Lyrikern, wäre dann wieder Wasser auf Arno Schmidts Mühle, der den Lyrikern sowieso mangelnde Arbeitsmoral vorwirft und das wohl gern mit seiner Jugendschelte verknüpft hätte. Goethes Leipziger Lyrik fand ich allerdings immer sehr konventionell und es war für mich nachgerade ein Wunder, was aus diesem 08/15-Jugendlichen und -Dichter in kurzer Zeit geworden ist.

A propos: Auch wenn ich nur die ersten 6 Sätze oder so gelesen habe, ist es doch witzig zu sehen, dass auch der junge Richter einen Briefroman im Stile und mit dem Ende des Werther verbrochen hat. (Er hat ihn allerdings zu Recht dann auch selber verworfen.)
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Offline Sir Thomas

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Re:Juvenilia
« Reply #3 on: 15. November 2010, 16.35 Uhr »
Ja, die Frühvollendeten ...

... sind ein interessantes Thema, da tendenziell die späten Werke als reifer und hochwertiger eingestuft werden.

Neben Rilke und Hofmannsthal möchte ich Byron, Keats und Rimbaud ergänzen; auch Hölderlin und Novalis sollten nicht ungenannt bleiben (trotz der Ablehnung des Freiherrn von Hardenberg durch orzifar). Bei den Romanciers schätze ich das Frühwerk Hamsuns mehr als das späte. Schillers frühe Dramen sind ebenfalls die schlechtesten nicht.

Und dann wird es auch schon sehr sehr schwer, weitere Frühreife aufzustöbern ...

Es grüßt

Tom    

 
« Last Edit: 15. November 2010, 16.44 Uhr by Sir Thomas »

Offline orzifar

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Re:Juvenilia
« Reply #4 on: 15. November 2010, 17.12 Uhr »
Hallo!

Chatterton wäre noch zu nennen - und wahrscheinlich vergessen wir denn doch einige. Ist nicht auch Th. Mann hinzuzählen, die Buddenbrooks als das Werk eines 25jährigen! Frühvollendung ist in der Prosa (die da offenkundig einiger Lebenserfahrung bedarf) sehr viel seltener, wenn es sich nicht gerade um stark autobiographische Werke handelt. Auch hat sich im Zeitverlauf einiges geändert: Heute gilt ein 40jähriger noch als "junger" Autor.

Tja, der Freiherr. Durch den Heinrich von Ofterdingen habe ich mich zweimal gequält. Für mich einfach zuviel des romantischen Mystizismus', all diese Blumenteppiche, Himmelsspiegelungen, allenthalben Feen und Elfen, Wundersames und Poetisches. Alles quillt über vor Wehmut und stiller Ahndung - liefern die "Hymnen an die Nacht" den Schlüssel -mir?:

"Du [die dunkle Macht] scheinst nur furchtbar -
Köstlicher Balsam
Träuft aus deiner Hand
Aus dem Bündel Mohn
in süßer Trunkenheit
Entfaltest du die schweren Flügel des Gemüths
Und schenkst uns Freuden
Dunkel und unaussprechlich"

Hervorhebung durch meine Wenigkeit. Vielleicht ist eine drogentechnische Annäherung für mich das Adäquate. Wobei: Manchmal muss man wohl einfach zur Kenntnis nehmen, dass einem der Zugang verwehrt bleibt zu dem einen oder anderen Dichter.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Juvenilia
« Reply #5 on: 15. November 2010, 20.44 Uhr »
Hallo!

orzifar, ich glaube, Du tust dem guten Hardenberg Unrecht. Der brauchte keine Drogen, um so zu schreiben. Der war ein Naturtalent.  ;D

Im übrigen kann ich von Jean Paul nur noch sagen, dass selbst die Grönländischen Prozesse nicht an seine späteren Werke heranreichen. Jean Paul war nun mal kein Swift. Dazu fehlte dem Jungen aus der Provinz alle einschlägige Erfahrung und/oder Abgebrühtheit. Arno Schmidts Jugendwerke sind auch wenig brauchbar, so weit ich sie kenne. Es sind wohl eher die Ausnahmen (und Lyriker), die die Regel bestätigen.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re:Juvenilia
« Reply #6 on: 15. November 2010, 22.19 Uhr »
Hallo!

Ich wollte und will ihn doch nicht kritisieren - und die Drogen waren für mich gedacht ;), gönn mir doch auch was. Mir gelang es einfach nicht, mich mit dieser Form der Romantik anzufreunden, wie ich überhaupt diese Strömung nicht so sehr schätze. (Das mir liebste Werk der Romantik, das ich aber nur mit Zögern dazu zählen würde, sind die Nachtwachen Bonaventuras. In denen aber mindesten so viel Aufklärung steckt wie Romantik.)

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Juvenilia
« Reply #7 on: 16. November 2010, 08.07 Uhr »
(Das mir liebste Werk der Romantik, das ich aber nur mit Zögern dazu zählen würde, sind die Nachtwachen Bonaventuras. In denen aber mindesten so viel Aufklärung steckt wie Romantik.)

Insofern, als dass da sehr viel Jean Paul drin steckt: Ja.  ;)
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