Hallo
Noch ein kurzer Roman von Jean Paul. Er beschreibt hierin das (fiktive) Leben jenes Mannes, der die "Bienenrod'sche Fibel" erfunden hat, ein ABC-Buch, das zu Jean Pauls Kindheit in Schwang war. (Die Beschreibung der Fibel in diesem Roman stimmt genau überein mit der der Fibel, aus der Jean Paul selber lesen gelernt hat, gemäss seiner Selberlebensbeschreibung.) Fibel, so heisst der Mann, ist Sohn eines Voglers (Vogelfängers). Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Er und seine Mutter wollen, dass aus ihm etwas Besseres wird als ein Vogler, und so legt sich der junge Mann aufs Studieren. Das heisst, er leiht sich beim Pfarrer Bücher aus und will fremde Sprachen lernen. In Wirklichkeit lernt er kaum mehr als die fremden Schriftzeichen kopieren. Aber er nennt sich einen Studiosus und wird auch im Dorf als solcher anerkannt.
Sein Vater ist unterdessen zu Geld gekommen, da ihm für einen gefundenen Ring ein reicher Lohn bezahlt wird. Er versteckt das meiste davon in einem Wandschrank, bevor er stirbt. Erst an seinem 16. Geburtstag darf Fibel den Schrank öffnen. Das gefundene Geld wird zur Hochzeit mit der Jugendfreundin und zum Druck der unterdessen erfundenen Fibel verwendet. Der Landesfürst schreibt allen Schulen im Land die Benutzung des Büchleins vor, und Fibels Glück ist gemacht.
Hier kippt die Geschichte von der Idylle (einer der vielen bei Jean Paul) in die Satire. Fibels Freunde und Mitarbeiter nämlich fangen an, ihn zu umlauern. Sie meinen es nicht böse, es soll ja eine Biografie des guten Mannes geschrieben werden. Doch inhaltlich kippt nun zuerst einmal der Charakter Fibels - vom tumben Toren zum eingebildeten Flaps, der fremde Druckerzeugnisse mit seinem eigenen Autorennamen versieht und für sich reklamiert. Somit aber auch die ganze Geschichte, die nun zur Satire wird über das entstehende Biografen-Gewerbe, indem zu jener Zeit (Leben Fibels erschien 1812) mehrere Schiller- und Kant-Biografien den Büchermarkt überschwemmten. Zum Schluss haben wir eine 40-bändige Biografie vor uns (aus der der vierte Biograf, Jean Paul, tapfer exzerpiert hat, wie er selber zugibt).
Dann kippt das Ganze noch einmal, indem Jean Paul nun persönlich einen Mann besuchen geht, der von sich behauptet, der Autor der ABC-Fibel zu sein. Wie staunt er, als er den unterdessen 125-jährigen Fibel trifft! Noch einmal wird's idyllisch - der alte Mann an der Schwelle des Todes wird zu einem der Jean-Paul-typischen Vertreter der glücklich aufs Sterben und aufs Jenseits wartenden Figuren, die seit Hesperus zum Repertoire des Autors gehören.
Eine neckische Geschichte, interessant vor allem im Mittelteil, wie ich finde.
Grüsse
sandhofer