Author Topic: Karl-Markus Gauß: Ins unentdeckte Österreich  (Read 1923 times)

Offline orzifar

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Karl-Markus Gauß: Ins unentdeckte Österreich
« on: 07. November 2010, 15.21 Uhr »
Hallo!

Eine sich lohnende Lektüre, schon der literarischen Hinweise wegen, die sich im zweiten Teil des Buches finden; Hinweise, die in keiner Literaturgeschichte, keiner Anthologie aufzuspüren sind. Und dann natürlich viel über Österrreich, das Spezifisch-Österreichische bzw. das, was der eine oder andere als spezifisch empfindet oder auch Außenstehende, Nichtösterreicher als das Gemeinsame dieses Landes und seiner Bewohner auszumachen meinen. Ich persönlich als ein von dieser Einschätzung Betroffener weiß wenig oder gar nichts damit anzufangen, dem Kind wurde ein gewisses Maß an Patriotismus und verquerem Österreichertum verordnet, sodass dieses Land vor allem aus Toni Sailer, Karl Schranz und Jochen Rindt bestanden hat, für die man allenthalben die Daumen drücken sollte. Oder die zu bedauern waren, wenn sie im Rahmen ihrer Tätigkeit als Rennfahrer das Zeitliche segneten oder aber (wie Karl Schranz) vom olympischen Komittee von der Teilnahme an den Spielen ausgeschlossen wurden. Schranz wurde damals ein Empfang bereitet, von dem selbst der noch berühmtere Postkartenmaler nur geträumt hatte.

Österreich als Republik des Vergessens, Opfer eben jenes Künstlers, der von hier seinen Ausgang nahm. Das Vergessen war in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg institutionalisiert, es war Staatsdoktrin - und erst als ein Bundespräsident dieses sein Vergessen übertrieb und so gar keine Erinnerung an Wehrmacht, SA und SS zu haben vorgab, wurde - durch nicht unerheblichen Druck von außen - eine kleine Wende eingeleitet, die, dieses Außendrucks wegen, alsbald als jüdische Weltverschwörung erkannt und denunziert wurde.

In Österreich selbst aber fühlte man immer eigentümlich indifferent, etwas eigentlich Österreichisches war bestenfalls dieser Kaiser mit Backenbart oder Romy Schneider, die sich erotisch zu diesem Kaiser hingezogen fühlte, dazu der Radetzkymarsch und Lippizaner - alles auf Porzellan mit Goldrand. Was diese Vergangenheit betrifft hat Gauß mit seiner These der Geschichtslosigkeit Unrecht: Denn gerade an diesen kaiserlich-königlichen Pomp erinnert man sich gern, verklärend selbstverständlich, einen gütigen, allverstehenden Kaiser dort einsetzend, wo nur ein geistloser Bürokrat saß, der in dümmlicher Pflichterfüllung sein Reich verwaltete und es schließlich in den Krieg führte.

Natürlich wird nur das Ornamentale, Dekorative erinnert, eine vorgestellte Gemütlichkeit, die so nie existiert hat. Und natürlich ist diese Form von Gedächtnis falsch, aber nicht falscher als überall anderswo, nicht geschichtsloser als in irgendeinem beliebigen anderen europäischen Land. Aber dieses klebrige Goldrandösterreich mit jodelnden Trachtenpärchen ist eben getrennt durch die Erste Republik, durch eine Variante des österreichischen Faschismus, der in der konservativen, sich staatstragend gebenden Partei der ÖVP noch heute problemlos verklärt werden kann, er ist vor allem unterbrochen von einem allseits willkommen geheißenen deutschen Faschismus, dem es nicht bloß um die Unterdrückung des eigenen Volkes, sondern um eine Weltherrschaft ging, von der man in Nach-K.u.K-Zeiten hierorts nur mehr in Verbindung mit dem großen Nachbarn träumte.

Und so ist das Österreich der Zweiten Republik ein seltsames Gebilde, dass die einen verklären, die anderen verdammen - und diese Verklärung und Verdammung liegen in ihrer Undifferenziertheit so nahe beisammen, dass die Nähe von hauptberuflichen Österreichbeschimpfern und den Anbetern der österreichischen Gemütlichkeit eine unheimliche wird. Dies festzustellen ist eines der Verdienste dieses Buches; da man nicht weiß, wo Österreich liegt (außer in dem - leider schon zu lange zurückliegenden - k. u. k.-Kitsch), liegt es nirgendwo, es definiert sich nur über seine Affinität zu bestimmten Blöcken, zum großen deutschen Bruder, zur westlichen Hemisphäre. Verachtung und Verklärung sind gleichermaßen vorurteilsbehaftet, gleichermaßen unsinnig und verstellen beide die Sicht auf ein anderes, ebenso existentes Österreich, das Gauß durch jene unbekannten, weil keiner der gängigen Klischees anhängenden Dichter hier vorstellt.

Worin er Unrecht hatte (das Buch wurde in den 90igern geschrieben) und was er hätte schon damals erkennen können oder müssen: Dass selbstverständlich die österreichischen Beziehungen in die ehemaligen Kronländer, auf den Balkan würden gepflogen werden. Natürlich nicht der geistigen, kulturellen Interessen wegen, sondern ob des ökonomischen Vorteils, der sich da bot und der Grund genug ist und war, so nebenher mit allerlei kulturellen Feigenblättern hausieren zu gehen. Selbstverständlich interessiert sich kein Politiker für die Literatur Osteuropas, man nickt bei obligatorischen Preisverleihungen ein und absolviert seine kulturellen Opfergänge mit jenem Pflichtbewusstsein, dass einen auch einmal jährlich zum Zahnarzt führt. Und so hat Gauß indirekt dann doch wieder Recht: Mit historischer Rückbesinnung hat das alles nichts zu tun. Das nun aber ist nicht nur spezifisch österreichisch, sondern konstituierend für das Menschsein. Auch wenn mir mit dem homo austriacus als Repräsentant der Menschheit ein wenig unwohl wird. Aber dann doch nicht mehr als mit allen anderen.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re:Karl-Markus Gauß: Ins unentdeckte Österreich
« Reply #1 on: 07. November 2010, 15.51 Uhr »
Hallo orzifar

Scheint vergriffen zu sein. An und für sich interessiert mich das untergehende Kakanien ja mehr als die aktuelle Befindlichkeit Österreichs. Und Sätze wie dieser bei amazon: Heimito von Doderer firmiert als seelenvolle Inkarnation des Österreichischen überhaupt. Seine private Mischung aus katholischer Andacht und exquisiter erotischer Praxis hat Doderer ein Leben lang gepflegt. machen neugierig. Ich habe dann Österreich noch vor jener Wende kennen gelernt.

Mal schauen, geistig notiert habe ich's.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus