Author Topic: Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber  (Read 10525 times)

Offline orzifar

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #15 on: 25. Oktober 2010, 01.39 Uhr »
(„aber – Grenzen der conditio humana – auch kein heiliger Zeuge konnte verhindern, dass sich erfüllte, was – Indifferenz der Fakire, Phlegma des Engländers – das Schicksal gesponnen hatte.“).

Allein diese Kurzcharakteristika, diese Einschübe - feinsäuberlich mit Bindestrichen abgetrennt - sind herrlich, der Sprachduktus bleibt stets dergleiche, man meint Camacho in seinem Folianten nachschlagen zu sehen (und nicht selten kommt mythologisch Kurioses zum Vorschein).

Ich hab's schon vor über einer Woche ausgelesen.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Anna

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #16 on: 31. Oktober 2010, 12.59 Uhr »
Hallo!

Seit ein paar Tagen bin ich nun mit dem schönen Buch fertig. Auch der Schluss ist trickreich gemacht. Ebenso wie die Hörspielsoaps episodenhaft bleiben, gibt es für Mario und Tante Julia nur ein vorläufiges Happy End, und der einst berühmte Hörspielschreiber Pedro Camacho fristet nun sein armseliges Leben als Bote bei einer Boulevardzeitung. Mit dem Schreiben ist es vorbei, selbst für das drittklassige Schmierenblatt sind seine Geschichten zu kitschig. Allzu melancholisch stimmt einen das traurige Geschick des Kunstschreibers nicht, dafür sind das Wiedersehen Marios mit seinen ehemaligen Kollegen und deren Tratscherei über die abgetakelte Stripteasetänzerin, mit der Camacho verheiratet ist, einfach wieder zu schön beschrieben. Den letzten Auftritt im Roman hat Vargas Llosa seiner zweiten Frau überlassen, was auch geraten scheint, nachdem er ihre Vorgängerin so hinreißend verewigt hat. ;D

Ich habe den Roman mit großem Vergnügen gelesen. Er liefert mal wieder den Beweis dafür, dass die besten Geschichten eben nicht das Leben schreibt. Vargas Llosa erzählt mit viel Humor und noch mehr Erfindungsreichtum von der peruanischen Mentalität, von Liebe und von Lebenslust, karikiert auf sehr amüsante Weise die immer kommerzieller und platter werdende Unterhaltungskultur und vermengt geschickt die eigene Autobiographie mit dem fiktivem Romangeschehen. Vor allem erzählt er vom Schreiben, von der Liebe dazu und dass sie vergeblich bleibt, wenn die Gabe des Talents fehlt. Und er macht uns sehr unterhaltsam vor, wie ein begabter Autor noch aus den trivialsten Stoffen gute Literatur machen kann.

So, morgen werde ich mit Lars Gustafssons „Tod eines Bienenzüchters“ beginnen. Nach lateinamerikanischem Feuer skandinavische Schwerblütigkeit. Aber man kann schließlich nicht immer lachen.

Gruß
Anna
Bodo Kirchhoff - Verlangen und Melancholie
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Traudl Bünger, Ella Berthoud, Susan Elderkin - Die Romantherapie

Offline Anita

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #17 on: 31. Oktober 2010, 18.54 Uhr »
... die besten Geschichten eben nicht das Leben schreibt.

Eben, und ich mich nicht aufregen muss  :laugh:
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline mombour

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #18 on: 04. November 2010, 16.59 Uhr »
Llosa operiert da ähnlich wie etwa Doderer

Balzac!  ;)

und lässt Figuren allenthalben wieder auftauchen (den guten Lituma meine ich auch aus dem "Grünen Haus" zu kennen).

Ich kenne ihn aus La cuidad y los Perros.

Auch in den verschiedenen Hörspielen tauchen dieselben Personen mehrmals auf, bzw. werden erwähnt. Hierin bezieht sich Vargas Llosa eindeutig auf Balzac, den er auch einmal erwähnt. Vargas Llosa treibt es trotzdem auf die Spitze, weil er sogar Identitäten vermengt, sodass der Leser nicht wissen kann, wer ist dieser oder jener. Ich bin mir nicht sicher, warum Vargas Llosa das macht. Vielleicht ein großer Spaß, eine Referenz zu Balzac. Trotzdem fällt aber auf, auch Camacho muss wie Don Federico Téllez Unzátegui Ratten umbringen.

Ich süchtel z.Zt. nach den politischen Romanen....

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe