Author Topic: Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber  (Read 10524 times)

Offline mombour

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Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« on: 12. Oktober 2010, 19.19 Uhr »
Hallo,

ich habe doch erst heute begonnen, habe die ersten beiden Kapitel gelesen. Endlich mal ein Roman, in dem der Autor einfach nur schön erzählt: Sehr lebendig, spielerisch, gut gezeichnete Charaktere, und man muss nicht grübeln, um wen es eigentlich geht o.ä. wie es in manch modernen Romanen vorkommt, vor lauter poetischer Technik der Leser in den Wahnsinn getrieben wird. Kurz und gut: Dieser Vargas Llosa, wie er sich bisher hier präsentiert, wahrlich ein farbenfreudiger Geschichtenerzähler, ein Fabulierer, dem ich gerne zuhöre, bzw. lese. Das heißt, zuhören passt hier wirklich, geht es doch auch um Hörspiele.

Doch nun von vorne: Tante Julia, eine 32 Jährige Frau aus Bolivien, frisch geschieden, kommt nach Peru, um sich einen neuen Partner zu suchen. Ihr Neffe, der 18 Jahrige Jurastudent, verdient noch nebenbei Geld als Nachrichtenchefs einem Radiosenders. Das Merkwürdige: Der Text von Nachrichtensendungen wird aus diversen Zeitungsartikeln zurechtgeschustert, dass man sie als Nachrichten senden konnte. Offenbar ein kleiner unseriöser Sender. Mario möchte Schriftsteller werden, kann es aber offenbar noch nicht so gut, darum heuert er einen sehr erfolgreichen Hörspielautor aus Bolivien an, der für den Sender Hörspiele schreibt, übrigens ein kauziger Typ.

Mario und Tante Julia begegnen sich. Schon beim ersten Kinobesuch schäkern sie herum. Schmunzeln musste ich hier:

Quote from: Vargas Llosa
Das Schreckliche am Geschiedensein ist nicht, daß alle Männer glauben, sie müßten einem irgendwelche Anträge machen...sondern daß sie meinen, nur weil mal geschieden ist, brauche man keine Romantik mehr....
;D

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mombour
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Offline orzifar

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #1 on: 13. Oktober 2010, 01.07 Uhr »
Hallo,

ich bin mittlerweile bereits auf Seite 100 (5. Kapitel) - und ich unterhalte mich glänzend. Das Buch ist kein politischer, gesellschaftskritischer Roman, vielmehr eine geistreich konstruierte Geschichtensammlung mit trivialliterarischen Einschüben, Übertreibungen etc. Gerade jene Kapitel, die nicht die Geschichte Julias und des Ich-Erzählers betreffen (also jedes zweite Kapitel) sind "reißerisch", möglicherweise keine "hohe" Literatur. Aber das ist eine Art von Doppelspiel, dass Llosa hier betreibt (abgesehen davon, dass man diese Kapitel in einem Zug liest), indem die Schreibversuche des Ich-Erzählers denen von Pedro Camacho gegenübergestellt werden. (Und implizit auch die Frage gestellt wird, wo "Triviales" beginnt.) Manchmal wird der Plot dieser Erzählversuche der Hauptfigur geschildert - und auch sie sind von bewundernswerter Originalität bzw. Witz (wenn etwa der Darsteller des Jesus am Kreuze plötzlich bemerkt, dass die Requisite einigermaßen morsch ist, aber seine leisen Hinweise auf der Bühne der Ehrfurcht vor dem Tode des Messias wegen ignoriert werden, bis er fluchend und schimpfend mitsamt seiner Holzkonstruktion auf die Schnauze fällt).

Trotz dieses Ideenreichtums verzettelt sich Vargas Llosa nicht (wie etwa manchma S. Rushdie), all die Handlungsfäden sind für den Leser nur vorübergehend ein wenig undurchsichtig - und selbst wenn man die Namen einiger Figuren vergisst oder verwechselt (soll vorkommen ;)), löst sich gegen Ende alles ganz wunderbar.

lg

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Offline Anna

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #2 on: 13. Oktober 2010, 17.46 Uhr »
 Hallo!

Endlich mal ein Roman, in dem der Autor einfach nur schön erzählt [...] und man muss nicht grübeln, um wen es eigentlich geht o.ä. wie es in manch modernen Romanen vorkommt, vor lauter poetischer Technik der Leser in den Wahnsinn getrieben wird.

Man hört Dich geradezu aufatmen, mombour. ;D

Diese Geschichte ist wirklich nicht zum Grübeln, sondern einfach nur zum Genießen da. Ich bin jetzt beim vierten Kapitel und komme aus dem Lachen nicht heraus. Bis jetzt kannte ich von Vargas Llosa nur den grausamen, brutalen Roman „Der Krieg am Ende der Welt“ und bin überrascht, dass er auch ein glänzender humoristischer Erzähler ist, der nicht nur Figuren und Situationen sehr komisch schildern, sondern auch witzig formulieren kann. Auch hier bewundere ich wieder die Souveränität, mit der er sein großes Personal, die verschiedenen Erzählstränge und zahllosen kleinen Episoden handhabt.

Wo beginnt Triviales? Wenn orzifar nicht davon gesprochen hätte, hätte ich gar nicht bemerkt, dass das zweite Kapitel nicht zum eigentlichen Romangeschehen gehört, sondern eine der beliebten Hörspiel-Seifenopern Pedro Camachos ist. Vargas llosa macht das sehr geschickt. Er behält den Seifenopercharakter der Geschichten bei, indem er stereotype Figuren und klischeehafte Situationen verwendet(den graumelierten, gütigen Frauenarzt, das attraktive Geschwisterpaar, den rothaarigen, einfältigen Bräutigam, die obligatorische Ohnmacht beim Tanzen, die Entdeckung der Schwangerschaft und des Geschwisterinzests), aber er erzählt sie nicht platt und klischeehaft, sondern witzig, lebendig und sogar etwas nachdenklich. Vor allem wirken sie so menschlich. Man kann richtig nachfühlen, dass der unglückselige Arzt am Ende dieser fürchterlichen Hochzeit nichts anderes will, als nach Hause in sein Arbeitszimmer zu entfliehen, die Tür hinter sich zuzumachen und in Ruhe Mozart zu hören.

Wenn man unter trivial abgeschmackt versteht, ist wohl so ziemlich alles trivial. Wo gibt es schon Neues unter der Sonne? Aber ein guter Schriftssteller kann eben aus jedem noch so trivialen Mist etwas machen. Die "Strudlhofstiege" ist ein gutes Beispiel dafür. Eigentlich geht es um lauter Banalitäten, aber Doderers Fabuliertalent, seine genauen psychologischen Beobachtungen und sein Humor machen einen großen Roman daraus. Und Vargas Llosa schafft es, eine Seifenoper mit Niveau zu schreiben, von der man sich gerne unterhalten lässt. Mal sehen, wie es mit den Geschichten weitergeht. Ich fürchte, wir werden nicht erfahren, was aus dem inzestuösen Geschwisterpaar wird.

Gruß
Anna


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Offline orzifar

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #3 on: 13. Oktober 2010, 18.30 Uhr »

Wo beginnt Triviales? Wenn orzifar nicht davon gesprochen hätte, hätte ich gar nicht bemerkt, dass das zweite Kapitel nicht zum eigentlichen Romangeschehen gehört, sondern eine der beliebten Hörspiel-Seifenopern Pedro Camachos ist.

Genau, es ist kaum zu bemerken - und dies ist auch eines der Bücher, die ich trotz aller meist kindischen Einwände diesbezüglich nicht spoilern will. Denn natürlich gehört das Ganze doch irgendwie dazu. Ich warte ein wenig auf eure Kommentare, kann aber versprechen, dass der Genuss und die Unterhaltung bis zum Schluss anhalten. Also: Ich kommentiere besser nur Kommentare ;).

lg

orzifar

Im übrigen könnte es durchaus ein Anliegen Llosas gewesen sein zu zeigen, wie wundervoll Trivial-(Hörspiel-)literatur sein kann. Bei ihm ist sie's ;).
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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #4 on: 16. Oktober 2010, 11.56 Uhr »
Hallo,

inhaltlich trivales gibt es hier auf jedenfall.  Dieser von mir o.g. Unsinn, eine geschiedene Frau brauche keine Romantik mehr, hört sich an wie aus "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten", wenn man es vor hundert Jahren gedreht hätte. Eine andere Überlegung schwirrt mir allerdings auch im Kopf, wir wissen jetzt kaum von den Moral - oder ähnlichen Vorstellungen in Peru in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Auch die Tatsache, da fährt eine Frau nach Peru, um sich einen Mann zu suchen, ist ein bißchen, naja kindisch und erinnert mich an meine Schwester, die mal in ihrer Jugendzeit gesagt hat, sie wolle einmal um Göttingen herumgehen, um sich einen Mann suchen ;D.

Mir hat das Kapitel mit dem Wachtmeister Lituma sehr gefallen. Das Verhalten des und der Polizisten ist äußerst trivial und mit Dummheit geschlagen. Ein schwer verletzter nackter Schwarzer, der nur Laute von sich bringen kann, wird gefunden. Ich vermute, was allerdings bewusst nicht erzählt wird, der Mann ist Opfer eines Verbrechens geworden.  Diese Möglichkeit wird bewusst nicht angesprochen, so interpretiere ich das, weil Vargas Llosa zeigen will, wie im untersten Niveau eines unsäglichen Klatschblattes infolge unerhörter Vermutungen und Spekulationen ein Mensch zum Tode gerichtet werden soll. Es gibt sogar kein Gerichtsurteil, keine Justiz. Das ist doch Selbstjustiz. Theoretisch denkbar, dass Vargas Llosa auf irgendwelche Ereignisse in Peru anspielt, in dieser Geschichte aber herrlich übertreibt.

Ich bin erst auf Seite 95, habe aber die Möglichkeit, in den nächsten Tagen mit mehr Schwung zu lesen. Noch wird ja nicht erwähnt, dass es sich um Hörspiele handelt.

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #5 on: 17. Oktober 2010, 11.02 Uhr »

Mir hat das Kapitel mit dem Wachtmeister Lituma sehr gefallen.

Kurze Zwischenfrage. Handelt es sich bei dem Wachtmeister Lituma und dem selben, der auch bei "Tod in den Anden" eine Rolle spielt oder ist das nur eine zufällige Namensgleichheit?

Offline mombour

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #6 on: 17. Oktober 2010, 12.48 Uhr »

Kurze Zwischenfrage. Handelt es sich bei dem Wachtmeister Lituma und dem selben, der auch bei "Tod in den Anden" eine Rolle spielt oder ist das nur eine zufällige Namensgleichheit?

Ich kann keinen Bezug zu "Tod in den Anden" ausmachen. In dem Roman ist Lituma ein Korporal, der in einem Dorf in den Anden einen undankbaren Dienst schiebt.
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Offline orzifar

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #7 on: 17. Oktober 2010, 14.32 Uhr »
Kurze Zwischenfrage. Handelt es sich bei dem Wachtmeister Lituma und dem selben, der auch bei "Tod in den Anden" eine Rolle spielt oder ist das nur eine zufällige Namensgleichheit?

Naja, zufällig natürlich nicht. Llosa operiert da ähnlich wie etwa Doderer und lässt Figuren allenthalben wieder auftauchen (den guten Lituma meine ich auch aus dem "Grünen Haus" zu kennen). Und es gibt selbstredend Ähnlichkeiten, wahrscheinlich könnte man sich über die Litumas gelehrt und ausführlich verbreiten.

lg

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Offline sandhofer

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #8 on: 17. Oktober 2010, 15.13 Uhr »
Llosa operiert da ähnlich wie etwa Doderer

Balzac!  ;)

und lässt Figuren allenthalben wieder auftauchen (den guten Lituma meine ich auch aus dem "Grünen Haus" zu kennen).

Ich kenne ihn aus La cuidad y los Perros.

Und es gibt selbstredend Ähnlichkeiten, wahrscheinlich könnte man sich über die Litumas gelehrt und ausführlich verbreiten.

Google zitiert einen solchen gelehrten Artikel, der meint, Lituma komme in Vargas Llosas Werk sieben Mal vor. Leider sieht Google mehr vom Artikel als ich, der ich dafür zahlen müsste, um mehr als die erste Seite lesen zu dürfen ...  :(
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Offline wolves

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #9 on: 18. Oktober 2010, 09.51 Uhr »
Interessant! Danke für eure Antworten. Also doch kein Zufall.

Llosa operiert da ähnlich wie etwa Doderer

Balzac!  ;)
Ich sollte doch auch mal zu Doderer bzw. Balzac greifen. Seufz, es gibt noch so vieles, was ich gerne lesen möchte...


Ich kenne ihn aus La cuidad y los Perros.
Ist das "Die Stadt und die Hunde"? Jedenfalls behauptet das meine Googel Suche, aber die ist auch nicht immer die Beste.

Offline sandhofer

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #10 on: 18. Oktober 2010, 10.59 Uhr »

Ich kenne ihn aus La cuidad y los Perros.
Ist das "Die Stadt und die Hunde"? Jedenfalls behauptet das meine Googel Suche, aber die ist auch nicht immer die Beste.

Das ist jedenfalls die wörtliche Übersetzung von "La Cuidad y los Perros". Ob nun die Übersetzer bwz. Lektoren bzw. Verlage denselben Titel demselben Werk oder einem andern gegeben haben, entzieht sich meiner Kenntnis, da ich nur die spanische Version hier habe. Aber ich denke doch schon.
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Offline Anna

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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #11 on: 18. Oktober 2010, 15.55 Uhr »
Hallo!

wir wissen jetzt kaum von den Moral - oder ähnlichen Vorstellungen in Peru in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Auch die Tatsache, da fährt eine Frau nach Peru, um sich einen Mann zu suchen, ist ein bißchen, naja kindisch und erinnert mich an meine Schwester, die mal in ihrer Jugendzeit gesagt hat, sie wolle einmal um Göttingen herumgehen, um sich einen Mann suchen ;D.

In den fünfziger Jahren wird die Moral in Peru nicht anders gewesen sein als in Deutschland, eher noch strenger. Die Bestimmung der Frau war die Ehe und eine Scheidung galt noch als gesellschaftlicher Makel. Außerdem waren Frauen der Mittelschicht in der Regel nicht erwerbstätig. Eine geschiedene Frau musste also sehen, dass sie sich wieder verheiratete, um nicht ins gesellschaftliche und finanzielle Abseits zu geraten. Übrigens hat die Geschichte zum Teil autobiographische Hintergründe. Vargas Llosa hat mit neunzehn Jahren tatsächlich seine zehn Jahr ältere Tante Julia geheiratet (wie im Roman war sie natürlich eine angeheiratete Tante).

Genau, es ist kaum zu bemerken - und dies ist auch eines der Bücher, die ich trotz aller meist kindischen Einwände diesbezüglich nicht spoilern will. Denn natürlich gehört das Ganze doch irgendwie dazu.

Der Unterschied zwischen Rahmenhandlung und Hörspielfragmenten ist kaum zu bemerken, weil beide, unabhängig vom Inhalt, auf die gleiche Weise erzählt werden, nämlich lebendig, intelligent und humorvoll. Der fiktive Hörspieldichter Pedro Camacho wäre gar nicht fähig, so zu erzählen. Er hat keinen Funken Humor und steckt außerdem voller Hass bzw. Ressentiments gegen die ganze Welt, gegen all die Schelme, Krämerseelen und Argentinier. Seine sensationellen, melodramatischen Stories sind bierernst gemeint, auch wenn sie teilweise unfreiwillig komisch wirken. Man könnte sagen, der Plot der Hörspielgeschichten stammt von Camacho, die Ausführung von Vargas Llosa. ;D

Im übrigen könnte es durchaus ein Anliegen Llosas gewesen sein zu zeigen, wie wundervoll Trivial-(Hörspiel-)literatur sein kann. Bei ihm ist sie's ;).

Könnte es nicht auch ein Anliegen von ihm gewesen sein, seiner anspruchsvollen (oder sich zumindest dafür haltenden) Leserschaft zu zeigen, dass sie an reißerischen Geschichten, Klatsch und Tratsch genauso ihren Spaß hat wie Lieschen Müller? Wie in den Soap Operas lässt er jede der Hörspielepisoden mit einem Cliffhanger enden, und man ertappt sich dabei, dass man doch gern wüsste, wie die verschiedenen Tragödien ausgehen. Außerdem ist es verblüffend, wie lebendig Figuren und Ereignisse einem erscheinen, obwohl man dauernd daran erinnert wird, dass sie fiktiv sind.
Klatsch und Tratsch nimmt auch in der Rahmenhandlung einen breiten Raum ein. Der Radioassistent Pascual mit seiner Vorliebe für blutige Katastrophen aus aller Welt, Tante Julia, die ihrer Familie in allen Einzelheiten die Geschichte ihres impotenten Galans erzählt, „voller Glück“ über dessen Tragödie, Tante Olga, die Julia zwar ermahnt, nicht so bösartig zu sein, dabei aber selber vor Lachen zittert oder der Polizist aus dem zweiten Hörspiel, dessen langweilige Nachtschicht durch einen Mann versüßt wird, der in sein eigenes Haus einbricht, weil seine Frau nur durch solche Rollenspiele in Stimmung kommt, all diese Episoden zeigen sehr schön, dass seit jeher das Missgeschick des einen das Vergnügen des anderen ist.

Dieselbe Geschichte könnte man unter einem anderen Blickwinkel erzählen, als düstere und bissige Gesellschaftssatire. Vargas Llosas Blickwinkel ist in diesem Fall ein liebevoller und humoristischer. Er kann auch anders.
Wo fängt Triviales an? Ein heiterer Roman wirkt immer ein wenig idyllisch. Und Vargas Llosa schildert eine Welt, die es so nicht gibt, einen Kosmos voller liebenswerter, eigenwilliger, harmonisch miteinander lebenden Individuen. Viele Romane beschreiben solche schrägen Idyllen, die meisten gehen mir schnell auf die Nerven. Aber Vargas Llosas hat die Sache im Griff. Die Kunstfertigkeit seines Erzählstils - der genaue Blick, der Einfallsreichtum, der Humor und der leise Spott, mit denen er seine Figuren beschreibt, - machen aus dem an sich trivialen Erzählgegenstand einen hochamüsanten, intelligenten und nicht im mindesten trivialen Unterhaltungsroman.

weil Vargas Llosa zeigen will, wie im untersten Niveau eines unsäglichen Klatschblattes infolge unerhörter Vermutungen und Spekulationen ein Mensch zum Tode gerichtet werden soll. Es gibt sogar kein Gerichtsurteil, keine Justiz. Das ist doch Selbstjustiz. Theoretisch denkbar, dass Vargas Llosa auf irgendwelche Ereignisse in Peru anspielt, in dieser Geschichte aber herrlich übertreibt.

So weit ich verstanden habe, geht es in nicht um Selbstjustiz. Man will sich des lästigen Schwarzen nur auf schnelle, bequeme Art entledigen. Mir ist auch der Gedanke gekommen, ob Vargas Llosa damit vielleicht auf die Todesschwadronen anspielt, die in den siebziger und achtziger Jahre in Lateinamerika ihr Unwesen trieben.

Gruß
Anna


« Last Edit: 19. Oktober 2010, 10.08 Uhr by Anna »
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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #12 on: 18. Oktober 2010, 22.35 Uhr »
Ich kann Annas Beitrag in allem und jedem nur unterstreichen (etwa auch in Bezug auf die Theorie, dass mit der Ermordung des Schwarzen keine bloß individuellen Verfehlungen angedeutet werden sollten). Später wird die Militärdiktatur unter Manuel Odría direkt angesprochen, auch die Gefahr einer Kritik an der Regierung (im Zusammenhang mit den "neuen" Interviews, die die Hauptfigur für den Nachrichtensender macht).

Das Buch ist unterhaltend - aber nicht nur. Auch in diesen wahnwitzigen Episoden der für mich faszinierenden Figur des Pedro Camacho geschieht nichts zufällig, selbst die Verwechslungen sind es nicht. Das Schöne ist, dass neben der auch hier immer wieder durchscheinenden Gesellschaftskritik dies ein Buch ist, das ungeheuer spannend und mitreißend ist. Aber eben auch ein Künstlerroman, ein Roman darüber, was denn einen Schriftsteller ausmacht. Pedro Camacho ist gewissermaßen eine Karikatur seiner selbst, eine Karikatur des Trivialschriftstellers wie auch des großen Künstlers. Ein missing link, das nicht zufällig vom Protagonisten mit Proust und Faulkner verglichen wird, augenzwinkernd zwar, aber durchaus zum Nachdenken anregend. Unter daneben immer urkomisch, wenn sich etwa Camacho mit den beiden argentinischen Fleischern anlegt, vollkommen zerbläut wird und dann feststellt, dass die beiden ungeheures Glück gehabt hätten. Eine Sekunde später wären sie von seinen Anhängern zerrissen worden.

lg

orzifar
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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #13 on: 23. Oktober 2010, 13.24 Uhr »

In den fünfziger Jahren wird die Moral in Peru nicht anders gewesen sein als in Deutschland, eher noch strenger. Die Bestimmung der Frau war die Ehe und eine Scheidung galt noch als gesellschaftlicher Makel.
.

Ja, in manchen Szenerien geht es ganz allgemein über die strenge Sexualmoral, wie man sie auch in Ostanatolien oder in anderen Gegenden heute noch findet. Da braucht man eine Frau nur anschauen usw. und muss sie dann gleich heiraten. Gerade habe ich eine Erzählung des kenianischen Schriftstellers Ngũgĩ wa Thiong’o  gelesen, in der einer Frau ein unerhörter Makel angelastet wird, weil sie keine Kinder bekommt. Vargas Llosa kritisiert diese strenge Moral in dem er den Zeugen Jehovas auftreten lässt, der ein junges Mädchen vergewaltigt hat und setzt noch einen drauf: Die Zieheltern dieses Mädchens sind vergreist, die verlangen, der Vergewaltiger müsse die Kleine heiraten, weil er ihre Jungfräulichkeit genommen hat. Natürlich ist diese Situation auch komisch, weil sie außerordentlich grotesk ist, aber, und das ist der Punkt, sie birgt Gesellschaftskritik. Die Hörspiele sind ziemlich, der Leser wird nicht verschont. Gerade zu ein Horror, warum Don Federico Téllez Unzátegui zum perversen Nagetiermörder geworden ist. Mir gefallen diese Hörspiele sehr gut, weil sie zum Nachdenken bewegen. Humorig ist es hier nicht mehr.

 Oder diese seltsame Seelenärztin, die geradezu verrückt erscheint, aber es doch vielleicht nicht ist. Denn ihr Ansatz ist gut:

Quote
Aber ich sage Ihnen im voraus, ich werde ihr Problem nicht abnehmen. Ich werden Ihnen zeigen, es zu lieben...

Das ist schon buddhistisch und bedeutet eigentlich nur, die Probleme werden angefasst und nicht verdrängt. Der Apotheker muss sich mit ihnen auseinandersetzen. Sein schräges Verhalten Kindern gegenüber zeigt dann doch nur, dass er sich mit dem sog. Bösem in ihm selbst auseinandersetzt bis er beinahe zum Verbrecher wird, die verbrecherische Tat aber nicht ausführt, weil er geläutert ist.

Im Kapitel IX kommen erstmals Hinweise, das Camacho der Autor der Geschichten ist, bringt doch auch er Ratten um.

Liebe Grüße
mombour
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Re:Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber
« Reply #14 on: 25. Oktober 2010, 01.26 Uhr »
Hallo!

Kritik an den Zuständen in Lateinamerika klingt immer wieder an, wenn sie auch witzig und geistreich verpackt ist: an der alles lähmenden Bürokratie, an der Korruption, an der Macht der Guardia Civil, am desolaten Gesundheitssystem und vor allem am Unterschied zwischen den reichen und den armen Stadtvierteln bzw. zwischen der relativ komfortabel lebenden städtischen Bevölkerung und den primitiven Lebensbedingungen der Landbewohner. In den Hörspielgeschichten dreht sich alles mehr oder weniger um Sex und Crime, also um die menschliche Moral. Nahezu bösartig ist das „Kindermörder“-Kapitel mit seiner von der Ärztin zur Schau gestellten Amoralität des überlegenden Geistes. Wunderbar auch die Geschichte von dem unbeirrt realistisch und pragmatisch denkenden katholischen Priester, der sehr zum Ärger seiner Vorgesetzten nicht nur ein leidenschaftlicher Verfechter der „Selbstberührung“ ist, in der er das einzige Mittel zur Rettung des Zölibats sieht, sondern auch Verhütungsmittel verteilt, Abtreibungen organisiert und die jungen Frauen seines Viertels auf ihren Beruf als Prostituierte vorbereiten lässt. Aber mir scheint doch, dass unser unbegabter Schreiber Camacho weniger die Scheinmoral der Gesellschaft entlarven als zeigen will, dass ihm nichts Menschliches fremd ist. Gleich in der ersten Geschichte heißt es von dem Arzt, er habe sich in der Jugend die Norm gesetzt, dass es besser sei, die Menschen zu verstehen als sie zu verurteilen. An diese Norm halten sich auch die Geschichten trotz ihres trivialen Inhalts und der gelegentlich durchscheinenden Arroganz des Schreibers. Das wird besonders in der von mombour erwähnten Vergewaltigungsgeschichte deutlich. Mag sein, dass Vargas Llosa auch die in den Südländern immer noch verbreitete Doppelmoral kritisieren wollte, die Vergewaltigung in Bezug auf den Mann als ein Kavaliersdelikt ansieht (die Eltern sprechen von einem „Ausrutscher“ des ansonsten braven jungen Mannes), in Bezug auf das Opfer als eine Schande, die um der Familienehre willen unter den Tisch gekehrt werden muss. Aber den Eltern geht es hier nicht um die Ehre. Sie sind arm und alt und haben Angst, ihre minderjährige Tochter mittellos zurückzulassen. Durch die Heirat mit ihrem Vergewaltiger wäre sie versorgt und müsste kein Leben in Armut und womöglich Prostitution führen. Den Luxus der Moral (und der Liebesheirat) muss man sich leisten können. Gerade in den Hörspielgeschichten zeigt sich das Fähigkeit Vargas Llosas, die verschiedenen menschlichen Verhaltensweisen, auch die egoistischen und gemeinen, die verrückten und brutalen, so darzustellen, dass der Leser Verständnis für sie hat.

Wie orzifar sagt, ist die „Tante“ auch ein Roman über das Künstlertum und über das Schreiben selbst. Mit seiner manischen Hingabe an das Werk, seiner Produktivität, seinem Einfallsreichtum und seinem Desinteresse an materieller Absicherung erscheint Pedro Camacho geradezu als Inbegriff des Künstlers und ist doch eine tragikomische Figur, weil er so gänzlich talentfrei ist und mit seiner ungeheuren Schaffenskraft nur Eintagsfliegen hervorzubringen vermag. Mario hingegen ist überzeugt, künstlerisches Talent zu besitzen,  muss aber feststellen, dass die trivialen Hörspielgeschichten von Camacho bei seinen Freunden besser ankommen als seine eigenen Schreibversuche. Der Roman stellt implizit die Frage (und ist zugleich auch die Antwort auf sie), wie ein Schriftsteller das Bedürfnis des Publikums nach Unterhaltung erfüllen und gleichzeitig den eigenen künstlerischen Anspruch Rechnung tragen kann, wie es möglich ist, dem Leser interessante und aufregende Geschichten zu bieten, ohne dabei in Trivialitäten abzugleiten.

Die Hörspielgeschichten sind raffiniert angelegt. Während die ersten beiden Episoden zwar unterhaltsam, aber harmlos daherkommen, sind alle weiteren Geschichten skurril, reißerisch und brutal. Auch die Figuren stehen ihrem Schöpfer Camacho an Besessenheit und Überspanntheit in nichts nach. Nur die humorvolle und intelligente Erzählweise ist purer Vargas Llosas. Ab der vierten Geschichte jedoch geraten nicht nur langsam die Personen und Episoden durcheinander, auch die Sprache wandelt sich. Vargas Llosa tritt sozusagen hinter seinem fiktiven Autor Camacho zurück, der sich nun ständig mit seinen in Parenthesen gesetzten Kommentarenn und bildhaften Vergleichen in seine Geschichten einschaltet („aber – Grenzen der conditio humana – auch kein heiliger Zeuge konnte verhindern, dass sich erfüllte, was – Indifferenz der Fakire, Phlegma des Engländers – das Schicksal gesponnen hatte.“). Alles läuft auf einen Zusammenbruch Camachos hinaus.

Ich bin bei der letzten Hörspielgeschichte und werde, so es meine knappe Zeit erlaubt, das Buch wohl morgen beenden.

Gruß
Anna
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