Hallo!
wir wissen jetzt kaum von den Moral - oder ähnlichen Vorstellungen in Peru in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Auch die Tatsache, da fährt eine Frau nach Peru, um sich einen Mann zu suchen, ist ein bißchen, naja kindisch und erinnert mich an meine Schwester, die mal in ihrer Jugendzeit gesagt hat, sie wolle einmal um Göttingen herumgehen, um sich einen Mann suchen
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In den fünfziger Jahren wird die Moral in Peru nicht anders gewesen sein als in Deutschland, eher noch strenger. Die Bestimmung der Frau war die Ehe und eine Scheidung galt noch als gesellschaftlicher Makel. Außerdem waren Frauen der Mittelschicht in der Regel nicht erwerbstätig. Eine geschiedene Frau musste also sehen, dass sie sich wieder verheiratete, um nicht ins gesellschaftliche und finanzielle Abseits zu geraten. Übrigens hat die Geschichte zum Teil autobiographische Hintergründe. Vargas Llosa hat mit neunzehn Jahren tatsächlich seine zehn Jahr ältere Tante Julia geheiratet (wie im Roman war sie natürlich eine angeheiratete Tante).
Genau, es ist kaum zu bemerken - und dies ist auch eines der Bücher, die ich trotz aller meist kindischen Einwände diesbezüglich nicht spoilern will. Denn natürlich gehört das Ganze doch irgendwie dazu.
Der Unterschied zwischen Rahmenhandlung und Hörspielfragmenten ist kaum zu bemerken, weil beide, unabhängig vom Inhalt, auf die gleiche Weise erzählt werden, nämlich lebendig, intelligent und humorvoll. Der fiktive Hörspieldichter Pedro Camacho wäre gar nicht fähig, so zu erzählen. Er hat keinen Funken Humor und steckt außerdem voller Hass bzw. Ressentiments gegen die ganze Welt, gegen all die Schelme, Krämerseelen und Argentinier. Seine sensationellen, melodramatischen Stories sind bierernst gemeint, auch wenn sie teilweise unfreiwillig komisch wirken. Man könnte sagen, der Plot der Hörspielgeschichten stammt von Camacho, die Ausführung von Vargas Llosa.

Im übrigen könnte es durchaus ein Anliegen Llosas gewesen sein zu zeigen, wie wundervoll Trivial-(Hörspiel-)literatur sein kann. Bei ihm ist sie's
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Könnte es nicht auch ein Anliegen von ihm gewesen sein, seiner anspruchsvollen (oder sich zumindest dafür haltenden) Leserschaft zu zeigen, dass sie an reißerischen Geschichten, Klatsch und Tratsch genauso ihren Spaß hat wie Lieschen Müller? Wie in den Soap Operas lässt er jede der Hörspielepisoden mit einem Cliffhanger enden, und man ertappt sich dabei, dass man doch gern wüsste, wie die verschiedenen Tragödien ausgehen. Außerdem ist es verblüffend, wie lebendig Figuren und Ereignisse einem erscheinen, obwohl man dauernd daran erinnert wird, dass sie fiktiv sind.
Klatsch und Tratsch nimmt auch in der Rahmenhandlung einen breiten Raum ein. Der Radioassistent Pascual mit seiner Vorliebe für blutige Katastrophen aus aller Welt, Tante Julia, die ihrer Familie in allen Einzelheiten die Geschichte ihres impotenten Galans erzählt, „voller Glück“ über dessen Tragödie, Tante Olga, die Julia zwar ermahnt, nicht so bösartig zu sein, dabei aber selber vor Lachen zittert oder der Polizist aus dem zweiten Hörspiel, dessen langweilige Nachtschicht durch einen Mann versüßt wird, der in sein eigenes Haus einbricht, weil seine Frau nur durch solche Rollenspiele in Stimmung kommt, all diese Episoden zeigen sehr schön, dass seit jeher das Missgeschick des einen das Vergnügen des anderen ist.
Dieselbe Geschichte könnte man unter einem anderen Blickwinkel erzählen, als düstere und bissige Gesellschaftssatire. Vargas Llosas Blickwinkel ist in diesem Fall ein liebevoller und humoristischer. Er kann auch anders.
Wo fängt Triviales an? Ein heiterer Roman wirkt immer ein wenig idyllisch. Und Vargas Llosa schildert eine Welt, die es so nicht gibt, einen Kosmos voller liebenswerter, eigenwilliger, harmonisch miteinander lebenden Individuen. Viele Romane beschreiben solche schrägen Idyllen, die meisten gehen mir schnell auf die Nerven. Aber Vargas Llosas hat die Sache im Griff. Die Kunstfertigkeit seines Erzählstils - der genaue Blick, der Einfallsreichtum, der Humor und der leise Spott, mit denen er seine Figuren beschreibt, - machen aus dem an sich trivialen Erzählgegenstand einen hochamüsanten, intelligenten und nicht im mindesten trivialen Unterhaltungsroman.
weil Vargas Llosa zeigen will, wie im untersten Niveau eines unsäglichen Klatschblattes infolge unerhörter Vermutungen und Spekulationen ein Mensch zum Tode gerichtet werden soll. Es gibt sogar kein Gerichtsurteil, keine Justiz. Das ist doch Selbstjustiz. Theoretisch denkbar, dass Vargas Llosa auf irgendwelche Ereignisse in Peru anspielt, in dieser Geschichte aber herrlich übertreibt.
So weit ich verstanden habe, geht es in nicht um Selbstjustiz. Man will sich des lästigen Schwarzen nur auf schnelle, bequeme Art entledigen. Mir ist auch der Gedanke gekommen, ob Vargas Llosa damit vielleicht auf die Todesschwadronen anspielt, die in den siebziger und achtziger Jahre in Lateinamerika ihr Unwesen trieben.
Gruß
Anna